Die Grosse Göttin und die feministische Folklore

Über das Buch 'Sakrileg - der Da Vinci-Code'

Autor: Ulrich Mellenthin

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Es war der bedeutende Vorgeschichtler Bachofen, der zum ersten mal darauf aufmerksam machte, dass es vor den patriarchalischen Zeiten eine so genannte matriarchalische Zeit gab, in der die Abstammung in erster Linie in weiblicher Linie, statt in männlicher Linie anerkannt war, und in der Religion die weiblichen Gottheiten der Fruchtbarkeit die erste Rolle spielten. Bachofen schrieb sein Buch über das Matriarchat in der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts. Seine Erkenntnisse werden uns nun schon zwei Jahrzehnte lang als das Neueste vom Neuen der Religionswissenschaften aufgetischt.

 

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Gehen wir auf die Berliner Museumsinsel ins Vorderasiatische Museum. Dort können wir uns das prachtvolle Tor der Göttin Ischtar der Neubabylonier ansehen. Der Ischtar entspricht die Aschera der Kanaaniter, die Aphrodite der Griechen, die Venus der Römer und die Eva der Bibel. Die Aufzählung ist allerdings auch eine Abstiegsgeschichte: Ist Ischtar offensichtlich mächtigste Hauptgöttin, sind Aphrodite und Venus schon mehr Pin-up-Modells, die den Hauptgöttern Zeuss und Jupiter eindeutig untergeordnet, so ist Eva schliesslich nur noch eine Sünderin, die an allem Unheil schuld ist. Dass es in den frühen Zivilisationen, vor allem Südarabiens, Mesopotamiens, Kanaans und Phönizien Tempelhuren und orgiastische Feiern zu Ehren der Götter gab, ist ebenfalls keine neuere Enthüllung. Über alle Unsitten der Kanaaniter kann man sich in den Büchern Mose belesen. Die biblischen Chroniken belehren uns, dass die Propheten auch immer einmal wieder ärgerlich werden mussten, wenn diese nach Jerusalem übergriffen.

Hier sind wir aber auch schon beim springenden Punkt: Im Buch wird behauptet Kirche und Christentum hätten das Patriarchat eingeführt. Dazu sind diese allerdings zu spät gekommen: Bei Griechen, Römern, Juden, Germanen und den meisten anderen Völkern Europas und des Mittelmeerraumes existierte es längst. Friedrich Engels schreibt hierzu 1884 in seinem Werk "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates: "Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kindererzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen des heroischen und noch mehr der klassischen Zeit hervortritt,..." Hatten sich in der minoischen Kultur Kretas noch matriarchalische Züge erhalten, so herrschte das Patriarchat bereits in der griechischen Heroenzeit, das ist die Zeit des Trojanischen Krieges welche uns Homer nahe gebracht hat.

Der bedeutende Vorgeschichtler Lewis Morgan schreibt in seinem Werk "Ancient society" von 1877: Patriarchat sei "...die Organisation einer Anzahl freier und unfreier Personen zu einer Familie unter der väterlichen Gewalt des Familienoberhauptes. In der semitischen Form lebt das Familienoberhaupt in Vielweiberei, die Unfreien haben Weiber und Kinder, und der Zweck der ganzen Organisation ist die Wartung von Herden auf einem abgegrenzten Gebiet." Warum hätte man auch bei Abraham, Issac und Jacob von den biblischen Patriarchen sprechen sollen, wenn bei den Hebräern nicht schon 2000 Jahre vor Jesus das Patriarchat geherrscht hätte?

In o.g. Werk präzisiert Engels noch einmal den Zeithorizont dieser Umwälzung: "Mit der patriarchalischen Geschichte betreten wir das Gebiet der geschriebenen Geschichte..." Er klärt uns aber auch darüber auf, dass die Entstehung des Patriarchats nicht das Ergebnis einer religiös-ideologischen Fehlentwicklung war, sondern Resultat der sozialökonomischen Entwicklung, speziell der Herausbildung von Privateigentum und Klassengesellschaft. Der Sieg der männlichen Götter über die weiblichen ist lediglich die religiöse Reflexion der Veränderung der irdischen Verhältnisse. Engels schreibt: "Wie und wann die Herden aus dem Gentilbesitz des Stammes oder der Gens in das Eigentum der einzelnen Familienoberhäupter übergegangen, darüber wissen wir bis jetzt nichts,... Mit den Herden und den übrigen neuen Reichtümern über die Familie..." Das Privateigentum warf auch die Frage des Erbrechts neu auf. Engels schreibt hierzu: "Um die Treue der Frau, also die Vaterschaft der Kinder, sicherzustellen, wird die Frau der Gewalt des Mannes unbedingt überliefert..."

Ein grosses Problem hatte die frühe Kirche allerdings schon mit den weiblichen Gottheiten: Waren auch bei den Römern und Griechen die Haupt-, Staats- und Kriegsgötter in der Regel männlich, so war die Venus oder Aphrodite doch ungeheuer im Volksglauben verankert. Schließlich bat man diese darum die gewünschte Frau oder den gewünschten Mann zu bekommen, komplikationslos gesunde Kinder zu bekommen etc. Da hatte so ziemlich jeder im Mittelmeerraum so eine kleine nackte Göttin in privater Nische, der man regelmäßig ein paar Blumen darbringen konnte. Die Kirche löste das Problem durch die Einführung des Marienkultes. Da blieb dem Volk eine weibliche Göttin erhalten, eine Muttergöttin. Diese wurde aber als ewige Jungfrau, und fast immer ordentlich bekleidet, aller erotischen Aspekte beraubt.