Mein Leben …
… ich werde mal etwas weiter ausholen, denn ich denke auch meine Kindheit hat viel mit dem zu tun, wie mein Leben ist, war und weiter laufen wird!
Ich bin im Nov. 1963 als Wunschkind in Berlin zur Welt gekommen. Ich habe eine Halbschwester, sie ist 5 Jahre älter als ich. Sie musste bereits sehr früh auf mich aufpassen und somit Verantwortung für ihre kleine Schwester übernehmen. An meine Kindheit erinnere ich mich kaum. Eigentlich fängt die Erinnerung erst irgendwann in der Grundschule (ca. 4. Klasse) an. Da fingen auch die ersten "Schwierigkeiten" mit mir an. Ich war sehr labil, verspielt, angriffslustig und nicht immer verträglich im Umgang mit anderen Kindern ... Ich habe oft Mitschüler geschlagen. Ach, da fällt mir gleich eine Sache ein, sie muss passiert sein als ich ca. 4 Jahre alt war. Ich bin durch lautes Geschrei meiner Eltern wach geworden. Meine Schwester und ich liefen in die Küche, wo das Geschrei her kam. Meine Mutter weinte und mein Vater war dabei das gesamte Geschirr aus dem Schrank zu schlagen, er wollte den Wohnungsschlüssel um das Haus zu verlassen, er war betrunken.

Es gab viele Zwischenfälle dieser Art, auch zum Anwalt habe ich meine Mutter einmal begleitet. Ich hatte gerade angefangen Lesen zu lernen. Ich werde nie vergessen, wie sie mir das Wort RECHTSANWALT, dass ich schon gut "lesen" konnte, erklärt hat. "Da gehen Leute hin wie ich jetzt, die sich nicht mehr mit ihren Männern verstehen...und mit ihren Kindern alleine leben wollen. Ich dachte damals nur HÄ??? Ich wollte doch gar nicht alleine mit ihr leben. Mein Papa ist doch mein Papa. Ich habe solange auf sie eingeschrieen und gehauen weil ich da nicht rein wollte, bis wir bereits im Treppenhaus umdrehten! Vielleicht sind meine Eltern deshalb noch heute "glücklich" verheiratet.
Jede Erinnerung an meine Kindheit, Jugend und Schulzeit ist mit den Spuren von Alkoholismus und Gestreite meiner Eltern gepflastert. Oft haben meine Schwester und ich Schläge bekommen... eine Tatsache die sie beide heute nicht mehr wahr haben wollen! Ich wurde einmal so blau gedroschen, dass mein Klassenlehrer (5.Klasse) mich nach Hause begleitete und meinen Eltern klar machte, dass das Körperverletzung ist. Wenn es noch Mal vorkommen würde, ginge er zum Jugendamt.
Ein Jahr war wie das andere, mal mehr Streit mal weniger. Ich ging meinen Weg schon recht früh alleine. Meine Eltern waren selbstständig, so dass wir ständig alleine waren. Es sei denn einer hatte Scheiße gebaut, der bekam dann Stubenarrest, in Form von auf der Arbeitsstelle meiner Eltern hocken ... von nach der Schule bis 20Uhr!
Mit 13 Jahren fing ich an zu kiffen, mit 15 die ersten LSD-Trips. Das Leben mit den ersten Anzeichen vom "Erwachsen werden", gab mir mit Drogen mehr Sinn. Noch während meiner Ausbildungszeit zog ich von zu Hause aus. Meine Schwester verlies unser "trautes Nest" bereits mit 16 Jahren. Sie hielt den Stress und die Schläge meines Vaters nicht länger aus und zog zu ihrem Freund. Eine Entscheidung die ihr bis heute nicht leid tut und die sie sehr weit gebracht hat. Sie hat kaum noch Kontakt zu unseren Eltern und einen Sohn, er ist 15 Jahre alt, so alt wie meine jüngste Tochter.
