Findelkinder für den Adoptionsmarkt
Christine Swientek
„Die Wiederentdeckung der Schande – Babyklappen und anonyme Geburt“ S. 139 ff.
„Man kann sich fragen, aus welchem Grund Fachleute und Politiker so großes Interesse an der anonymen Geburt zeigen, ob sie sie nun verteidigen oder abschaffen wollen. Dieses Interesse wird nur verständlich vor dem Hintergrund der großen Zahl von Paaren, die eine Adoption anstreben. Ein auf französischem Territorium geborener Säugling, der darüber hinaus noch ‚ohne Geschichte’ ist – stellt die ‚anonyme Geburt’ nicht den Königsweg zur Adoption dar? Dabei wird diese fehlende Geschichte bewusst von der Gesellschaft organisiert, die zwischen Geburt und Adoption als Vormund der Kinder fungiert“ (Eliacheff 2001, S. 29).
„Ich denke, es wäre kein Problem 1.000 Findelkinder zu haben … es wäre kein Problem, diesen Kindern liebende Eltern zu geben. Wir haben sogar … hier bei uns … einen Bewerberstopp für adoptionswillige Eltern“ (Maria Geiss-Wittmann – bayerisches Projekt Moses – im NDR 4 Info am 13. Mai 2001).
„Dass eine größere Zahl zur Verfügung stehender Adoptionskinder das Ziel der Bemühungen sein soll, ist absurd, ja beleidigend für alle Betroffenen“ (Maria Geiss-Wittmann – bayerisches Projekt Moses – im Brief an eine Kritikerin am 06. August 2001).
Im Laufe der letzten Jahrzehnte konnten wir eine große Vielfalt an Adoptionskindergewinnungsmethoden beobachten. Adoption war immer ein Markt, der nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktionierte. In der Nachkriegszeit – bis zum Einzug der „Pille“ und der liberalen gesetzlichen Regelungen des Schwangerschaftsabbruches – gab es ein Überangebot an Kindern, die zum Teil niemand wollte. Aus dieser Zeit stammen die Wunsch-Phantasien von Adoptivbewerbern, in einem Säuglingsheim von Bettchen zu Bettchen gehen zu können, sich die Babys anzusehen, und dasjenige zu erwählen, bei dem der berühmte „Funke“ überspringt.
Heute sind zur Adoption freigegebene Kinder Mangelware. Insbesondere Kinder unter einem Jahr werden immer seltener angeboten. Sie jedoch sind die Begehrtesten.
Paare verhüten, Frauen brechen eine ungewollte Schwangerschaft ab und ledige Mütter können sich ohne die Diskriminierung der letzten Jahrzehnte zu ihren nichtehelichen Kindern bekennen. Es gibt insofern wesentlich weniger Gründe, ein Kind zur Adoption freizugeben, als noch vor 20, 30, 40 … Jahren. Gleichwohl ist die Nachfrage groß.
Im September 2000 wurde in Nordhorn ein neugeborener Junge ausgesetzt. Das Stadtjugendamt „habe sich am Donnerstag und Freitag vor Anrufen mit Adoptionswünschen aus allen Teilen Deutschlands nicht retten können,“ teilte ein Sprecher des Amtes mit (dpa.).
Frau Kaiser-Moysich vom Sternipark vertraute bereits im März 2001 einer Journalistin an: „Also mittlerweile haben wir fünf Aktenordner mit Briefen von kinderlosen Ehepaaren, die alle so ein Babyklappenkind haben wollen“ (in NDR 4 vom 28.03.2001).
In Hannover gab es im Krankenhaus die ersten Anrufe, „Angebote, ein Findelkind aus dem Babykörbchen aufzunehmen“, als die Ankündigung der Einrichtung für vier Monate später durch die Medien ging. Der leitende Arzt war überrascht und gerührt – hatte er sich bis dato mit der Adoptionsthematik noch nicht befasst.
