Sexueller  Abfall

 

 

 

 

Merith Niehuss
„Zwischen Seifenkiste und Playmobil – illustrierte Kindheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ S. 110 ff.

 

Vorurteile

Die Adenauer-Ära ist durch den langsam einsetzenden Wohlstand gekennzeichnet, aber auch durch das traditionelle Familienbild, das die Gesellschaft für Jahrzehnte prägen sollte. Der Vater arbeitet, die Mutter ist zuhause. Jene zunehmende Zahl an Müttern, die eine Erwerbsarbeit aufnahmen, um den Hausstand zu ergänzen, für eine Waschmaschine zu sparen oder später für ein Auto oder ein Fernsehgerät oder gar nur aus dem Wunsch heraus, die eigenen Interessen zu befriedigen oder finanziell unabhängig zu sein, stand unter heftigem Rechtfertigungsdruck. Die Mutter sollte sich um das Wohl der Familie kümmern, den Haushalt versorgen und die Kinder betreuen.

Der Begriff der „Rabenmutter“ kam auf und der der „Schlüsselkinder“, die es, wie wir heute wissen, weitaus seltener gegeben hat, als damals verbreitet wurde (vgl. hierzu Niehuss, Familie, S. 256-262). Allem, was dem traditionellen Familienbild widersprach, stand die konservative Gesellschaft reserviert bis feindlich gegenüber. Hiervon waren auch viele Kinder betroffen, die nicht das Glück hatten, in „normalen“ Familien aufwachsen zu dürfen.

Die Statistik zählt im Jahr 1957 insgesamt 186.000 ledige Frauen mit zusammen 218.000 Kindern. Uneheliche Kinder also, die von der Gesellschaft stigmatisiert wurden. Ihre Mütter hatten häufig ein Verhältnis mit Besatzungsangehörigen gehabt, oder sie waren in diesen unmittelbaren Nachkriegswirren vergewaltigt worden. Viele Mütter gaben ihre unehelichen Kinder unter dem Druck der Gesellschaft in Heime. Ohnehin hatten ledige Mütter damals noch nicht das Sorgerecht über ihre Kinder: automatisch kamen uneheliche Kinder unter Amtsvormundschaft und erst 1970 trat ein Gesetz in Kraft, das der Mutter des Kindes ohne Antrag das elterliche Sorgerecht einräumte. Gerade Mischlingskinder aus Beziehungen zu farbigen Soldaten der Besatzungsmächte hatten es oft sehr schwer. 1955 zählte man offiziell in Westdeutschland knapp 68.000 Kinder von Besatzungsangehörigen, davon fast 3.000 farbige.

 

In den 1950er Jahren waren diese farbigen Kinder allen denkbaren Vorurteilen hilflos und ungeschützt ausgesetzt. Die kleine Erika, 1947 geboren als Kind eines afroamerikanischen Besatzungssoldaten und einer deutschen Mutter, die später einen ebenfalls deutschen Mann heiratete, wurde mit sieben Jahren von der Mutter und ihrem Stiefvater schließlich auf Drängen des Jugendamtes in ein Heim geschickt. Der Leiter des Amtes begründete die Entscheidung:

„Frau Popp, es ist das Beste für ihr Kind. Hier in der Kleinstadt hat es keine Zukunft. Wenn es älter wird, wird es vielleicht seelisch labil, auf jeden Fall wird es für Männer Freiwild sein, uneheliche Kinder bekommen, alkoholsüchtig werden und was weiß ich sonst noch. Wollen Sie das denn? Und vergessen Sie nicht, Frau Popp, Sie haben noch eine Tochter. Wenn sie Erika nicht weggeben, dann gefährden Sie zugleich die Entwicklung ihrer anderen Tochter. Schließlich und endlich haben Sie es sich selbst zuzuschreiben, ein Negermischlingskind in eine so feindliche Welt gesetzt zu haben. Wenn Sie sich nicht entscheiden können, Frau Popp, werden wir es für Sie tun müssen.“ (Hügel-Marschall, Daheim)


Für die kleine Erika begann in dem übermäßig strengen Heim die Odyssee ihrer Kindheit, in der sie den Vorurteilen nicht nur der anderen Kinder sondern auch der Erwachsenen hilflos ausgeliefert war.

 

 

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obiger zitatausschnitt zeigt einmal mehr, mit welch ungeheuerlichen zuschreibungen z.b. besatzungskinder, insbesondere solche, denen ihr status schon rein aeusserlich anzusehen war, bedacht und welche schicksale ihnen AUFGEBUERDET wurden: sie wurden als von grund auf "verdorben" und als "gefahr" fuer die "normale" menschliche gemeinschaft gesehen und dementsprechend von diesen menschenverachtenden "vollstreckern" behandelt, fuer die solche menschen ja bestenfalls als "sexueller abfall" anzusehen waren (und immer noch sind, wenn ich mir einen erst unlaengst von einem "heimleiter" getaetigten gaestebucheintrag in erinnerung rufe!)

in solchen hirnen (ich verallgemeinere bewusst nicht!!!!) weitergedacht sind dann wohl derartige "restbestaende" eines allzubekannten "fehlverhaltens" (stichwort: hwg) eigentlich doch viel zu "minderwertig" als kindersatz bei adoption, tja, um wievieles mehr muss man da die a-willigen und a-eltern bewundern, dass sie sich mit derartigem "second-hand-material" die finger schmutzig machen, nerven und geld opfern ... denn, was kann "bei so jemanden" schon heraus kommen ... deshalb ist es also nur "recht und billig", wenn diesen aus der gesellschaftlichen finsternis stammenden gestalten die chance auf ein sorgenfreies leben "geboten" wird, dass sie gefaelligst auf ihre herkunft "pfeifen", sie dort lassen, wo sie hingehoert, naemlich im "kanal", jedenfalls nicht als schmutz hineintragen in die wohlbehueteten und "geordneten verhaeltnisse" adoptionaler "ordnung" ...

einiges von diesem wahnsinn habe ich auch abbekommen, und - gleich sysiphus - habe ich mich ein leben lang bemueht, meine "angeborene schlechtigkeit" durch "leistung" "auszugleichen", durch das bemuehen, "gut zu sein" ... aber im grunde hat das ja kaum jemanden interessiert, denn mit jeder kleinen fehl-handlung kippte ich fuer diese leute wieder "zurueck" in den "morast", aus dem ich einst gehoben wurde ...

ich fordere immer wieder auf`s ´neue:

adoption muss auf saemtlichen ebenen (auch rechtlich, international, etc.) derart geregelt werden, dass herkunft erhalten bleibt!!!!


es muss einmal aufhoeren, dass kinder ganz selbstverstaendlich wie dreck behandelt werden, und dann noch unter dem vorwand des kindeswohls ...

Margaretha Rebecca

 

"DIE WAHRHEIT IST DEM MENSCHEN ZUMUTBAR." Ingeborg Bachmann