Mit 19 Jahren lernte ich den Vater meiner ersten Tochter kennen. Auch er natürlich ein "Drogist". Mit 22 Jahren wurde ich schwanger, es war mein größter Wunsch Mutter zu werden! Da mir bewusst war, dass ich ein Kind unter meinem Herz trug, habe ich keinerlei Drogen genommen. Nicht in, nach oder während der Schwangerschaft oder der Stillzeit!!! Als meine Tochter 3 Monate alt war, trennten ihr Vater und ich uns. Er war sehr oft arbeitslos, trank und kiffte nur noch. Die Schulden stiegen uns über den Kopf. Er hatte auch nach der Trennung ständigen Kontakt zu unserer Tochter.
Schnell merkte ich, dass es sehr schwer ist alleine da zu stehen. Ich fing wieder an zu kiffen, ab und zu auch ein wenig Kokain. Als meine Tochter 6 Monate alt war lernte ich meinen damaligen Gatten kennen. Ein Kellner, auch er nicht ganz "gesund", was die Einstellungen zum Alkohol anging. Nach 2 1/2 Jahren war ich wieder schwanger. Ein Kind das von mir und auch ihm gewollt war! Auch hier wieder eine totale Cleanphase bei mir. Wir lebten in einer 2-Zimmerwohnung und arbeiteten beide. Ein Kind war im Kindergarten und die Zweitgeborene bei einer Tagesmutter. Mein Mann schlug mich oft. Die Kinder waren schon 5 und 2 Jahre alt und haben eine Menge mitbekommen ... das weiß ich heute, denn sie sprechen mit mir darüber.
Als ich das dritte Mal schwanger wurde, das war 1991 war eigentlich schon klar, dass wir uns trennen werden. Er wollte einen Schwangerschaftsabbruch. Einen Abbruch hätte und würde ich NIEMALS machen!!! Im großen und ganzen hatte ich ja eine gute Familie und den ein oder anderen Streit hatten doch meine Eltern auch immer gehabt... ich Dummkopf!
Wir rafften uns noch ein letztes Mal zusammen. Wir zogen in eine 3 1/2 Zimmer-Wohnung, meine erste Tochter wurde eingeschult und mein Gatte "soff " sich durchs Leben. Er hatte eine Freundin und kam oft nächtelang nicht nach Hause. Im Aug. 1992 habe ich mein drittes Mädchen entbunden. Die Schwangerschaft war viel schwerer als bei den beiden anderen. Ich hatte ständig Streit mit ihm. Ich übertrug sie 2 Wochen ... sie hatte die Nabelschnur um den Hals und wollte deshalb nicht kommen, sagte die Hebamme damals, die sie davon befreite.
Mit dem dritten Kind ging alles rasend schnell. Mein damaliger Mann war fest davon überzeugt, dass das Kind nicht von ihm sei. Sie hätte weder Ähnlichkeit mit seiner ersten Tochter noch mit mir oder ihm - und überhaupt hatte er sie sowieso nie "haben" wollen. Er zog aus als die Kleinste 5 Monate alt war. Ich reichte sofort die Scheidung ein. Dann begann ein Kreislauf von Verzweiflung, Einsamkeit, Geldnot und Sehnsucht. Ich muss dazu sagen, dass ich während und nach der Trennung immer für die Kinder da war. Jede Vorsorgeuntersuchung wurde gemacht, sie waren gestriegelt, gingen mit mir zu Geburtstagen, auf Kinderfeste, bekamen regelmäßig Essen ... also keinerlei Vernachlässigung. Ich war sowohl beim Jugendamt als auch bei mir in der Familie als absolut 100% Mutter bekannt. Nur in meine Psyche konnte keiner rein schauen. Das Jugendamt wusste von den ehelichen Problemen durch Nachbarn Bescheid. Es gab den ein oder anderen Termin zwecks Familienberatung, kurz gesagt unser Name war bekannt.
