Adoptieren – etwas annehmen, nachahmend sich aneignen, z.B. einen Namen, Führungsstil
Die Verfahrensweisen für das Adoptieren von Menschen sind im Bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt.
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Nachstehend einige Bücher und Texte, die gesellschaftliche Bedingungen und Zusammenhänge von „Herrschaft“ aufzeigen.
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Fräulein Mutter und ihr Bastard – Sybille Buske
Eine Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland 1900 – 1970
Wallstein Verlag, Göttingen 2004
Klappentext:
Sie wurden als „Bastarde“, „Bankert“ oder „Hurenkind“ beschimpft: Uneheliche Kinder. Sie und ihre Mütter waren in der deutschen Gesellschaft über einen langen Zeitraum hinweg geächtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Unehelichkeit vornehmlich mit Armut, Kriminalität und Verwahrlosung in Verbindung gebracht. Uneheliche Kinder erschienen als eine sittliche Gefährdung der bürgerlichen Familie, ja sogar als existentielle Bedrohung der Gesellschaft.
Zitiert aus der Einleitung, Seite 22:
Das bürgerliche Recht und mit ihm das Familienrecht verkörpern eine gesellschaftliche Werteordnung, die historisch hinterfragt werden soll. Konzeptionell folge ich deshalb dem Verfassungsrichter Dieter Grimm, der Recht als ein Kulturphänomen fasst, das formell und materiell von Wertvorstellungen und Kulturmustern geprägt und getragen ist. Er geht ferner von der Voraussetzung aus, „dass die grundlegenden Präferenzen einer Gesellschaft im Recht symbolisch verankert, in Ordnungszusammenhänge umgesetzt und mit organisierten Sanktionen für den Fall der Zuwiderhandlung ausgestattet sind. Deswegen kann man die Rechtsordnung auch als Selbstbeschreibung einer Gesellschaft ansehen, in der ihre Wertvorstellungen und Machtverhältnisse Ausdruck finden und wirkmächtig werden.“ Recht wird als gesellschaftlicher Normenkomplex verstanden, in dem Beziehungen und soziale Hierarchien geordnet werden. Doch sofern man das Recht als ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse für gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungen einbeziehen möchte, ist zu berücksichtigen, dass das Recht und die Rechtspraxis selbst auch eine hohe gesellschaftliche Prägekraft entwickeln. Eine wechselseitige Bedingung des Rechts und der gesellschaftlichen Verhältnisse ist offensichtlich.
Zitiert aus „Christliche Familienleitbilder“, Seite 218-219
Ihre Morallehre (kath. Kirche) forderte umfassende sinnliche, körperliche und geistige Disziplinierung des Einzelnen. Selbstbeherrschung, Scham und Keuschheit waren zentrale Erziehungsziele; die weitgehende Unterdrückung physischer Triebe sollte einem gottgefälligen Leben dienen. Jede sexuelle Handlung, die nicht zum Zweck der Fortpflanzung diente oder außerhalb der Ehe vollzogen wurde, wurde als unrein und lieblose Gier und somit als Sünde gebrandmarkt. Der Münsteraner Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Tenhumberg urteilte noch im Jahr 1972: „Unehelicher Geschlechtsverkehr ist immer, vorehelicher Verkehr in der Regel, ein objektiv schwerer Verstoß gegen die gottgewollte Ordnung.“
Anmerkung - Sybille Buske schreibt:
„Der Münsteraner Bischof … urteilte noch im Jahr 1972 …“
Hieraus könnte man den Schluss ziehen, dass diese Beurteilung einer längst überwundenen Vergangenheit angehört. M.E ist diese Einstellung der katholischen Kirche jedoch auch im Jahr 2006 immer noch maßgeblich.
