Ein Kind mehr oder weniger…

 

 

Es gibt in unserer heutigen Gesellschaft (in jeder patriarchalisch strukturierten Gesellschaft) kein Unrechtsbewusstsein gegenüber Adoptionen.

 

Dass Adoption in den meisten Fällen eine Ausnutzung der Notlagen von Müttern durch Behörden und sonstigen Institutionen zur Gewinnung von Kindern für kinderlose Ehepaare ist, wird nicht wahrgenommen. Adoption gilt als probates Mittel, Mangel und Überfluss zu kompensieren. Hier ist ein Kind zuviel – dort eines zuwenig. Hier herrscht Not und Elend – dort Stabilität und Wohlstand. Selbst geringste Hilfeleistungen für die Mütter werden vielfach unterlassen, da der Glaube vorherrscht, ein Kind mehr oder weniger fällt nicht weiter ins Gewicht. Die Mütter haben noch weitere Kinder oder, sofern es sich um junge Mütter handelt, können diese ja noch viele Kinder bekommen. Und, was kann einem Kind schon besseres passieren als wohlbehütet in einer heilen Familie aufzuwachsen? Ob es die leibliche Familie ist oder nicht, spielt doch keine Rolle.

 

Es ist an der Zeit, endlich der Überzeugung entgegenzutreten, dass Kinder es grundsätzlich dort besser haben, wo die Menschen über mehr materielle Mittel verfügen.

 

Das Unrechtsbewusstsein gegenüber dem Leid, welches Adoption Müttern und Kindern zufügt, ist extrem unterentwickelt. Es herrscht eine weit verbreitete öffentliche Akzeptanz, weil diejenigen, die die öffentliche Meinung dominieren, also Eliten und Mittelschichten, ein handfestes Eigeninteresse daran haben, das strategische Schweigen aufrecht zu erhalten, denn nur so können kinderlose Mitglieder dieser Schichten ihr Kinderdefizit decken und das staatstragende Bürgertum braucht nicht der Frage nachzugehen: „Wodurch geraten Frauen in solch existenzielle Notlagen, die sie veranlassen sich von ihren Kindern zu trennen?“

 

Ein erster Schritt um das inhumane Adoptionssystem zu verändern, ist die Dokumentation von Fakten. Die Schilderung von Lebensläufen, Berichte über die Behandlung durch Behörden, das Aufzeigen von Alternativen, um so ein Unrechtsbewusstsein herzustellen - in der Öffentlichkeit, beim Staat, bei den Adoptiveltern und sogar bei manchen Müttern selbst, die häufig ihre Rechte nicht kennen und die in vielen Fällen tatsächlich glauben, sie täten etwas Gutes, wenn sie ihr Kind zur Adoption freigeben.

 

Das Unsichtbare sichtbar machen: Das ist der erste Schritt zu einer Änderung des gesellschaftlichen Bewusstseins. Und das strategische Schweigen zu brechen, ist Voraussetzung für Verhaltens- und Strukturänderungen in der Gesellschaft. Damit Frauen nicht länger als Gebärmaschinen behandelt und Kinder als verfügbare Ware gehandelt werden können – weltweit!

 

 

Köln, Juli 2006

 

Regina Brigitte Bege