Ob die unfreiwillige Kinderlosigkeit tatsächlich zugenommen hat, kann hier nicht diskutiert werden. Auch ob die publizierten Zahlenverhältnisse von abgegebenen Kindern zu adoptivwilligen Ehepaaren (1:15 oder 1:20 oder 1:6…) stimmen, muss offen bleiben. Ich würde sie nach eigenen Erfahrungen eher nach unten korrigieren – auf jeden Fall gibt es keine eindeutigen, bundesweit abgleichbaren Zahlen. Viele Paare sind an mehreren Stellen gleichzeitig gemeldet, während sie sich parallel in IVF-Programmen (künstliche Befruchtung) befinden.
Adoptivbewerber sind jedoch lauter und drängender in ihren Forderungen nach einem Kind geworden. Sie gehen stärker als noch vor 20 Jahren in die Öffentlichkeit und die Offensive. Sie erwarten vom Staat etwas, was dieser nicht zu schaffen vermag, sie verkennen zum Teil die Gesetzeslagen … und vor allem wünschen sie sich in der Regel „ein Kind so jung wie möglich“, damit es so wenig wie möglich vorgeschädigt ist und so stark wie möglich durch die eigene Erziehung geprägt werden kann.
Adoptionsvermittlungsstellen sind überfragt, überfordert und werden vor allem zu Unrecht für den zu verwaltenden Mangel verantwortlich gemacht. Mehr oder weniger deutlich verweisen sie auf das Grundprinzip der Adoption, das da lautet: „Für ein elternloses Kind werden Eltern gesucht (und nicht für ein kinderloses Paar suchen wir ein Kind). Gleichwohl gibt es Adoptionsvermittlerinnen, die sich einer „Vermehrung“ von elternlosen Kindern zwecks Adoptionsvermittlung nicht in den Weg stellen. Es ist kein Zufall, dass viele Adoptionsvermittlungsstellen sich aus der Diskussion um Babyklappen und anonyme Geburten heraushalten. Die abgelegten oder in der Klinik hinterlassenen Kinder stehen zur Vermittlung zur Verfügung, falls die Mutter es sich nicht noch anders überlegt und das Kind zurückfordert. Dass diese neue Möglichkeiten als Chance für den Adoptionsmarkt gesehen werden, wird gerne verschwiegen – soll doch bei diesem Thema die Rettungsaktion im Vordergrund stehen und nicht die Befriedigung von Wünschen kinderloser Paare.
Menschen, die dem Vermittlungsgeschehen weniger verbunden sind, geben sich hingegen spontan und sprechen das aus, was andere möglicherweise nur denken. Innerhalb der ersten Woche nach Beginn der Babyklappendiskussion in Stuttgart und Hannover (November 2000) wurde ich mit zwei eindeutigen Aussagen konfrontiert:
Ein katholischer Theologe, 42 Jahre alt:
„Ist das nicht eine schöne Idee? Dann werden nicht mehr so viele Kinder abgetrieben. Und es gibt doch so viele Eltern, die auf ein Kindchen warten.“
Ein 45-jähriger Adoptivbewerber in kinderloser Ehe mit altersbedingt begrenzten Adoptionschancen:
„Das ist endlich mal eine vernünftige Maßnahme der Kirchen. Da bekommen wir Kinder und müssen nicht den Adoptionsschrott der Dritten Welt nehmen.“
Mit welchen „Tricks“ Vermittlungsstellen bis in die 80er Jahre hinein teilweise gearbeitet haben, habe ich in meiner Studie über „abgebende Mütter im Adoptionsverfahren“ hinreichend dokumentiert. Insbesondere war es die Fehlinformation, in Einzelfällen waren es erzwungene Fortnahmen oder auch Verzögerungstaktiken, die letztlich über die Begrifflichkeit des „Kindeswohl“ ausgetragen wurden (Swientek 1986).
