Phänomene

 

Sind Akademiker unter den Adoptiveltern deutlich überrepräsentiert?

 

 

Aufgrund eigener Beobachtungen und Aussagen verschiedener Buchautoren sprach ich das Thema Überrepräsentanz von Akademikern unter Adoptiveltern an. Daraufhin machte die Administratorin einer Internet-Adoptionsgruppe, bestehend aus Adoptiveltern, Adoptierten und leiblichen Eltern, eine Umfrage die ergab, dass unter den teilnehmenden Personen im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil, hier die Akademiker sogar unterrepräsentiert waren.

 

Diese Diskrepanz war Anlass zu folgendem Briefwechsel:

 

 

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Hallo Karin,

 

ich habe mit Interesse die Umfrageergebnisse zu den Akademikern gelesen. Die Diskrepanz zu den Adoptivelternberufen aus unserer Müttergruppe finde ich schon erstaunlich. Insgesamt sind es aber wahrscheinlich zu wenige Fälle, um daraus fundierte Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich habe aber einen Verdacht oder anders ausgedrückt eine Hypothese, die ich Dir erläutern möchte.

 

Die paar Mütter, die ich kenne (10), haben alle ihr Kind sofort oder nach wenigen Monaten zur Adoption freigegeben, bzw. es wurde ihnen (Jugendliche) weggenommen. Keine der Mütter war krank (Alkohol, Drogen, etc.) und keines der Kinder war krank, verwahrlost, etc. Bei allen Müttern war es das erste Kind. Und bei allen diesen Fällen waren die Adoptiveltern Akademiker, und das zu Zeiten, als es noch nicht so viele Akademiker gab wie heute. Ich vermute daher, dass die Jugendämter sehr stark selektiert haben, wer - welches Kind bekommt.

 

Also, je höher der soziale Status der Adoptiveltern umso höher die Qualität des Kindes - jung, gesund, leibliche Eltern nicht aus dem asozialen Milieu stammend, etc. Die Adoptiveltern meines Sohnes z.B. hätten nie ein Pflegekind angenommen.

 

Viele Grüße Brigitte

 

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Hallo Brigitte,

 

du, deine Aussage bei …war Anlass für meine Umfrage ;-)  Klar, es sind nicht viele, die daran teilgenommen haben, das Ergebnis sicher nicht repräsentativ! Und doch bestätigt es eher meine Erfahrungen zum Thema Ado, eventuelle Selektion. Ich möchte mal ein wenig aus der Schule plaudern, .....

 

Mein Mann, studiert und selbstständiger Unternehmer.........unser Sohn kam alkoholkrank auf die Welt. Seine Mutter war bei der Geburt  28 Jahre, seit 12 Jahren abhängig. Bekannte von uns, zur selben Zeit Bewerber wie wir, lernten uns auf den Seminaren kennen.......sie Hausfrau, er Postler, 2 Kinder direkt nach der Geburt bekommen, beide Male von den Eltern freigegeben (ganz "normale" Familien, unauffällig beim JA), weil sie keine Kinder mehr wollten, hatten schon genug. Andere Bekannte........er Büromensch, sie Dolmetscherin, bekamen auch zu unserer Zeit kurz aufeinander folgend 2 Kinder. Ein Mädchen, 3,5 J., Mutter Alkoholikerin, das Kind lebte mit ihr die Jahre auf der Straße, in Kneipen. Kind 2 wurde mit 1,5 Jahren aus seinem Gitterbett befreit, in einem heftigen Zustand. Und zum Schluss ein paar Häuser weiter..... Jugendherbergseltern, 2 Kinder adoptiert, ein Mischlingsmädchen, vernachlässigt, ungewollt. Der Junge, Alkoholikerfamilie, JA entzog den Eltern das Sorgerecht. Weitere Bekannte, er  Arzt mit Dialysepraxis, nahmen ein Geschwisterpaar auf. Junge war 5, geistig behindert, Schwester 2, nicht absehbar, wie sie sich entwickeln würde, da in der Entwicklung, auf Grund totaler Vernachlässigung, alles fehlte. Sie ist kerngesund, inzwischen 8 Jahre alt und total pfiffig.....

