Was unterscheidet Adoptierte von leiblichen Kindern?
 
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Adoptierte

 

 

 

Was unterscheidet Adoptierte von leiblichen Kindern?

 

 

In Gesprächen mit Menschen, die nicht von Adoption betroffen sind, hört man immer wieder folgende Äußerungen:

 

 

„Es ist doch egal, wo das Kind aufwächst. Die Hauptsache ist doch, es hat gute Eltern. Da macht es doch keinen Unterschied, ob es die leiblichen Eltern oder Adoptiveltern sind.“

 

„Bei Adoptiveltern hat es das Kind doch in den meisten Fällen besser.“

 

„Wenn ich an meine Eltern denke, hätte ich mir gewünscht, ein Adoptivkind zu sein.“

 

„Normale Kinder haben doch auch Probleme.“

 

 

Adoptierte wachsen in den meisten Fällen in gut situierten Akademikerfamilien des bürgerlichen Mittelstandes auf. Die materielle Basis dieser Familien liegt häufig über dem der Durchschnittsbevölkerung. Die meisten Adoptiveltern sind bemüht, „ihren“ Kindern ein behütetes Leben zu bieten. Alles Voraussetzungen für ein glückliches Leben. Und trotzdem…

 

„Ratgeber Adoptivkind“ Irmela Wiemann - 2004

Fast alle adoptierten Kinder haben Selbstwertprobleme. Denn sie empfinden es als Kränkung, dass ihre leiblichen Eltern sich von ihnen getrennt haben. Adoptivkinder sind ein Stück verwaiste Kinder. Doch schlimmer, als durch Tod seine Eltern verloren zu haben, ist es, dass diese ihr Leben ohne das Kind fortsetzten. Viele fragen sich, ob sie selbst sich nicht richtig verhalten haben, die Fortgabe verursacht haben, glauben, mit ihnen hätte irgendetwas nicht gestimmt.

 

„Adoption“ Betty Jean Lifton - 1982

Ich lernte erkennen, dass alle Menschen, sofern sie überhaupt zu denken wagen, sich in mancher Beziehung als Findelkinder betrachten, die mit Entfremdungsproblemen ringen. Jeder hat irgendwie das Empfinden, dass man ihm etwas vorenthält, dass er den Schwindler spielt, weil er eigentlich gar nicht da sein sollte. Jeder hat seine Schmerzen. In jedem ist ein Geisterkontinent enthalten. Und doch hat jeder außer dem Adoptierten seine eigenen Geister schon einmal gesehen, wenn auch noch so flüchtig. Im Gegensatz zum echten Waisenkind, das noch seinen Familiennamen trägt, ist das Adoptivkind völlig von seiner Vergangenheit abgeschnitten. Und obgleich ihm in seinem Adoptiv-Zuhause „psychologische“ elterliche Betreuung zuteil wird, leidet es unter dem schweren physischen Manko, von jedem abgeschnitten zu sein, dessen Körper ihm als Modell seiner eigenen wunderbaren und zugleich furchtbaren Möglichkeiten dienen könnte. Dies einem Nichtadoptierten zu erklären ist so, als wollte man einen Sehenden dazu bringen, sich in die lichtlose Isolation des Blinden hineinzuversetzen.  

 

„Adoptivkind – Traumkind in der Realität“ Edda Harms und Barbara Strehlow - 2004

Das adoptierte Kind erlebt das Wissen um seine Adoption als eine narzisstische Kränkung (Schechter). Mit ihrer Arbeit (1990) widmen sich Schechter und Betocci engagiert dem Thema „Suche“ und der Bedeutung, die sie für die Adoptierten hat. Sie legen dar, dass die Suche zwar lediglich von einer Minderheit, zumeist jungen Frauen, aktiv betrieben wird, gedanklich und emotional aber in  a l l e n  Adoptionsgeschichten eine herausragende Rolle spielt. Sie nennen es „need for human connectedness“. Schechter und Bertocci meinen, dass jeder Mensch dieses Bedürfnis habe. Sie sehen darin etwas biologisch Verankertes, dessen Existenz erst wahrgenommen wird, wenn es nicht befriedigt werden kann. Und in diesem Fall führe die gesellschaftlich bedingte Frustration zu einer besonderen Qualität der Angst und der ödipalen Fantasien, wie sie nur bei Adoptierten vorkomme und in  k e i n e m anderen psychosozialen Feld bekannt ist. Am meisten von allen Beteiligten profitieren sicherlich die aktiv Suchenden; für sie ändert sich oft das gesamte Lebensgefühl. Etwas Bedrohliches, Unnennbares, Schwebendes, das zuweilen übermäßig viele psychische Kräfte gebunden hatte, ist nun endgültig „geerdet“.