Zitiert aus: „Das evangelische Familienleitbild“, Seite 225
„Das uneheliche Kind ist außerhalb der Ordnung von Ehe und Familie geboren. Seine Lebensbedingungen sind daher andere, ungleich schwere. Keiner Rechtsordnung kann es gelingen, aus der tatsächlichen Unordnung Ordnung zu schaffen… Kein Grundgesetz kann Tatsachen als solche abändern. Wenn ein Grundgesetz bestimmen würde, dass der Krüppel dem gesunden Menschen gleichgestellt wird, so kann das keinem Menschen seine gesunden Glieder geben. Genau so wenig kann ein Gesetz, dass das uneheliche Kind dem ehelichen gleichstellt, die menschliche Situation des unehelichen Kindes ändern, das nun einmal aus einer Teilfamilie stammt und das unter den Folgen dieser Situation sicher ein anderes Leben führen wird als ein familienmäßig erzeugtes Kind.“
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Der Wille zum Wissen – Michel Foucault
Sexualität und Wahrheit I
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1983 (Originalausgabe 1976)
Klappentext:
Foucaults Hauptinteresse richtet sich auf die Erforschung der „polymorphen Techniken der Macht“: in welchen Formen, durch welche Kanäle, mittels welcher Diskurse schafft es die Macht, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen; auf welchen Wegen erreicht sie die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust, und auf welche Weise durchdringt und kontrolliert sie die alltägliche Lust?
Zitiert aus: „Wir Viktorianer“, Seite 11
Lange Zeit hindurch, heißt es, haben wir ein viktorianisches Regime ertragen, und wir leiden immer noch darunter. Im Wappen unserer Sexualität steht zuchtvoll, stumm und scheinheilig die spröde Königin.
Zitiert aus „Das Dispositiv der Sexualität“, Seite 86
Ob man nun der Macht die Form des rechtsetzenden Fürsten, des verbietenden Vaters, des Schweigen gebietenden Zensors oder des gesetzgebenden Herrn verleiht – immer handelt es sich um eine juridische Form, deren Wirkungen man als Gehorsam bestimmt. Gegenüber einer Macht, die Gesetz ist, ist das „Subjekt“, das zum Untertanen unterworfen ist, ein gehorchendes. Der formalen Homogenität der Macht durch alle ihre Instanzen hindurch entspricht angeblich bei dem von ihr Niedergezwungenen (beim Untertanen des Monarchen, beim Bürger des Staates, beim Kind der Eltern, beim Schüler des Lehrers) die allgemeine Form der Unterwerfung. Gesetzgebende Macht auf der einen Seite und gehorchendes Subjekt auf der anderen.
Zitiert aus „Bereich“, Seite 103
Die Hysterisierung des weiblichen Körpers ist ein dreifacher Prozess: der Körper der Frau wurde als ein gänzlich von Sexualität durchdrungener Körper analysiert – qualifiziert und disqualifiziert; aufgrund einer ihm innewohnenden Pathologie wurde dieser Körper in das Feld medizinischer Praktiken integriert; und schließlich brachte man ihn in organisch Verbindung mit dem Gesellschaftskörper (dessen Fruchtbarkeit er regeln und gewährleisten muss), mit dem Raum der Familie (den er als substantielles und funktionierendes Element mittragen muss) und mit dem Leben der Kinder (das er hervorbringt und das er dank einer die ganze Erziehung währenden biologisch-moralischen Verantwortlichkeit schützen muss): die „Mutter“ bildet mitsamt ihrem Negativbild der „nervösen Frau“ die sichtbarste Form dieser Hysterisierung.
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Die männliche Herrschaft – Pierre Bourdieu
Suhrkamp Verlag 2005 (Originalausgabe 1998)
Klappentext:
Männliche Herrschaft ist das Paradigma – und oft das Modell und der Gegenstand – aller Herrschaft. Da sie hinreichend abgesichert ist, bedarf sie keiner Rechtfertigung. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern scheint nämlich in der „Natur der Dinge“ zu liegen: Sie hat sich in der sozialen Welt niedergeschlagen und ist in den Einstellungen aller, dem Habitus, präsent: als ein universelles Prinzip des Sehens und Einteilens, ein System von Wahrnehmungs-, Denk und Handlungskategorien. Dies erklärt, warum eine solche Macht akzeptiert wird, denn sie beruht nicht auf einer freiwilligen Entscheidung, sondern auf der unmittelbaren Unterwerfung der sozialisierten Frauen. Wie die Frauen einer Sozialisierung unterworfen werden, die auf ihre Herabsetzung zielt, sind auch die Männer Gefangene der herrschenden Vorstellungen, obwohl sie perfekt ihren Interessen entsprechen.
