Evas Geschichte

 

Ja, das hier ist nun meine Geschichte.  

Heute kann ich schon schreiben, dass ich meine Tochter Kristina vor 12 Jahren wieder gesehen habe. Aber damals? Die fast 19 Jahre? Wie habe ich die überstanden? Von Montag auf Dienstag den 13.8.74 wurdest Du geboren Jane. Mit meinen Eltern hatte ich schon lange keinen Kontakt mehr, der Kindsvater zeigte kein Interesse. Der einzigste Weg - zum Jugendamt. Da werden Sie geholfen? Dort konnte man mir keine Hilfe anbieten. Auf der anderen Seite, es gibt Adoptivfamilien, die nehmen so einen Säugling sofort auf. Die hätten einen Garten, viel Zeit und Geld. So ein Ereignis, dass Du Jane geboren wurdest, würde ich doch schnell wieder vergessen. So geriet ich in diese Bewegung Adoption. Ich hatte dem nichts entgegen zu setzen. So konnte ich noch Deine Arme anfassen, Dir in die Augen sehen, Dich berühren. Ein Wunder, dass Du geboren worden bist. Unser kleines stilles Glück, dass nur wenige Stunden dauerte. Ich wollte Dich am nächsten Tag wieder sehen, da warst Du schon weg. Einfach weg. Ich hatte keine Kraft auch nur irgendetwas zu unternehmen. Denn Freunde hatte ich nicht. Du warst weg und wo blieb ich? Ich fiel in ein tiefes Loch.

Drei Tage vor meinem Geburtstag unterschrieb ich die Papiere und dann lief ich ziellos umher. Inzwischen hatte ich dann geheiratet. So vergingen die Jahre. Das zweite Mädchen wurde geboren, das dritte Mädchen kam eine Woche und ein Tag nach Janes Geburtstag zur Welt. Alle beiden haben an einem 21.Geburtstag. Habe ich denn nun zwei oder drei Töchter? Diese Zahl 21- kam mir doch so bekannt vor?  Die Erinnerung kam wieder. An einem 21. kam Jane zu den Adoptiveltern. Diesen Brief habe ich gut versteckt und er kam zum Vorschein. So begann das Bild Adoption ein wenig zu wackeln, ich nahm wieder Kontakt zum Jugendamt auf, um etwas von meinem Kind zu erfahren, denn inzwischen hatte ich so einige Bücher, Zeitschriften darüber gelesen, um mich mit dem Thema Adoption auseinanderzusetzen und um die Sache aufzuarbeiten, die ich so lange versucht habe zu verdrängen. Beim Jugendamt erschien ich immer wieder und dort bekam ich nach unzähligen Fragen und drängeln ein Babyfoto von Dir, obwohl Du schon 10 Jahre alt wurdest, Jane. 

Ich schloss mich einer Selbsthilfegruppe in Bremen an, nahm an mehreren Radiosendungen mit teil, schrieb ein Inserat in die Zeitschrift Eltern um noch andere Betroffene kennen zu lernen. Dann begann ich auch wieder zu arbeiten. Ich fand eine Arbeit in einer Familie die ein Kind aus Brasilien adoptiert hatte. Es wurde so ein Nachholbedürfnis für mich. Bei einer weiteren Familie war das Thema auch nicht unbekannt, denn die Schwester von der Hausdame gab ein Kind zu Adoption frei. So spielte es immer wieder eine Rolle in meinem Leben. Inzwischen, eine Freundin von mir bekam ihr viertes Kind, erzählte ich auch meinen beiden Töchtern, dass sie noch eine Schwester hätten. Du lebst mit uns, in Gedanken und Gesprächen und ich hatte das Babybild, das sollte für einige Jahre aushal­ten. Ich war so richtig aktiv. Dann bekam ich die Stelle im Altersheim.

Auch das Thema Musik wurde für mich immer wichtiger. Ich hatte etwas gefunden wo ich die Trauer, Schmerz und Freude herauslassen konnte. Jetzt war Dein 18. Geburtstag! Wo bist Du jetzt. Ich laufe all die Jahre mit dem Babybild herum, und weiß nicht wie Du aussiehst? Ich war aufgeregt und so unruhig. Was war mit mir los?  Es war im Mai, meine Familie war zusammen in der Küche, bekomme ich Post vom Jugendamt! "Bitte kommen Sie doch zum Jugendamt. Ich habe für sie eine sehr erfreuliche Nachricht mit Ihnen zu besprechen. Bitte bringen Sie, wenn es möglich ist ein Foto von sich und den Kindern mit. Ich las diese Zeilen, das konnte doch nicht wahr sein? Endlich, so eine Nachricht hatte ich mir immer gewünscht. Jetzt war alles so in greifbarer Nähe gerückt. Ich sagte meiner Familie Bescheid, dass sie jetzt die große Schwester kennen lernen können.  Noch eine Woche warten bis zu dem großen Treffen. Es wurde für mich die längste Woche. Ich fand keinen Schlaf mehr, war durcheinander. Ich ging noch zu einem Fotografen, schnell suchte ich noch Fotos von den anderen beiden Mädchen zusammen. So erschienen wir dann am Jugendamt, dort bekam ich dann auch endlich ein live  Bild von Dir Jane. Noch eine Woche warten und dann sollte ich Dich endlich kennen, wieder sehen.

Bei einem Therapeuten war unser erstes Treffen. Du kamst herein, ich hörte den Namen "Kristina "kommt, Du brachtest einen Korb mit Getränken, Gläsern, Servierten, Keksen mit. So feierten wir unser Wiedersehen. Wir begrüßten uns wie zwei Freundinnen, die sich lange nicht gesehen hatten. Du hast nach den Geschwistern gefragt, dem Vater, der Familie. Wir wünschten uns einen behutsamen Umgang mit einander und einen gemeinsamen neuen Anfang. Nach diesem Treffen habe ich meine Familie, Freunde, Bekannte angerufen und ihnen von Kristina erzählt. Eine Sofortbild Kamera habe ich mir ausgeliehen  und die war natürlich mit dabei als wir uns alle vier wieder gesehen haben. Wir legten die Bilder in einem Eiskaffee auf dem Tisch, die wir für Dich zusammengestellt haben und wir bekamen auch viele Bilder von Dir. Wir wohnen in der gleichen Stadt, lesen gerne, mögen Tiere. Wir sind uns so ähnlich. So schöööön. Am Ende des Jahres war dann noch ein treffen mit Deinem leiblichen Vater, mir und Dir - Kristina. Nach all dem Kummer, Sorgen, Gefühlen, lachen miteinander sprechen, Dich berühren, eigentlich einer richtige Familie und doch ganz anders. Wo sind all die Jahre geblie­ben. Alle drei haben wir dazugelernt, wieder miteinander zu sprechen. Ich bin froh, dass wir den Mut  hatten uns zu dritt zu  treffen. Das Adoptionsspiel ist vorbei. Heute nach diesen 12 Jahren? Ich habe einen super süßen kleinen Enkel. Wir reden viel miteinander und telefonieren. Und ich habe nach wie vor immer den Fotoapparat griffbreit. Das Leben mit Dir ist spannender, spontaner geworden.