 

Was willst du nun daraus ableiten?  Einen Trend? Eine Aussage darüber, wer welches Kind bekommt? Ich sage Dir was.......ich denke, dass Jugendämter ganz sicher auch mal jemanden bevorzugen, das fällt unter die Kategorie "menschlich, bestechlich"......aber vor allem denke ich, dass Jugendämter eher selektieren, wenn es darum geht, Adobewerber einzuschätzen. Sie sortieren gewaltig aus, ich weiß es! Die Bewerber bekommen zwar eine Erlaubnis Kinder aufzunehmen, aber sie bekommen keine Kinder, die Zeit arbeitet gegen sie, irgendwann sind sie zu alt und das JA muss ihnen nicht sagen, das sie ungeeignet sind, sich der Problematik einer Adoption zu stellen. Nicht, weil sie den falschen Beruf haben. Was übrig bleibt an "brauchbaren" Bewerbern, da wird geschaut, wer traut sich was zu. Die Bekannten von uns, die die 2 ganz "frischen" Babys erhielten, hätten nie unseren Sohn aufgenommen und auch nicht den 1,5 jährigen aus dem Gitterbettchen! Wurden sie nun bevorzugt behandelt? Nein, denke nicht. Man hat sie als geeignet eingeschätzt, allerdings nicht für "Problemkinder"........ Wir, die anderen Bekannten hatten angegeben, dass wir auch ein Kind mit leichter Behinderung annehmen würden. Ist es nun Zufall, oder wollen wir dem JA mal unterstellen, das sie sich da schon Gedanken machten, als sie uns unseren Sohn, den Bekannten ihren Sohn vorschlugen? Was am Ende daraus wird, ist nicht vorhersehbar, für den Anfang aber sicher gut gedacht, so meine Vermutung.

 

Ich will dir nun nicht absprechen, dass inzwischen vielleicht wirklich die Akademiker bevorzugt werden.........las dazu einen Bericht im Internet, der ähnliches verlauten ließ. Hier bei uns trifft es nicht wirklich zu. Bis vor 4 Jahren war ich noch in unserem Ado- Pflegeelternverein im Vorstand tätig, inzwischen nicht mehr. Ich habe einige Adoptionen miterleben "dürfen" in den 18 Jahren meiner Mitgliedschaft. Es waren Meiers, Hinzes und Kunzes genauso, wie der Arzt, den ich dort kennen lernte.

 

Ich möchte mal auf etwas anderes hinaus, nicht auf die Herkunft der Kinder, sondern die Form, wie sie zu einem Adoptivkind wurden. Leider gibt es dazu Null Infos vom JA, so kann ich auch da nur die Erfahrungen vor Ort einbringen. Bleiben wir mal bei den oben erwähnten 9 adoptierten Kindern. Bei sieben von ihnen entzog das JA den Eltern das Sorgerecht, nur 2 wurden von den leiblichen Eltern abgegeben. Ein sehr unausgewogenes Verhältnis! Und darauf möchte ich hinaus. Im Verein sah es nicht so viel anders aus. Meist waren es Kinder, die nicht abgegeben wurden. Diese Kinder haben alle mehr im "Koffer" als Kinder, die gleich nach der Geburt von einer Mutter abgegeben werden. Sie bringen außer ihrem kleinem Leben, eine so geballte Ladung an Lebenserfahrungen mit, die schon einer ganz besonderen Beachtung verdienen. Das JA weiß seit langem, dass diese Kinder eine besondere Zuwendung brauchen, ich meine nun nicht Liebe allein, sondern die Bereitschaft der annehmenden Eltern die Kinder zu fördern, ihnen ein großes Maß an Aufwendung und Zuwendung zu geben. Ich bringe mal kurz meine eigenen Erfahrungen ein.......

