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Verschwiegene Eltern
Viele nehmen das Geheimnis mit in den Tod: Tausende von Kindern ehemaliger Besatzungssoldaten kennen ihre Abstammung nicht
Von Sandra Dassler
Das Foto fällt Camille McCullen im Frühjahr 2004 in die Hände. Da sichtet die farbige Amerikanerin in Memphis, Tennessee, den Nachlass ihrer kurz zuvor gestorbenen Großeltern.
Auf der Rückseite des Fotos steht „Misters mother“. Mister ist der Spitzname von Camille McCullens Vater, Charles Reese. Der kann auf dem Foto höchstens eineinhalb Jahre alt sein. Er sitzt, etwas mürrisch schauend, auf dem Arm einer jungen Frau. Wie eine Mutter eben ihr Kind trägt. Aber es ist nicht die Frau, die McCullen immer für ihre Großmutter hielt. Die Frau, die der flüchtige Schriftzug auf der Rückseite des Fotos zu „Misters Mutter“ erklärt, ist weiß.
McCullen zeigt das Foto ihrem Vater. „Wer ist das? Und wo ist das?“ Ihr zuliebe versucht Charles Reese sich zu erinnern. Er ist 59, seine Eltern, sagt er, haben ihm einmal von seiner Adoption erzählt. Er kennt ein paar deutsche Wörter, auch den Namen einer Frau: Edith. Charles Reese hatte immer vermutet, dass sein Vater, der während des Krieges Soldat in Deutschland war, dort ein Kind mit einer deutschen Frau hatte. Und dass er dieses Kind ist. Aber nachgefragt hat Charles Reese bei seinen Eltern nie.

So ähnlich fangen viele Geschichten an, die Ute Baur-Timmerbrink in den vergangenen Jahren zu hören oder lesen bekam. Die Geschichten verfolgen sie manchmal Monate lang. Sie schleichen sich nachts in ihre Träume, kommen ihr in den Sinn, wenn sie Klavier spielt oder lassen sie bei alltäglichen Handgriffen plötzlich innehalten. Ute Baur-Timmerbrink, 59, Berlinerin, kennt die Gefühle von Camille McCullen und deren Vater Charles Reese in Tennessee. „Ich habe selbst erst vor sieben Jahren erfahren, dass meine Biografie falsch ist“, sagt sie. Und seitdem hilft sie dabei, die von anderen aufzuklären.
Geahnt habe sie schon als Kind, dass etwas nicht stimmte. Ihre Eltern verhielten sich anders als die Eltern ihrer Freunde – vor allem der Vater. Irgendwie sei sie sich wie ein Störenfried vorgekommen. „Man kann das schwer beschreiben“, sagt sie. „Es sind Gesten, die man als Kind beobachtet, ein Senken der Stimme, wenn man in ein Gespräch hineinplatzt. Und immer das Gefühl, da ist etwas Unausgesprochenes, Ungeklärtes, Falsches.“
Deshalb war es eine Befreiung, als sie an ihrem 52. Geburtstag von einer Freundin erfuhr, dass sie das Kind eines amerikanischen Soldaten sei. „Da konnte ich plötzlich alles verstehen. Vor allem, warum mein Vater, den ich verehrt und geliebt habe, mich nie wirklich an sich herankommen ließ. Ich muss ihn immer an den Fehltritt seiner Frau erinnert haben.“

Ute Baur-Timmerbrink hat sich auf die Suche nach ihrem amerikanischen Vater gemacht. Stieß dabei auf Trace, ein Netzwerk in England, das Besatzungskindern hilft, ihre GI-Väter aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden. „Die Leute von Trace haben mir geholfen, meine Herkunft zu klären. Seitdem arbeite ich selbst für die Organisation, kümmere mich um Anfragen, die den deutschsprachigen Raum betreffen.“
Das schmale Arbeitszimmer ihrer Wohnung in Berlin-Heiligensee hat Ute Baur-Timmerbrink ganz dieser Aufgabe gewidmet. Nur die Fotos ihrer beiden Söhne können sich gegen die fremden Schicksale behaupten, die akkurat in Aktenordnern zusammengefasst, in den Regalen stehen. Wenn Ute Baur-Timmerbrink ins Erzählen kommt,erzählt ihr ganzer Körper mit, ihr Gesichtsausdruck wechselt von fröhlich zu traurig, von amüsiert zu nachdenklich. Arme und Hände gestikulieren ohne Pause. Ihre Augen aber geben den Gegenüber nicht eine Sekunde frei, während sie Episode an Episode aneinander reiht, Erklärungen dazwischenschiebt, Situationen beschreibt, die eigentlich nie hätten eintreten sollen.
