Sozialisation der Geschlechtsrolle

 

 

Aus: „Tödliche Lehre“ von Wendell W. Watters – 1992

 

Menschen sind die Urheber von Gesellschaften, die wiederum Haltungen und Verhalten pflegen und begünstigen, die sich als zweckmäßig für die Aufgabe der Gesellschaftsgestaltung herausstellen. Unglücklicherweise sind die Charakteristiken, die angemessen für die Aufgabe sind, eine Gesellschaft zu bilden, nicht notwendigerweise die, die in späteren Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung richtig sind. Die nordamerikanische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts ist ein Produkt des europäischen Expansionsdrangs des 19. Jahrhunderts, eines Prozesses, der durch die erbarmungslose Pro-Leben-Haltung und –Politik angeheizt wurde; diese demographische Aggression führte zu militärischer Aggression, die wiederum dazu führte, dass der Kontinent mit weißen Europäern bevölkert war, bevor sich das Jahrhundert dem Ende näherte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer Gesellschaft, die einer solchen Expansion verhaftet ist, hat man bestimmte Erwartungen an die Individuen, das heißt, von ihnen wird erwartet, dass sie bestimmte Rollen spielen, viele davon stehen in direktem Zusammenhang mit ihrem Geschlecht. Geschlechtsrollen können sehr starr festgelegt sein, mit festen Grenzen zwischen denen, die Männern und denen, die Frauen zugeordnet sind; je starrer die Grenzen, um so mehr Druck wird auf die Individuen ausgeübt, sich entsprechend ihren Rollen zu verhalten. Dies war die Situation während der Aufbauphase von Nordamerika; erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben wir gesehen, dass sich die Geschlechtsrollen für Frauen und Männer verändern. Larry Feldman, ein Forscher für Familienstudien, hat die Literatur auf traditionelle Geschlechtsrollen und ihre Auswirkung auf die Familien hin untersucht.

 

Ihm zufolge erwartet man von Frauen in unserer Gesellschaft, dass sie folgendermaßen sind:

 

 

Männer waren im Gegensatz dazu:

 

 

Es ist offensichtlich, dass die den Frauen zugeschriebenen Charakteristiken diejenigen sind, die für die Aufgaben des Kindergebärens, des Haushaltens und für die emotionale Seite der Mann/Frau-Beziehung richtig sind; während den Männern solche Eigenschaften zugeordnet sind, die man braucht, um Kriege zu führen, jemanden auf dem Marktplatz umzubringen, nach Hause zurückzukehren, um sich von der fürsorglichen Partnerin die Wunden behandeln zu lassen und sie bei jedem Besuch zu schwängern. Dies sind die angemessenen Geschlechtsrollen in einer den einzelnen zu einem bestimmten Verhalten nötigenden menschlichen Gesellschaft mit einer Pro-Leben-Haltung.

Diese traditionellen Rollen sind als Hauptfaktoren für ehelichen Stress aufgezeigt worden. Feldman kam nach seiner Auswertung zu folgender Schlussfolgerung: „Die Konditionierung der Geschlechtsrollen erzeugt eine Anzahl von zu Funktionsstörungen führenden Einflüssen auf das Ehe- und Familienleben; und diese männlichen und weiblichen Geschlechtsrollen beeinflussen sich in einer sich gegenseitig verstärkenden Art, welche die psychologische Entwicklung jedes Familienmitgliedes behindert.“

 

Wir müssen hier untersuchen, wie die Sozialisation der Geschlechtsrollen zu Problemen bei Paaren beiträgt. Wie wir in Kapitel 3 sahen, kommt Selbstachtung aus zwei Quellen: Der Art und Menge der liebevollen Zuwendung, die ein Kind in den ersten Lebensjahren erhält, und der Art, wie versorgende Erwachsene die Versuche des Kindes erleichtern, selbständig zu werden. Wir wiesen darauf hin, dass letzteres durch die christliche Doktrin aktiv entmutigt wird; uns wird gelehrt, unser Vertrauen in Gott zu setzen, nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten und auf die von anderen Menschen zu bauen. Wenn einem Kind das Gefühl der Selbständigkeit erleichtert wird, wird er oder sie aufwachsen und ständig die Männern und Frauen zugeordneten Geschlechterrollen bewerten, ihnen entsprechen, wo sie für die Selbstentwicklung relevant sind, aber die Aspekte verwerfen, die der Entwicklung des Gefühls der Kompetenz und der Selbstachtung entgegenlaufen. Wenn gesellschaftliche und religiöse Einflüsse aktiv diesen Prozess beeinträchtigen, wird die Entwicklung des Egos behindert und das Kind fällt unvermeidlich au die vorgeschriebenen Geschlechtsrollen zurück.

 

Wenn die Zeit herankommt, in der man versucht, eine heterosexuelle Beziehung einzugehen, versagen solche Individuen, deren Gefühle der Kompetenz durch familiäre und religiöse Einflüsse durchkreuzt wurden, und die deshalb in die vorgeschriebenen Geschlechtsrollen zurückfallen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Der Mann, der der traditionellen Geschlechtsrolle entspricht – wodurch er viel von seinem Potential als Mensch verliert -, wird Schwierigkeiten haben, eine Beziehung mit seiner Partnerin als einem mit den Sinnen wahrgenommenen Wesen einzugehen. Seine Neigung, sich mit ihr gemäß den Charakteristiken, die Frauen in traditionellen Geschlechtsrollen zugeteilt sind, auseinanderzusetzen, wird sicherlich zu Beziehungsproblemen beitragen.

