Liebe Brigitte!
Gerade in meiner letzten Therapiestunde fragte mich meine Therapeutin: "Wenn Ihre Eltern laenger gelebt haetten, wie waere es denn weitergegangen. Haetten Sie von sich aus mit Ihnen begonnen, über die Adoption sprechen, zu fragen nach den Hintergruenden, den leiblichen Eltern ...?" Und ich habe spontan geantwortet: "Nein, auf keinen Fall. Das Thema war Tabu, und ich habe meine Eltern viel zu sehr geliebt, als dass ich sie damit konfrontieren wollte!"
Das heißt, ich haette NIEMALS irgend etwas tun wollen, das meine A-Eltern verletzt, kraenkt, an ihr eigenes Trauma erinnert, auch um den Preis meiner eigenen - wie ich heute erst weiß, berechtigten - Lebensinteressen. Niemals haette ich gewollt, dass sich irgendetwas zwischen mich und meine A-Eltern stellt!!!
Und Adoptierte, welche ihre A-"Eltern" überwiegend negativ erlebt haben, werden wohl kaum die Kraft finden, sich ihnen kraftvoll entgegenzustellen, zumal sie von Anfang an und fuer immer in jeder Hinsicht in der schwächeren Position waren, sind und bleiben.
Adoptierte, welche Adoption buchstäblich als "Gefängnis" erlebt haben, werden dies also auch nicht tun, denn wer wagt es schon, seinen "Gefängniswärter" zur Rede zu stellen.
Brigitte, vergesse nicht (du verstehst Vieles und so genau!!!!), Adoptierte sind in JEDEM Fall, ob nun gluecklich mit ihrer Situation oder nicht, innerlich und aeusserlich AUSGELIEFERTE, i.d.R. ein Leben lang!!!
"DIE WAHRHEIT IST DEM MENSCHEN ZUMUTBAR." Ingeborg Bachmann
Liebe Margaretha,
mir ist es schon länger aufgefallen, aber danke für Deine klärenden Worte:
„Brigitte, vergesse nicht (du verstehst Vieles und so genau!!!!), Adoptierte sind in JEDEM Fall, ob nun gluecklich mit ihrer Situation oder nicht, innerlich und aeusserlich AUSGELIEFERTE, i.d.R. ein Leben lang!!!“
Dann ist die Inkognitoadoption mit einem Initiationsritus zu vergleichen. Durch die Initiation werden die alten Wurzeln abgeschnitten und neue aufgepfropft. Die Schwächung, die das menschliche Wesen dadurch erfährt, ist gewollt und Teil des Adoptionsplanes. Jetzt verstehe ich auch die Aussagen z.B. von Irmela Wiemann oder Christine Swientek besser, die unisono mit anderen Sozialarbeitern die Adoptiveltern auffordern, ihre Adoptivkinder bei der Suche nach den Wurzeln zu unterstützten, denn danach würde das Band zu den Adoptiveltern noch enger. Ein Band welches auf einem brutalen Initiationsakt beruht. Die Herkunftseltern sind bei der Suche, wenn es nach den Vorstellungen der Adoptionsvermittler geht, Objekte die angeschaut werden dürfen, wie seltene Tiere im Zoo.
Wer dabei eingeht, dass ihm die Wurzeln abgeschnitten wurden, hat Pech gehabt!
Brigitte
zur initiation:
zu deinen ausführungen wuerde ich allerdings noch eine wesentliche ergaenzung anfuegen. initiations-rituale im adoptionalen zusammenhang sind nur die eine seite. sie sind bemueht die einpassung in die adoptionale "normalitaet", die einpassung des adoptierten menschen in dieses neue gefuege als positivum darzustellen und also solches auch erlebbar zu machen ...
die andere seite ist, dass dieser - auf inkognito-regelungen basierenden - adoption eine totale enteignung am menschen, der adoptiert werden soll, vorgenommen wird, er verliert schliesslich alles, was bis zu diesem zeitpunkt zu ihm und ihm gehoert hat, inkl. aller rechtsbestaende. erst nach diesem raub - besiegelt im moment der "unterschrift" und damit verbundener übergabe an die fremden eltern - kann eine einpassung in das adoptionale gefuege vorgenommen werden ...