 

 

Aufgrund des Inkognitos bei Adoptionen erfahren die Adoptierten in der Regel nichts über die Gründe ihrer Weggabe und haben keinerlei Wissen über ihre leiblichen Eltern. Bei allem was mit ihrem Voradoptivleben zu tun hat, sind sie auf ihre eigene Phantasie oder die zumeist spärlichen Auskünfte der Adoptiveltern angewiesen, sofern in der Adoptivfamilie überhaupt darüber gesprochen wird. Größtenteils sind die Adoptiveltern auch auf Spekulationen angewiesen, da es zum Zeitpunkt der Adoption für sie selbst und die Jugendämter uninteressant war, Informationen über die leiblichen Eltern zu erfragen. Das sieht/sah das Wesen von Adoption nicht vor. Getragen wird/wurde das System von folgender Einstellung:

 

Rolf P. Bach – Leiter der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle der norddeutschen Länder in Hamburg -  „Gekaufte Kinder – Babyhandel mit der Dritten Welt“ – 1986

„Ende des 19. Jahrhunderts wurden erstmals ausführliche adoptionsrechtliche Regelungen in das Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches aufgenommen. Die damalige Begründung ist auch heute noch aktuell: Die Annahme (Adoption) ist namentlich für wohlhabende, edel denkende Personen, welche in kinderloser Ehe leben, ein erwünschtes Mittel, diesen Mangel zu ersetzen. Wird dadurch Gelegenheit geboten, insbesondere mittellosen, von Natur begabten Kindern eine große Wohltat in materieller wie in geistiger Beziehung zu erweisen und dazu beizutragen, die natürlichen Anlagen derselben zum Besten der Gesellschaft zu vollkommener Entwicklung zu bringen, so wird andererseits durch die Annahme von Kindern sehr häufig ein tief empfundenes, geistiges Bedürfnis der Adoptiveltern befriedigt und das Glück ihrer Ehe gefestigt.“

 

Das „Wohl des Kindes“ erschöpfte sich viele Jahrzehnte primär in der Versorgung mit materiellen Gütern sowie der Möglichkeit einer guten Ausbildung. Das zum „Wohl des Adoptivkindes“ auch die seelische Gesundheit gehört und hierzu das Wissen um den Ursprung wichtig ist, hat man in Deutschland erst Mitte der 90er Jahre entdeckt, nachdem immer mehr Adoptierte sich auf den Weg machten, ihre Wurzeln zu suchen. Die Jugendämter mussten tätig werden, als das Adoptionsdesaster in Teilen der Öffentlichkeit bekannt wurde.

 

Landeswohlfahrtsverband Baden aus dem Jahr 2000 „Adoption – heute“

„Empirische Untersuchungen mit Adoptierten, konfliktreiche und manchmal tragische Adoptionsverläufe sowie nicht zuletzt das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung waren Anlass, dass halboffene und offene Formen der Adoption immer häufiger praktiziert und gegenüber der Inkognito-Adoption bevorzugt werden. Aufgrund der Chancen, die offene Adoptionen bieten, zeichnet sich für die Zukunft die Tendenz ab, dass die offene Adoption anstelle der Inkognito-Adoption zum Regelfall wird.“

 

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Die Unvergleichbarkeit des Adoptionsstatus zu jeder anderen sozialen Lebensform macht es so schwierig Nichtbetroffenen die Problematik dieses „Lebens auf schwankendem Boden, abgeschnitten von den eigenen Wurzeln“ von Adoptierten zu erklären. Am ehesten ist es noch vergleichbar mit der Situation von Menschen die Angehörige „vermissen“.

„Für Menschen gibt es kaum etwas Schlimmeres als einen Angehörigen zu vermissen und nicht zu wissen, ob er noch lebt oder bereits umgekommen ist. Deshalb unterstützt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Menschen in Nachkriegsgesellschaften bei der Suche nach vermissten Familienmitgliedern.“

Lähmung durch Nichtwissen – Ungewissheit!!!