Da ist beispielsweise der 82-jährige Witwer in Puerto Rico, der seine Angehörigen auf einer Familienparty mit der Nachricht schockierte, dass er sich als Soldat in Nachkriegsdeutschland in eine Frau verliebt hatte. Nie habe er sich verzeihen können, dass er diese Frau verließ und auf Wunsch seiner Eltern in Puerto Rico eine andere heiratete. Das ganze Leben habe er sich mit dieser Geschichte herumgeschlagen. Sein einziger Wunsch sei, die einstige Geliebte vor seinem Tod zu finden. Und das Kind, das sie damals von ihm erwartete.
Ute Baur-Timmerbrinks Augen funkeln, wenn sie schildert, wie sie die Frau gefunden hat. Fast immer schaltet sie die örtliche Zeitung ein, um Leute zu erreichen, die damals lebten und sich erinnern. Auch Standes- und Einwohnermeldeämter erweisen sich als nützlich. Über eine Anfrage dort hat Ute Baur-Timmerbrink die gesuchte Frau in einem Pflegeheim in Süddeutschland entdeckt. Schwer demenzkrank. Nicht mehr ansprechbar. Verwandte der Frau erzählten ihr, dass das Kind des Puertoricaners, ein Mädchen, schon im Alter von einem Jahr gestorben ist. Ute Baur-Timmerbrink hat diese Nachricht nach Übersee gemailt. Die Gewissheit, sagt sie, bringe zwar erst Trauer, aber später auch Seelenfrieden. Und sie ermöglichte den Suchenden, eine Art Schlussstrich zu ziehen.
Das Statistische Bundesamt gibt die Zahl der zwischen 1945 und 1955 in den drei Westzonen einschließlich West-Berlins geborenen Kinder alliierter Besatzungssoldaten mit 68 000 an. Es sind wohl mehr. Viele Ehepaare vereinbarten Stillschweigen, und oft schwiegen auch Verwandte und Bekannte ein Leben lang.

60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt die Generation der damals 20-Jährigen langsam aus. Manche beichten auf dem Sterbebett, andere nehmen ihr Geheimnis mit in den Tod. Erst danach erfahren ihre Kinder aus lange verborgen gehaltenen Dokumenten von ihrer wahren Herkunft. Für manche ist das ein Schock. Und nicht selten übernehmen die Enkel die Suche, weil sie damit einfach lockerer umgehen können.
„Alle meine Verwandten kannten die Wahrheit“, erzählt Ute Baur-Timmerbrink. „Und alle haben sie mit ins Grab genommen – auch meine Eltern.“ Eine Tante sagte ihr nur: „Von mir erfährst du nichts. Du warst nie eine von uns. Und du wirst deinen richtigen Vater nie finden.“
Aber Ute Baur-Timmerbrink wollte es wenigstens versuchen. Sie hat wieder Englisch gelernt, es war nicht gut genug, um amerikanische Quellen nutzen zu können. Sie hat Botschaften und Zeitungen angeschrieben. Sie ist in die kleine österreichische Stadt gefahren, wo ihre Mutter nach Kriegsende ihren leiblichen Vater, einen amerikanischen Offizier, kennen lernte. Und lieben, obwohl sie seit 1936 verheiratet war. Als ihr Ehemann Ende 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, fand er eine Tochter vor.