dieser übergang ist eine existentiell bedeutsame schnittstelle fuer den menschen, dem sie widerfaehrt. machen wir das zeitfenster ganz klein, stellen wir uns den menschen eine woche vor der adoption und eine woche nach der adoption, also in diesen 14 tagen vor ... etwas ungeheuerliches ist der mitte dieses zeitlichen ablaufes geschehen, das kleine kind hat nicht selber mitgewirkt, es ist vorher und nachher DAS SELBE KIND, DER SELBE MENSCH ... aber er hat alles verloren und MUSS MIT FREMDEN FORT, ER MUSS NUN DAS KIND ANDERER ELTERN WERDEN ... auf gedeih und verderb ist es ausgeliefert an die neuen menschen, eine neue lebens-rolle ist ihm aufGEZWUNGEN worden ...
heute sage ich, in der mitte dieser tage ist seine VERSKLAVUNG PASSIERT ...
mit der zeit waechst er hinein in sein neues leben ... hat ja gar keine andere alternative!!! ... die erfordernisse seiner entwicklung bewirken, dass er aus ueberlebens-gruenden gar nicht anders kann, als sich mit der neuen umgebung zu arrangieren, zu identifizieren ... und so MUSS dieser MENSCH ZWANGSLAEUFIG KINDER FREMDER LEUTE WERDEN ...
(ein glueck, dass wenigstens ein paar dieser kinder gluecklich sind mit/in ihrem schicksal) ... UND DIESER MENSCH VERLIERT DAS GEFUEHL FÜR SEIN INNERSTES SEIN ... ja, das ist mir passiert!!!!
zum kennen-lernen von herkunfts-eltern:
natuerlich sollen die gefuehle und beduerfnisse von herkunfts-eltern bei reunions ebenso wichtig erachtet werden wie die der adoptierten, dies vor allem deswegen, weil ja - wie mir mittlerweile klar geworden ist - anzunehmen ist, dass die meisten ihr kind behalten haetten, wenn sie entspr. unterstuetzung gehabt haetten ...
wenn dem allerdings nicht so war, dann ist mir absolut nachvollziebar, dass der/die adoptiert/e einfach einen anspruch auf ein persoenliches kennenlernen, beantwortung seiner wesentlichen fragen etc. haben sollte, und danach auf nimmer wieder sehen, wenn die beziehung von seiten der herkunft immer noch so kuehl geblieben ist, wie einst ...
von meiner warte aus kann ich nur sagen: haette ich die chance auf das selber suchen gehabt, waere ich wahrscheinlich sehr, sehr vorsichtig und bescheiden auf meine leiblichen eltern zugegangen, waere wohl sehr verstaendnisvoll gewesen etc. etc. was mir widerfahren ist, dass da leute aufgekreuzt sind, mir noch einmal ihre intentionen aufs auge gedrueckt haben und sich - als aus ihrer sicht die dinge nicht problemlos liefen, wie von ihnen wohl erwartet - dann einfach wieder vertschüsst haben, wissend, dass ich allein, krank und absolut geschwaecht in jeder hinsicht war, ohne - und das vor allem seitens der leibl. mutter - anzeichen, mir auch nur irgendwie helfen zu wollen (dollars waren nicht das, was mir am wichtigsten gewesen waere ...)
und zu der bemerkung, dass die beziehung sich zu den a-eltern intensiviere nach reunions, und dass auch bei a-eltern damit fuer reunions direkt "geworben" wird:
ziel einer reunion aus adoptierten-sicht ist beileibe nicht, dass sich die beziehung zu den a-eltern intensiviert, sondern neben anderen zentralen adoptiv-eltern-unabhängigen aspekten vielmehr eine winzige, aber doch eine möglichkeit einer POSITIVEN IDENTIFIKATION MIT DER EIGENEN LEIBLICHEN HERKUNFT UND ALLEN IHREN ASPEKTEN ...
waere da nicht dieses inkognito-wolkenkukucksheim auf a-seite, so koennte dies von allem anfang auch bei adoptiv-eltern als selbstverstaendlichkeit eines gesunden entwicklungsfortgang des adoptierten menschen betrachtet werden ... zudem auch ein leibliches kind draengt von den eigenen leiblichen eltern fort, und es ist gut, es ziehen zu lassen ... zur entwicklungs-reise eines adoptierten menschen gehoert eben auch jene zur eigenen herkunft, und das sollte fuer adoptiv-eltern zur selbstverstaendlichkeit gehoeren ... denn sie sind die adoptiv-eltern und leiblichen eltern sind und bleiben eben die leiblichen eltern!!!! adoptionales umfeld und leibliche herkunft (in allen aspekten) gehoeren eben zum adoptierten menschen ...
"DIE WAHRHEIT IST DEM MENSCHEN ZUMUTBAR." Ingeborg Bachmann