Mein großer Bruder und ich !!!

 

 

Als ich 1984 adoptiert wurde, war ich knapp 2 Jahre alt. An Geschwister oder an meine leibliche Familie kann ich mich nicht erinnern. Das Jugendamt erzählte mir im August 2000 von ihnen. Die Jugendamtsmitarbeiterin: "Ja, du hast eine Oma (Mutter der verstorbenen Mutter), drei Halbbrüder und mindestens eine Tante und einen Onkel." Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich erfahren würde, wer meine leibliche Familie ist. Es traf mich tief zu wissen, dass es da noch andere Kinder gab, also Geschwister von mir, die in der Familie geblieben waren. Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen. Mein Drang, diese Familie kennen zu lernen, entwickelte sich schneller als ich erwartet hatte. "Der erste Kontakt" entstand durch meinen damaligen Freund, als er einfach zu meiner Oma ging und ihr von mir erzählte.

 

Meine Oma hat mich dann angerufen und um ein Treffen gebeten.

 

Das Datum weiß ich nicht mehr, aber es war ein sonniger und kalter Wintertag im Januar 2001. Zuerst war nur meine Oma da, mit der ich ein Gespräch begann und die ersten Gefühlsausbrüche loswurde. Meine Halbbrüder hatten in einem anderen Zimmer gewartet. Sie kamen später dazu. Ich saß auf der Couch im Wohnzimmer. Drei Jungs, von denen ich keinen älter als Anfang bis Mitte zwanzig schätzte und alle waren ziemlich groß (sind sie natürlich auch noch immer -jetzt wusste ich, woher ich es habe, diese Größe ;o). Ein Bruder heißt Michael. Er ist kräftiger und schien mir etwas ungeschickt. Am Anfang hielt ich ihn für den Ältesten, obwohl er der Mittlere ist. Jan ist der Jüngste. Modisch gekleidet und gepflegt. Und dann war da noch Wolfram, der Älteste. Schlank, selbstbewusst und rebellisch. Von Anfang an war mir klar, dass wir alle vier so unterschiedlich sind wie die Jahreszeiten und doch zusammen gehören.

 

Was entscheidet, wen wir sympathischer finden oder zu wem wir uns mehr hingezogen fühlen??? Ich weiß es nicht. Das einzige, was ich weiß ist, dass sich schon nach kurzer Zeit ein starkes Band zwischen Wolfram und mir entwickelte. Wir hatten uns wieder und beide das Bedürfnis, Versäumtes nach zu holen. Es war definitiv etwas anderes als mit Michael und Jan. Oder lag es daran, dass er sich besser an alles erinnern konnte??? Immerhin war er bei meiner Geburt schon 8 Jahre alt. Eigentlich ist es ja auch egal. Manchmal ist es eben, wie es ist. Die Zeiten, die ich mit Wolfram danach verbrachte waren immer schön, gingen aber immer viel zu schnell vorbei. Durch die Tatsache, dass wir damals beide Partner hatten und er auch schon einen Sohn, waren wir selten alleine.

 

Ein sehr bewegendes und verbindendes Erlebnis mit Wolfram war der erste und bisher einzige Besuch des Grabes unserer Mutter. Jemand anderes hätte ich nicht mitgenommen. Er war eine Stütze für mich und die Gewissheit ihn in der Nähe zu haben, erlaubte es mir, meine Schutzmauern für einen Moment fallen zu lassen.

 

Mit den Monaten des intensiven Kontaktes zu meiner leiblichen Familie wurde ich immer nervöser und unentschlossener. 2002 schloss ich meine Ausbildung ab und hielt das für eine gute Gelegenheit die Stadt zu wechseln und etwas Neues kennen zu lernen. Die Rastlosigkeit lockte mich auf neue Wege. Ich bewarb mich in ganz Deutschland und es klappte. Geplant hatte ich es nicht, den Kontakt abzubrechen. Es hat sich so ergeben. Die ersten Monate in einer neuen Stadt. Alles war fremd. Ich musste mich erst einmal zurecht finden. Dann die Einarbeitung in den neuen Beruf. Ausbildung ist eben doch etwas anderes. Aber was schwerer wog, waren meine Gefühle ... Endlos verwirrt und durcheinander. Plötzlich war ich in einer Phase, wo ich Schuldige für meine Adoption suchte. Bis ich zu der Erkenntnis gelangte, dass es keinen Schuldigen gibt, dauerte es vier Jahre.

