Geschichten von Jugendämtern

 

Vor einigen Wochen hatte mir Eva Kassetten zugeschickt, mit Aufzeichnungen mehrerer Radiosendungen, in denen sie als Herkunftsmutter interviewt wurde. Eva ist schon über 16 Jahre aktiv für die Anliegen von Müttern, die ihre Kinder durch Adoption verloren haben, tätig.

 

Während dieser Sendungen wurden außer Eva z.B. auch Frau Dr. Christine Swientek und andere interviewt. Bei einem Namen wurde ich hellhörig und zwar befragte man eine Mitarbeiterin des Kölner Jugendamtes zu ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen mit Adoptionen. Ihre Aussagen waren alle sehr mitfühlend und verständnisvoll. Ihr Name lautete: Frau S. und dieser Name kam mir sehr bekannt vor.

 

Ich habe daraufhin an Eva und Margrit (eine andere Mutter, die glücklicherweise auch ihre Tochter Nicole wieder gefunden hat) folgende Mail geschrieben:

 

20.02.2005

„Hallo Ihr Beiden,

 

Liebe Eva, ich habe mir Deine Kassetten angehört und bin ganz beeindruckt.

 

Höchst interessant fand ich, dass auch eine Mitarbeiterin der Kölner Adoptionsvermittlungsstelle, eine Frau S. zu Wort kam. Ich habe diese Dame vor zwei Jahren kennen gelernt, als ich beim Jugendamt Nachforschungen bezüglich des Kindesvaters anstellte und muss sagen, dass ich mich nur geärgert habe. Am 15.05.2002 habe ich beim Jugendamt nachgefragt und einen Termin für Mitte August erhalten, also drei Monate später. Der Termin war um 10.00 Uhr. Als ich dort ankam, war noch jemand im Zimmer von Frau S. und sie sagte mir, dass ich noch draußen warten müsse. Nach über einer halben Stunde kam ein Mann aus ihrem Zimmer, mit einem Kaffeebecher in der Hand, musterte mich und marschierte dann seelenruhig drei Zimmer weiter, schloss die Tür auf und verschwand in seinem Zimmer. Frau S. hielt es dann nicht für nötig, mich hereinzubitten, nein, nachdem ich nochmals etwas gewartet habe, wurde es mir irgendwann zu dumm und ich ging ohne Aufforderung in ihr Zimmer.

 

Am „tollsten“ fand ich dann aber folgendes. Nachdem meine Fragen geklärt waren, fragte Frau S. mich, ob ich denn meine Zukunftsvorstellungen so verwirklicht habe, wie ich es damals angegeben hätte. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, was sie damit meinte und dann las sie mir aus der Akte vor: "Frau Bege gibt ihr Kind zur Adoption frei, da sie eine Schul- oder Berufsausbildung machen will." Da bin ich bald umgefallen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und mir fiel in dem Moment nichts mehr ein. Diese Äußerung habe ich nie gemacht. Es waren die Damen vom Jugendamt, die mir nahe gelegt haben: „Wenn Sie ihr Kind abgeben, können sie doch ihre Ausbildung nachholen.“ und in den Akten steht es jetzt so, als ob dieser Wunsch von mir geäußert wurde und eine Ausbildung der Grund für die Adoptionsfreigabe meines Sohnes war.

 

Ich möchte nicht wissen, was in den Akten so alles steht und was manche Adoptierte zu lesen bekommen, wenn sie sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern machen.“

- Ende der Mail -

 

Margrit erzählte ihrer Tochter Nicole von meinen Erlebnissen beim Jugendamt und Nicole sagte, dass sie jetzt auch wissen will, was in ihrer Adoptionsakte steht. Sie fuhr einige Tage später zum Jugendamt nach D. ohne Termin, weil sie nicht auch so lange auf einen Termin warten wollte wie ich damals. Sie hatte sich den ganzen Tag Zeit genommen und wurde auch tatsächlich an einen Sachbearbeiter verwiesen, der ihr weiterhalf.

