Duldung – wenn nicht sogar Förderung der sexuellen Unwissenheit
Aus: „Tödliche Lehre“ von Wendell W. Watters – 1992
Ein Pro-Leben Sexualkodex begünstigt sexuelle Unwissenheit aus einem sehr offensichtlichen Grunde: Je mehr Leute in Bezug auf Sexualität und Zeugung unwissend sind, desto weniger Macht haben sie darauf, die Zeugung zu beeinflussen. Die Natur nimmt ihren eigenen Lauf.
Die Rolle des Christentums bei diesem Zustand sollte jedem offensichtlich sein, selbst bei dem rudimentären Wissensstand der Sexualerziehung in unserer Gesellschaft. Christliche Kleriker und militante Laien sind ganz vorn in der Opposition gegen die Durchführung von Sexualerziehung in den Schulen. Ihr Argument ist, dass das Wissen über Sexualität die jungen Leute zu sexuellen Handlungen anregen wird, bevor sie verheiratet sind, ungeachtet der Tatsache, dass das Wissen über Ernährung und den Magen-Darmtrakt nicht zu plötzlichem Essen anregt. Tatsächlich ist das Gegenteil wahrscheinlicher der Fall. Ein großer Teil der sexuellen Handlungen der Heranwachsenden kann darauf zurückgeführt werden, dass die Jugendlichen dadurch versuchen zu lernen, oft mit verheerenden Folgen. Die zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Beweise zeigen, dass sexuelle Aufklärung häufig dazu führt, dass Jugendliche viel später in den Sexualverkehr einwilligen als nicht aufgeklärte Jugendliche, obgleich die ersteren in anderes sexuelles Verhalten involviert sein können. Wenn die Leidenschaft die Auswirkungen des Predigens ausschaltet, ist der unaufgeklärte Jugendliche, erfüllt vom Pro-Lebens-Mythos, dass Sex gleich Geschlechtsverkehr ist, so programmiert, dass nichtgeschlechtsverkehrsmäßige sexuelle Handlungen zu Gunsten eines ungeschützten Koitus verworfen werden.
Die australischen Forscher Ronald und Juliette Goldman versuchten das Ausmaß des Sexualwissens im Kindesalter durch das Studieren von über 800 Kindern im Alter von fünf, sieben, neun, elf und 15 Jahren in vier verschiedenen Gegenden der Welt festzustellen: Schweden, England, Australien und Nordamerika (genauer gesagt im Gebiet von Buffalo im Staate New York und in St. Catherines im angrenzenden Ontario, Kanada). Die Goldmans stellten den Kindern eine Anzahl altersspezifischer Fragen, die auf die Entwicklungstheorie von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg basierten. Sie entdeckten, dass die schwedischen Kinder ein viel früheres Verständnis über die Herkunft der Säuglinge und die biologische Rolle der Eltern hatten als die Kinder in allen englischsprachigen Ländern.

Zwanzig Prozent aller Englisch sprechenden Eltern verweigerten die Genehmigung für die Einbeziehung ihrer Kinder in die Studie, verglichen mit nur fünf Prozent der schwedischen Eltern. Eine Erklärung dafür ist, dass, obwohl bis vor kurzem die lutherische Kirche die Staatskirche in Schweden war, das Christentum spät nach Skandinavien kam und die Lehre die schwedische Gesellschaft und die schwedische Persönlichkeit weniger durchdrang als das in der englischsprachigen Welt geschah. Schweden hat wahrscheinlich bis jetzt, die besten Sexualerziehungspläne der Welt entwickelt. Nach der Goldman-Studie haben die nordamerikanischen Kinder die geringste und am längsten verzögerte Sexualerziehung der vier untersuchten Gebiete.
Der Sozialisierungsprozess, der als Ergebnis so viel Unwissen hat, neigt auch dazu, im Hinblick auf Fragen der Erotik Haltungen zu produzieren, die krankhaft ängstlich sind. William Fisher und seine Kollegen, die einen erotophobisch/erotophilischen Maßstab, also einen „erosfeindlichen/erosfreundlichen“ Maßstab entwickelten, haben gezeigt, dass negative Haltungen gegenüber der Sexualität es den Menschen schwer machen, Informationen über diesen Aspekt des Lebens aufzunehmen. Dieser Forschungsbereich hat auch gezeigt, dass erosfeindliche Menschen dazu neigen, sehr autoritär in ihrer Auffassung zu sein, und sehr traditionellen Geschlechts- oder Sexualrollen anhängen. Erosfeindlichkeit bei Männern und Frauen geht mit mangelhaftem Gebrauch von Verhütungsmitteln einher und wie zu erwarten mit beträchtlichen sexuellen Störungen.
