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Wie es begann
Im Februar 2002 nahm mein Sohn Thorsten, den ich 1973 zur Adoption freigegeben hatte, mit mir Kontakt auf.
Ich hatte mich nach der Freigabe nicht mehr mit dem Thema Adoption beschäftigt, da alleine das Wort schon ausreichte, um das mühsam Verdrängte zurückzubringen und das Grauen wieder zu erleben. Ließ ich es doch einmal geschehen, waren monatelange Depressionen und Selbstmordphantasien die Folge. Nach der Adoption lebte ich in der Welt der Zombies. Innen war ich tot, nach außen funktionierte mein Körper wie eine Maschine. Mit den Jahren änderte sich dieser Zustand. Jetzt führte ich zwei Leben nebeneinander. Es war, als ob ich in zwei Häusern wohnte. In einem gab es das Lachen, die Liebe, das Feiern, Familie und Freunde, Höhen und Tiefen des Alltags. Im anderen war die Trauer, die Verzweiflung, die Verunsicherung, der nie aufhörende Schmerz.
Nachdem Thorsten sich gemeldet hatte, fing für mich eine Zeit der Aufarbeitung meiner traumatischen Erlebnisse an, die sich vor fast 30 Jahren ereignet hatten. Eineinhalb Jahre lang machte ich eine Psychotherapie, um die Geschehnisse von damals erstmals zu benennen und, um zu verstehen, was sie in meinem Leben bewirkt hatten.
Ich schilderte meinem Sohn nach und nach meine damaligen Lebensumstände und die Gründe, die mich zur Adoptionsfreigabe veranlasst hatten. Thorsten blieb bei meinen Begründungen jedoch hartnäckig skeptisch und ließ sich von keinem Argument, dass es doch auch für ihn das Beste gewesen sei, wirklich überzeugen. Im Laufe der vergangenen drei Jahre erfuhr ich von ihm bruchstückhaft, dass er unter dem Umstand, ein Adoptivkind gewesen zu sein, sehr gelitten hatte.
Damit brach für mich meine bisherige „Adoptionswelt“ zusammen.
Ich begann nach Adoptionsliteratur zu suchen und fand zunächst jede Menge Adoptionsratgeber oder sonstige Veröffentlichungen, die Adoptionen aus Sicht von Adoptiveltern schildern. Nach und nach wurde ich aber auch fündig bei Berichten von und über Adoptierte, stieß auf Internetseiten und dann auch auf die Bücher von Christine Swientek, einer ehemaligen Adoptionsvermittlerin, die sich 1982 erstmals mit der Situation von abgebenden Müttern in Deutschland befasste sowie auf Betty Jean Lifton, Adoptierte aus den USA, die 1975 das Buch „Zweimal geboren – Memoiren einer Adoptivtocher“ und 1979 das Buch „Adoption“ geschrieben hatte.
Erste Aktivitäten
Im Januar 2005 gründete ich in Köln eine Selbsthilfegruppe für „Mütter deren Kinder adoptiert wurden“. Ich hätte mich auch einer bestehenden Selbsthilfegruppe angeschlossen, aber im Raum Köln gab es keine, was meiner Meinung nach nicht am mangelnden Bedarf liegt, sondern daran, dass abgebende Mütter gesellschaftlich diskriminiert werden, sobald sie sich in der Öffentlichkeit zu erkennen geben. Ihnen wird das Stigma der schlechten Mutter, der Rabenmutter angehaftet.
Durch die Selbsthilfegruppe und Kontakte über das Internet erfuhr ich viele Lebensgeschichten von abgebenden Müttern und von Adoptierten. Je mehr ich sah, hörte und las, umso mehr wurde mir die Absurdität des Adoptionssystems bewusst und die Ungeheuerlichkeit und Grausamkeit, die sich hinter dem „Inkognito“ verbirgt.