 

 

Am 03.03.2005 schrieb Margrit mir folgenden Brief:

 

Hallo Brigitte,

 

Der absolute Hammer!!!

 

Gestern war meine Tochter Nicole bei unserem Jugendamt, um Einsicht in „unsere“ Akte zu erhalten. Nicole musste sich ausweisen und hatte ja alle nötigen Papiere dabei, auch alle Aktenzeichen waren präsent. Das half, um die Papiere und alten Akten schnellstens zu finden. Der Sachbearbeiter (sehr nett und sympathisch, lt. meinem Kind) fragte:

 

„Frau H. wollen Sie sich das wirklich antun?“

 

Nicole hatte ihm nicht gesagt, dass wir so innigen Kontakt zueinander haben, sondern sprach von einigen Telefonaten, die sie mit mir erst geführt habe. Und dieser Sachbearbeiter vom Jugendamt sagte meiner Tochter:

 

„Frau H., bitte glauben Sie nichts was dort in den Akten ihrer Mutter steht. Das ist alles erfunden. Die Mütter waren unwichtig, es ging uns nur um das Kind, da so viele kinderlose Paare dringend Kinder brauchen, um glücklich zu werden.“

 

Meiner Tochter stockte der Atem – dann las Sie in der Akte – „Die Mutter möchte sich beruflich orientieren und keine Verantwortung für das Kind tragen – Vater unbekannt. Meine Tochter heulte los – der Sachbearbeiter tröstete sie und sagte wieder: „Frau H. bitte verstehen Sie doch, es sind unsere Standardsätze. Das, was in der Akte steht, ist gelogen. Wir haben nie hinterfragt, welche Motive eine abgebende Mutter hat, das war zu unwichtig.“

 

Nicoleäußerte: „Das ist doch wohl alles nicht wahr hier, was Sie mir erzählen.“ „Doch Frau H., und als Sie vor 29 Jahren geboren wurden war alles noch viel undurchschaubarer.“ Nun sagte Nicole, dass sie mich Gott sei Dank schon persönlich als Mutter kennen gelernt hat und wir ein prima Verhältnis miteinander haben. Da sagte der Herr: „Dann gehören Sie zu den wenigen Glücklichen, die erst die Mutter kennen lernten und dann Akteneinsicht forderten. Diejenigen, die erst beim Jugendamt waren und lasen, was da niedergeschrieben stand, diese Adoptierten wollen die leiblichen Mütter meist nicht mehr persönlich kennen lernen. Die Adoptierten sind nach Akteneinsicht oft zutiefst gekränkt und verletzt.“

 

Nicole sagte: „Warum erzählen Sie nicht allen Suchenden diese schreckliche Wahrheit über die erlogenen Akteninhalte?“ Er schaute Nicole lange an und sagte dann: „Es wird vor Ort entschieden, wem man was mitteilt.“ Weiter sagte er noch, dass man auch heute, 2005, noch nicht viel weiter sei als in den 70er Jahren. Er wünscht Nicole und mir einen guten Neuanfang und betonte nochmals, dass es besser sei, nach Möglichkeit zuerst den Kontakt zur Mutter zu suchen. Der erste Weg zum Jugendamt ist der völlig falsche Weg, mit katastrophalen Folgen für Mutter und Kind.“

 

Ich habe mit Margrit nach Erhalt ihres Briefes telefoniert und sie ergänzte den Bericht noch um folgendes. Der Kindesvater von Nora ist natürlich bekannt, wurde aber seinerzeit nicht aufgenommen, da er für das Jugendamt völlig uninteressant war.

 

Der Sachbearbeiter sagte noch, dass die Jugendamtspfleger häufig auf dem Standpunkt standen und immer noch stehen, dass die meist jungen Frauen ja immer wieder neue Kinder bekommen können. Einem Kind welches zur Adoption ansteht, stehen 40 – 60 kinderlose Ehepaare gegenüber, von denen sich das Jugendamt ein Paar aussuchen kann.