Und die Tochter fand den Amerikaner. Vor ein paar Jahren war es so weit, und Ute Baur-Timmerbrink musste akzeptieren, dass er sich nicht zu ihr bekennen wollte. Er ist Rechtsanwalt. „Ich passte nicht in die Welt, die er sich in den Staaten aufgebaut hat“, sagt sie: „Und aufdrängen wollte ich mich nicht.“
Was sie bei ihrer Suche gelernt hat, nutzt sie nun, um anderen zu helfen. Sie arbeitet ehrenamtlich, bekommt keinen Cent dafür, obwohl sie Kosten hat: Telefonate, Gebühren für Urkunden oder Dokumente, Benzingeld für Fahrten zu Ämtern und zu Freunden oder Verwandten der Gesuchten. Ute Baur-Timmerbrink sagt: „Bei der Suche nach meinem Vater haben mir auch viele Menschen geholfen, ohne zu fragen, was sie dafür bekommen.“
Die Anfrage, die Camille McCullen aus Tennessee nach dem Hinweis eines Freundes an Trace sendete, landete im Mai 2004 bei Ute Baur-Timmerbrink. McCullen hatte mehr wissen wollen über diese weiße Großmutter. Vielleicht lebte sie ja noch. Vielleicht hatte ihr Vater Geschwister in Deutschland. Und vielleicht wäre seine Mutter glücklich, etwas von ihrem Sohn zu hören.
Ute Baur-Timmerbrink fand heraus, dass McCullens Vater am 21. Juli 1946 als Sohn von Oskar und Edith Lange geboren wurde. Der Ehemann von Edith Lange war seit Kriegsende vermisst, aber nicht für tot erklärt worden. Daher galt der dunkelhäutige Junge nach Recht und Gesetz als ehelich geborenes Kind von Oskar Lange. Dass er bei der Geburt den Namen Karl-Heinz Hubertus erhalten hatte, wussten die Suchenden aus Amerika. Auch, dass er irgendwo in der Nähe von Berlin das Licht der Welt erblickte – in „Baddensorrow“. Ute Baur-Timmerbrink hat eine Weile gebraucht, bis sie dahinter kam: Baddensorrow? Natürlich – Bad Saarow. Edith Langes Adresse war damals der Saarower Kronprinzendamm 6 - 8. Dort befand sich ein Mütter- und Säuglingsheim, in dem viele Frauen aus Berlin und dem Umland ihre Babys zur Welt brachten.
Abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten, in der Nachkriegszeit ein Kind durchzufüttern, hatten es die Geliebten der Besatzungssoldaten besonders schwer – vor allem, wenn ihre Kinder farbig waren. „GI brown babies“ heißen diese Kinder heute noch in den Vereinigten Staaten – etwa 5000 „afrodeutsche Besatzungskinder“ gab es in der Bundesrepublik. Ihre Mütter wurden als „Amiliebchen“ verhöhnt und nicht selten auf offener Straße angespuckt.

Es gab Mütter, die sich dem Hass und der Verachtung nicht aussetzen wollten und ihre Kinder zur Adoption freigaben. Viele dieser Kinder wurden über das von der US-Regierung ins Leben gerufene Programm „Brown Baby Plan“ an amerikanische Eltern vermittelt. Dass die leiblichen Väter ihre in Deutschland geborenen Kinder adoptierten – so wie im Fall von Charles Reese aus Tennessee –, war eher selten.
Seine Mutter Edith Lange, so berichtet ihre Schwägerin, die Ute Baur-Timmerbrink durch einen Zeitungsartikel fand, habe lange gezögert, ihn zur Adoption freizugeben. „Sie meinte dann aber, dass sie den Jungen an den Amerikaner abgeben müsse, weil er es dort drüben besser haben würde.“
Wie mag es Edith Lange zumute gewesen sein an jenem 7. April 1948? Damals traf sie sich mit dem Ehepaar Reese bei einem Notar in Berlin-Zehlendorf. Die Amerikaner erklärten, dass sie „Karl Lange an Kindes statt“ annehmen. Edith Lange stimmte der Adoption zu und verzichtete auf alle Rechte an ihrem Sohn. Der Wert des Vertrages wurde mit 10 000 Reichsmark angegeben. Ob Edith Lange Geld bekam, lässt sich nicht mehr feststellen. Auch nicht, ob die Amerikaner der Deutschen Nachrichten oder Fotos ihres Sohnes zukommen ließen.
