Schuld

Christa Mulack „…und wieder fühle ich mich schuldig“ S. 303 + 304
„Das ethische Gewissen stellt an uns ein hohes Maß an Reflexionsbereitschaft und –fähigkeit, das nicht für alle Lebensbereiche in gleicher Weise gegeben und möglich ist. Aus diesem Grunde kann auch das autoritäre Gewissen oder Über-Ich uns hin und wieder gute Dienste leisten, solange es eine dienende und nicht etwa eine uns beherrschende Funktion einnimmt. Einerseits kommen wir in Situationen, in denen Normen und Konventionen uns entlasten und so rascheres, da unreflektiertes Handeln ermöglichen. Andererseits sind die Normen dieser Gesellschaft nicht alle überflüssig und schädlich. Sie bestehen zu einem ganz wesentlichen Teil auch aus ordnenden Prinzipien, die den alltäglichen Umgang miteinander erleichtern können. In diesem Fall ist ihre Einhaltung durchaus hilfreich und sinnvoll. Es gehört jedoch zur psychischen Reife, ihre Sinnhaftigkeit, wo sie gegeben ist, zu erkennen und sie nicht nur deshalb zu respektieren, weil sie uns einmal beigebracht wurde.
Erst durch eine kontinuierliche, unreflektierte Identifizierung mit diesen Normen beschränkt sich ihre Moral auf schlichte Gruppenkonformität und verhindert Offenheit oder auch Mitgefühl für individuelle ethische Konflikte. Verursacht wurde dieser Umgang mit kollektiven Normen dadurch, dass sie, als „Wille Gottes“ ausgegeben, verabsolutiert und einer Reflektion oder Infragestellung entzogen wurden – teilweise auch noch werden. Herausgelöst aus natürlichen, sozialen und individuellen Zusammenhängen, fördern sie doktrinäre Starrheit und mit ihr selbstgerechte Heuchelei.
Die Folge ist eine Sündenbockpsychologie, die immer zu Lasten der sozial Schwächeren funktioniert. Das aber sind im Patriarchat in erster Linie Frauen und Kinder, deren Perspektive weder bei der Festlegung des „göttlichen Willens“ noch bei seiner Auslegung berücksichtigt wurde. Hinzu kommt, dass jedes starre Normengefüge die Ambivalenz von Gefühlen und Handlungen übersieht. Wir werden angehalten zu vergessen, dass jedes Motiv, jeder Impuls eine potentiell konstruktive wie auch destruktive Seite hat. So mag beispielsweise das „wachset und mehret euch…“ welches zölibatäre Kirchenmänner bis heute fasziniert, auf einer spärlich besiedelten Erde durchaus als „göttlicher“ Anspruch erfahren worden sein. In unserer Zeit der Überbevölkerung und vor allem der Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen und Lebensbedingungen der Frauen und Kinder wirkt die Berufung auf dieses „göttliche Gebot“ eher zynisch und lebensfeindlich. Hier wird ein Teil der Realität einfach ausgeblendet. Auf diese Weise verlieren wir die Tatsache aus dem Blick, dass alles sein Gegenteil mit sich führt.“