Die Adoptionsszene ist in den letzten zwei Jahrzehnten öffentlicher und sensibler geworden. Es gibt eine neue Vermittlergeneration und vor allem gibt es selbstbewusstere Mütter, die ihre Rechte besser kennen als früher, die Selbsthilfegruppen bilden und die sich – wenn es zu einer Adoption kommen solle – teilweise ein Mitspracherecht zu sichern suchen. Die Ausnahme: Sie stehen unter massivem äußeren oder inneren Druck, auch Zeitdruck, der in der Regel durch ihre personelle Umwelt erzeugt wird, die das Kind als missliebig aus der Familie entfernt wissen will. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Die Adoptionsszene ist in den letzten 20 Jahren insgesamt demokratischer geworden.
Jetzt aber steht uns eine neue Spielart ins Haus. Eine propagierte, anerkannte, mit vielen Vorschußlorbeeren versehene: das gerettete Findelkind, das Kind, das der Gosse, dem Waldrand, der Mülltüte entrissen wurde, das Kind aus der Babyklappe, das Kind, das anonym geboren und im Krankenhaus hinterlassen und innerhalb einer bestimmten Frist nicht zurückgefordert wurde. Mit anderen Worten: Hier hat die Mutter scheinbar stillschweigend in die Adoption eingewilligt bzw. diese willentlich und wissentlich in der Entscheidung ihres Vorgehens vorausgesetzt. Die Einwilligung durch das Vormundschaftsgericht wird in diesen Fällen keine Probleme aufwerfen.
Es tut sich eine neue, ungeahnte Regulierung des Adoptionsmarktes auf, die gleichzeitig vielfältige Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Adoptionsverfahren bietet:
weniger Bürokratie
(fast) keine Beratungsgespräche, Alternativangebote, Wartezeiten, Diskussionen, Ambivalenzen, Rückzüge …
kein langes Bangen der Adoptivbewerber um die Einwilligung in die Adoption vor dem Notar
kein Ausforschen des zur Unterschrift verpflichteten Vaters
ein hoher Anerkennungsgrad für die Initiatoren („Rettung aus Todesnot“)
ein ebenso hoher Anerkennungsgrad für Adoptiveltern, die in den letzten Jahrzehnten gelernt hatten, ihre eigenen „egoistischen“ Wünsche nach einem Kind zu verbalisieren und sich von ihren Rettungsphantasien zu lösen (1985: „Jede Adoptionsfamilie ist eine kleine Rettungsstation“).
Die deutsche Befürworter-Szene blickt dabei nach Frankreich: 600 bis 700 anonyme Geburten pro Jahr lassen Adoptivermittler aufhorchen und langjährige Adoptivbewerber hoffen. Aus diesen Kreisen wird in der Regel kein Einspruch gegen die neuen Maßnahmen zu erwarten sein – mit Ausnahme erfahrener Adoptiveltern, die sehr reflektiert, einfühlsam und mitleidend die Aufklärung über den Adoptionsstatus geleistet und die (oft) vergebliche Suche ihres Kindes begleitet haben (vgl. dazu die sich widersprechenden Stellungnahmen von PFAD – Bundesverband/Zusammenschluss von Adoptiveltern).
Viele Adoptionsvermittler äußern sich öffentlich gar nicht. Dazu angefragt geben sie an, zwar eine Privatmeinung zu haben, diese jedoch im Hinblick auf ihren Abhängigkeitsstatus nicht öffentlich machen zu können. In längeren Gesprächen wird dann gelegentlich deutlich: Es gibt eine Meinung, die unter vier Augen geäußert wird und es gibt eine Meinung, die für die Öffentlichkeit bestimmt ist und den Vorgaben der Vorgesetzten folgt, die im übrigen auch ambivalent sind – denn wer will sich schon öffentlich dazu bekennen, keine „Babys retten“ zu wollen?
Problematisch wird es für den Staat werden, wenn der Markt gesättigt sein wird, wenn doch weniger Adoptivbewerber als vorgegeben zur Verfügung stehen; wenn vor allem unvermittelbare kranke und behinderte Säuglinge „anfallen“, die schon heute niemand will und für die sich entsprechend der Anonymität kein Kostenträger finden wird. Problematisch könnte es also dann wieder werden, wenn wir ein Überangebot an nicht vermittelbaren Kindern zu verzeichnen haben. Für den Staat kann es teuer werden: Pflegeeltern stehen schon heute nicht ausreichend zur Verfügung und Heimplätze sind extrem kostenaufwendig.
