Mein doppeltes Trauma

 

 

Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, wie es kam, dass ich nach der Geburt meines Sohnes psychisch so am Boden war und kein Licht am Ende des Tunnels erblicken konnte.

 

Zum einen wird es daran gelegen haben, dass es mir nach der Geburt körperlich nicht besonders gut ging. Ich litt an einem permanenten Schlafdefizit, der Dammschnitt wollte nicht verheilen und ich hatte teilweise unerträgliche Rückenschmerzen. Viel stärkere als jemals in der Zeit der Schwangerschaft.

 

Hauptsächlich aber waren es wohl die Verlusterfahrungen meiner Kindheit und Jugend, die ich psychisch nicht verkraftet habe. Als ich 12 war, starb meine Mutter, als ich 17 war starb mein Vater und als ich 20 war, „starb“ meine große Liebe. Der Mann, der mit mir durchs Leben gehen wollte, der sich mit mir verlobt hatte, der immer für mich da sein wollte. Für mich starb er an dem Tag als er von mir die Abtreibung unseres Kindes verlangte. Auch wenn wir dann noch einige Zeit zusammen waren, war dies sein Todestag für mich.

 

Alles was ich liebte starb einfach weg. Damit bin ich nicht zurecht gekommen. Einer der Gründe weshalb ich meinen Sohn zur Adoption freigegeben habe war auch, dass ich ihm eine ganze, heile Familie geben wollte, die ich selbst schmerzlichst vermisste. Damals hatte ich ja von der ganzen unheilvollen Adoptionspraxis keine Ahnung, noch nicht einmal den Schimmer einer Ahnung. In meiner Vorstellung, genährt durch die Berichte der Jugendamtsmitarbeiter, kam mein Sohn in ein Paradies auf Erden. Ich musste nur meinen Egoismus aufgeben, ihn selbst großziehen zu wollen.

 

Ja und dann mit der Adoption starb für mich auch noch mein Sohn. Es war ein nicht endendes Sterbetrauma seit meiner Kindheit.

 

Ich habe dann im Laufe der Jahre mein Leben wieder irgendwie zusammengeflickt und mir nach und nach ein „Doppel-Leben“ aufgebaut. Nach außen hin normal und nach innen hin, ein Trauerhaus. Irgendwie hat es geklappt und ich bin damit zurecht gekommen.

 

Als mein Sohn sich dann meldete und ich mich mit dem Thema „Adoption und ihre Folgen“ anfing auseinanderzusetzen, wurde mir plötzlich schlagartig klar, was ich meinem Sohn mit Adoption angetan hatte.

 

Er sagte am Anfang einmal zu mir, als wir an einem Rollstuhlfahrer vorbeigingen: „Na ja, das wäre vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal gewesen.“

 

Das war der Beginn meines zweiten Traumas – des Adoptionstraumas.

 

* * * * *

 

Ich habe vor einiger Zeit angefangen, meine Vergangenheit bewusst aufzuarbeiten.


Ich habe geweint. Tagelang, n
ächtelang. Getrauert. Über all die verlorenen Jahre. Ich hatte seelische und körperliche Schmerzen, die kaum auszuhalten waren. Habe nachgedacht. Endlos. Dass ich Kopfschmerzen davon hatte und glaubte den Verstand zu verlieren. Habe Dinge entdeckt, die mir völlig verborgen waren. Habe mein ganzes Leben hervorgeholt aus der hintersten Ecke meiner Seele.

Manchmal war ich wochenlang nicht ansprechbar. Völlig weggetreten. Zog mich total zurück. Unerreichbar. Selbst für mich. Ich drohte unterzugehen im Orcus der Depressionen. Die Vergangenheit hat mich jäh heimgesucht. Sie wollte mich vernichten. Aber sie hat es nicht geschafft.

Ich habe wieder lachen gelernt. Ich kann wieder glücklich sein. Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, trauere ich noch immer. Ich weiß, die Zeit ist verloren. Aber ich habe wieder gelernt im Jetzt zu leben. Jeden Tag aufs Neue.

Auch wenn die Vergangenheit keine Macht mehr über mich hat, sie wird immer wieder hochkommen. Aber jedes Mal ist es schwächer. Tut es weniger weh.

 

Brigitte