Scham
Ich kann verstehen, dass manche Adoptierte es als Scham empfinden, adoptiert zu sein.
Auch ich habe mich als Kind manchmal geschämt, das zu erzählen. Meines Erachtens liegt es daran, dass ein Kind instinktiv mitbekommt, dass die Tatsache, adoptiert zu sein, bei den Eltern Schmerz erzeugt. Eltern werden beim Thema Adoption oft sehr ernst oder fangen an zu weinen.
Das ist einem Kind schon sowieso unangenehm, weil es empfindet, dass etwas an der eigenen Person bei anderen Unbehagen hervorruft. Ein Kind (vielleicht sogar bis nach der Pubertät) kann nicht verstehen, dass der Schmerz der Eltern daher kommt, dass sie kein leibl. Kind bekommen konnten (oft schämen sich Männer, wenn sie nicht zeugungsfähig sind und Frauen wenn sie unfruchtbar sind). Diesen Grund für Schmerz kann ein Kind, welches selbst noch nicht die Geschlechtsreife erreicht hat, meines Erachtens nicht verstehen. Denn es kann sich nicht vorstellen, was es bedeutet, Kinder zeugen oder empfangen zu können bzw. es nicht zu können.
Der Schmerz der Eltern rührt oft auch daher, dass sie demütigende und langwierige Untersuchungsverfahren (Fruchtbarkeitsuntersuchungen, künstl. Befruchtung, etc.) und schließlich ein sehr aufreibendes Adoptionsbewerbungsverfahren hinter sich haben und immer an diese schlimme Zeit erinnert werden, wenn sie mit dem Kind über Adoption sprechen.
Diese Reaktionen (vor allem das Weinen der Eltern) sorgt bei einem Kind für Unbehagen! Es will vermeiden, die Eltern traurig zu machen. Gleichsam empfindet das Kind es als eigenen Makel, denn die Trauer der Eltern hängt irgendwie untrennbar mit der Person des Kindes zusammen. Kinder können das nicht trennen - sie denken, die elterliche Trauer hinge an ihnen!
Wenn dann noch elterliche Ratschläge wie "das muss nicht jeder wissen" oder "aber erzähl es am besten niemandem" hinzukommen, ist das Schamgefühl der Kinder perfekt.

Kinder wissen, dass Dinge, die mit Scham behaftet sind, nicht erzählt werden sollen und umgekehrt. Folglich wird das Thema Adoption zum Trigger (Auslöserreiz) für Scham!
Hinzu kommt dann, wenn man als Adoptierte/r jemandem davon erzählt, man oft auf das Unvermögen der Menschen trifft, damit adäquat umzugehen.
Einige sagen: "ach, das tut mir leid" - andere sagen: "da hast Du es aber gut getroffen/Glück gehabt" etc. Beide Reaktionen zeugen aber nur davon, wie wenig die Leute über Adoption wissen. („Die Leute“ wissen so gut wie nichts über die Realität von Adoption, weil so wenig darüber gesprochen wird und das vor allem, weil A-Eltern darüber nicht sprechen wollen und A-Kinder oft nicht darüber sprechen sollen).
Ich stelle einmal einen etwas gewagten Vergleich an: Adoptiertsein gehört zu einem Adoptierten so dazu wie die Hautfarbe. Man kann daran nichts ändern, man hat es nicht selbst verursacht. Würde mir jemand begegnen und mir sagen: "meine Hautfarbe ist schwarz", so würde ihm sicher keiner mit "ach, das tut mir leid" oder "da hast Du aber Glück gehabt" antworten, oder?
Ich gebe zu, der Vergleich hinkt etwas, aber ich glaube, die Situation ist schon sehr ähnlich.
Im Erwachsenenalter ist es – nach meiner Erfahrung - dann nicht ganz einfach, sich von diesem (über Jahre antrainierten) Schamgefühl zu befreien! Die logische Erklärung, dass man selbst ja gar nichts dafür kann, zieht da auch nur bedingt. Scham ist so unmittelbar und instinktiv, dass sie nicht ohne weiteres durch noch so bestechende Logik ausgehebelt werden kann.
Dass Scham so unmittelbar und affekthaft ist, sieht man ja schon am erröten, was bei einigen Menschen sofort mit dem Schamgefühl einhergeht und wogegen sie dann gar nichts machen können: ![]()
Ich persönlich habe (für mich - das ist wahrscheinlich kein Allgemeinrezept) das Gefühl, mir hilft es, wenn ich mich für meine Scham einfach desensibilisiere. Wenn ich ganz bewusst und offen immer und immer mehr über das Thema Adoption spreche und irgendwann auch Fremden davon erzählen kann, dann trainiere ich mir das Schamgefühl wieder ab, indem ich mich ihm ganz bewusst aussetze, statt es durch mein Schweigen zu vermeiden.
Vielleicht hilft das manchen von Euch auch. Auf jeden Fall solltet Ihr aber versuchen, Euren eigenen Weg zu finden, mit dem Schamgefühl umzugehen. Hört oder fühlt in Euch hinein. Ich verspüre seit meiner Herkunftssuche mehr und mehr das Gefühl, mich dem Thema Adoption und meiner eigenen Lebensgeschichte öffnen zu wollen und es nach und nach öffentlicher zu machen (ich meine damit nicht, es in die Zeitung zu setzen, sondern mit Menschen die mir wichtig sind, darüber zu sprechen. Irgendwann kommt der Punkt, wo ich dann auch Fremden davon erzählen kann, ohne dass ich mich schämen müsste).

Generell: damit es bei den Adoptierten erst nicht zu diesem Schamgefühl kommt, sollte meines Erachtens das Adoptionsrecht geändert werden. Ich glaube, dass das Inkognito am allermeisten dafür verantwortlich ist, dass es zum Schamgefühl bei Adoptierten kommt.
Durch das Inkognito wird auch den A-Eltern suggeriert, eine Adoption würde der Außenwelt gegenüber am besten verschwiegen. Das Adoptionsrecht verkennt, dass Kinder instinktiv mehr verstehen als man glaubt. Kinder spüren, wenn ihre Eltern unehrlich sind, wenn sie lügen und ihnen unbehaglich ist.
Ich bin dafür, die halboffene Adoption zum gesetzlichen Regelfall und die offene Adoption zur angestrebten Alternative zu machen, wenn die beteiligten Gruppen einverstanden sind.
Diese Regelung würde den A-Eltern den Zwang auferlegen, immer und immer wieder über die Adoption zu sprechen. Somit würde das Faktum der Adoption für das Kind etwas ganz normales werden und nichts abnormales, wofür man sich schämen müsste!
Alice