Risiken  und  Nebenwirkungen

 

 

Wie ich hier schon an anderer Stelle schilderte, war ich nach der Adoption meines Sohnes von der Richtigkeit dieser Maßnahme „Zum Wohle des Kindes“ überzeugt. Das erleichterte mir auch das Weiterleben ohne mein Kind. Zurück blieb eine Trauer, wie sie wohl auch Mütter empfinden, die ein Kind durch Fehlgeburt oder Tod verlieren. Bei mir wurde der Schmerz dadurch gemildert, dass ich mir ja immer sagen konnte: „Da wo mein Kind jetzt lebt, geht es ihm gut.“ Die Damen vom Jugendamt hatten auch meine letzten Zweifel zerstreut und in meiner Vorstellung konnte es meinem Kind einfach nur gut gehen. Meine persönliche Lebenssituation war zum damaligen Zeitpunkt alles andere als gut. Weshalb hätte ich meinem Kind das gleiche Schicksal antun sollen? So dachte ich damals und das Inkognito empfand ich als Preis für das ungestörte Aufwachsen meines Kindes.

 

In schillernden Farben wurde mir von den Sozialarbeiterinnen des Jugendamtes das Adoptionskinderparadies ausgemalt. Alles war dort so, wie ich es mir auch erwünscht hätte, für mein Kind und für mich.

 

Da gab es die kinderlieben Adoptiveltern, die sich nichts sehnlicher wünschten als ein kleines Baby. Hier konnte mein Kind in ihrem schönen Haus mit dem großen Garten ganz behütet aufwachsen. Oma und Opa waren auch noch da und freuten sich auf das kleine Enkelkind. Ein kleines adoptiertes Schwesterchen war schon da und zum spielen gab es noch Hund und Katze dazu.

 

 

 

             

 

 

 

 

Die perfekte heile Welt. Und das würde ich alles meinem Sohn vorenthalten, wenn ich ihn nicht zur Adoption freigäbe. Da er ja noch so klein war, würde er von dem Elternwechsel auch nichts mitbekommen und sein Leben verliefe glücklich und harmonisch.

 

Mit diesen Gedanken begab ich mich in einen langen Adoptionsschlaf, sediert durch die beruhigenden Worte der Sozialarbeiterinnen, denen ich absolut vertraute. Da ich im Laufe meines weiteren Lebens keine Adoptierten oder Adoptiveltern kennen lernte blieb mein Kenntnisstand von Adoption lange Zeit in dieser positiven Annahme, dass Adoption grundsätzlich etwas Gutes sei.

 

Ca. 5 Jahre bevor mein Sohn sich bei mir meldete, lernte ich dann doch eine Adoptivfamilie mit zwei adoptierten Kindern, einem Sohn und einer Tochter, kennen. Es waren Nachbarn meiner Schwester, mit denen diese sich angefreundet hatte. So erfuhr ich über meine Schwester nach und nach, dass die Adoptiveltern mit der Tochter viele Probleme hätten. Die Tochter würde viel weinen und immer wieder nach ihren leiblichen Eltern fragen. Hinzu kamen Schulprobleme. Ich selbst hatte mit der Adoptivfamilie nicht viel Kontakt, man traf sich nur ab und zu auf gemeinsamen Feiern und so konnte ich im Laufe der Jahre aber doch selbst feststellen, dass sich die Tochter von einem zunächst fröhlichen Mädchen in eine depressiv wirkende Jugendliche verwandelte. Mit dem Sohn gab es zum damaligen Zeitpunkt offensichtlich keine Probleme, er war allerdings auch wesentlich jünger als die Tochter.

 

Die Adoptiveltern hatte ich immer als angenehme Menschen empfunden und konnte mir auf das Verhalten der Tochter keinen anderen Reim machen, als dass ich dachte, wer weiß wie die Adoptiveltern zu ihr sind, wenn niemand zuschaut. Ich glaubte, dass sie evtl. den Nachbarn die fürsorglichen Eltern nur vorspielten aber zuhause, hinter der „verschlossenen Tür“ dies gar nicht waren. D.h. ich versuchte die Probleme der Tochter mit den mir zwar unbekannten, aber vorstellbaren negativen Erziehungsmethoden der Adoptiveltern, zu erklären. Dass das adoptierte Mädchen durch die Adoption an sich verstört sein könnte, entzog sich meinem Vorstellungsvermögen.

 

Anfangs, als mein Sohn sich gemeldet hatte, war meine heile Adoptionswelt noch völlig in Ordnung. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass er schon einmal kommen würde um von mir selbst zu erfahren, wie es damals zur Adoption gekommen ist und aus Neugier, um seine leibliche Mutter kennen zu lernen. Dann habe ich allerdings erwartet, dass er sagen würde: „Hey toll, hast Du super gemacht mit der Adoption. Ich hatte ein glückliches Leben und so wie es Dir damals ging, war es das Beste was Du machen konntest! Danke dafür!“

 

Diese Reaktion blieb allerdings aus. Und da kam mir zum ersten Mal in den Sinn, was ist, wenn er die ganze Zeit dachte, dass er nicht gewollt war und einfach nur abgeschoben wurde? Auf diese Idee, dass er es so empfinden könnte war ich zuvor nie gekommen. Ich merkte bald, dass es meinem Sohn mit der Adoption nicht besonders gut gegangen war. Aufgrund seiner Aussagen und der seiner damaligen Freundin schloss ich aber wiederum, dass es am falschen Verhalten der Adoptiveltern gelegen haben muss. Jetzt kam mir auch wieder das adoptierte Mädchen der Nachbarn in Erinnerung. Und so sagte ich mir, dass die beiden einzigen Adoptierten, die ich kannte, also mein Sohn und das Nachbarsmädchen, deshalb nicht glücklich waren, weil die Adoptiveltern vermutlich vieles falsch gemacht hatten. Das kam ja bei leiblichen Eltern auch vor und ist zwar sehr traurig aber leider eben auch nicht total aussergewöhnlich.