Fast 60 Jahre später freuten sich die vier Kinder und acht Enkelkinder von „Mister“ Charles Reese in Tennessee sehr über die Fotos ihrer Berliner Großmutter. Nach fast einem Jahr Recherche hatte ihnen Ute Baur-Timmerbrink viele Unterlagen schicken können. Sie fand heraus, dass Edith Lange als Arzthelferin bei einem Orthopäden am Olivaer Platz gearbeitet und zuletzt in der Pfalzburger Straße in Berlin-Wilmersdorf gewohnt hatte. Nachbarn erzählten, dass sie kinderlos und nicht verheiratet war. Allerdings habe sie zu Kindern immer eine besondere Beziehung gehabt und jahrelang die Sprösslinge verschiedener Berliner Familien betreut.
Für ein Wiedersehen mit ihrem Sohn war es zu spät. Am 13. Mai 1996 ist Misters mother im Hubertus-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf gestorben.
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Toxi
hieß die Titelfigur des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1952. Der Name wurde gleichbedeutend für farbige Mischlingskinder. Die amerikanischen Soldaten hatten mit Kaugummis, Schokolade, Seidenstrümpfen und ihrer Musik die ferne und freie Welt nach Deutschland gebracht. Für viele Frauen bedeuteten die Begegnungen mit den Männern eine Bestätigung ihrer Weiblichkeit, ein kleines Glück und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nicht immer blieben diese Liebesbeziehungen folgenlos.

Trotz des offiziellen Kontaktverbots mit der Zivilbevölkerung gab es nach einer Erhebung aus dem Jahre 1955 66.730 uneheliche Besatzungskinder, davon hatten etwa 37.000 einen Vater aus den USA. Und einige von ihnen hatte keine weiße Hautfarbe, wie eben "Toxi". Das war ein großer Makel in der deutschen Nachkriegsgesellschaft und führte zur Ausgrenzung. Denn die Ideologie des Rassenwahns war mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht einfach untergegangen. Einige dieser "Besatzungskinder" schildern ihren Alltag und wie ihr Leben sich bis heute entwickelt hat.

Toxi
Bücher:
Thomas Usleber, Farben unter meiner Haut - Autobiografische Aufzeichnungen
Brandes & Apsel Verlag

Günther Kaufmann, Gabriele Droste,
Der weiße Neger vom Hasenbergl
Diana Verlag 2004

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Wie nach 1945 die US-Gesetze Kinder ignorierten, die es nicht geben durfte
Die Anweisungen waren eindeutig: alle amerikanischen Armeeangehörigen haben sich von den deutschen Frauen, Männern und Kindern fernzuhalten. Jede Art des persönlichen Umgangs hat zu unterbleiben. Kontakt mit der Bevölkerung ist nur aus dienstlichen Gründen erlaubt. So oder so ähnlich lauteten die Verhaltensanweisungen, die die amerikanischen Soldaten für die unmittbare Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges für ihren Aufenthalt in Deutschland bekamen. Fraternisierungsverbot, lautete der Fachbegriff - keine Verbrüderungen mit dem Feind.
Genützt hat das Verbot nichts: Bis 1952 kamen in der Bundesrepublik mindestens 40 000 nicht eheliche Kinder zur Welt, deren Väter ausländische Soldaten waren. Es gibt einige Quellen, die sogar von 350 000 so genannten Besatzungskindern sprechen, die bis 1955 in Deutschland geboren wurden. Exakte Zahlen gibt es nicht.
Die Kinder hatten im Nachkriegsdeutschland einen schweren Stand, wurden häufig gehänselt und ausgegrenzt. Noch wesentlich schwerer hatten es die Mütter der Kinder. "Ami-Liebchen" war noch die harmloseste Beschimpfung. Sie wurden ausgegrenzt, isoliert. Die komplizierte Rechtslage verschlimmerte ihre Situation noch.