 

Irgendwann fand ich den Mut, mich auch Außenstehenden zu öffnen und die Adoption als Teil meiner selbst zu akzeptieren. Zu sehen/lesen, dass es noch mehr Betroffene gibt und ich nicht alleine mit dieser Situation da stehe, hat mir sehr geholfen. In diesen vier Jahren habe ich immer wieder an meine leibliche Familie gedacht. In meiner Vorstellung lebten sie Ihr Leben einfach so weiter, wo sie aufgehört hatten, bevor ich mich das erste Mal meldete. Ob ich nun wieder da war oder nicht, war ihnen eigentlich egal. Dass dies ein Irrtum ist, wusste ich eigentlich, aber wahr haben wollte ich es zunächst nicht.

 

Nun folgte eine Zeit in der die Sehnsucht nach der Familie immer mehr wuchs. Meine Gefühle hatte ich so weit aufgearbeitet und ich nahm mir dieses Mal vor, nur so viel zu tun, wie ich verkraften konnte. Es langsam angehen zu lassen. Also schrieb ich erst einmal einen Brief an meine Oma. Um ihre Adresse zu erfahren (sie war inzwischen umgezogen) musste ich zuerst meinen Onkel anrufen. Seine Reaktion war: Verwunderung, Freude und Enttäuschung. Er sagt mir, dass sie sich Sorgen gemacht hätten. Das traf mich, denn ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie alle mit meinem Rückzug verletzt hatte. Er gab mir die Telefonnummer und Adresse meiner Oma und erzählte mir, dass Wolfram (mein ältester Halbbruder) versucht hätte mich zu finden und er schon darüber nachdachte zu mir zu fahren. Das einzige was dem im Weg stand war die Entfernung und die damit verbundenen Kosten!!! Ich sandte den Brief an meine Oma ab und entschied mich erst einmal auf eine Antwort zu warten.

 

Ein Monat verging ... Ohne eine Reaktion.

 

Also rief ich meinen Onkel erneut an. Er sagte mir, dass mein Brief angekommen sei und meine Oma auch versucht hätte ihn zu beantworten. Ihre Hände wollen aber nicht mehr so recht. Ob ich sie nicht anrufen könne oder sie mich!? Da ich ihr den Zeitpunkt überlassen wollte anzurufen, damit sie sich sammeln konnte, gab ich ihm meine Telefonnummer. Außerdem fragte ich nach der Handy-Nummer von Wolfram, da ich ihn über das Festnetz nicht erreichen konnte. Durch die Unterstützung einer lieben Freundin sah ich mich an diesem Tag dazu in der Lage wieder mit meinem ältesten Bruder Kontakt aufzunehmen und schickte ihm eine Kurznachricht mit der Bitte sich zu melden. Es verging keine Stunde bis zu seinem Anruf. Erst übers Handy. Da das aber zu teuer ist, rief ich ihn übers Festnetz zurück. Am Anfang wussten wir beide nicht was wir sagen sollten. Dann fasste ich Mut und versuchte ihm zu erklären, warum es so kam, dass ich mich so lange nicht gemeldet hatte.

 

Wolfram sagte mir, dass er es versteht. Er sich aber gewünscht hätte, dass ich mich verabschiedet und ihm gesagt hätte, dass ich Zeit brauche. Keiner wusste ja, wie es mir ging und wie es in mir aussah und alle haben sich Sorgen gemacht bzw. sich gefragt, ob sie etwas falsch gemacht hätten, ob sie nicht gut genug für mich waren oder oder oder...

 

Normalerweise – in einer anderen Situation -  hätte ich auch getan. Aber beim Wieder finden der Familie war alles anders als sonst. Ich wusste ja selber nicht,  wie es kommt – wie sich meine Gefühlswelt entwickelte, wie ich mit dem ganzen zurecht kommen sollte was plötzlich auf mich einstürmte.

 

Die Problematik waren meine Gefühle. Diese stürzten damals auf mich wie eine Welle ein und ich wusste irgendwann nicht mehr wo oben und unten ist. Als mich meine Oma anrief, versuchte ich das auch ihr zu erklären. Danach sprach ich wieder mit Wolfram. Wir sprachen über die vergangenen vier Jahre und unser jetziges Leben.