Zitiert aus der Vorrede, Seite 8
Ich habe auch immer in der männlichen Herrschaft und der Art und Weise, wie sie aufgezwungen und erduldet wird, das Beispiel schlechthin für diese paradoxe Unterwerfung (unter die bestehende Ordnung) gesehen, die ein Effekt dessen ist, was ich symbolische Gewalt nenne. Es ist jene sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt, die im wesentlichen über die rein symbolischen Wege der Kommunikation und des Erkennens, oder genauer des Verkennens, des Anerkennens oder, äußerstenfalls, des Gefühls ausgeübt wird.
Zitiert aus „Die symbolische Gewalt“, Seite 65
Indes liegt es mir völlig fern, zu behaupten, dass die Herrschaftsstrukturen ahistorisch seien. Vielmehr versuche ich den Nachweis zu führen, dass sie das Produkt einer unablässigen (also geschichtlichen) Reproduktionsarbeit sind, an der einzelne Akteure (darunter die Männer mit den Waffen der physischen und symbolischen Gewalt) und Institutionen, die Familien, die Kirche, die Schule, der Staat beteiligt sind. Die Beherrschten wenden vom Standpunkt der Herrschenden aus konstruierte Kategorien auf die Herrschaftsverhältnisse an und lassen diese damit natürlich erscheinen. Das kann zu einer Art systematischer Selbstabwertung, ja Selbstentwürdigung führen.
Zitiert aus „Männlichkeit und Gewalt“, Seite 95
Bestimmte Formen von „Mut“, wie die Armee oder die Polizei (insbesondere die „Eliteeinheiten“) und Verbrecherbanden, aber auch bestimmte Arbeitsgruppen sie verlangen oder anerkennen – und die besonders in den Berufen des Baugewerbes dazu verleiten oder nötigen, Vorsichtsmaßnahmen abzulehnen und die Gefahr zu leugnen oder durch Imponiergehabe herauszufordern, was zu zahlreichen Unfällen führt, haben paradoxerweise ihren Grund in der Angst. Man fürchtet die Achtung oder die Bewunderung der Gruppe zu verlieren, vor den „Kumpeln“ „das Gesicht zu verlieren“ und in die typisch weibliche Kategorie der „Schwachen“, der „Schwächlinge“ der „Waschlappen“, der „Schwulen“ usf. eingeordnet zu werden.
So wurzelt, was man „Mut“ nennt, bisweilen in einer Form von Feigheit. Dafür sind all die Situationen Beweis genug, wo der Wille zur Herrschaft, zur Ausbeutung oder zur Unterdrückung, sich zur Ausführung von Gewalttaten, wie Töten, Foltern oder Vergewaltigungen, auf die „männliche“ Befürchtung stützt, aus der Welt der „Männer ohne Schwäche“ ausgeschlossen zu werden, nicht mehr zu denen zu gehören, die man zuweilen „harte Männer“ nennt, weil sie hart sind gegen das eigene Leid und vor allem das Leid anderer – die Mörder , Peiniger und niederen Chargen aller Diktaturen und aller „totalen Institutionen“, selbst der gewöhnlichsten wie der Gefängnisse, Kasernen oder Internate, aber auch die neuen dynamischen Unternehmer, die die neoliberale Hagiografie feiert und die, da sie auch selbst häufig körperlichen Mutproben ausgesetzt sind, ihr Überlegenheit dadurch demonstrieren, dass sie die überzähligen Beschäftigten auf die Straße setzen.
Wie man sieht, ist die Männlichkeit ein eminent relationaler Begriff, der vor und für die anderen Männer und gegen die Weiblichkeit konstruiert ist, aus einer Art Angst vor dem Weiblichen, und zwar in erster Linie in einem selbst.
Zitiert aus „Die Macht der Struktur“, Seite 184
Die Wahrheit der strukturellen Beziehungen der geschlechtlichen Herrschaft ist z.B. daran klar erkennbar, dass die in sehr hohe Positionen aufgestiegenen Frauen (leitende Angestellte, Ministerialdirektorinnen, usf.) ihren beruflichen Erfolg mit geringerem „Erfolg“ im häuslichen Bereich (Scheidung, späte Heirat, Ehelosigkeit, Schwierigkeiten oder Fehlschläge mit den Kindern usf.) und in der Ökonomie der symbolischen Güter bezahlen müssen. Sie zeigt sich genauso deutlich im umgekehrten Fall, wo der Erfolg im häuslichen Bereich häufig mit einem partiellen oder völligen Verzicht auf den großen beruflichen Erfolg erkauft wird (insbesondere durch das Akzeptieren von „Vorteilen“ wie der Halbtagsbeschäftigung, die den Frauen nur deshalb so bereitwillig zugestanden werden, weil sie durch deren Annahme aus dem Wettlauf um die Macht ausscheiden).
