Standardisiertes Vorgehen der Jugendämter
Während unseres Austausches bei unserem ersten Herkunftsmüttertreffen am vergangenen Wochenende wurden unter anderem die Parallelen in der Vorgehensweise der JÄ von damals mehr als deutlich.
Es wurden ganz bewusst von gesprächsführungsgeschulten Vermittlern genau die „Knöpfe“ der jeweils Not leidenden Schwangeren „gedrückt“, um an das Baby zu kommen. Schließlich stand/steht ja die große Lobby der Adoptionsbewerber Schlange, die eine „behütete“ Kindheit garantierten.
Zu dem wurden wir entweder kaum beraten, und wenn dann von den Vermittlern selbst und nicht, wie es notwendig (im wörtlichen Sinne gemeint: eine Not wendend!) gewesen wäre, von einer unabhängigen psychologischen Fachkraft.
Meine Geschichte weicht vielleicht etwas von üblicheren Ausgangspositionen ab, aber nur etwas, das Prinzip ist das Gleiche:
Ich befand mich nicht in einer wirtschaftlichen Notlage, ich war mit dem Vater des Kindes verheiratet, auch wenn er anzweifelte, dass es sein Sohn sei. Er hat mich dennoch im 5. Monat geehelicht, damit das Kind wenigstens nicht unehelich werde.
Der Vater hatte eine sehr gute Stelle und auch ich arbeitete wieder.
Die Vorgeschichte war es, die meine Not verursachte. Zu dieser Zeit hatte ich mich gerade mühsam von meiner eigenen leiblichen Familie abgenabelt, auch indem ich genau diesen Partner gewählt hatte.
Meine Kindheit war geprägt von einer vielschichtig komplizierten Partnerschaft meiner Eltern, von außen betrachtet ein typisches Opfer-Täter-Verhältnis. Mein Vater lebte ganz und gar für seine Karriere, meine Mutter versuchte die Familie zusammen zu halten. Mein Vater war krankhaft eifersüchtig, meine Mutter sehr attraktiv, aber mit wenig Selbstwertgefühl ausgestattet. Also fanden regelmäßige Eskalationen statt, die ich als die Ältere von zwei Schwestern bereits ab dem Alter von 5 Jahren versucht hatte abzufedern.
So gesehen kann ich meine Kindheit keinesfalls als „normale“ und schon gar nicht als unbeschwert bezeichnen. Ich trug schon immer zu viel Verantwortung.
Es war Frühjahr 1983 und ich hatte zwei Jahre lang für meinen Studienplatz gekämpft, welchen ich genau in diesem Sommersemester angetreten hatte. Trotz Spirale wurde ich schwanger.
Abtreibung kam für mich persönlich nicht in Frage, weil ich Kinder über alles liebe.
Dieser Mann, mein damaliger Partner war es, der mir „half“, mich mühsam aus meinem bisherigen Familiensystem zu lösen. Er tat es, indem er die Rolle meiner Mutter hinterfragte und mich dadurch auf den Weg brachte, meine eigene Position zu suchen, meine Situation als autonom werdender Mensch.
Natürlich schlugen meine Eltern mir vor, bei Ihnen zu bleiben, sie würden sich um das Kind kümmern, während ich studieren könne.
Genau diese Variante war für mich aus oben genannten Gründen undenkbar.
Einziger Weg für mich war, das Studium abzubrechen und mit dem Mann, der mir zwar einerseits ermöglichte, die bisher in meinem Leben herrschenden Strukturen aufzulösen, mich aber gleichzeitig genau so entwürdigend behandelte wie mein Vater meine Mutter während unserer Kindheit, 600 km weit weg zu ziehen und „meine eigene Familie“ aufzubauen. Die Rolle meines damaligen Mannes hatte ich zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich noch nicht durchschaut, das geschah während meiner Schwangerschaft, nach und nach.
Heute weiß ich, dass seine Rolle unabdingbar notwendig war, um mich endgültig aus solcherlei kaputten Systemen zu verabschieden, zunächst indem ich sie durch seine „Spiegelung“ lernte zu durchschauen.

In der neuen Heimat hätte alles wunderbar laufen können, wenn die Beziehung zwischen uns nicht immer aussichtsloser wurde, je weiter meine Schwangerschaft voranschritt.
Im 8. Monat wachte ich eines Morgens mit dem Gedanken an Adoption auf. Es war ein Sonntag. Ich hatte mich mit diesem Thema zu diesem Zeitpunkt noch niemals auseinandergesetzt, es war mir, als wäre es vom Himmel gefallen. Ich erzählte meinem Mann davon, welcher entgegnete „Na, wenn Du meinst, dann mach doch!“.
Ich weinte den ganzen Tag, weil ich den Gedanken so grausam fand und er mich dennoch nicht los ließ.
Ich beschloss am nächsten Tag zum Jugendamt zu gehen und meinen Gedanken vorzutragen, mit der naiven Hoffnung dort Hilfe zu bekommen und zwar zunächst einmal für mich persönlich. Nicht nur das, ich öffnete mich in diesem Moment dem Schicksal, meinem Bauchgefühl und hoffte inniglich auf die „richtige“ Antwort für mich und mein Kind.