 

Ein besonderes Problem besteht für Paare, wenn eine Frau nach der Heirat psychologisch weiter wächst, auf eine Art, die die ihr zugeschriebene Geschlechtsrolle herausfordert. Wenn ihr Partner auf eine traditionelle Männerrolle festgelegt ist und er keine Anzeichen für eine Neigung zeigt, diese herauszufordern, wird er negativ auf den Versuch seiner Frau, sich selbst zu verwirklichen, reagieren. Wenn sie zum Beispiel den Wunsch hat, ihr Universitätsstudium abzuschließen, könnte er dies als Unzufriedenheit mit ihm als Gatten und ihrer Rolle als Mutter deuten.

 

Auf den ersten Blick erscheint es etwas unfair, die christliche Kirche für die starren, destruktiven Geschlechtsrollen verantwortlich zu machen, mit denen sich Frauen und Männer abmühen, um sich davon zu befreien. Haben wir nicht doch schon Pastorinnen in den protestantischen Kirchen, und gibt es nicht schon ein paar katholische Frauen, die im Vatikan Petitionen für gleiche Rechte einbringen?

 

 

 

            

 

 

 

 

Tatsache ist, dass wir der christlichen Kirche auf zwei Ebenen Schuld für den allgemeinen Zustand anlasten können. Jahrhunderte der Indoktrination in Hinblick auf Sexualität und Zeugung haben dazu beigetragen, diese Geschlechtsrollen auszubilden. Im 15. Jahrhundert brachte der Malleus Maleficarum die vorherrschenden christlichen Ideen über Männer und Frauen zum Ausdruck, und wegen seines lang anhaltenden Einflusses half er, diese Haltungen tief im westlichen Gewissen zu verwurzeln. Es wurde schon vorher festgestellt, dass Frauen eher Vertreter des Teufels würden, „eher bereit waren, den Einfluss des körperlosen Geistes zu empfangen“, „weil sie leichtgläubiger“, „für Eindrücke empfänglicher“ waren, „glattere Zungen“ hatten, „intellektuell wie Kinder“ waren, „fleischlicher“ als Männer waren, und ein „schlechtes Gedächtnis“ hatten. Es war alles ganz einfach: „Da (Frauen) körperlich und geistig schwächer sind, ist es nicht verwunderlich, dass sie eher unter den Bann der Hexerei kommen sollten.“ Männer andererseits waren völlig ohne diese Mängel: „Und gesegnet sei Gott in der Höhe, der die Männer vor so großem Verbrechen schützte: denn er war gewillt, für uns geboren zu werden und zu leiden, deshalb hat er den Männern dieses Privileg gewährt.“

 

Als die Vertreter Gottes hatten die Männer die Aufgabe, ihre Frauen so oft wie möglich zu schwängern. Von Frauen, obgleich sie als „schwächer an Geist und Körper“ beurteilt wurden, erwartete man, wiederholten Schwangerschaften zu widerstehen – ihre Strafe dafür, dass sie normale sexuelle Wesen waren.

 

 

 

 

 

 

Die Kirche war nicht nur dafür verantwortlich, die Grundlage für das explosionsartige europäische Bevölkerungswachstum gelegt zu haben, sondern die Kirche hat die Regierungen bei ihrer Politik der demographischen Aggression gegen ihre eigenen Menschen unterstützt. Die Church of England stand fest zu den britischen Regimen während des Zeitalters des viktorianischen Expansionismus, hinter Englands Antiabtreibungsgesetzen und der Schlacht gegen die Geburtenregelung. Viktorianische Pro-Leben-Haltungen bezüglich Sexualität wurden durch Kleriker stark unterstützt. In Nordamerika wurde Gott oft benutzt, um die fürchterlichsten Verbrechen gegen die „Heiden“, die nordamerikanischen Indianer, zu rechtfertigen. Papst Pius IX. leistete seinen Anteil im Jahre 1869, als er die bis dahin entspannte Haltung zur Abtreibung verschärfte. In Nazi-Deutschland verband sich die römisch-katholische Kirche mit Hitler bis zum bitteren Ende, trotz seiner oft harten Behandlung vieler seiner Mitkatholiken. Daher gibt es eine zwingende Verbindung zwischen den Geschlechtsrollen, wie sie von Analytikern herausgearbeitete wurden, von Feldman nochmals überprüft, und den Lehren der christlichen Kirche über Sexualität und Zeugung.

 

Es gibt jedoch Zeichen der Veränderung. Durch die feministische Bewegung reagierten Frauen zunehmend empfindlich auf die einengenden Auswirkungen dieser traditionellen Geschlechtsrollen, die es ihnen schwierig bis unmöglich machten, ihr ganzes menschliches Potential zu entwickeln. Männer andererseits scheinen weniger wahrzunehmen, in welchem Umfang ihre Sozialisation zu der Schwierigkeit beigetragen hat, Beziehungen zu Frauen aufzubauen, sowie zu ihrer Neigung, psychosomatische Krankheiten zu entwickeln.

 

Im wesentlichen hat diese Art demographischer „Sex-Ausbeutung“, der dem Pro-Leben-Sexualkodex eigen ist, die Männer und Frauen der westlichen christlichen Gesellschaft für viele andere Formen der Ausbeutung, wirtschaftlicher und zwischenmenschlicher Art, anfällig gemacht. Die daraus resultierende Entfremdung macht sie unfähig, genügend Verantwortung für diese Aspekte ihres Lebens zu übernehmen, um den manipulativen Strategien der Werbebranche und Pornohändler zu widerstehen. Die Entfremdung macht die Menschen der westlichen Gesellschaft für eine Menge sexueller- und Beziehungsprobleme anfällig.