Fehlende Selbsthilfegruppen für Mütter deren Kinder adoptiert wurden

 

Mai 2007

Die Situation von Herkunftsmüttern weißt m.E. viele Parallelen zu den Opfern von sexuellem Missbrauch auf. Durch das Zusammentreffen mehrerer negativer Umstände wurden/werden viele Herkunftsmütter in die Lage gedrängt sich Jugendamtsmitarbeitern/Adoptionsvermittlern anzuvertrauen, die sie zunächst als Helfer betrachten.

 

Das Geschäft dieser Helfer ist die Vermittlung von Kindern an Adoptiveltern. Es ist ihr Beruf und versorgt sie mit einem regelmäßigem monatlichen Einkommen. Diese „Helfer“ umwerben ihre Lieferantinnen mit positiven Botschaften zu Adoption, um an die begehrte Ware Kind zu kommen, je jünger umso besser. Die negativen Aspekte von Adoption werden den Lieferantinnen vorenthalten. Es gibt keinen gesetzlich vorgeschriebenen Adoptions-Beipackzettel auf dem alle Wechselwirkungen und Nebenwirkungen aufgeführt werden müssen. Weder für die Mütter noch für die abgegebenen Kinder.

 

(An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders bei Margaretha Rebecca, Irma, Sabeth, Eva und anderen Adoptierten bedanken, die mich durch ihre ungeschminkten Beiträge tief in die verletzten Seelen von Adoptierten haben blicken lassen, so dass mir erst hierdurch das Begreifen des tragischen Ausmaßes von Adoption für Adoptierte möglich war.)

 

Das beste Beispiel für das Ausblenden der Schattenseiten von Adoption ist die Werbebroschüre des Jugendamtes Zwickau:

 

http://www.zwickau.de/rathaus/stadtverwaltung/dezernat3_soziales_und_kultur/50/51/hilfezurerziehung/51_pdf_adoptionsbroschuere.pdf

In Vorzeiten als Rabenmütter verachtete Frauen, treffen heute eine „schwere, fundamental wichtige Entscheidung“ und erhalten so den Nimbus „einer verantwortungsvollen Frau“, die zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen hat:

 

„Freigabe zur Adoption – damit mein Kind eine gute Zukunft hat!“

 

(Anmerkung am Rande: Die unterschwelligen Botschaften „Adoption statt Abtreibung“ in dieser Broschüre sind nicht zu überlesen und der gesamte süßlich manipulative Tonfall haben mir mehrmals das Frühstück hochgetrieben.)

 

Gipfel der Bauernfängerei des Jugendamtes Zwickau ist die Passage:

 

„Berühmte Frauen, die ihr Kind zur Adoption oder anderen Menschen in Obhut gaben:

 

Astrid Lindgren

(gab es erst mit 90 Jahren offen zu – lt. Marianne Herzog)

 

Marianne Herzog

(Schriftstellerin)

 

Maria Montessori

 

Ulla Jelpke

(dir für die PDS im Bundestag arbeitende Politikerin)

 

Ingrid Bergmann

(Schauspielerin)

 

Yoko Ono

(Ehefrau von John Lennon)

 

Shirley Mac Laine

(Schauspielerin)

 

 

Dermassen gehirngewaschene Herkunftsmütter verlassen nun das Jugendamt ohne ihr Kind und fühlen sich erstmals getragen von einer Woge der Großartigkeit: Verantwortungsbewusst und in einem Boot mit den prominentesten Frauen der Welt.

 

Sehr schnell merken die ehemaligen Mütter aber, dass dieses Gefühl der Großartigkeit nur kurze Zeit anhält, dann kommen die verdrängten Gefühle der Trauer und des Schmerzes und von der Großartigkeit bleibt nicht mehr viel übrig. So nach und nach begreifen sie auch, dass die Adoptionsvermittler ihnen eine Scheinwelt vorgegaukelt haben – von der verantwortungsbewussten Frau werden sie nach ihrer Unterschrift, im normalen Leben begreifen, dass sie besser ganz schnell ihren Mund halten, denn hier sind sie nach wie vor die Rabenmütter, die Versager, die Flittchen, die Unverantwortlichen. Und die meisten werden sich wie Astrid Lindgren lebenslang lieber in Schweigen hüllen oder nur in der Anonymität sprechen, als sich dem gesellschaftlichen Spießrutenlaufen auszusetzen.

 

Der letzte Eintrag in meinem Gästebuch, eine Botschaft von Franzi (?) an Norbert (?), lautet:

 

„Schenk Dir bloß das sog. "neue Adoptions-Forum", Abgabemütter als Moderatoren, die auf alles eine Antwort wissen und einfach nicht kapiert haben, dass die Gesellschaft und die meisten Adoptierten an ihren Ausführungen und Sicht der Welt gar nicht interessiert sind. Schlicht: irrelevant.“


Diese Meinung spiegelt auch heute noch das Verhältnis und die Verachtung der meisten Menschen oder besser gesagt, der gutbürgerlichen Kreise unserer Gesellschaft, gegenüber Herkunftsmüttern wider. In diese Kreise werden die meisten Kinder der Herkunftsmütter hineinadoptiert.

 

Die Jugendämter ziehen sich nach Erhalt des Kindes in den meisten Fällen aus jeder weiteren Verantwortung gegenüber den Müttern heraus: „Was wollen Sie denn, Sie haben doch unterschrieben!“ Bezeichnend finde ich, dass einige Sozialarbeiterinnen diesen ehemaligen Müttern dann raten, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen!

 

Ihr Wohlwollen gilt vornehmlich den armen Unfruchtbaren aus den gutbürgerlichen Kreisen, aus denen viele Sozialarbeiterinnen selbst stammen. Ich möchte hier auch am Rande noch bemerken, dass es meist Frauen sind, die andere Frauen zur Adoption überreden bzw. die Wege dorthin vorbereiten und ebnen. Dieses Phänomen gibt es auch in anderen Kulturen, wenn man sich einmal vor Augen hält, dass es chinesische Frauen waren, die ihren Geschlechtsgenossinnen die Füße verkrüppelten oder in der arabischen und afrikanischen Welt, wo es auch Frauen sind, welche die Beschneidung der Geschlechtsorgane an anderen Frauen vornehmen.

 

Um auf die Paralellen zum sexuellen Missbrauch zurückzukommen: Durch Adoption werden viele Herkunftsmütter einerseits psychisch schwer geschädigt, so dass ihnen eine großer Teil ihrer sonstigen Stärke und Kraft geraubt wird, andererseits werden sie gesellschaftlich als Täter behandelt, wie es lange Zeit beim sexuellen Missbrauch der Fall war, wo die eigentlichen Täter sich als die Verführten von Kindern und Jugendlichen hinstellten und die tatsächlichen Opfer neben dem Schaden auch noch die Schande tragen mussten, um von den Tätern abzulenken und diese zu entlasten.

 

Beim sexuellen Missbrauch ist der Täter gegenüber dem Opfer immer in einer Machtposition, die er schamlos ausnutzt. Bei Adoptionen sehe ich das in vielen Fällen genauso.

 

Brigitte

 

Kopie: an das Jugendamt Zwickau zur Kenntnis