Eva

 

baby luna

 

Meine Kindheit war schön. Ich bin mit einem (Adoptiv-) Bruder aufgewachsen (er ist 7 Jahre älter als ich). Ich habe alles bekommen was ich brauchte und meistens auch das, was ich mir wünschte. Als mein Großvater starb und meine Großmutter das Haus, in dem sie wohnten, nicht mehr alleine halten konnte, zogen wir um. Von der Stadt in eine Kleinstadt (fast noch Dorf). Meine Freunde musste ich hinter mir lassen, noch mal ganz von vorne anfangen. Ich war 11 Jahre alt und wusste dennoch, dass das ein "Verlust" ist, der mich prägen wird. Die neue Umgebung war mir fremd. Meine Eltern waren beide immer berufstätig und ich war es gewohnt auch mal alleine zu sein aber ich fühlte mich einsam. Also zog ich mich zurück.

Es war in dem ersten Sommer nach dem Umzug. Ich liebe es, mir die von meiner Mutter liebevoll gestalteten Fotoalben anzusehen. Dann fällt mir ein Bild auf. Meine Mutter mit meinem Bruder auf einem Bild bei dem sie mit mir im 7. Monat schwanger gewesen sein müsste, ABER da war kein Bauch! Ich habe vor und zurück geblättert und Daten miteinander verglichen. Wie fragt man mit 12 Jahren seine Eltern, ob man deren Kind ist? Was passiert, wenn ich mich geirrt habe? Wie würden meine Eltern dann reagieren und was würden sie denken? Also habe ich das für mich einzig Vernünftige getan ... ich habe gewartet. Vier Jahre hat es gedauert bis die Zweifel so stark waren, dass ich mit jemanden darüber reden musste. Meine damals beste Freundin hat mir zwar zugehört aber sie wusste auch nicht, was zu tun war um Gewissheit zu kriegen.

Wieder 2 Jahre später, am 15.08.2000 war ich dann soweit, dass ich zum Jugendamt gegangen bin und endlich wissen wollte, ob es nun stimmt oder nicht, was ich so lange Zeit vermutet habe. Natürlich konnte mir die Sachbearbeiterin keine Auskünfte geben, weil ich noch nicht volljährig war. Also hieß es; erneut warten. Und zwar genau 2 Wochen. In den nächsten zwei Wochen war ich auf einem Lehrgang und verbrachte dort auch meinen 18. Geburtstag. Als ich drei meiner "Mit-Azubis" von meinem Verdacht erzählte, haben die mir gesagt, dass ich spinne und ich mir da was einbilde. Das hat mich sehr getroffen aber mich nicht von meinem Weg abgebracht.

Es war Dienstag (29.08.2000), als ich zum Jugendamt ging. Die Sachbearbeiterin hatte mich bereits erwartet. Wir setzten uns und sie begann das Gespräch. Sie lächelte und sagte, dass ich schon beim letzten Mal wissen wollte, ob ich adoptiert bin oder nicht. Sie hätte sich meine Akte angesehen und könnte mir das bestätigen. Die Abstammungsurkunde hat sie mir gezeigt. Da stand, Mutter: Erika Teichmann; Vater: unbekannt. Die Sachbearbeiterin erzählte mir, dass meine leibliche Mutter bei einem Unfall gestorben sei als ich knapp 2 Jahre alt war, sie allein erziehend war und ich noch drei Halbbrüder habe, die von meiner Großmutter beziehungsweise von Onkel und Tante aufgezogen worden. Als ich nach Hause fuhr, dachte ich über all das nach. Ich wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Denn meine Eltern waren diejenigen, die immer da waren und die einzigen Eltern die ich kenne. Ich fühlte mich nicht anders als vorher. Da war weder Wut noch Trauer. Ich war einfach nur leer.

Aus Angst vor der Reaktion meiner Eltern und auch aus meiner eigenen Unsicherheit heraus habe ich nichts gesagt. Mit 18 J. bin ich zu Hause ausgezogen. Aber nicht weil ich meine Eltern nicht mehr sehen wollte, sondern weil ich mein eigenes Leben, meinen eigenen Alltag brauchte, um alles zu verarbeiten. Es war komisch durch die Straßen zu laufen und jemanden zu suchen, der mir ähnlich sieht. Durch das Jugendamt wusste ich den Namen meiner Großmutter und auch meiner Halbbrüder. Meine Neugier ließ mich nicht zur Ruhe kommen, jetzt hatte ich schon so viel erfahren, dann wollte ich auch noch den Rest wissen. Wie sich herausstellte, wohnte meine Großmutter 2 Häuserblocks von meiner eigenen Wohnung weg. Mein damaliger Freund machte den ersten Schritt für mich und ging zu ihr, da ich nicht wusste, ob sie mich überhaupt sehen wollte. Sie hat mich dann angerufen und mich gebeten vorbei zu kommen. Die erste Begegnung war befremdend, ich konnte meine Tränen zwar nicht zurückhalten aber es waren eher Tränen der Erleichterung. Genauso hätte ich ja auch auf totale Ablehnung stoßen können. Meine Halbbrüder waren auch da. Allesamt älter als ich und völlig anders als ich sie mir vorgestellt hatte. In den nächsten Monaten hatte ich Zeit, diese Familie kennen zu lernen und Fragen zu stellen. Ich habe das, so gut es ging genutzt. Wie es passiert ist, hat mir erst meine Oma erzählt. Meine Mutter ist mit einem Bekannten unterwegs gewesen. In dem Stadtteil wurde gerade an den Bahngleisen gebaut und es gab keinen richtigen Übergang. Sie wollte die S-Bahn noch kriegen und wurde von einer Lok erfasst, die dort rangiert hat.