 

Dass mein Sohn sich die ganzen Jahre von mir abgelehnt gefühlt haben könnte, machte mir ein sehr schlechtes Gewissen, denn über diese Möglichkeit hatte ich weder damals bei der Adoption noch später jemals nachgedacht, bzw. ich war sicher, dass die „guten Adoptiveltern“ ihm meine schlechte Situation natürlich geschildert hatten, so dass er wusste, warum es zur Adoption gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch noch davon überzeugt, dass Eltern austauschbar sind, gerade bei sehr kleinen Kindern, die ja noch „nichts“ merken.

 

So war ich nach dem Wiederfinden und seinem ersten distanziertem Verhalten mir gegenüber, guten Mutes, ihn im Laufe der Zeit davon zu überzeugen, dass ich ihn nicht so nebenbei mal eben weggeben hatte, sondern, dass ich damals einfach keinen anderen Ausweg sah, um ihm ein behütetes Leben in einer Familie zu ermöglichen.

 

Die Adoption an sich stellte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Frage. Von Identitätsproblemen Adoptierter hatte ich nie gehört. „Need for human connectedness“ war mir unbewusst. Dass Adoptiveltern den Kindern oftmals sogar Lügenschauermärchen über die leiblichen Eltern erzählen, um die Adoptierten in Abhängigkeit und Dankbarkeit zu halten, war für mich unvorstellbar.

 

Ganz ganz langsam dämmerte mir im Laufe der nächsten drei Jahre die Adoptionsrealität. Zunächst durch das Lesen von Adoptionsliteratur und später dann durch den Austausch mit Adoptierten, Adoptiveltern und Herkunftseltern auf Internetforen. Von Adoption als Maßnahme „Zum Wohle des Kindes“, ist in meiner Wahrnehmung nicht mehr viel übrig geblieben. Adoption kann allenfalls dann dem „Wohle des Kindes“ dienen, wenn die Herkunftsverhältnisse tatsächlich so desolat sind, dass sie die Schädigungen durch Adoption übertreffen. Ansonsten ist Adoption eine Menschenhandelsaktion, die häufig nur dem „Wohle infertiler oder sonst wie kinderarmer Menschen“ dient, wobei der adoptierte Mensch zur Handelsware degradiert und seiner Menschenwürde beraubt wird.

 

Durch meine eigenen Erfahrungen und den Austausch mit anderen Herkunftsmüttern stellte ich fest, dass es ein allgemeines Informationsdefizit über die Auswirkungen von Adoption gibt, also nicht nur in der Gesellschaft allgemein, sondern auch bei den Betroffenen selbst. Dieses Informationsdefizit herrscht m.M.n. auch auf Seiten vieler Adoptierter vor, was die Auswirkungen von Adoption bei den abgebenden Müttern betrifft.

 

Diese Auswirkungen sind jedoch seit Jahren den Adoptionsvermittlern und Jugendämtern bekannt. In Fachkreisen gibt es mittlerweile etliche Studien und Publikationen über die Grausamkeit und Unmenschlichkeit von (Inkognito-) Adoption und trotzdem wird für Adoption weiterhin Werbung gemacht. Die Informationsbroschüren der Ämter wimmeln nur so von positiven Darstellungen der Adoption. Risiken und Nebenwirkungen werden höchstens kurz angerissen, ansonsten aber so dargestellt, als ob es sie vielleicht früher gegeben hätte, heute jedoch nicht mehr. Weil es ja die offene Adoptionsform gibt. Mit dieser lügenhaften Darstellung der Adoptionsrealität dürfen Adoptionsvermittler immer weiter ungestraft junge, unerfahrene und/oder notleidende Schwangere ködern, um ihre Kinder an fremde Menschen zu verschachern. Kein Gesetzgeber, kein Richter, kein Jugendamt unternimmt etwas dagegen.

 

Ein lebenslänglicher und lebensbestimmender Eingriff wird von den offiziellen Vertretern unseres Staates falsch und verzerrt dargestellt. Innerhalb einer sehr vage und weit gefassten Gesetzgebung dürfen Sozialarbeiter ungehemmt ihre persönliche Ideologie in der Judikative und Exekutive des Adoptionsapparates ausleben. Das ist in Deutschland, einem demokratischen Staat möglich, wo das Prinzip der Gewaltenteilung angeblich selbstverständlicher Bestandteil sein soll.

 

Sozialarbeitern ist es erlaubt, die negativen Folgen von Adoption zu verschweigen. Eine Adoptionsethik, wie z.B. eine Ethik in der Medizin, gibt es nicht. Nach eigenem Gusto dürfen Sozialarbeiter beraten. Verbindliche Maßstäbe fehlen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter gibt lediglich „Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung“ heraus. Ob sich ein Sozialarbeiter daran hält oder nicht, liegt in seinem eigenen Ermessen. Im Adoptionssystem sind der Willkür Tür und Tor geöffnet.