Identität

 

 

 

 

Aus dem Buch „Adoption“ 2005

Autoren:         Brigitte Riedle – Fachkraft in der Adoptionsvermittlung

                     Barbara Gillig-Riedle – Dipl.-Psychologin

                     Herbert Riedle - Rechtsanwalt

 

„Immer wieder liest man davon, dass Adoptierte auf der Suche nach ihrer Identität sind, dass es wichtig ist, sie bei dieser Suche zu unterstützen und dass es manchen von ihnen nicht gelingt, zu einer persönlichen Identität zu finden. Die Schwierigkeit bei solchen Aussagen liegt darin, dass nicht ganz klar ist, was Identität eigentlich ist, wo man sie findet und wie man merkt, dass man eine gefunden hat.

Eine allgemein gültige Definition von Identität gibt es nicht. Das führt dazu, dass der Begriff ‚Identität’ selbst Identitätsschwierigkeiten hat. Identitätsdiskussionen werden - mit erhöhtem Kollisionsrisiko - zum Blindflug. Zunächst einmal leitet sich der Begriff Identität vom lateinischen 'idem' ab, was soviel wie dasselbe oder derselbe bedeutet.


Ein Stuhl, der am Montag eingekauft wird, ist am Donnerstag noch immer derselbe. Er ist identisch.

 

                 


Auch ein Auto ist nach ein paar Tagen - vorausgesetzt, man ist damit nicht gegen eine Wand gefahren - immer noch dasselbe. Es ist identisch.


Beim Menschen ist die Sache schon komplizierter, da er sich ständig ändert, manchmal von Tag zu Tag. Menschen verändern ihre Gefühle, ihre Einstellungen, ihr Denken und Handeln. Viele überlegen sich, wie es nur hat kommen können, dass sie so ganz anders geworden sind, als sie sich das früher vorgestellt haben. Und sie denken darüber nach, wie sie sich verändern können, um in der Zukunft noch besser leben zu können. Sie sind also nicht statisch wie ein Stuhl oder ein Auto, sondern einer laufenden Entwicklung unterworfen. Dennoch spricht man auch bei ihnen von einer Identität, von der so genannten ‚Ich-Identität’, oder ‚persönlichen Identität’. Es handelt sich dabei um einen relativ modernen Begriff, der etwa seit den 60er Jahren in den Sozialwissenschaften benutzt wird.


Abhandlungen über die Identität und die Ich-Identität füllen ganze Bibliotheken. Letztlich geht es aber immer um eine ganz zentrale Frage:


'Wer bin ich?'


Unter Identität versteht man, dass sich ein Mensch als eine geschlossene Einheit ansieht und dass er selbst davon überzeugt ist, trotz der eigenen Entwicklung und der Veränderung der Umwelt dieselbe Person zu bleiben. Die Identitätsentwicklung findet immer im sozialen Kontext statt. Eltern, Schule, Freunde, Verwandte und Nachbarschaft - sie alle übernehmen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Identität.“ (S.156/157)

 

  

 

 

 

 

 

Bericht einer Adoptierten – 2007:

 

etwas völlig unwissenschaftliches zur identität, nur aus erfahrungen heraus, wie ich die tabuisierung, das inkognito noch größtenteils empfinde. mit undankbarkeit hat das alles nichts zu tun!!!

was mir immer wieder auffällt ist:
NICHTadoptierte .... die das, was sie über sich und ihre herkunft wissen, über ihre geburtseltern (ohne sie wäre ja niemand), und deren daten, vorgeburtliches, die geburt an sich, verbleib als kind, familie, angehörige, familientypische merkmale, erkrankungen, familienstärken -schwächen, ereignisse, todesfälle, verzweigungen, berufe, lebensräume, vorfahren u. v. m. ....interessieren sich bestenfalls intensiver dafür, wenn sich die familie vergrößert (durch kinder, partner), besondere ereignisse angesagt sind, oder jemand stirbt - sich also etwas verändert, vielleicht noch, wenn ahnenforschung betrieben wird. ansonsten sind sie sich dieser selbstverständlichkeit weniger bewußt.


über das, was man hat, wird vermutlich weniger nachgedacht. sie wissen zudem, wenn informationen fehlen, können die jederzeit abgefragt werden, und können, wann immer sie möchten, beispielsweise das leben ihrer urgroßeltern etc. zurücktverfolgen, etwas total normales ...
inkognito-adoptierte können dies nur, wenn überhaupt, unter schwierigsten bedingungen!


auch wenn sich bei adoptionen einiges gelockert hat, ist die adoptionsform die gleiche geblieben, werden adoptierten bei nachforschungen nach wie vor steine in den weg gelegt, hürden aufgebaut, sind informationen oft nur auf umwegen erhältlich (wenn überhaupt).

nicht naturgegeben von anfang an seine individuelle abstammungs/lebensgeschichte zu kennen, somit da nicht einordnen zu können, ab adoption praktisch keinem gewachsenen familien-umfeld (großeltern, eltern, geschwister, tanten, onkel, cousinen etc.) mehr anzugehören, machte es mir jedenfalls später sehr viel schwerer, fast unberechtigt mich anderen familiären bindungen zugehörig zu fühlen, in denen ich mich ja NORMALERWEISE bereits durch geburt befunden hätte (selbst, wenn adoption die bessere lösung war, bleibt diese leerstelle... ). natürlich wird sich in der familie auch nach sympathie entschieden, aber das beruht auf freiwilligkeit!
dieses gefühl, im a-system an irgend einem punkt/stelle/lücke mit null hintergrund künstlich eingefügt worden zu sein, ließ mich oft im nichts versinken, verzweifeln, war letzlich u.a. mit auslöser der suche.

