Trauma-Symptome von Müttern
Im Laufe verschiedener Diskussionen mit Adoptierten habe ich manchmal die Behauptungen gehört:
„Meine Mutter lügt!“
„Meine Mutter verdrängt alles!“
„Meine Mutter will ihre (Mit-)Schuld nicht eingestehen!“
„Meine Mutter will über die Vergangenheit nicht reden!“
Jede Adoption ist für jede Mutter und jedes Kind ein traumatisierender Eingriff in ihr Leben, egal wie die Begleitumstände sind. Sind diese Umstände noch zusätzlich menschenverachtend und entwürdigend, verstärkt sich das Trauma um ein Vielfaches. Adoptierte, häufig auch Adoptiveltern und Adoptionsvermittler, die o.g. Aussagen treffen, verkennen meines Erachtens die traumatische Bedeutung von Adoption für Mütter, auch wenn diese (angeblich) "freiwillig unterschrieben“ haben.
In diesen „Verurteilungen“ wird häufig nicht berücksichtigt, dass dem Trauma „Adoption“ in vielen Fällen andere Traumen vorausgehen, welche die Mütter zusätzlich erleiden mussten. Seien es sich versagende Väter, Eltern, Verwandte, menschenunwürdige Behandlung durch die Jugendämter oder das sonstige soziale Umfeld. Die immer noch praktizierte autoritäre, teilweise misshandelnde und missbrauchende Erziehung in vielen Familien führt zu Vorschädigungen, die einige Frauen zu leichten Opfern von Don Juans und Adoptionsheilsversprechern werden lässt.
Da den meisten Müttern nach der Adoption durch gesellschaftliche Verachtung der Mund verschlossen wird, haben sie kaum Gelegenheit, durch offene Trauer ihren Verlust zu verarbeiten. Auf Mitgefühl und Trost brauchen sie nicht zu hoffen. Haben sie die Scheinwelt der Adoptionsvermittlungsstelle verlassen, begegnen ihnen Unverständnis, Vorwürfe, Abwertungen, Demütigungen, Abscheu. Viele Mütter verinnerlichen diese Urteile, für sie beginnt die Spirale des Schweigens der Verdrängung, der Depressionen und der psychosomatischen Beschwerden.
Nachstehend zwei Auszüge aus dem Buch „Trauma-Heilung“ über die Ursachen dieser Spirale.
Auszug aus dem Buch „Trauma-Heilung“ von Peter A. Levine
Aus: Die Realität eines traumatisierten Menschen
S. 166 - Leugnen
Viele Traumaopfer haben sich mit ihren Symptomen mehr oder weniger abgefunden. Sie leben in einem Zustand der Resignation und versuchen gar nicht mehr, den Weg zu einer normalen, gesünderen Lebensweise zu finden. Leugnen und Amnesie spielen eine wichtige Rolle bei der Verstärkung dieses Zustandes. Obgleich wir jene Menschen, die leugnen, dass sie traumatisiert worden sind (indem sie behaupten, eigentlich sei nichts Besonderes passiert), schnell verurteilen oder kritisieren, sollten wir doch bedenken, dass auch das Leugnen selbst ein Symptom ist. Leugnen und Amnesie können nicht durch willentliche Entscheidungen beeinflusst werden und sind auch keine Anzeichen für Charakterschwäche, Persönlichkeitsstörungen oder absichtliche Unehrlichkeit. Das dysfunktionale Verhaltensmuster ist Teil unserer Physiologie. Zum Zeitpunkt des traumatischen Ereignisses hilft das Leugnen dem Opfer, seine Funktions- und Überlebensfähigkeit zu erhalten. Wird das Leugnen jedoch chronisch, kommt es zu einem Traumasymptom.
Die Auswirkungen des Leugnens oder der Amnesie zu beseitigen erfordert viel Mut. Die dabei freiwerdende Energiemenge kann ungeheuer groß sein und sollte weder herabgespielt noch unterschätzt werden. Der Versuch die Haltung des Leugnens aufzulösen, ist für Traumatisierte von großer Bedeutung.
S. 168 - Was Traumaüberlebende erwarten
Das junge Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht wird, erstarrt in seinem Bett, weil es dem Schrecken und der Scham, die mit dieser Erfahrung verbunden sind, nicht durch Weglaufen entkommen kann. Da eine aktive Flucht nicht möglich ist, verändern sich die Reaktionen des Kindes auf normale Reize, und es empfindet keine Neugier und Offenheit mehr. Die Aktivitäten des Mädchens werden eingeschränkt und erstarren in Angst. Das Geräusch von Schritten, auf die ein „normales“ Kind mit positiver Erwartung reagiert, löst bei dem missbrauchten Kind Erschrecken aus.
Findet der Inzest immer noch statt, reagiert das Kind mit einer habituellen Erstarrung. Bei Kindern, die bedroht werden, wird die Immobilität jedoch zu einem Traumasymptom. Die Kinder werden dann sowohl psychisch wie physisch zu Opfern, und diese Haltung begleitet sie durch ihr ganzes Leben. Sie sind nicht in der Lage, die Immobilität völlig hinter sich zu lassen und sich die Möglichkeit einer aktiven Flucht wieder zu erschließen, ganz gleich, in welcher Situation sie sich befinden mögen. Ihre Identifikation mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und der Scham wird so stark, dass sie nicht mehr über die Ressourcen verfügen, die sie zur Verteidigung brauchen, wenn sie angegriffen oder unter Druck gesetzt werden.
Alle Menschen, die sich wiederholt als machtlos erleben, entwickeln eine Identifikation mit Zuständen der Angst und Hilflosigkeit. Sie treffen die „Entscheidung“, dass sie hilflos sind, und „beweisen“ sich selbst und anderen immer wieder, dass diese Opferrolle ihnen absolut angemessen ist. Sie geben den Gefühlen der Hilflosigkeit auch in Situationen nach, die sie durchaus meistern könnten. Manchmal versuchen sie sogar, das, was sie an sich selbst nicht mögen, zu widerlegen, indem sie absichtlich Gefahr provozieren (counter-phobic reaction). Sie verhalten sich wie Opfer und werden dadurch auch tatsächlich immer wieder zu Opfern.
Berufsverbrecher sagen, dass sie ihre Opfer aufgrund der Körpersprache aussuchen. Aus Erfahrungen wissen sie, dass sich bestimmte Menschen nicht so gut wehren können wie andere. Sie halten Ausschau nach verräterischen Signalen, die sie in den steifen, unkoordinierten Bewegungen und im desorientierten Verhalten ihrer potentiellen Opfer finden.