 

Ich ging in den 16 Jahren oft auf dem Zahnfleisch, bei unseren Bemühungen dem Jungen so viel Hilfe und Förderung zukommen zu lassen, wie es nur geht. Die Suche nach einem Arzt, einem kompetenten, der endlich mal erkennt, mal hin hört, was wir mitzuteilen haben! Die Suche nach geeigneten Therapien, die dem Jungen auch wirklich helfen, weiter bringen, nicht nur seine Zeit stehlen. Nun denke ich gerade, was Du wohl bei diesen Zeilen denkst, denken könntest....;-) nein, wir sind nicht unzufrieden mit unserem Sohn, wollen ihn uns nicht so stricken, weil er vielleicht nicht unseren Idealvorstellungen entspricht. Wir möchten ihm so viel wie möglich an Förderung geben, die ihm ermöglicht mit vielen seiner "Schädigungen"  besser leben zu können. Worauf will ich hinaus? Auch wenn es nun arrogant klingen mag, vielleicht sind es gewisse Leute, mit gewisser schulischer Laufbahn, die eher diese Bereitschaft mit sich bringen? Ich wohne auf keiner einsamen Insel, sondern mitten drinnen. Müller, Meier, Kunze, oft nicht mal in der Lage zu erkennen das ihr Kind O- oder X-Beine hat, ein paar Einlagen dringend nötig wären, nicht erkennen, das es nicht normal ist, wenn ihre Kinder noch mit 9 Jahren ins Bett machen und am Daumen lutschen. Wären sie diejenigen, die Kindern mit einem voll beladenem Koffer geben können, was diese Kinder brauchen?  Die von dir angesprochene Bevorzugung einer gewissen Schicht, so es sie gibt, könnte am Ende diesen Kindern entgegenkommen? Eine Garantie ist es ganz sicher nicht! Es gibt immer weniger Adoptivkinder, weil Veränderungen, Unterstützungen greifen. Und ich glaube, es gibt auf Grund dessen vor allem immer weniger adoptierte Kinder, die von ihren Müttern freigegeben wurden?? Alles nur Gedanken, keine Wissenschaft!!!!

 

Dein letzter Satz war......die Adoeltern deines Sohnes hätten nie....... das gibt es heute so gut wie gar nicht mehr!! Alle Adobewerber werden darauf hingewiesen, dass sie Bereitschaft haben müssen, auch ein Pflegekind aufzunehmen. War schon zu meiner Zeit so, also vor gut 18 Jahren. Das hat einen wichtigen Grund, zumindest in der beabsichtigten Planung der Ämter: Sie möchten erreichen, das viele Kinder zurück geführt werden können, auf der einen Seite. Klappt das nicht, möchten sie die Kinder nicht aus einer reinen Pflegefamilie nehmen müssen, sondern sie dort belassen können mit dem Ziel der Adoption. So wird den Kindern ein erneuter Wechsel erspart, wenn die leiblichen Eltern nicht können, wollen.

 

Viele Grüße Karin

 

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Hallo Karin,

 

vielen Dank für Deine Ausführungen. Ich denke, man muss den Begriff Adoption wirklich differenzieren. Die Adoption Deines Sohnes und meines Sohnes sind zwei völlig verschiedene Vorgänge. Mir ist das schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass mit ein und demselben Begriff verschiedene Zustände benannt werden und das führt fast immer zu Mißverständnissen. Ich habe in einem Beitrag schon einmal den Begriff Sozialwaisen-Adoption benutzt. Und das trifft auch auf die Situation der von Dir beschriebenen 7 Fälle zu. Aus Deinen Erfahrungen und eben auch, was ich bisher im Internet gefunden habe, habe ich mittlerweile den Eindruck, dass es auf den anderen Seiten, sprich Adoptierte und Adoptiveltern, solche Fälle wie unsere (meine Müttergruppe) nicht gibt, bzw. dass diese Adoptierten und Adoptiveltern weder im Internet noch in den Adoptivelternverbänden oder Adoptiertenverbänden auftauchen.

 

Das gibt mir zu denken, warum das so ist. Und meine Vermutung ist eben, dass hier von den Jugendämter doch sehr selektiert wurde/wird und zwar nicht nur, wie Du schreibst, nach der Belastbarkeit der zukünftigen Adoptiveltern, sondern nach Sozialstatus bzw. danach, welche Beziehungen/Geld Adoptiveltern haben. Ich kann mir deshalb auch gut vorstellen, dass solche Adoptiveltern, die ihr Kind über Beziehungen und teilweise unter Umgehung der bestehenden Vorschriften erhalten haben, nicht in einem Adoptivelternverband auftauchen werden. In diesen Familien wird man vermutlich auch die meisten Kinder finden, die erst mit Ausstellung der Abstammungsurkunde erfahren, dass sie adoptiert sind. Bzw. Kinder, wie mein Sohn, der sein Adoptiertsein von anderen Schulkindern erfahren hat. Ansonsten wurde es totgeschwiegen.