Die Amerikaner hatten sich Sonderrechte für ihre Zeit in Deutschland geben lassen. Das geltende Recht, wonach Väter auch für ein nicht ehelich geborenes Kind bis zu dessen 16. Lebensjahr Unterhalt zahlen müssen, galt für die Soldaten und Zivilpersonen der Besatzungsmächte nicht.
Am 11. August 1950 verabschiedeten die USA dann ein Gesetz, dass die deutschen Gerichte ermächtigte, die Gerichtsbarkeit auch in nicht-staatlichen Fällen über Angehörige der Alliierten Streitkräfte auszuüben. Das Gesetz sieht allerdings Ausnahmen vor: Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft und Unterhaltsklagen von Kindern.
Erst als Deutschland wieder souverän wurde, gab es die Möglichkeit für die Frauen, auf Unterhaltszahlungen zu klagen. Theoretisch. Praktisch machten die US-Behörden die Zustellung der Klage davon abhängig, ob der Soldat die Vaterschaft anerkannt hatte oder ob ein US-Urteil in der Sache ergangen war. Ein solches Urteil aber wird selten gefällt - bis heute. Mit den USA gibt es - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern - bis heute kein Abkommen, das die gegenseitige Vollstreckung in Zivilangelegenheiten regelt. (gb/NRZ)
Der afrodeutsche Mitschüler eines Freundes von mir hat Karriere gemacht. Er ist Politiker geworden und sitzt im Parlament, wo er wiederholt beim Betreten des Saals von fürsorglichen älteren Damen und Herren angesprochen wurde, die zumeist auf Englisch darauf hinwiesen, dass die Besucherplätze über einen anderen Eingang zu erreichen seien.
Von der Existenz Afrodeutscher haben viele hierzulande noch nie etwas gehört. Die Mehrheit der Deutschen hat das so genannte Blutsrecht, das Menschen qua Abstammung eine Nationalität zuschreibt, so sehr verinnerlicht, dass sie sich gar nicht vorstellen können, es könne dunkelhäutige Leute »deutscher Abstammung« überhaupt geben. Daran konnte auch der Erfolg des Buches »Neger, Neger, Schornsteinfeger« des Afrodeutschen Hans Jürgen Massaquoi, der in Nazideutschland überleben konnte, wenig ändern.
Dabei reicht die Geschichte der Afrodeutschen zurück bis in die Kolonialzeit. Damals wurden in den kolonialisierten Ländern viele Kinder geboren, die eine schwarze Mutter und einen deutschen Vater hatten. Allerdings wurden diese Kinder nie nach Deutschland gebracht. Obgleich Untersuchungen an »Mischlingen«, die etwa der deutsche Anthropologe Eugen Fischer an den von ihm so genannten »Rehoboter Bastards« vornahm, zu keiner Aussage über die besondere Intelligenz oder körperliche Andersartigkeit der »Bastarde« kamen, behaupteten die Forscher, dass »viele Bastarde« gemessen an der »geistigen Leistungsfähigkeit« der »reinen Weißen« »minderwertig« (Fischer) seien.
Dieser angeblich wissenschaftlich begründete Rassismus prägte auch die Auseinandersetzung um die zirka 500 Kinder schwarzer französischer Besatzungssoldaten und deutscher Mütter im Rheinland. In den zwanziger Jahren sprach die deutsche Presse von der »schwarzen Schmach am Rhein«, und im Nationalsozialismus wurden die Kinder als »Untermenschen« betrachtet und grausamen medizinischen Experimenten unterworfen.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg Kinder von schwarzen Besatzungssoldaten geboren wurden, enthielten sich die Presse und die Behörden eines allzu offenen Rassismus. Unter dem Deckmantel der Fürsorge wurden die Kinder nun zu Objekten staatlicher Gängelung und Kontrolle.
