Babyklappe/Anonyme Geburt
 
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Argumente und Hintergrundwissen    Findelkinder für den Adoptionsmarkt

 

Babyklappen und Anonyme Geburt

 

 

Die Wiederentdeckung der Schande

Dr. Christine Swientek – Lambertus Verlag 

 

Kurz nach der Reform des Kindschaftsrechts, das nach Jahrhunderten der Diskriminierung zu einer Gleichstellung von ehelichen und nichtehelichen Kindern sowie verheirateten und unverheirateten Müttern führen sollte, wird das Rad der Geschichte um 150 Jahre zurückgedreht. Politiker und Kirchenleute führen wieder die „Schande“ ein. Sie akzeptieren, dass eine Mutter in einem der reichsten Länder der Welt in „höchste Not“ gerät und bieten als Lösung nicht Befähigung und Hilfe zur Selbsthilfe an, sondern Babyklappen und anonyme Geburt!

 

Kein Kind, kein Name, keine Spur – keine Schande. Es ist die Wiedereinführung des „Ehrenret­tungsmotivs“ des Biedermeier, das Frauen eine Scheinlösung für kurze Zeit anbietet, die Kinder zu Findelkindern macht und die Initiatoren in Rettungsphantasien schwelgen lässt, während sie die Zahl der legalen (!) Findelkinder um das Vielfache erhöhen.

 

 

Buchbesprechung von Rolf P. Bach – Leiter der Hamburger zentralen Adoptionsstelle

Autor des Buches – „Gekaufte Kinder – Babyhandel mit der dritten Welt“

 

Eine der renommiertesten Adoptionsexpertinnen der Republik, Christine Swientek, hat ein bemerkenswertes Buch zum Themenkomplex „Babyklappen und anonyme Geburt“, der seit zwei Jahren Teile der öffentlichen und veröffentlichten Meinung umtreibt, geschrieben. Sie hat es offenbar mit Wut im Bauch getan, was jeder, der mit Adoptionsfragen zu tun hat, der ausgesetzte und adoptierte Kinder kennt, der verzweifelte Mütter und hilflose Adoptiveltern berät, nur allzu gut nachvollziehen kann. Das heißt aber keineswegs, dass die Autorin ein schäumendes Pamphlet vorgelegt hätte. Vielmehr sind auf annähernd 260 Seiten alle sozial- und jugendpolitischen, sozialpädagogischen und psychologischen, die rechtlichen wie die sozialgeschichtlichen Aspekte detailliert und auf hohem argumentativen Niveau abgehandelt. Dass dabei die Protagonisten der Babyverklappung und Dunkelkammergeburten nicht allzu gut wegkommen, ist angesichts der Dreistigkeit und/oder intellektuellen Unbedarftheit, mit der sie ihre Rettungsfantasien propagieren, nicht eigentlich verwunderlich. Dennoch erhalten sie umfangreichen Raum zur Selbstdarstellung, was die Demaskierung des behaupteten humanitären Ansinnens allerdings auch erheblich erleichtert.

 

Mir, als gelerntem Juristen, kommt lediglich ein verfassungspolitischer Aspekt zu kurz, der populistischen Aktionen dieser Art eigen, jedoch für das Gemeinwesen höchst gefährlich ist: der des demokratischen und sozialen Rechtsstaates. Wenn Leitungsgremien von Religionsgemeinschaften, subventionshungrige freie Träger, publicitysüchtige Schickimicki-Werbeagenturen, abgehalfterte Schlagerstars und senile Komödianten in trauter Eintracht mit den Medien, die wissen, dass sich mit dem gewissen human touch noch jedes ihrer Produkte besser verkaufen lässt, und populistischen Politikern, für die Ähnliches gilt, die Leitlinien der Sozialpolitik bestimmen können und sich dabei herausnehmen, bestehende Gesetze nach Gutdünken zu ignorieren, ist es um die demokratische Meinungsbildung und rechtsstaatliche Kultur schlecht bestellt.

 

Und wenn einem sich als modern verstehenden und finanziell hervorragend ausgestatteten Sozialstaat zur Lösung des Problems einiger weniger ausgesetzter Kinder nichts anderes einfällt als die wahrlich finstere, mittelalterliche Methode der Drehlade und geheimen Entbindung, dann ist dies ein geistig-politisches Armutszeugnis, allenfalls tauglich, die Globalisierung auf unterstem sozialpolitischen Niveau zu dokumentieren. Sozialpolitik à la Mutter Theresa oder eben Inge Meysel. Kalkutta oder Hannover, Bukarest oder Berlin, Curitiba oder Amberg: Wo ist da schon der Unterschied?

 

Das Buch von Christine Swientek gehört zur Pflichtlektüre jedes – auch künftigen – Sozialpädagogen, denn über den konkreten Anlass hinaus weist es auf die grassierende Geschichts- und Gedankenlosigkeit aktueller Sozialpolitik hin, die als Menetekel auch für andere Bereiche dringend zur Kenntnis genommen werden sollte.