MIT dem wissen meiner geburtsgeschichte/herkunft und der gründe wäre mir nicht nur rechtzeitig aufarbeitung und biographiearbeit möglich geworden, sondern in erster linie ein verstehen-können meiner ungewöhnlichen lebensumstände, somit letzlich auch die meiner leiblichen eltern, warum sie es derzeit nicht schafften, mich in der leiblichen familie mit auf- bzw. anzunehmen, vielleicht auch nicht gewollt, vielleicht sogar herausnahme etc., mitunter eben auch anlaß, aber ich weiß es nicht, wird adoptierten nicht unbedingt offengelegt, brauchen sie nicht ...

mit inkognito-adoption bleiben also eine menge schubladen offen, in die wir gesteckt werden können, uns stecken lassen müssen, aber auch jeder hineinlangen darf, über unsere lebensumstände zu spekulieren, egal ob es so war! deshalb finde ich so wichtig, das leibliche mütter/eltern ihren kindern mehr als einen fußabdruck mitgeben ...


unbegreifliches und tabuisierung liefert aus, lähmen ..bringt leicht den boden unter den füßen ins wanken.


für mich steht fest, offenheit und wahrheit - egal wie sie war, hätte damals wie heute vertrauen schaffen können, abgabe und annahme verständlich machen können, dem entwurzeln einen sinn gegeben - ohne diese offenheit fühl(t)e ich mich auf ersatz und entsorgte reduziert ... 'leiblicher' wurde ich durch tabuisieren jedenfalls nicht.


halboffene/ offene adoptionen mögen identitätsprobleme erträglicher machen, umsetzbar ist diese freiwillige adoptionsform aber erst, wenn alle beteiligten mitziehen. ob das so einfach ist bei der vielfalt an unterschiedlichen ursachen und gründen ...


babyklappen arbeiten der neuen offenheit nur entgegen ... erinnern mich grauenvollerweise mehr an müllschlucker, rein und weg ... obwohl ich mich bemühe, die verzweiflung dieser mütter zu verstehen - es geht dabei nicht nur um sie!


meine herkunft, bzw. geschichte zu kennen, würde mir ein lebens-fundament geben, füße, etwas existenzielles, auf das sich weiter aufbauen läßt. ich kann mir nicht vorstellen, daß das wissen um die identität eines menschen dem zweiten lebensabschnitt mit a-eltern im wege stehen könnte. wenn genügend zuneigung, liebe und verständnis vorhanden ist, wird ein kind mit allem, auch seiner herkunftsgeschichte geliebt, da braucht nichts ausgelöscht werden.

heute ist es nicht mehr so sehr die tatsache der adoption, die mich fertig macht, mehr dieses komplett rechtlich von der leiblichen herkunft gekappt worden sein, keinen anspruch mehr auf den eigenen lebensanfang, die ersten jahre zu haben!!! die aktensuche beim skf in L. die untätigkeit an zuständigen stellen, machte mir erst sehr sehr spät und knallhart klar, welche rechte mir diesbezüglich überhaupt geblieben sind ... bis ins erwachsenen-alter entmündigung pur ... das war sozusagen der todesstoß, das hat mich wachgerüttelt!


offenheit seitens meiner h-familie ist nun nicht erzwingbar, traurig an sich ...ich hatte auf verständnis gehofft ... und gerade deshalb möchte ich wenigstens heute nachlesen können, was war ...
meiner erfahrung nach ist es besser, wahrheitsgemäß zu erfahren, warum man nicht in der leiblichen familie aufwachsen konnten, als lebenslang vermutungen in alle richtungen anstellen zu müssen.


ich möchte mich vor allem einmal als ganzer mensch, incl. herkunft, hintergrund usw. fühlen, eben mit allem, was zu mir gehört (nicht nur a-eltern/familie, die es mit 24 j. nicht mehr gab) mich im herkunftsgefüge einsortieren können!!!!!!
heute mag ich nicht einmal mehr als geborene XY (adoptionsfamilien-namen) unterschreiben, werde das zukünftig auch nicht mehr machen - wie nichtadoptierte, meinen geburtsnamen mitbenutzen, ob das gesetzlich abgesegnet ist oder nicht, der gehört zu mir, kann niemand verbieten!!!!
der a-familienname kann beigefügt werden. adoptierte sollten per gesetzlich nicht etwas aufgezwungen bekommen, sondern selber darüber entscheiden!

 

aimée