Der Vater der heute pensionierten Lehrerin Adriane H. wurde kurz nach Kriegsende vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verschleppt. Seine Spuren verloren sich: Über 55 Jahre galt Hans Otten als vermisst. Der Suchdienst des DRK bekam 1992 von der Sowjetunion über eine Million Daten übermittelt. So bekam auch die Leipzigerin Nachricht: Ihr Vater starb 1947 im NKWD-Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg. Eine tragische Nachricht. Aber „Ungewissheit“ über den Verbleib eines Menschen ist schwerer zu ertragen"...

 

"Jahrelange Qual der Ungewissheit"
Verschwindenlassen“ ist eine Menschenrechtsverletzung, die in alle Bereiche der Persönlichkeit eingreift", beschreibt Anna Wegelin von Amnesty International Schweiz die psychologischen Folgen des Verschwindenlassens. Sie trifft nicht nur das Opfer selbst, sondern fügt auch den Angehörigen großes Leid zu. Die oft jahrelange Ungewissheit über das Schicksal eines nahen Angehörigen ist nicht weniger quälend als andere Formen der Folter.

 

Die meisten Adoptierten beschäftigen sich mehr oder weniger häufig mit folgenden Fragen:

 

Warum hat keiner (Mutter, Vater, Verwandte) mich so lieb gehabt, dass ich bei ihnen bleiben durfte?

 

Warum traf es ausgerechnet mich? (Frage wenn andere Geschwister behalten wurden.)

 

Wer sind meine leiblichen Eltern, wie sehen sie aus, wie sind sie?

 

Habe ich vielleicht noch leibliche Geschwister, Großeltern, Cousins und Cousinen?

 

Wem sehe ich ähnlich?

 

Woher kommt mein Charakter, meine Begabungen, meine Neigungen?

 

Das sind alles Fragen, die sich ein anderer Mensch nicht stellt, nicht stellen muss. Durch die Einbindung in die biologische Familie nimmt er seine Identität mit allen Ausformungen als etwas Selbstverständliches an. Für Adoptierte gibt es diese Selbstverständlichkeit nicht. Die sozialen Eltern sind nicht die biologischen Eltern, das gesamte soziale Umfeld ist fremd.Adoptierten fehlt das grundlegende Zugehörigkeitsgefühl, das jeder Mensch hat, ohne sich dessen  bewusst zu sein. Immer wieder werden in diesem Zusammenhang Fälle von unglücklichen Eltern-/ Kindbeziehungen in „normalen“ Familien angeführt. Dieses ist eine gänzlich andere Problematik und hat mit dem Mangel vom Wissen über die eigene Abstammung nichts zu tun.

 

„Adoptierte auf der Suche nach ihren Eltern und nach ihrer Identität“ Christine Swientek – 2001

Menschen, die schicksalhaft und durch Gewalt auseinander gerissen wurden, haben alle Sympathien und alles Verständnis – und viele haben Organisationen, Suchdienste, „Apparate“ auf ihrer Seite, die die Ermittlungsaufgaben professionell und routiniert übernehmen. Adoptierte teilen dieses Schicksal nicht: Sie wurden nicht gefragt, ob sie von ihren leiblichen Eltern getrennt werden wollten, und wir wissen, dass diese Trennungen nicht immer gewaltlos verliefen. Adoptierte auf der Suche nach ihren biologischen Eltern, ihren Wurzeln, ihrer Identität – weltweit, wenig organisiert und oft schuldbeladen, weil sie etwas wissen wollen, was ihnen niemand sagen will … Adoptierte auf der Suche nach einer inneren Heimat, von der sie sich Heilung, Ruhe und Frieden versprechen … Adoptierte, die nie erfahren werden, wer sie warum in fernen Ländern ausgesetzt hat und die sich bescheiden müssen mit einem Allgemeinwissen über die Kultur, aus der sie stammen, weil über ihre individuelle Herkunft nichts bekannt ist.