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Aus: Südafrikanische Geschlechtsordnung oder Das Verschwinden der schwarzen Frau - Diskussionstext der Revolutionären Zellen (o.O., 1989, 14 S.) http://www.soziologie.uni-freiburg.de/asb/brosch/S.html
Das Verschwinden aller Frauen oder: Was ist das Patriarchat?
Die Frage bleibt, warum lässt sich die Reproduktion der Gattung so radikal negieren? Und warum das Geschlecht, das sie verkörpert? Erinnern wir uns: "Frauen sorgen für das, was anderswo Arbeitslosenversicherung, Pensionskasse, Erziehung und Heranbildung neuer Arbeitskräfte, Gesundheitsfürsorge und Krankengeld genannt wird." Wir haben diese Aufstellung moniert, weil sie - und das ist kein Zufall - den springenden Punkt nicht enthält: Frauen produzieren die Gattung.
Dieser unabweisbaren biologischen Tatsache ist, soweit wir wissen, niemals die erforderliche analytische Aufmerksamkeit zuteil geworden, weil sie sich dem linken, männlichen Gleichheitsgedanken widersetzt und eine unauflösliche Geschlechtsdifferenz schafft. Allein Simone de Beauvoir hat es unternommen, dieses brisante Faktum den Biologisten zu entreißen, die daraus die ewige Apologie des Patriarchats schmieden. Sie schreibt und wir fassen zusammen: "Wie der Mann ist die Frau ihr Leib; aber ihr Leib ist etwas anders als sie. Von der Pubertät bis zur Menopause ist sie der Schauplatz eines Ablaufs, der sich in ihr vollzieht, ohne sie zu betreffen. Tatsächlich besteht bei dem Kreislauf der Menstruation keinerlei individuelle Zweckhaftigkeit, warum sie auch mancherorts der Fluch genannt wird. Wahr daran ist, dass die Frau unablässig die Leistung der Schwangerschaft andeutungsweise vollzieht in monatlichem Blut und Schmerzen. In den Schwangerschaftsperioden von einem anderen bewohnt, das sich von ihrer Substanz nährt, ist sie gleichzeitig sie selbst und ein anderes. Eine ermüdende Leistung, die den ganzen Organismus erschüttert und für die Frau keinen privaten Vorteil bietet. Im Gegenteil. Der Konflikt zwischen Art und Individuum, der bei der Niederkunft manchmal zum Drama wird, gibt dem weiblichen Körper eine bedenkliche Anfälligkeit. Man sagt gern, die Frauen hätten Krankheiten im Leibe; wahr ist, dass sie ein fremdes Element in sich tragen: die Gattung, die an ihnen zehrt. Eine Gattung, in der Kinder noch lange nach dem Stillen unfähig bleiben, selber für ihre Bedürfnisse zu sorgen."
So endet die Körperarbeit der Frau nicht an den inneren Grenzen ihres Leibes; die Abnabelung allein macht aus dem Neugeborenen keineswegs ein unabhängiges, lebensfähiges Geschöpf. Diese eigentümliche Hinfälligkeit der menschlichen Gattung erzwingt ein komplexes Versorgungssystem, und tatsächlich produziert das weibliche Geschlecht, indem es die neue Generation hervorbringt, die Sicherung der alten. Art und Ausmaß dieser Belastung sind allerdings keine Naturkonstanten, in ihnen spiegeln sich bereits die historischen und Machtverhältnisse. Ein Frauenleben muss nicht eine ununterbrochene Kette ruinöser Schwangerschaften unter den schlechtesten Lebensbedingungen und extremem körperlichem Verschleiß sein. Das ist bereits die Übersetzung einer biologischen Determinante ins Gesellschaftliche. Und der Bereich des Historischen und der Macht beginnt dort, wo über das spezifisch weibliche Vermögen der Gattungsproduktion ein gesellschaftliches Arbeitsverhältnis gestülpt wird. Ein gesellschaftliches Arbeitsverhältnis, das den gesamten Bereich menschlicher Reproduktion dem Geschlecht aufzwingt und es darin versklavt. In diesem Gewaltakt sieht Hegel süffisant "das subjektive Element beim Manne, während das Weib in die Art eingeschlossen bleibt". Dieses Einschließen des Weibes in die Art entspringt weder ihrer Natur noch einem Mythos, vielmehr etwas steinhart Konkretem und Männergemachtem: der Erzwingung unendlicher Arbeitsleistungen von der Frau an der Nahrung, der Kleidung, der Behausung, der Hygiene, der Gesundheit, der Krankheit, der Kindheit und am Alter, kurz der gesamten Gesellschaftsarbeit; die ironischerweise als private erscheint.