Ich hatte keine Arbeit, die Kleinste bekam starke Neurodermitis (damals noch nicht als solche erkannt), sie schlief kaum eine Nacht durch, hatte Hautausschlag und Durchfall von den Medikamenten. Meine "Große" hatte Probleme in der Schule. Die Trennung hinterlies ihre Spuren. Schulden, Arzttermine, Jugendamttermine ... Streit mit meinen Eltern, immer noch! Ich versuchte eine Mutter-Kindkur zu beantragen, eine Haushaltspflege oder irgendwas zu bekommen. Da zeigte sich, dass das JA keine Ahnung hatte von dem was in mir abging. Sie waren der Meinung dass ich alles gut gemacht habe, dass ich in einer momentanen Krise stecken würde und das schon schaffen würde. Es gebe ganz andere Familiensituationen. An manchen Tagen wollte ich aus dem Fenster springen, auch das wusste die gute Frau vom Amt. Ich schlief kaum noch und bekam Depressionen. Ging tagelang nicht mehr aus dem Haus, ausser die Kinder in Schule, Kindergarten bringen - und, ich nahm wieder Drogen. Es kam eine Rechnung nach der anderen. Wir hatten seiner Zeit einen Kredit aufgenommen. Da mein Ex da gerade keine Arbeit hatte, habe ich voll gehaftet. Ich hatte die neue Anschrift von ihm nicht, denn er wollte nicht mehr von mir "belästigt" werden. Wenn er SEINE Tochter abholte dann stand er unten und ich lies sie zu ihm, wir hatten einfach nichts mehr zu sagen/reden. Ich habe 5 Monate so vor mich her gelebt. Erst als meine Eltern nach langem Betteln, die beiden Großen zu sich nahmen, damit ich mal abschalten kann, flog ich in die Ferne. Die Kleine blieb bei einer Freundin ...
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Oh man, wenn ich das jetzt so aufschreibe, muss ich da schon nen vollen "SCHUSS" gehabt haben, ohne es zu merken. Ich hätte im Normalfall keines meiner Kinder bei ner Freundin gelassen, ich war wirklich die Überglucke!!
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Eine andere Freundin hatte mich eingeladen mit ihr in die Türkei zu fliegen. Meine Eltern dachten, dass ich nach dem Urlaub wieder voll einsatzfähig bin! Ich flog und lernte einen Mann kennen, einen Heroinjunkie (das wusste ich erst, als es zu spät war). Dass mein Zustand nicht der richtige war zum "in den Urlaub fahren", weiß ich heute!!! Meine Depressionen wurden schlimmer und ich rauchte bereits in der Türkei das erste Mal Heroin.
Zurück in Berlin wurde alles nur noch schlimmer. Ich hatte die gleiche Geldnot wie vorher. Meine Kinder erschienen mir nervöser als sonst und sprachen nur noch davon zu Omi bzw. ihren Vätern zu wollen. Mein Konsum, nun auch Heroin wurde Routine. Wiedermal ging ich zum JA, welches übrigens nix von meiner Sucht wusste. Ich dachte, wenn ich jetzt irgendeinem erzähle, dass ich Drogen nehme, würden sie mir die Kinder wegnehmen und das wollte ich NICHT! Ich weiß eigentlich nicht was ich wirklich wollte. Ich weiß nur, dass ich meine Kinder in Gefahr sah. Und das sehe ich noch heute so!!!
