Aus dem Leben einer Herkunfts-Mutter
Mein Leben war von Anfang an nicht einfach, als neuntes von zehn Kindern, geprägt von Schlägen und Misshandlungen meist von Geschwistern und Eltern. Es soll auch keine Entschuldigung oder ähnliches sein, aber wenn ich die Geschichte des Wieso und Weshalb aufschreibe, möchte ich auch gerne die Hintergründe darlegen und für alle nachvollziehbar erzählen.
Mit neun Jahren wurde ich Opfer einer Vergewaltigung, einer meiner Brüder ist dabei gewesen und hat nur zugeschaut. Es hat eine Zeit gedauert bis ich es meiner Mutter mitteilte, aber anstatt Hilfe bekam ich Schläge, und wurde in mein Zimmer eingeschlossen. Ich bekam nichts zu Essen und zu Trinken. Vor lauter Stress, Angst und Panik fing ich wieder an ins Bett zu nässen. Meine Mutter war mit mir und der Situation so überfordert, dass Sie mich zu einer Pflegefamilie gab. Durch meine Bettnässerei bekam ich auch in der Pflegefamilie Schläge und musste in der Nacht Windeln tragen. Wie erniedrigend und peinlich das für mich war, interessierte damals niemanden. Niemals versuchte man die Hintergründe zu erforschen und zu erfragen, weshalb ich überhaupt in das Bett nässte.
Diese Pflegefamilie kam auch nicht mit mir zurecht und gab mich in ein Heim für schwer erziehbare Kinder. Mit 12 Jahren, war ich nun in ein Heim abgeschoben, ohne ein Wort über die Vergewaltigung verloren zu haben. Es wurde schlichtweg alles unter den Teppich gekehrt. Bis zu meinem 16. Lebensjahr verheimlichte ich mein Problem mit dem Bettnässen, bis es einer Erzieherin auffiel und sie zum Gespräch in mein Zimmer kam. Nun konnte ich endlich einmal über alles was passiert war reden, ich zitterte am ganzen Körper, weinte und musste mich übergeben. Nach diesem Gespräch kam es zum völligen Zusammenbruch und ich wurde in ein Krankenhaus gebracht. Nach drei Wochen Aufenthalt im Krankenhaus ging es mir wieder gut, sogar mein Problem war weg. Ein einziges sehr schweres Gespräch hatte gereicht, um alle die Dinge die mir auf der Seele lagen herausbrechen zu lassen. Mit 16 durfte ich dann in eine WG, mit betreutem Wohnen umziehen. Mit 16 lernte ich in einer Diskothek dann auch den Kindsvater kennen. Nachdem ich zweieinhalb Jahr mit ihm zusammen war, wurde ich schwanger. Im dritten Monat schwanger hat er mich dann sitzengelassen.

Da ich meine Ausbildung aber weiter machen und beenden wollte, kam mein Sohn zu Tageseltern. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert, und weil ich mittlerweile ein eigenes Appartement hatte, musste ich meinen Sohn alleine ins Mutter-Kindhaus geben. Anfangs bekam ich ihn dann, wie abgesprochen, an den Wochenenden zu mir. Mit der Zeit änderte sich dieses aber. Da er immer öfter "krank" war, bekam ich ihn immer seltener zu Gesicht. Ein Wochenende durfte ich meinen Sohn zu mir nach Hause nehmen obwohl es ihm gesundheitlich noch nicht gut ging. Spät abends bekam er dann hohes Fieber, ich gab ihm die Medikamente die ich vom Mutter-Kindhaus mitbekommen habe nach einer Weile ging es ihm besser und sein Fieber ging wieder weg.
Er schlief in meinen Armen friedlich ein, es war das letzte Mal wo ich meinen Sohn im Arm gehalten habe. In meinen Träumen sehe ich ihn immer noch auf meinem Bauch friedlich schlafen.
Das letzte Mal !

Von meinem damaligen Außenbetreuer kam dann der Vorschlag einer Pflegefamilie. Ich war damals überfordert und habe diesem Vorschlag dann, in meiner Verzweiflung, zugestimmt. Da ich ja eigentlich nur das Beste für den Kleinen wollte. Aber was mir dann zur Unterschrift vorlegt wurde war kein Antrag auf eine Pflegefamilie sondern die Einwilligung zu einer Adoption. Als ich meine Einwände dazu ansprach, erklärte man mir, es handele sich in diesem Fall um eine „Offene“ Adoption. Für mich würde sich nicht viel ändern und ich dürfte meinen Sohn ja auch, mit der Einwilligung der Adoptionseltern, sehen. Heute weiß ich, dass es sich um eine reine Lüge handelte, dass es gar keine so genannte „Offene“ Adoption gibt.
1990 heiratete ich. Christof war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und ich versuchte dann mit meinem Ehemann mein Kind wieder zu bekommen. Von der Adoptionsvermittlung kamen aber nur Sprüche wie: „Sie können doch jetzt eine eigene Familie gründen.“ und ähnliches. Alle Versuche meinen Sohn wieder aus der Adoption heraus zu holen schlugen fehl. Ich bekam dann mit meinem Ehemann zwei gesunde Kinder, die heute 16 und 17 sind. Trotzdem vermisste ich meinen Erstgeborenen sehr, und ich versuchte weiterhin den Kontakt herzustellen, aber alles was ich bekam waren ab und an Briefe und Bilder von den A-Eltern, die ich über die Vermittlungsstelle erhielt.
Dies ist der derzeitige Stand. Mein Sohn wird jetzt 20, und ich weiß gar nichts wirklich über Ihn. Ich vermisse Ihn, auch nach all den Jahren.
Ich bin auch total niedergeschlagen. Gestern hatte ich nochmals bei der Adoptionsvermittlung angerufen und die Frage gestellt, unter welchen Voraussetzungen ich meinen Sohn denn sehen dürfte! Sie lachten mich aus und meinten "Auf welche verrückte Ideen ich noch kommen würde, wenn, dann müsste der Wunsch von meinem Sohn ausgehen.“
Sie lachten nur über mich !!!
Marion