Wie ist das möglicht? Von der Körperarbeit, in die die unaufhebbare Differenz der Geschlechter eingeschrieben ist, ist der Mann, außer dem flüchtigen Moment des Koitus, vollkommen frei. Eine zwiespältige Freiheit, weil frei vom Vermögen und frei von der Last der Gattungsproduktion. Diesen Überschuss in der Körperökonomie, dieses Surplus an individuellem und geschlechtskollektivem Spielraum benutzt der Mann, um das gesellschaftliche Terrain zu besetzen und daraus einen Machtraum zu formieren, aus dem er das Geschlecht mit Eigenschaften gewaltsam vertreibt und unter das Joch der Gesellschaftsarbeit zwingt. In diesem ersten historischen Zwangsarbeitsverhältnis enthüllt sich das hegelsche "subjektive Moment beim Manne" als seine gewaltsam durchgesetzte Befreiung von jeglicher Gesellschaftsarbeit, um frei zu sein für Arbeiten, die seine Machträume erweitern; während "das Weib in die Art eingeschlossen bleibt", insofern es gewaltsam aus den öffentlichen Machträumen vertrieben und in den Untergrund einer unendlichen Vernutzung in der Gesellschaftsarbeit eingeschlossen wird. Daher ist es möglich, dass ein ganzes Geschlecht seit Menschengedenken nicht als gesellschaftliches erscheint. Daher verschwinden die Frauen.
Der Akt der gesellschaftlichen Vernichtung der Frauen ist allerdings ein doppelter: der Zwang, der aus Gesellschaftsarbeit unsichtbare Frauenarbeit macht, setzt sich fort in der radikalen Entwertung dieser Arbeit. Indem der Mann beides - Frauen und die ihnen ins Fleisch gebrannte Arbeit - in den Orkus verbannt wie Eurydike, nach der er nicht zurückblicken darf, planiert er sich die Operationsbasis für ein gesamtgesellschaftliches Herrschaftsmodell, das Arbeit ausdrücklich immer als Unterwerfung und Ausbeutung organisiert und in die Geschichte hineinstaffelt als Sklaverei, Leibeigenschaft bis zur kapitalistischen Mehrwertabpressung, ohne seinen Ursprung preiszugeben: den Extraprofit, den er aus Frauen zieht. Ein Raub, der nicht als solcher erscheint und daher auch nie die Analyse beschäftigte. Denn Frauenarbeit und damit ist nicht Frauenlohnarbeit gemeint, ist "flüssig", sie gerinnt nicht zur festen Form, sie vergegenständlicht sich in keinem Produkt, das sich austauschen lässt. Insofern lässt sie sich nicht in Beziehung setzen, nicht messen, bleibt "unermesslich" und ohne Maß ist wiederum kein Vergleich möglich, einem Äquivalent jeder Boden entzogen. Eine Arbeit indes, die kein Äquivalent kennt, schafft keinen "Wert", weil sie sich nicht darin ausdrückt. Sie ist "wertlos" und macht die Abschöpfung eines Mehrwertes unmöglich. Der dennoch aus ihr gezogene Gewinn entzieht sich jeglicher Akkumulation. Wir sehen: Frauenarbeit schafft keinen "Wert", aus ihr lassen sich auch keine akkumulierbaren Profite extrapolieren und ist dennoch unendliche gesellschaftliche Arbeit.
Natürlich bleibt sie sich in ihrer Form nicht gleich, sondern ist gravierenden historischen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Indes bergen sämtliche Erscheinungsformen, in die Frauenarbeit gepresst wird, in sich denselben harten Kern: ihre Substanz und ihre Trägerin sind bis zur Unkenntlichkeit entwertet. Dieser radikalen Negation begegnen wir in allen Ideologiesystemen, Arbeitsanalysen und Werttheorien. Sie ist aus dem gesamten Herrschaftskomplex kategorialer Diskurse gestrichen und ausradiert. Und was dort nicht existent ist, ist auch gesellschaftlich ausgelöscht, weil systematisch seine Artikulation blockiert wird.