 

Ich sagte ihm, dass ich unglaublich erleichtert sei, ihn zu hören. "Warum hast Du Dich so lange nicht gemeldet???" fragte er mich. Ich sagte: "Ich dachte, je mehr Zeit verging, dass du mir böse sein könntest, weil ich mich nicht mehr gemeldet habe und deshalb vielleicht nichts mehr mit mir zu tun haben willst. In meiner Phantasie habe ich mir immer mehr vorgestellt, dass ich beim nächsten Kontaktversuch von Dir und auch allen anderen abgelehnt werde. Das stand für mich fest. Warum ich so dachte, weiß ich auch nicht."

 

"Ich bin dir nicht böse. Vielleicht ein wenig traurig oder enttäuscht. Aber wieso sollte ich keinen Kontakt mit dir wollen??? Du bist und bleibst meine kleine Schwester."

 

Schön, oder ??? So glücklich war ich, dass ich heulen musste. :o)

Bis wir uns wieder hörten vergingen ein paar Wochen. Es war genug Zeit, um alles zu verarbeiten und Gefühle zu ordnen. Noch einmal mit "klarem Verstand" alles durchgehen und sortieren.

 

Über was wir beim zweiten Telefonat alles sprachen, weiß ich gar nicht mehr. Ihn wieder zusehen war mir wichtig, ich vermisste ihn so unglaublich. Aber ihn einfach danach fragen??? Nein, das brauchte ich gar nicht, denn die Frage kam von ihm.

 

Dieses besondere Band zwischen uns war zwar etwas schwächer geworden, aber es bestand definitiv noch. Wolfram war auch der einzige, bei dem ich in diesem Moment und in dieser Situation in ein Treffen eingewilligt hätte. Eigentlich ist er nicht der Typ Mensch, der Pläne macht. Aber diesmal .... !!!

 

Drei ganze Wochen würde es dauern. VIEL ZU LANGE !!!Die Menschen um mich, die von meiner Adoption wussten, waren zum Schluss wahrscheinlich ziemlich genervt und mindestens genauso froh wie ich, als die Warterei endlich um war.

 

Würden wir uns immer noch verstehen oder haben wir uns zu sehr verändert??? Steht eventuell doch die Zeit des Bruches zwischen uns??? Diese Fragen beschäftigten mich dauernd in meinen Gedanken.

 

An dem Tag, an dem er zu mir kam, war ich angespannt und nervös. Wir trafen uns am Bahnhof. Das heißt: Ich wartete vor dem Bahnhof und spähte in alle Richtungen und irgendwann tippte es von hinten auf meine Schulter. Verdammt, hatte ich mich erschreckt.

 

Nein, wir hatten uns nicht zu sehr verändert und die vier Jahre schien es nie gegeben zu haben. Nachdem ich realisiert hatte, dass er wirklich wieder bei mir ist, überfiel mich eine große Erleichterung. Das ganze Wochenende über zeigte ich ihm die Stadt und die nähere Umgebung. Wir redeten, lachten und lästerten genauso wie "früher" – vor vier Jahren.

 

Der Tag der Rückreise kam viel zu schnell. Wann würden wir uns das nächste Mal sehen??? Ich wollte ihn eigentlich nicht gehen lassen. Aber was blieb mir anderes übrig :-(( ??? In diesem Augenblick traf ich eine Entscheidung. Wenn er es zulässt, werde ich alles dafür tun, dass er in meine Stadt ziehen kann. Es verging nun kein Tag, an dem wir nicht telefonierten. Wir waren uns beide einig, dass wir uns nicht mehr verlieren wollen. Was lag da näher, als ihm meine Pläne offen zu legen??? Seine Antwort kam zwar nicht sofort (das hatte ich auch nicht erwartet), aber es war dieses "Warum nicht." dass mich unendlich glücklich machte.

 

Er hat jetzt hier, durch meine Hilfe, nach einer Woche Arbeit gefunden. Es kann doch fast nur noch besser werden. Gegenseitiges Verständnis und Ehrlichkeit bilden die Grundlage für unsere Geschwisterbeziehung. Ich sage ihm, wenn mich etwas stört oder wenn ich Luft brauche und umgekehrt genauso. Es wird sicher nicht immer alles glatt laufen, aber so ist das Leben. Probleme gibt es überall mal. Wie es weiter geht wird die Zukunft zeigen, aber ich freue mich jetzt erst einmal darüber, meinen Bruder wieder gefunden zu haben und dass er dann auch noch in meiner Nähe wohnt ist einfach wunderschön.

 

 

~* Eva / Luna *~