 

 

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Adoptionsphantasien

 

Vorstellungen nicht in die eigene Familie zu passen oder sich zu wünschen, man hätte andere Eltern – „Der Ablöseprozess des Kindes“

 

Für das kleine Kind sind die Eltern zunächst die einzige Autorität und die Quelle allen Glaubens. Wenn ein kleines Kind seine Eltern als vollkommen erlebt und bewundert, dann dient diese Idealisierung zunächst dem seelischen Wachstum, weil sie das kleine Wesen davor bewahrt, sich hilflos und ohnmächtig zu fühlen. Es ist wichtig, dass Eltern diese Idealisierung auch annehmen, ohne zu glauben, sie seien tatsächlich so ideal. Die Entidealisierung kommt irgendwann von alleine und beginnt normalerweise mit der Schulzeit. Allmählich werden die Eltern dann unwichtiger und Freunde immer wichtiger. Wenn Kinder schließlich merken, dass die Eltern vieles doch nicht können und gar nicht so vollkommen sind wie sie geglaubt haben, ist das für beide Seiten häufig schwierig. Selbstbewussten Eltern fällt es jedoch meist leichter, sich auch mit ihren Schwächen zu zeigen.

 

Die Psychoanalytikerin Anna Freud erkannte, dass Idealisierungen auch Versuche sind, mit negativen Gefühlen fertig zu werden. Eine Entidealisierung ist Voraussetzung für gelingende Ablösungsprozesse nicht nur in der Eltern-Kind-Beziehung, damit man den anderen lieben kann, so wie er oder sie wirklich ist. Mit zunehmender intellektueller Entwicklung des Kindes bleibt es nicht aus, dass es allmählich beginnt, seine Eltern realer wahrzunehmen. Es lernt andere Eltern kennen, vergleicht sie mit seinen und beginnt an der Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit der eigenen Eltern zu zweifeln.

 

Adoptivkind – Traumkind in der Realität – Edda Harms / Barbara Strehlow – 2004

 

"Ereignisse im Leben des Kindes, die eine unzufriedene Stimmung bei ihm hervorrufen, geben ihm den Anlass, mit der Kritik der Eltern einzusetzen und die gewonnene Erkenntnis, dass andere Eltern in mancher Hinsicht vorzuziehen seien, zu dieser Stellungnahme gegen seine Eltern zu verwerten. Der Gegenstand dieser Anlässe ist offenbar das Gefühl der Zurücksetzung. Nur zu oft ergeben sich Gelegenheiten, bei denen das Kind zurückgesetzt wird oder sich wenigsten zurückgesetzt fühlt, wo es die volle Liebe der Eltern vermisst, besonders aber bedauert, sie mit anderen Geschwistern teilen zu müssen. Die Empfindung, dass die eigenen Neigungen nicht voll erwidert werden, macht sich dann in der aus frühen Kinderjahren oft bewusst erinnerten Idee Luft, man sei ein Stiefkind oder ein angenommenes Kind. Viele nicht neurotisch gewordene Menschen entsinnen sich sehr häufig an solche Gelegenheiten, wo sie – meist durch Lektüre beeinflusst – das feindselige Benehmen der Eltern in dieser Weise auffassten und erwiderten."

 

In Tagträumen, ungefähr von der Zeit der Vorpubertät angefangen bis teilweise über die Pubertät hinaus wird eine Korrektur des tatsächlichen Lebens phantasiert. In dieser Zeit beschäftigt sich das Kind in seiner Phantasie damit, die gering geschätzten eigenen Eltern loszuwerden und gegen sozial oder moralisch höher stehende zu ersetzen. Die Phantasien speisen sich aus wirklichen Erlebnissen oder aus als wirklich empfundenen Geschichten z.B. der Film- und Fernsehwelt.

 

„In diesen Phantasien kommt auch die Sehnsucht des Kindes nach der verlorenen glücklichen Zeit zum Ausdruck, in der ihm sein Vater als der vornehmste und stärkste Mann, die Mutter als die liebste und schönste Frau erschienen ist." (Siegmund Freud)

 

Dieser Abschnitt der Kindheit gleicht einer Trauerphase. Es ist der Verlust der Unschuld des Kleinkindes und der Versuch die kindliche Überschätzung von Eltern zunächst noch heraus zu schieben. Wenn die eigenen Eltern schon nicht ideal sind, müssen es wenigstens andere sein. Vielfach gehen die Phantasien auch in Rache und Vergeltungsträume gegenüber den eigenen Eltern für tatsächlich oder vermeintlich begangenes Unrecht über. Kennzeichnend für eine neurotische Eltern-/ Kindbeziehung ist, wenn diese Phase weit über die Pubertät hinaus im Erwachsenenalter andauert und/oder in narzisstische Persönlichkeitsstörungen übergeht.

 

Dieser Ablöseprozess des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern ist eine der notwendigsten, aber auch schmerzlichsten Leistungen der Entwicklung.