Ein allgemeines Argument, das von Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitsdienstes gebraucht wird, um ihre Umgehung des Themas Sexualität bei Patienten und Kunden zu rechtfertigen, ist die Angst, einem verwundbaren Individuum spezielle Vorstellungen aufzuzwingen. Sie sehen nicht, dass sie durch genau diese Unterlassung ganz klar ein Glaubenssystem fördern, das gezeigt hat, dass es großes menschliches Leid verursacht.
Das Verbot sexuellen Bewusstseins in der Kindheit und bei Halbwüchsigen
Hand in Hand mit der Förderung sexueller Unwissenheit bei Kindern durch die Gesellschaft geht der Versuch, Kinder an der Erkenntnis zu hindern, dass sie selber sexuelle Wesen sind, und dass sie Gefühle und körperliche Reaktionen haben, die die Anfänge der Sexualität von Erwachsenen ausmachen. Dass Kinder Schaden erleiden, wenn sie sich ihrer eigenen und der Sexualität anderer bewusst werden, ist ein in unserer Gesellschaft tief verwurzelter Glaube. Kinder werden immer noch für Masturbation und die angenehme Entdeckung ihres Körpers bestraft, genau wie dafür, sich auf Sexualspiele mit einem Freund oder einer Freundin einzulassen.
In seinen „Three Essays on the Theory of Sexuality“, veröffentlicht 1908, legte sich Sigmund Freud mit dem Pro-Leben-Sexualkodex an, indem er versicherte, dass Kinder in Wahrheit sexuelle Wesen seien. Die Reaktion auf diese Essays wird durch den Biographen Freuds, Ernest Jones, beschrieben: „Das Buch hat ihm sicherlich mehr Tadel eingebracht, als jedes andere seiner Werke. „The Interpretation of Dreams“ wurde als fantastisch und lächerlich gefeiert, aber die drei Essays waren schockierend boshaft. Freud war ein Mann mit einem schlechten und obszönen Geist … Dieser Angriff auf die ursprüngliche Unschuld der Kindheit war unverzeihlich.“
Ein besonders zerstörerischer Mythos ist, dass wir dadurch, dass wir Kinder absichtlich über Sexualität unwissend halten, sie vor etwas „schützen“. Die Wahrheit ist das genaue Gegenteil. Es sind genau diese Unwissenheit und das gesellschaftlich abgesegnete Unverständnis, die dazu führen, dass Kinder sexuell zu Opfern von Erwachsenen werden. Wenn die natürliche Neugier eines Kindes durch die Eltern und die Lehrer zunichte gemacht wird, sollten wir uns nicht wundern, dass diese nicht befriedigte Neugier den Ausschlag dafür gibt, sich dem Lieblingsonkel, Vater oder Freund des Hauses nicht zu entziehen, wenn dieser Annäherungsversuche unternimmt. Stevi Jacksons „Childhood and Sexuality“ gibt diese Gefühle wieder: „Wir machen mehr kaputt als gut, wenn wir sexuelle Unwissenheit bei Kindern erzwingen. Bei dem Versuch, Kinder vor Sex zu schützen, setzen wir sie Gefahren aus; beim Versuch ihre Unschuld zu erhalten, setzen wir sie der Schuld aus.“
Krankhafte Einstellung zur Sinnesfreude
Ein Paar hatte Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Bei Besuchen bei der Familie des Ehemannes, als die Kinder erst ein paar Monate alt waren, drückte und küsste der Vater beide gleichermaßen. Seine baptistischen Verwandten waren durch sein Verhalten dem kleinen Jungen gegenüber alarmiert und warnten davor, dass der Junge ein Schwuler werden könnte, wenn sein Vater fortfahren würde, ihn liebevoll zu tätscheln und zu drücken. Shere Hite fand in ihrem Bericht über männliche Sexualität heraus, dass die meisten der befragten Männer gerne ein gutes, offenes und ehrliches Verhältnis zu ihren Vätern gehabt hätten, vor allem jedoch eins, das auch körperlich herzlich war, es jedoch nicht hatten. Ihre Ansichten wurden durch einen Mann zum Ausdruck gebracht, der sagte: „Wenn ich nur einen herzlichen, liebenden, körperliche Nähe gebenden Mann als Vater gehabt hätte. Ein Vater sollte keine Angst davor haben, seinen Sohn zu berühren und an sich zu drücken.“

Es ist eine weit verbreitete Tatsache, dass bei Paaren mit Sexualproblemen der Mann nicht gefühlvoll mit seiner Partnerin umgeht. Streicheln und Liebkosen gehören nicht zu seinem Repertoire (zum Verdruss der Frau), ganz einfach nur weil er meint, dass „nicht zu brauchen“. Hiermit meint er, dass er zur Erektion für den Geschlechtsverkehr in der Lage ist, und bei der Fixierung auf den Koitus, der zur sexuellen Sozialisation von Männern gehört, ist er nicht fähig, die Notwendigkeit für weitere Sinnesfreuden zu sehen. Solche Männer verstehen es nicht, wenn ihre Frauen ihnen sagen, dass diese Art sexueller Freude für sie wichtig ist, sie sind so sehr auf den Koitus und dabei ihr eigenes Vermögen fixiert. Während Männer in unserer Gesellschaft dazu neigen, ihre Bedürfnisse nach Sinnlichkeit in ihrer Sexualbeziehung zu verleugnen, bestehen sie dennoch. Ein schlagender Beweis dafür sind Massagesalons, wo Männer sich sinnlichem Vergnügen hingeben können, völlig losgelöst von ihren sexuellen Beziehungen; derartiges Vergnügen kann nicht nur anonym genossen werden, sondern auch mit einem Grad an Passivität, der auszuhandeln in ihren sexuellen Beziehungen mit ihren Partnern undenkbar wäre.