 

Weiter differenzieren muss man wahrscheinlich - wann die Adoption stattgefunden hat.

Du schreibst:

"Ich wohne auf keiner einsamen Insel, sondern mitten drinnen. Müller, Meier, Kunze, oft nicht mal in der Lage zu erkennen das ihr Kind O- oder X-Beine hat, ein paar Einlagen dringend nötig wären, nicht erkennen, das es nicht normal ist, wenn ihre Kinder noch mit 9 Jahren ins Bett machen und am Daumen lutschen. Wären sie diejenigen, die Kindern mit einem voll beladenem Koffer geben können, was diese Kinder brauchen?  Die von dir angesprochene Bevorzugung einer gewissen Schicht, so es sie gibt, könnte am Ende diesen Kindern entgegenkommen?"

Mir ist in anderen Unterhaltungen mit Adoptiveltern mehrfach aufgefallen, dass sie sehr stark polarisieren/polemisieren, wenn es um leibliche Eltern geht. Zwischen fähigen Adoptivbewerbern /-eltern mit akademischer Ausbildung und Eltern, deren Kinder noch mit 9 Jahren ins Bett machen, gibt es doch wohl eine erhebliche Bandbreite sonstiger fähiger Adoptivbewerbern /-Eltern. Mir tut sich bei Deinem Beispiel doch stark der Verdacht auf, dass Adoptiveltern von sich selbst glauben, grundsätzlich die besseren Eltern zu sein. Vielleicht hat es etwas mit der Rechtfertigung ihres Adoptionswunsches an sich zu tun, bzw. damit, dass Adoptiveltern sich selbst und ihrer Umwelt beweisen müssen, dass sie in erster Linie Retter von Kindern aus dysfunktionalen Familienverhältnissen sind und somit, von ihrer eigenen Kinderlosigkeit als tatsächliches Hauptmotiv für Adoption, ablenken können.

 

Dass heute Adoptiveltern in großer Zahl Akademiker sind, ist nicht weiter verwunderlich, da es ja immer mehr Akademiker gibt. Zu meiner Zeit (1973) gab es aber noch nicht so viele Akademiker und da glaube ich doch, dass sie bevorzugt wurden, besonders wenn es "qualitativ hochwertige" Kinder zu vermitteln gab. Mein Sohn erzählte mir, dass seine Adoptiveltern nur ein erstgeborenes Kind genommen hätten (die vorher adoptierte Tochter war auch eine Erstgeborene). Ich frage mich, wie konnten sie solche Bedingungen stellen, da auch damals ja nicht gerade eine Adoptivkinderschwemme im Verhältnis zu Adoptionswilligen vorhanden war. D. h. sie hätten nicht nur kein Pflegekind genommen, sie hätten auch nicht das dritte, vierte, fünfte oder sechste Kind einer vielleicht überforderten Familie genommen.

 

Und meine Vermutung ist, dass solch "qualitativ hochwertige" Kinder teilweise von den Jugendämtern erst adoptierbar gemacht wurden, um kinderlosen gut gestellten Ehepaaren zu einem Kind zu verhelfen. Unter "adoptierbar gemacht" verstehe ich z.B. unterlassene Hilfeleistungen, Ausnutzen von Notlagen, etc. Ich bin zwar auch davon überzeugt, dass es solche Fälle immer weniger gibt, dass dies aber nicht so sehr mit der verbesserten Arbeit der Jugendämter zu tun hat sondern damit, dass junge Menschen heute selbstbewusster sind und ihre Rechte besser kennen, bzw. wissen wo sie sich informieren können (z.B. Internet).

 

Ob es dieses Phänomen tatsächlich gab/gibt, werden wir wohl nur erfahren, wenn die Jugendämter verpflichtet würden, ihre Geheimakten zu öffnen und es einer neutralen Stelle möglich wäre, aussagefähige Statistiken zu ermitteln.

 

Brigitte