 

 

Mit der Wirklichkeit von Adoptierten hat dies nicht im Geringsten etwas zu tun

 

Adoptionsphantasie dienen dazu, sich von den Eltern lösen zu können, um freier für die Entwicklung eigener Normen und Werte zu sein. Ein wichtiges Element ist dabei eben die Überzeugung, ganz anders zu sein, wahrscheinlich sogar von anderen Eltern zu stammen. Diese Situation stellt sich für Adoptierte von Anfang an jedoch anders dar. Denn: in ihrem Fall ist es so, dass die Phantasie tatsächlich der Realität entspricht. Es gibt tatsächlich zwei Elternpaare, und eines davon ist unbekannt. Man hat TATSÄCHLICH einen anderen Ursprung. Nicht-Adoptierte werden nur ansatzweise erahnen können, wie es ist, tatsächlich zu wissen, dass die „eigenen“ Eltern nicht die leiblichen sind - und dies hat absolut nichts damit zu tun, wie glücklich oder unglücklich der Adoptierte sich als solcher fühlt.

 

  

Eine Problematik besteht darin, dass Adoptierte häufig ein ambivalentes Verhältnis zu diesen, ihnen unbekannten Eltern haben, denn einerseits bieten sie eine optimale Projektionsfläche - andererseits aber sind sie es, die das Kind (aus seiner subjektiven Sicht heraus) irgendwann einmal verlassen haben. Zur Konsequenz hat diese Ambivalenz, dass die Adoptionsphantasie in der üblichen Form gar nicht "gesponnen" werden kann, und der Ablösungsprozess von einem noch viel extremen Konflikt belegt ist, da man sich als Adoptierter mental nicht ohne Weiteres auf ein anderes Elternpaar stützen kann, ohne auf die Frage zurückgeworfen zu werden, weshalb man verlassen wurde - eine Frage, die mit sehr viel Schmerz einhergeht.

Hierzu der Psychoanalytiker, Herbert Wieder, der mit adoptierten Kindern gearbeitet hat:

 
"Die Phantasielösung der Konflikte des biologischen Kindes - die Adoption - ist zum Kummer des adoptierten Kindes ein fait accompli. Der Adoptierte möchte - im Gegensatz zum leiblichen Kind - die Adoption leugnen; er möchte in der Phantasie eine leibliche Abstammung von den Adoptiveltern konstruieren und damit die Demütigung ausmerzen, die in der Adoption enthalten ist"
(Adoptivkind in der Realität - S.39)

Die Adoptionsphantasie „normaler“ Kinder entspricht der Realität von Adoptierten. Und das ist ein erheblicher Unterschied. Aus der Phantasie kann man wieder auftauchen. Die Realität bleibt.

 

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Literaturempfehlung:

Dettmering, Peter - Die Adoptionsphantasie - "Adoption" als Fiktion und Realität
(Königshausen & Neumann - 1994 - ISBN 3-88479-918-5)

(aus dem Vorwort) ... während der Familienroman Siegmund Freuds mit der Vorstellung von sozialem Aufstieg, sozialer Höherstufung arbeitet, kommt der "Adoptionsroman" nicht ohne die ständige im Hintergrund lauernde Gefahr sozialer Erniedrigung, Deklassierung aus. Was die psychopathologische Seite angeht, so war zumindest der eine Teil - der weibliche in der Regel stärker als der männliche - mit dem behaftet, was D.W. Winnicott als "falsches Selbst" beschrieben hat; die Zielvorstellung des Adoptionsromans war dementsprechend, der Struktur des "wahren" Selbst zum Durchbruch zu verhelfen. In den zwölf literarischen Beispielen, die ich in diesem Band zusammengestellt habe, kommt dieses Muster größtenteils sehr deutlich heraus, wird aber natürlich von den stofflichen Gegebenheiten oder dem Stand der Überlieferung im Einzelfall modifiziert... Von der Gegenüberstellung von fiktivem "Adoptionsroman" und realem Adoptionsschicksal - im dritten Teil des Bandes ... - erwarte ich mir neue Einsichten in diese Sonderform menschlicher Entwicklung, mit der sich von psychoanalytischer Seite bisher vor allem Heinz Kohut befasst hat. Diese Einsichten könnten nicht zuletzt der Therapierbarkeit der mit dem Adoptionsstatus einhergehenden seelischen Störungen zugutekommen. In diesem Sinne übergebe ich diese Texte der Öffentlicheit. - Der Verfasser -