Yara-Colette Lemke Munez de Faria widmet sich in ihrem soeben erschienenen Buch mit dem Titel »Zwischen Ausgrenzung und Fürsorge« den Kindern, die in einen postnazistischen Staat hineingeboren und von Anfang an als Problemfälle wahrgenommen wurden. Zugleich wollten bestimmte Kreise des offiziellen Deutschland gerade an diesen Kindern beweisen, dass der eliminatorische Rassismus des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik ein für allemal überwunden sei.
Die Kinder eigneten sich besonders für diese Entschuldungsrituale, da man über sie verfügen konnte und sie zudem geeignet waren, an das Mitgefühl und die Menschlichkeit des guten Deutschen zu appellieren. So wurden die Kinder in Zeitungscomics, in der Werbung und im Film als unschuldiger »süßer Fratz« dargestellt, womit immer auch die Botschaft transportiert wurde, dass es sich um bemitleidenswerte Kinder von charakterlosen Müttern handelte.
Nur wenigen Paaren gelang es, ihre Kinder zu legalisieren. Anders als bei den Söhnen und Töchtern von weißen Besatzungssoldaten, deren Mütter zwar keine Ansprüche gegen den Vater durchsetzen konnten, deren Eltern allerdings oft gestattet wurde, zu heiraten, war es schwarzen US-Soldaten beinahe ausnahmslos verboten, sich durch eine Eheschließung öffentlich zu ihrer Beziehung und zu ihrem Kind zu bekennen.
Die ersten Bilder von schwarzen Soldaten, die ein »deutsches Frollein« im Arm hielten, hatten vor allem in den Südstaaten der USA zu erheblichen Protesten geführt. Daher war es die gängige Praxis der US-Armeeführung, die schwarzen Soldaten zu versetzen oder auf andere Weise zu maßregeln, wenn sie ein Heiratsgesuch einreichten.
Der Nachwuchs schwarzer US-Amerikaner musste zumeist mit dem Stigma des unehelich geborenen Kindes leben, was sowohl für die Kinder als auch für deren Mütter weit reichende Folgen hatte. Nicht nur dass die Frauen bezichtigt wurden, sich der »Rassenschande« schuldig gemacht zu haben, und mit gesellschaftlicher Verachtung gestraft wurden, darüber hinaus wurden sie ihrer Kinder beraubt.
Die unehelichen Kinder unterstanden damals der Vormundschaft der Jugendämter, die nicht selten entschieden, dass es besser sei, das Kind zur Adoption in den USA freizugeben oder aber in geschlossenen Jugendheimen unterzubringen, damit es keinen Schaden nehme. »Geben Sie es in eine Einrichtung, in der es unbeschwert aufwachsen kann«, wurde einer Mutter vom Leiter eines Jugendamtes eindringlich empfohlen. »Sie wissen doch selbst, wie gehässig und gemein die Leute manchmal sein können. Glauben Sie mir, es ist für Sie und das Kind besser, wenn es weit weg von diesen Leuten kommt. Aus Ihrer Tochter kann nie etwas werden, wenn sie hier bleibt, in dieser Stadt. Vertrauen Sie mir! Es ist das Beste, und sie wollen doch das Beste für ihr Kind, Sie lieben es doch, oder nicht?«
Die Fürsorgeheime allerdings bereiteten die Kinder nicht auf ein Leben in Deutschland vor. Man ging davon aus, dass die Kinder nicht hierher gehörten. Albert Schweitzer, der die Idee solcher Heime generell unterstützte, schrieb in einem Brief an eine Heimleiterin: »Ich habe die Überzeugung, dass diese Kinder einmal in die Welt hinausziehen werden, wo sie eher heimisch werden können, als in der hiesigen Welt. Dies muss man bei der Erziehung berücksichtigen und sie darauf vorbereiten, indem man sie Französisch und Englisch von jung an lernen lässt.«
In dem Film »Toxi - die Geschichte eines Mulattenkindes«, der Anfang der fünfziger Jahre mit großem Erfolg in den Kinos gezeigt wurde, lernten die Deutschen dank des unbeschwerten »Mulattenkindes«, ihre Vorurteile zu überwinden. Danach wurden sie im Happy End erlöst, denn plötzlich tauchte Toxis schwarzer Vater auf, zu dem das Kind bislang keine Beziehung hatte, und holt es »nach Hause«. Die afrodeutschen Kinder in diesem Film singen immer wieder das Lied: »Ich möchte so gern nach Hause geh'n, ay-ay-ay. Die Heimat möchte ich wiederseh'n, ay-ay-ay. Wer hat mich lieb und nimmt mich mit? Ay-ay-ay.« Afrodeutsche, die nie das Ausland gesehen haben, so lernte man aus diesem schmalzigen Lied, haben eine andere, ihre eigentliche Heimat in den Genen.
