Irmela Wiemann
Wie viel Wahrheit braucht mein Kind?
Adoptionen von Kindern aus dem Ausland – ein radikaler Bruch
S. 113 + 114
Nirgendwo wird es künftigen Adoptiveltern zur Pflicht gemacht, die Muttersprache des Kindes wenigstens in Teilen zu erlernen. In ihrer großen Sehnsucht nach einem Kind übersehen viele Bewerber das Heimweh, den Schock, unter dem Kinder stehen, wenn sie alles Vertraute verlassen müssen. Sie haben ihre Eltern oft schon lange verloren, mussten den vertrauten Boden im Kinderheim, ihre Freundinnen und Freunde und ihre vertraute Sprache abrupt aufgeben. In ihrer Not versuchen viele dieser Kinder ihre Vergangenheit auszulöschen und stürzen sich in den Wunschtraum von einem neuen, besseren Leben. Doch ein Teil ihrer Seele geht eigene Wege.
Es bleibt einem solchen Kind oft nichts anderes übrig, als vom ersten Tag an Vater, Mutter und Kind zu „spielen“. Die dazugehörigen Gefühle kennen sie meist gar nicht. Wenn dies gemäß den falschen Voraussetzungen beim Start auch später so bleibt, führt dies bei vielen Adoptiveltern zu großer Enttäuschung. Viele Kinder zeigen denn auch ein großes Repertoire an Auffälligkeiten, weil sie wegen früher Entbehrungen und Beziehungsabbrüche einerseits und von dem plötzlich übergestülpten Eltern-Kind-Verhältnis andererseits überfordert sind und keinen klaren Bezug zur Realität und zu sich selbst entwickeln.
Manche Adoptiveltern geben dem Kind sogar einen neuen Vor- und Nachnamen, weil sie glauben, das Kind damit hier besser zu integrieren. Dabei ist der Name Teil der Persönlichkeit. Die Kinder müssen wie Undercover-Agenten ein Leben mit völlig neuer Identität beginnen.