Ein Geschlecht, das sich in nichts symbolisieren und sich keine gesellschaftliche Repräsentation schaffen kann, ist "ein Geschlecht, das nicht eins ist", sagt Luce Irigaray. Denn der Mensch ist nicht eine natürliche Art, sondern eine historische Idee. Und die historische Idee kennt bis heute nur den Mann. Signifikant wird das an allen gängigen Revolutionstheorien mit ihrem Gleichheitsversprechen, das in Wahrheit eine Drohung ist. Denn was bedeutet es anderes, als dass die unaufhebbare Geschlechtsdifferenz noch entschlossener negiert wird, eine Negation, die nur über die vollständige Einebnung der Frau gelingen kann. Über die eingeebnete Frau gedenkt der Mann sich seiner Fesseln zu entledigen und vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit - seiner dritten - zu schreiten, als Maß aller Dinge. "Die Differenz wird in der Ökonomie des Gleichen, des Einen, ein und desselben vernichtet, und in allergrößter Allgemeinheit in den selbstrepräsentativen Systemen des männlichen Subjekts ausgelöscht." (Irigaray) Wir verstehen nun, dass der Geschlechterantagonismus eine absolut andere Dimension hat als der Klassenantagonismus. Mehr noch, dass sich bei der Gleichsetzung bewusst die männliche Suprematie in alle Ewigkeit festzuschreiben gedenkt; indem mit Vorsatz die existentielle Mehrarbeit der Frau unterschlagen wird, die fortbesteht jenseits aller Herrschaftsverhältnisse.
Klassenantagonismen tragen zumindest perspektivisch die Möglichkeit ihrer Aufhebung in sich. Es existiert keine historische Gesetzmäßigkeit, keine Unabänderlichkeit, die den Menschen zwingt, den Menschen auszubeuten. Unabänderlich indes ist allein die Tatsache, dass beide Geschlechter niemals gleich sein werden. Niemals wird der Mann das Maß aller Dinge sein, es sei denn, er vernichtet das weibliche Geschlecht mit dem ihm innewohnenden Vermögen. Dieses Verlangen verbirgt sich in seinem ebenso aggressiven wie obsessiven Bemühen, mit den Mitteln der technologischen Reproduktion die geschlechtsspezifische Divergenz zu annullieren, sich einzuverleiben, damit sich endlich die lebendige Frau erübrige. Wozu, fragt er sich, hat er die Götter gestürzt, wenn nicht in dem Verlangen, auf Erden der Eine und Einzige zu sein?
Hier entdecken wir eine bestürzende Kohärenz, die den revolutionären Mann einschließt: eine Kohärenz, die alle seine Gegenentwürfe durchzieht. Nachdem er seine Götter und ihr unhaltbares Jenseits offiziell verworfen hat, um sich selbst zu schaffen, lässt er in seinen revolutionären Utopien behende die alten zähen und penetranten Paradiese im Diesseits wieder auferstehen, denn sein Reich ist ja von dieser Welt. Wir blicken in das gleiche Gedankengebäude, nur der Besitzer hat gewechselt. Der revolutionäre Mann verkündet pathetisch das Reich der Freiheit, der Gleichheit, das Ende aller Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Das Ende der Frauenausbeutung durch den Mann kann er damit unmöglich meinen, denn dieses Ende zerreißt alle bisherigen Revolutionsentwürfe als Makulatur, entlarvt sie als das, was sie sind: männliche linke Herrschaftsidyllen. Das Ende der Frauenausbeutung bedeutet das Ende der Möglichkeiten, aus der existentiellen Mehrarbeit der Frauen Männermacht zu schlagen. Die Macht ohne Macht - das ist das Ende des historischen Mannes.
"In chinesischen Legenden steht geschrieben, dass große Meister in ihre Bilder hineingehen und verschwunden sind. Die Frau ist kein großer Meister. Deshalb wird ihr Verschwinden nie vollkommen sein. Sie taucht wieder auf, beschäftigt wie sie ist, mit dem Verschwinden."
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