Frau Geiss-Wittmanns 1.000 Findelkinder könnten nach erster Sättigung des Marktes erhebliche Probleme verursachen. Nicht alle gemeldeten Adoptivbewerber sind geeignet. Manche sind längst zu den „Karteileichen“ zu zählen, die über Jahre mitgeschleppt und mitgezählt werden. Möglicherweise werden wir dann wieder Kinderlieferanten für Skandinavien und USA – wie in den 50er und 60er Jahren.
Auch in dieser Beziehung werden wir dann das Rad der Geschichte zurückdrehen:
Die gerne zitierte Anknüpfung an die mittelalterliche Klostertradition,
Drehladen und Findelhäuser im 15. bis 19. Jahrhundert,
Verschärfung des Inkognito (20. Jahrhundert) durch totale Anonymisierung und
Internationaler Kinderlieferant unter anonymisierten Bedingungen …
Eine andere interessante Frage ist, ob die bisherigen Initiatoren (Verbände beider Kirchen, Sternipark Hamburg) auch dann ein so überwältigendes Engagement zeigen würden, wenn sie die gewonnenen Kinder nicht selber zur Adoption vermitteln dürfen, sondern den kommunalen Jugendämtern zwecks Adoptionsvermittlung zur Verfügung stellen müssten. Bislang beschäftigen alle Rettungsinitiativen ihre eigenen Dienste: Der Sozialdienst katholischer Frauen betreibt die Klappen und organisiert die anonymen Geburten – und vermittelt gleichzeitig die Kinder. Falls die Mütter sich melden, werden diese von eben denselben Sozialarbeiterinnen „beraten“. Bei der evangelischen Kirche sind die Organisationsstrukturen ähnlich: Landeskirche, evangelisches Krankenhaus mit Klappe und Geburtsangebot, Diakonisches Werk als Adoptions-Vermittlerin: ein „Netzwerk“, in dem sich mancher auch verfangen kann.

Der Deutsche Juristinnenbund e.V. wies in seiner Stellungnahme am 30.05.2001 eindrücklich darauf hin, dass diese Konstellation „sehr schnell zu einer Adoptivkindergewinnungsanstalt mutieren kann und das vorrangige Ziel aller Beratung und Unterstützung, nämlich die Mutter selbst zu befähigen und zu ermutigen, ihr Kind zu versorgen, letztlich nicht (mehr) verfolgt wird“. (S. 3).
Wie sagte ein Adoptionsvermittler, dem ich dieses vorhielt? „Wir sind schließlich eine Adoptionsvermittlungsstelle und nicht eine Adoptionsverhinderungsstelle!“ (Anm. siehe Findefux!!!)
Sternipark Hamburg als nichtkonfessioneller Verein ist eine Ausnahme in diesem Geschehen. Er darf zwar keine Adoptionen vermitteln, hat jedoch seine eigenen Strategien, die Kinder unterzubringen.
Und der Staat sieht zu!
Wie auch immer: Die Probleme aller Betroffenen beschäftigen wieder für Jahrzehnte Berater, Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Psychiater. Nur dass sich dann durch die Anonymität jede Hilfe darauf beschränken muss, mit den Betroffenen die Akzeptanz ihres Schicksals, ihre erlebte Wurzellosigkeit, ihre Zukunfts-, weil Herkunftslosigkeit abstrakt zu erarbeiten. Wir werden keine Hoffnungen auf ein „Wiederfinden“ vermitteln können; wir werden niemanden mehr finden, der von seinen Angehörigen gesucht wird, wir werden nur noch „Trauerarbeit“ in einer besonders anonymisierten Form leisten können. Die heute aktiven Initiator/innen werden von dieser Not allerdings nicht tangiert werden.