Nachdem ich meine Geschichte sehr ausführlich geschildert hatte, wurde mir in blühenden Farben davon berichtet, wie kompetent und erlesen die künftigen A-Eltern seien, dass es Wartelisten gebe und dass dadurch die Möglichkeit bestünde, ganz gezielt die „passenden“ Eltern für mein Baby auszuwählen.
Wohlgemerkt hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung über die Praktiken der JÄ, schlimmer noch, ich befürchtete vor meinem Besuch beim JA sogar, mein Kind könne ins Heim kommen und das hätte ich in keinem Fall zugelassen.
Die Jugendamtsmitarbeiter, immer zu zweit, ein Mann, eine Frau kümmerten sich also rührend um meine Situation, zumindest vermittelten sie mir dieses Gefühl.
In Gesprächsführung sind die Sozialpädagogen routiniert und noch dazu in Bezug auf Lebens- und Berufserfahrung waren sie mir als 21-jähriger bei weitem überlegen.
Also fand die „Beratung“ von mir auf jeden Fall eingleisig statt. Insofern trafen sie mich an genau der richtigen Stelle, sie erfragten keinerlei Alternativen, schlugen auch ihrerseits keine vor, sondern bestärkten mich auf dem Weg der nach ihren Worten und meinen naiven Vorstellungen verantwortungsbewussten Entscheidung, mich von meinem Kind zu trennen.
Ich wirkte damals sehr stark und reflektiert, obwohl es mich innerlich fast zerriss, ich hätte dringend psychologische Begleitung gebraucht, irgend jemanden, der sich um mich als Person kümmerte, aber auch diese wurde mir zu keiner Zeit angeboten. Gerade auf Grund meiner hochkomplexen Vorgeschichte, hatte ich mich nach erstmaligem Verständnis meiner Person gegenüber gesehnt, doch dieses war weit und breit nicht in Sicht.
Im Gegenteil, ich wurde erneut für die Belange und Interessen von anderen Menschen benutzt. Mein Verantwortungsbewusstsein kehrte sich, wie ich es ja auch gewöhnt war eindeutig gegen mich, weil ich auch in dieser Situation für alle Anderen sorgte, nur nicht für mich: Einsamkeit und Verlorensein in Reinkultur.
Mit meiner Unterschrift war ich buchstäblich von der Bildfläche verschwunden, ich hatte meine Pflicht erfüllt und quälte mich 21 lange Jahre mit diesem unbeschreiblichen Verlust meines ersten Sohnes.
Ich zog alleine in die nächste Stadt, der Winter danach war meine persönliche Hölle, ich habe ihn nur knapp überlebt.
Jetzt vollziehe ich einen Zeitsprung, um meinen heutigen Standpunkt zu verdeutlichen: Nachdem ich bereits ein dreiviertel Jahr nach eigener Suche intensivsten Kontakt zu meinem heute 22-jährigen Sohn hatte, fuhren wir gemeinsam in die Vergangenheit, er zeigte mir die Schauplätze seiner Kindheit und ich ihm das Haus, in dem ich ihn in mir trug. Als wir von dort losfuhren, traf es mich wie ein Blitz:
Mir wurde auf einmal klar, dass ich damals sehr wohl ein optimales Umfeld unabhängig von meinem Mann bereits aufgebaut hatte. Ich wohnte in einem ehemaligen Bauernhaus mit noch zwei weiteren Familien zusammen, die schon damals unsere Problematik erkannt hatten. Die Mutter einer drei-jährigen Tochter, Hausfrau bot mir sogar an, sich um mein Baby zu kümmern, während ich mein Studium erneut hätte aufnehmen können. Außerdem hatte ich ja bereits wieder eine Arbeitsstelle, so dass ich mich und mein Kind ohne weiteres mit wenig staatlicher Unterstützung hätte ernähren und versorgen können.

Das wäre tatsächlich die Alternative gewesen, hätte mich nur jemand dabei unterstützt und nachgefragt. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt niemandem zur „Last“ fallen, aber es wäre durchaus dieses große Ganze machbar gewesen, wenn das JA bei der Beratung auch andere Wege als Adoption wenigstens mit mir erörtert hätte und wenn ich die Folgen von Adoption für mich und mein Kind auch nur annähernd hätte voraussehen können.
Ich weiß, ich spreche im Moment ausschließlich im Konjunktiv, aber genau da liegt oft das eigentliche Dilemma im Adoptionsverfahren!!!
Ich beklage mich heute nicht, ich habe einen ganz wundervollen zweiten Sohn 9 Jahre später geboren, den ich natürlich nicht mehr missen möchte, aber ich bin der Überzeugung, dass das übliche Verfahren in dieser Zeit und, ich fürchte auch noch heute, unmenschlich gegenüber den meisten Herkunftsmüttern ist.
…und damit auch gleichzeitig mit unseren Kindern, denn die fortgesetzte Tabuisierung der tatsächlichen Auswirkungen von Adoptionen bedeutet letztendlich niemandem gerecht werden zu können, sondern im Gegenteil, oft großen Schaden bei allen Beteiligten anzurichten!!!
Mai 2006
Martha