Holy Lola
Wer im Ausland ein Kind adoptieren will, braucht - wenn er nicht gerade Bundeskanzler ist - vor allem drei Dinge: Gute Nerven, Geduld und Geld. In seinem Film „Holy Lola“ zeigt der französische Regisseur Bertrand Tavernier die Geschichte einer Auslandsadoption.
Pierre und Geraldine sind ungewollt kinderlos. Nachdem sie die Adoptionserlaubnis der französischen Behörde in den Händen haben, machen sie sich auf die Reise nach Kambodscha. Dort sehen sie für sich die letzte Chance, ihren Wunsch nach einem gesunden Baby, kostengünstig und zeitnah, doch noch erfüllen zu können. Nach Erledigung der Formalitäten in der Botschaft werden die Waisenhäuser abgeklappert, Ärzte, Direktoren und Mittelsmänner getroffen. »Es gibt keine Kinder«, wird ihnen dauernd gesagt, obwohl die Häuser voll sind. Kinderhandel ist ein gutes Geschäft, viele der Waisen sind schon versprochen, per Katalog verkauft, meist an Amerikaner oder Kanadier. Wer 20 000 Dollar und mehr zahlt und keine Fragen stellt, kann in drei Tagen ein Kind haben. Ist für einen zahlungskräftigen Kunden kein Waisenkind »vorrätig« wird halt eins gemacht. Übrig bleiben die unvermittelbaren, die kranken Kinder.

Die rastlose Jagd durch verschiedene Waisenhäuser, nicht abreißende Auseinandersetzungen mit der zeit- und kostenintensiven Bürokratie, die Begegnung mit Bestechung, Korruption und organisiertem Kinderhandel machen Pierre und Geraldine bald klar, dass auch am anderen Ende der Welt gesunde adoptierbare Babys nicht »vom Himmel fallen«.
Hilfsbedürftige Kinder gibt es zwar auch in Kambodscha genug. Zum Beispiel jene Kinder, die sich auf der Müllhalde von Phnom Penh ihren Lebensunterhalt verdienen. Als Adoptivkinder aber kommen sie nicht in Frage. Und wenn es dann doch einmal einen Säugling gibt, der frei zu sein scheint, war kurz vorher wieder einmal ein anderer Bewerber da, der das Spiel und den Einsatz besser beherrschte, Kontakte gekonnter nutzte oder einfach skrupelloser war. Und schlimmer noch: Selbst als es ihnen doch noch gelingt, ein Kind für sich zu bekommen – können sie wirklich sicher sein, dass »ihr« Baby nicht speziell für sie zum adoptierbaren Kind »gemacht« wurde? Geraldine und Pierre entscheiden sich im Film gegen den Kauf eines Babys und für den legalen Weg. Die Gesetze sind eingehalten. Aber dient die Adoption wirklich dem Wohl des Kindes? Wo liegt, so fragt der Film, die Grenze zwischen Elternwunsch und Kindeswohl, zwischen Adoptionsvermittlung und Babyhandel, wo beginnt die Menschenverachtung und Skrupellosigkeit.
Wenn der Kinderwunsch überwältigt
Bertrand Tavernier: "Ich wollte zeigen, dass die beiden (Pierre und Geraldine) keine Heiligen sind, dass sie auch Fehler machen. Und vor allem zeige ich, dass der Wunsch dieser jungen Frau nach einem Kind so überwältigend ist, dass er sie dazu führen kann, etwas völlig Falsches zu tun. Geraldine ist schließlich bereit, auf den Menschenhandel einzugehen - für ihren Mann undenkbar. Der Konflikt bringt das Paar an seine Grenzen.“
Regisseur Bertrand Tavernier im Interview mit Rüdiger Suchsland - artechock-film
Woher kommt Ihrer Ansicht nach die Obsession mancher Paare, unbedingt ein Kind zu wollen, und dafür, auch wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt, keiner Anstrengung aus dem Weg zu gehen? In Teilen Ihre Films kann man das zwar gut nachvollziehen, dann aber wirkt es wieder wie eine Hysterie…
Zunächst einmal: Das wäre für mich eigentlich ein anderer Film. Vielleicht ist es etwas organisches, das Bedürfnis, Kinder aufwachsen zu sehen. Besonders manche Frauen empfinden das sehr stark. Ich kenne zwar Frauen und Männer, die keine Kinder wollen. Aber ich selbst hatte auch Freundinnen, die unbedingt ein Kind wollten - zu einem Zeitpunkt, als ich keine Kinder wollte. Und ich habe sie verloren. Daher kenne ich das. Ich weiß, wie stark der Wunsch sein kann. Damit geht HOLY LOLA los. Trotzdem ist das "Warum?" nicht die Frage des Films, die Frage ist "Wie?" Mit was für konkreten Problemen ist man konfrontiert, wenn man unbedingt ein Kind will? Was sind diese Probleme? Und ist es normal, dass wir Westler in die Dritte Welt kommen, um uns ein Kind zu beschaffen?
Regisseur Bertrand Tavernier im Interview mit Marcus Rothe - Abendblatt
Wieviel Dokumentarisches steckt in "Holy Lola"?
Wenn in "Holy Lola" einem französischen Paar ein gestohlenes Baby zur Adoption angeboten wird, wollte ich vor allem die Reaktionen der Beteiligten zeigen. Niemand würde vor der Kamera zugeben, ein gestohlenes Kind adoptieren zu wollen. Nicht nur, weil er sich strafbar machen würde! Man kann in einer Dokumentation niemanden zu bestimmten Reaktionen zwingen. Einige Gefühle sind daher besser im Spielfilm aufgehoben. Spielfilme sollten sich vom Dokumentarfilm bereichern lassen, um ihre oberflächliche Schutzhülle loszuwerden.