Schnell hatte ich keine Freunde mehr, denn mit Heroin hatte niemand was zu tun. Ich zahlte keine Miete, keinen Strom ect. Meine Eltern holten die älteste (damals 6 Jahre) zu sich. Die mittlere lebte vorerst bei ihrem Vater und dessen Lebensgefährtin. Er wollte auf keinen Fall das SEINE Kinder zu meinen Eltern kommen. Mit der kleinen, dachten sich alle, werde ich es schon schaffen (da war sie 11 Monate alt). Es wusste ja noch immer keiner von meiner Sucht. Alle dachten es handelt sich wohl nur um eine gerade schwierige Situation in der ich mich befand. Erst meine Schwester hat bemerkt was mit mir los ist!!! Sie hat mir zu der Adoption von meiner jetzigen A-Tochter geraten. Sie fragte ob ich wirklich wolle, dass ein Kind in dem Alter das durchmachen müsse, was wir selber bei unseren Eltern erlebt haben ... das die Große zu meinen Eltern kam war ein Wunsch von ihr, sie bekam ja da immer "alles"... Das JA konnte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr für mich tun. Ich ging zur Caritas. Ich schilderte meine Lebenssituation, sagte aber auch dort nichts von meiner Sucht. Die Wohnung wurde mir bereits gekündigt, da ich keine Miete mehr bezahlte.

Nun ging es noch schneller! In der Caritas-Stelle fragten sie mich, ob ich eine Vorstellung hätte, zu welchen Eltern ich meine Tochter gerne "vermitteln" lassen würde (also Beruf, Westdeutschland, Umland und ob ich mir Geschwister für sie wünschen würde). Und sie sagten, dass meine Entscheidung die richtige wäre, denn was könne ich ihr denn bieten? Alles erschien mir so "normal" in dieser ganzen Abnormalität meines Lebens. Mein Noch-Ehemann wurde zu einem Gespräch gebeten. Er war natürlich einverstanden, denn er wollte sie ja noch nie!!!
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...oh verdammt, es tut noch immer so weh!!! Ich sitze hier und heule, warum gibt es verdammt noch mal keine Selbsthilfe-Gruppe in die ich mich flüchten kann. Ich habe noch nie etwas in der Art niedergeschrieben.
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Ich entschied mich dafür, sie nicht in Berlin aufwachsen zu lassen. Zum einen weil ich noch heute der Meinung bin, dass Berlin zu viele "Fallen" für Heranwachsende hat und auch weil eine Großstadt eh zu "verführerisch" sein kann. Ich dachte an einen Bauernhof, eine idyllische Stille und Eltern die diesem Kind alles geben können, eben das was ich nie geben konnte. Und natürlich wären Geschwister schön, denn sie hat doch welche. Auf diese Wünsche waren sie wohl vorbereitet! Zwei Tage später bekam ich einen Anruf, ob ich ein Ehepaar kennen lernen möchte. Ich wollte! Sie waren nett ... ob ich das überhaupt noch kritisch genug betrachten konnte ist mir heute ein Rätsel! Nach einer weiteren Woche mit Kontakt, in Form von stündlichen Ausflügen und einer Übernachtung im Hotel mit den A-Eltern, haben ich sie genau an ihrem 1. Geburtstag "übergeben".
Oh Gott, mein Kind...ich liebe Dich!!!
Was dann mit mir passierte kann ich leider nicht mehr wirklich wiedergeben, mir fehlt die Erinnerung. Ich zog nach Hannover zu dem "Junkie" und suchte meinen Frieden im Heroin...ein Traum aus dem ich erst nach 8 Jahren Sucht wieder erwachen sollte!
Ich denke der Rest würde nur noch meine Person betreffen und um die geht es ja nicht. Was ich vielleicht noch erwähnen sollte ist, dass auch meine mittlere Tochter zu meinen Eltern kam. Der Vater war überfordert und ein zweites Kind abzugeben wäre sicher mein Tod gewesen. Beide Kinder blieben bei meinen Eltern, bis ich gesund war ... ich bin seit 7 Jahren clean. Sie haben zwei Jahre bei mir gelebt, die Pubertät der einen durfte ich also noch miterleben ;-) Heute haben beide ihre eigene Wohnung und ich würde mal sagen, einen guten Kontakt zu mir.
Susanne
mit den Farben
meiner tiefen Liebe
streichle ich
deinen Namen
in die Weite der
Dunkelheit