Ich war einmal am Grab meiner leiblichen Mutter. Es hatte etwas von Endgültigkeit. Ich habe ihr vier künstliche Rosen mitgenommen und auf das Grab gelegt. Denn sie hatten folgende Bedeutung für mich:

 

Blau steht für die unendliche Weite des Himmels.

Rot steht für die Liebe, Deine Liebe zu uns.

Weiß steht für die Unschuld des neugeborenen Lebens.

Schwarz steht für die Trauer, die ich empfinde.

 

 

 

 

 

Ende 2001 hat mich mein (Adoptiv-) Bruder angerufen und gemeint er würde mich abholen und wir fahren zu unseren Eltern. Ich wusste, dass sie es jetzt ansprechen würden, aber ich wusste nicht wieso? Warum ausgerechnet jetzt?

 

Wir fuhren also zu meinen Eltern und die Situation war merkwürdig, wir wussten alle vier um was es geht aber meine Eltern und mein Bruder wussten nicht, dass ich es weiß.

Meine Mutter hat angefangen zu erzählen: „Eva, wir müssen dir was sagen.“ Ich habe ihr geantwortet: „Ich weiß.“

In diesem Augenblick war es als würde man ein gespanntes Gummiband zerschneiden. Sie waren geschockt und wahrscheinlich gleichzeitig erleichtert. Wir haben uns alles erzählt und meine Eltern haben mir erzählt wie das damals war.

Sie haben versucht Kinder zu bekommen aber es ging nicht, dann haben sie Jens adoptiert. Er war 10 Tage alt und seine Familie wollte ihn nicht mehr haben. So nach dem Motto: Wir haben genug Mäuler zu stopfen, er ist zuviel.

Da sie immer zwei Kinder wollten, haben sie mich dann noch geholt. Mein Bruder war bereits 9 Jahre alt. Das heißt, er hat die ganze Adoptionssache bewusst miterlebt. Aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er adoptiert sein könnte.

 

Nach meiner Ausbildung bin ich wegen der Arbeitssituation weggezogen. 500 Kilometer hätten vielleicht nicht sein müssen aber da ich nach einer gewissen Zeit keinen Kontakt mit meiner leiblichen Familie wollte, hielt ich es für richtig. Ich bin ihnen nicht böse, denn sie haben das getan von dem sie dachten, dass es das Beste für mich wäre. Und ich weiß auch, dass sie mich all die Jahren vermisst haben. Trotzdem kann ich es nicht vergessen. Ich hätte alles dafür gegeben, bei ihnen bleiben zu können. Mit meinen Eltern verstehe ich mich besser als jemals zuvor. Mittlerweile habe ich gelernt darüber zu reden und die Adoption als Teil meiner selbst zu akzeptieren.

 

 

mum & I

Meine leibliche Mutter hatte natürlich ihre Fehler, die auch auf die damaligen Umstände zurückzuführen sind, aber sie hat mich geliebt. Wieso sollte sich ein Kind an etwas Schlechtes erinnern? Meine Erinnerungen bestanden nie in meinem Gedächtnis sondern lediglich als Gefühle in meinem Herzen. Ich habe dazugelernt und bin daran gewachsen.

 

Die Zeilen, die ich damals schrieb, habe ich mittlerweile vervollständigen können.

 

Die Farben der Rosen

 

Blau steht für die unendliche Weite des Himmels.

Rot steht für die Liebe, deine Liebe zu uns.

Weiß steht für die Unschuld des neugeborenen Lebens.

Schwarz steht für die Trauer, die ich empfinde.

 

Grün steht für die Hoffnung, aus der Vertrauen, Freundschaft und Liebe entstehen.

 

Gelb steht für den Mond, der sich zur Sonne wandelt.

 

Und die Farben des Regenbogens stehen für die vielen verschiedenen Seelen und deren unendlich tiefe Gefühle.

 

Ich bin hier.

Kannst du mich sehen?

Ich habe mich selbst gefunden und lasse mich nie mehr gehen.