In Kapitel 4 wurde die Wichtigkeit von Hautkontakt für die gesunde Entwicklung des Säuglings betont. Ziemlich überzeugende Beweise bestehen für eine Korrelation zwischen dem körperlichen Gefühlsentzug bei Säuglingen und der Vorliebe für Gewalt. In seiner Studie möglicher Beziehungen zwischen diesen zwei Faktoren hat der Neuropsychologe James W. Prescott die Duldung einer Kultur der Gewalt oder der Neigung zur Gewalt und ihrer Haltung gegenüber körperlichen Gefühlen von Kleinkindern sowie gegenüber vorehelichen sexuellen Handlungen verglichen.

http://www.violence.de/prescott/bulletin/article-d.html
Unter o.g. Link finden Sie:
KÖRPERLICHE LUST UND DIE URSPRÜNGE DER GEWALTTÄTIGKEIT
Von James W. Prescott
Aus "The Bulletin of the Atomic Scientists", November 1975
Die am wenigsten gewalttätigen Gesellschaften waren die, die einen großen Anteil an körperlicher Gefühlszuwendung bei Kleinkindern gaben und einen großen Duldungsgrad für sexuelle Handlungen im Jugendalter zeigten. Die gewalttätigsten Gesellschaften waren die, die ihre Kleinkinder nur mit geringer körperlicher Zuwendung bedachten und die keinen Sex bei Jugendlichen duldeten. Prescott stellte auch fest, dass die Gesellschaften, die viel körperliche Zuwendung gaben, auch durch niedrige Diebstahlsraten, geringe körperliche Bestrafung für Kinder und wenig religiöse Aktivitäten gekennzeichnet waren.
Prescotts Vergleichsstudie zeigt auch, dass einige Kulturen mit einem hohen Grad körperlicher Zuwendung und Stimulation bei Kleinkindern auch eine sehr strafende Haltung bezüglich vorehelicher sexueller Handlungen bei Jugendlichen haben; diese Kulturen neigten dazu, gewalttätiger als die zu sein, die gegenüber dem vorehelichen Sexualverhalten von Jugendlichen toleranter waren, unabhängig davon, ob die Kleinkinder viel körperliche Gefühlsanregung bekamen oder nicht. Prescott: „Die schädlichen Effekte durch Fehlen körperlicher Zuwendung bei Kleinkindern scheinen später im Leben während des Jugendlichenalters durch sexuelle körperliche Erfahrungen kompensiert zu werden.“
Die Angst vor Sinnlichkeit dient den Zielen des Pronatalismus, indem alle diese potentiellen kleinen angenehmen sexuellen Nebenvergnügen blockiert werden, auf dem Wege zur „richtigen Sache“ – dem Koitus. Die christliche Ablehnung von Freude, die unsere Gesellschaft durchzieht, verbunden mit der fanatisch erzwungenen Heterosexualität im Christentum, verstärkt diese Phobie. Prescotts Studie zeigt, dass so eine Ansammlung von Haltungen eine Gesellschaft zur Gewalttätigkeit prädisponiert. Und wenn es zur Gewalttätigkeit kommt, ist unsere christlich westliche Gesellschaft immer mit bei den Anführern der Meute: Vorwärts, Soldaten Gottes!