Die Annahme, dass Afrodeutsche in hiesigen Breitengraden nicht leben könnten, erhielt selbstredend wissenschaftliche Unterstützung. Sie waren für viele Eugeniker, wie Lemke Munez de Faria es präzise benennt, »neue Studienobjekte«, nachdem ihnen Objekte aus KZs und Gefangenenlagern nun ja verwehrt waren.
Folglich machten sich über diese Kinder Anthropologen und Vermesser her, die Kinder wurden auf »Anomalien« untersucht, ihre Körper in 16 Leib- und elf Kopfmaße unterteilt, und der Anthropologe Rudolf Sieg kam schließlich zu einem Ergebnis, das in einem Satz seine gesamte wissenschaftliche Herangehensweise charakterisiert: »Irgendwie ungünstige Auswirkungen der Bastardisierung waren an unseren Mischlingskindern nicht feststellbar.« Dennoch empfahlen die Forscher, die Kinder zu isolieren. Sie knüpften unmittelbar an die Arbeiten von Anthropologen wie Eugen Fischer an.
Wenn die Kinder trotz Heimaufenthalten und erschwerten Bedingungen einen Schulabschluss in Deutschland erreicht hatten und nun, in den sechziger Jahren, eine Lehrstelle suchten, wurden sie oftmals erneut zu Opfern rassistischer Einstellungen.
Lemke Munez de Faria zitiert einen Friseur, der einen Bewerber mit den Worten ablehnte: »Wer will sich schon von dunklen Händen die Haare waschen lassen?« Und einen Ladenbesitzer, der wusste, dass er auf »seine Kundschaft Rücksicht« zu nehmen habe. Stattdessen wollte man die Afrodeutschen in andere Berufe drängen, die nach der Meinung der Behörden besser zu dunkelhäutigen Menschen passen, Berufe wie Artist, Musiker oder Liftboy.
Schließlich sah man noch eine weitere Gefahr, die von schwarzen Menschen ausging. Es wurde vermutet, dass Kinder dieser Mütter und dieser Väter besonders triebhaft seien bzw. so eingeschätzt würden und sie daher einen Angriff auf die »weiße Rasse« darstellten. Übergriffe der weißen Männer auf die afrodeutschen Mädchen wurden ebenfalls befürchtet.
Lemke Munez de Faria hat mit ihrem Buch einen Teil der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte rekonstruiert, der im kollektiven Bewusstsein keinen Platz hat. Sie zeigt, wie sehr das nationalsozialistische Denken im deutschen Kollektivbewusstsein verankert blieb, und dokumentiert andererseits, welche neuerlichen Diskriminierungen ein gutmeinendes Denken hervorbringt, das sich dem Rassismus entgegenstellt, ohne dessen gesellschaftliche Bedingtheit zu reflektieren.
Wie schon die Rezensionen des Buches »Neger, Neger, Schornsteinfeger« zeigten, wundert man sich bis heute im Feuilleton kaum darüber, dass Hans Jürgen Massaquoi in die USA emigrieren musste, um dort bei einer Zeitschrift für Schwarzenrechte, Ebony, Karriere machen zu können. Man hielt das offensichtlich für natürlich.
Yara-Colette Lemke Munez de Faria: »Zwischen Fürsorge und Ausgrenzung«. Metropol Verlag, Berlin 2002, 230 S.