Für Ihren Regie-Kollegen Alain Resnais handelt Ihr Film vor allem von der Sehnsucht und dem Verlangen. Einverstanden?
Ja, dieses Verlangen, Mutter zu werden, trägt Züge der Hysterie. Bei der Darstellerin Isabelle Carré hatte der Kinderwunsch noch nie eine Rolle gespielt. Sie hat sich dann in dieses Verlangen hineingesteigert.
Regisseur Bertrand Tavernier im Interview mit Diemuth Schmidt – teleschau – der mediendienst
Sie haben sich in der Fiktion und Realität mit Menschen, die Kinder aus dem Ausland adoptieren wollen, beschäftigt. Was halten Sie persönlich von einem solchen Vorgehen?
Mir wurde klar, dass das ein sehr komplexes Thema ist, auf das ich keine generelle Antwort habe. Auch der Film wertet nicht. Gezeigt wird, dass die Adoptionen im Land Probleme schaffen und die Korruption fördern. Das ist eine allgemeine Erfahrung, die ich dort machte. Man beseitigt ein Problem und schafft damit ein Neues. Was mich sehr bewegt hat, ist das wilde Verlangen der Frauen nach einem Kind. Immerhin treibt dieses Gefühl in "Holy Lola" die Protagonistin dazu, selbst Kinderhandel zu unterstützen und ein gestohlenes Kind zu akzeptieren. Hier fehlt es an Demut. Ich kenne diesen starken Kinderwunsch, denn ich habe mit Frauen zusammengelebt, die unbedingt Nachwuchs haben wollten. Als ich nicht einverstanden war, ging die Beziehung in die Brüche.
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Nachdem ich den Film „Holy Lola“ gesehen habe ist mir vor allen Dingen aufgefallen, welche Demütigungen und Schikanen der Behörden und Vermittler kinderlose Ehepaare auf sich nehmen, um im Ausland ein Kind adoptieren zu können.
Dieser unbedingte Kinderwunsch trägt in der Tat hysterische Züge bis hin dazu, dass ansonsten unbescholtene Bürger sich zu kriminellen Handlungen verleiten lassen. Es ist ein pathologisches Verhalten, ähnlich dem von Suchtkranken.
Interessant finde ich, dass der Regisseur im Film und seinen Interviews diese absolute Kindergier bis hin zur Kriminalität nur Geraldine zuschreibt. Pierre behält den klaren Kopf. Der Erfinder und somit Vater der Geschichte von „Holy Lola“, Bertrand Tavernier, erklärt diese (seine) Sichtweise mit den Erfahrungen, die er selbst mit Frauen gemacht hat.
„Was mich sehr bewegt hat, ist das wilde Verlangen der Frauen nach einem Kind. Immerhin treibt dieses Gefühl in "Holy Lola" die Protagonistin dazu, selbst Kinderhandel zu unterstützen und ein gestohlenes Kind zu akzeptieren."
„Frau“ wird von einem wilden Verlangen getrieben, womit sie sogar das Verbrechen (den Kinderhandel) unterstützt. Das ist schon eine Meisterleistung des Regisseurs: eine fiktive Geschichte zu konstruieren, um den (seinen) Beweis zu führen, wozu Frauen alles imstande sind.
"Hier fehlt es an Demut. Ich kenne diesen starken Kinderwunsch, denn ich habe mit Frauen zusammengelebt, die unbedingt Nachwuchs haben wollten. Als ich nicht einverstanden war, ging die Beziehung in die Brüche.“
Frauen, die ein Kind haben wollen, womit der Partner nicht einverstanden ist, fehlt es also an Demut, wenn die Beziehung deshalb endet. Und aus dem gleichen Mangel an Demut werden Frauen in anderen Situationen kriminell.
Außer dieser einen Filmsequenz kommt es aber nicht so herüber, dass der Kinderwunsch bei den Frauen soviel stärker vorhanden ist. Die Männer nehmen in den übrigen Filmszenen die gleichen Anstrengungen auf sich, um an die begehrte Ware „Kind“ zu kommen. Von welchem Verlangen werden sie wohl getrieben?
Pierre:
„Ich sehe dich überall. In den Wiegen, auf den Gehwegen, auf den Märkten… Du weinst. Du lachst. Du läufst den Touristen mit einem Fächer hinterher. Du rennst fort.“
Geraldine:
„Ich habe Bauchschmerzen, aber du bist nicht in meinem Bauch. Mir ist übel und ich habe Lust auf Käse, aber du bist nicht in meinem Bauch. Ich weine, ich rege mich auf und verliere die Geduld. Aber du bist nicht in meinem Bauch.“
Während Pierre ständig Ausschau nach seinem fiktiven Kind hält und es überall zu sehen glaubt, erlebt Geraldine eine Scheinschwangerschaft.
Adoption – Land der Neurotiker
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Andere Fomen der Kinderhilfe
Fragt man Adoptionsbewerber nach ihren Motiven ist die erste Antwort:
"Wir wollen einem armen Kind helfen."
In dem Film "Holy Lola" werden auch Europäer gezeigt, die auf andere Art Kindern der Dritten Welt helfen. Sie unterstützen Schulprojekte für Kinder, die sich ihren Lebensunterhalt auf Müllhalden verdienen müssen und fördern Rehabilitationsmassnahmen für Kinder denen durch Landminen Körperteile abgerissen wurden.