Ganz besonders fiel mir die Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und den Beratungsgesprächen der Jugendämter und Adoptionsvermittlungsstellen auf. Und irgendwann begriff ich, dass ich meinem Sohn genau das Gleiche erzählte, was man mir vor 30 Jahren auf dem Jugendamt beigebracht hatte.
Die Argumente der Jugendamtsmitarbeiterinnen hatten mich damals davon überzeugt, dass Adoption die Lösung wäre, die für ein unbeschwertes Leben meines Kindes am verträglichsten sei. Wie ich damit weiterleben konnte, wurde nicht thematisiert. So weit war man damals noch nicht, dass man sich auch noch Gedanken um abgebende Mütter gemacht hätte. Wenn man sich die gesetzlichen Regelungen zur halb-/ offenen Adoption ansieht und die Einführung von anonymer Geburt und Babyklappen, bin ich skeptisch, dass dies heute wesentlich anders ist.
Gegen Ende des Jahres 2004 machte ich in einer stillen Stunde ein Resümee meiner persönlichen Adoptionsgeschichte:
- Meinem Sohn war es durch die Adoption schlecht gegangen.
- Mir war es durch die Adoption schlecht gegangen.
- Das Leben der Adoptiveltern verläuft nach dem Suchen und Finden der leiblichen Eltern in anderen
Bahnen, als sie es sich vor der Adoption erhofft haben.
Mein Fazit: Wenn es durch einen juristischen Verwaltungsakt allen Beteiligten schlecht geht oder voraussichtlich irgendwann einmal schlecht gehen wird, kann an dem gesamten System etwas nicht stimmen.
Für mich waren in den letzten Jahren die Berichte anderer Mütter über ihre Adoptionsgeschichten sehr wichtig und hilfreich. Ich merkte, dass ich nicht alleine dastand. Jede Geschichte war anders - mit einer Ausnahme:
„Allen Müttern fehlte zum Zeitpunkt der Adoption die notwendige Hilfe und Unterstützung, sei es durch den Kindesvater, die eigene Familie oder die staatlichen Jugendämter und kirchlichen Beratungsstellen.“
Insbesondere jüngeren Müttern wurden (werden?) die Kinder ohne wenn und aber einfach abgenommen. Waren alleingelassene Mütter volljährig verlief die „Beratung“ der öffentlichen Jugendwohlfahrtseinrichtungen in die Einbahnstrasse Richtung „Adoption.“ Keine Mutter, die ich bis heute kennen gelernt habe, wurde über die psychischen Folgen von Adoption für sie und ihr Kind aufgeklärt.
Am 14. Mai 2005 wurde die Yahoo-Group
http://de.groups.yahoo.com/group/adoptions-forum/
unter der Rubrik Menschenrechte gegründet. Es ist eine Initiative von Müttern für Mütter, die von Adoption betroffen sind. Das adoptions-forum bietet Raum für alle, die daran mitarbeiten wollen, dass die Adoptionsgesetze für alle Beteiligten menschenwürdig werden, die nach Alternativen suchen, die aktive Hilfe anbieten möchten oder die über ihr persönliches Adoptionsschicksal mit anderen reden wollen. Die Yahoo-Group adoptions-forum ist eine „geschlossene“ Gruppe. Alles persönliche was dort geschrieben wird, ist nur von Mitgliedern einsehbar. Es ist vom Aufbau und Selbstverständnis her eine Internet-Selbsthilfegruppe.
Um unser Anliegen und unsere Vorstellungen öffentlich zu machen wurde diese Homepage erstellt.
www.adoptions-forum.com - die andere seite …
Sie hat das Ziel, die Öffentlichkeit über die verschwiegene Seite von Adoption aufzuklären und nach besseren Lösungsmöglichkeiten für Mütter in Notlagen zu suchen, als sie Adoption bietet.
Wir freuen uns über jeden, der hierbei mitarbeiten möchte.
Köln, im November 2005
Regina Brigitte Bege