Dorothée
Meine Biographie
Was ist die Wirklichkeit dieses Lebens?
kennen wir sie, können wir sie tatsächlich erfassen? Wer sind die Mitspieler? Kennen wir sie? Wie gehen wir mit ihnen um? Haben wir das Gefühl, alles zu erfassen, alles zu gestalten, oder sind wir vermeintliche Opfer unseres Umfeldes? Wer sagt uns, dass wir die Ausnahmemütter sind, nur weil wir uns zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens gegen die Gemeinschaft mit unserem Kind entschieden haben. Was unterscheidet uns von all den Müttern, die ihr Kind „behalten“ haben?
Jedes Jahr ein neues Leben
Wie fühlt es sich an Leben zu schenken und daran nicht mehr teilhaben zu dürfen? Unwiderruflich – Endgültig – Vertraglich festgelegt
Ein Menschenleben umfasst alles was möglich ist – wie ist es dann möglich Menschen zu besitzen, beziehungsweise vertraglich zu vereinbaren?
Es wird praktiziert zum Wohle des Kindes und der Adoptiveltern.
Doch was ist in all den Jahren mit den leiblichen Eltern geschehen? Wer fragt nach, wer hat Interesse, wer kümmert sich?
Der „Anspruch“ auf das Kind ist mit der Unterschrift nach zwei Monaten „Schutzfrist“ verwirkt – der Besitzstand also endgültig geregelt. Aber wer weiß, wie es in der neuen Familie aussieht? Was geschieht zum Beispiel, wenn Adoptiveltern auf tragische Weise ums Leben kommen und das adoptierte Kind erst 10 Jahre alt ist? Es wird ins Heim kommen, ungeachtet der Tatsache, ob die leibliche Mutter inzwischen in der Lage ist, dieses Kind angemessen bei sich aufzunehmen – sie wird nichts davon erfahren!
Jedes Jahr „feiert“ die leibliche Mutter den Geburtstag des Kindes, welches sie unter Schmerzen zur Welt gebracht hat - Jedes Jahr ein neues Leben - …Sie versucht sich jedes Jahr neu zu sortieren, sich darüber klar zu werden, ob sie Kontakt aufnehmen will, angesichts der Tatsache, dass sie dieses nicht darf, oder ob sie weiterhin alleine damit fertig zu werden hat.
Inzwischen aber hat es Auswirkungen auf ihr aktuelles Leben. Sie hat eventuell in ihrer neuen Familie wieder Kinder empfangen, die wiederum nichts von ihren Halbgeschwistern wissen – wie lange noch will sie ihre Kinder im Ungewissen lassen?
Die alltägliche Lüge – wie lange noch?
Das alles mündet in die Frage, was wir unseren Kindern mit auf ihren Weg geben wollen, welche Beispiele wir selbst sein wollen und vor allen Dingen, was unsere Kinder brauchen, um den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein.
Eigene frühe Kindheit
Geboren als Wunschkind, Anfang der 60ger Jahre hinein in eine Zeit des Aufbaus und des Wirtschaftswunders. Vater aufstrebender Lehrer innerhalb der Beamtenlaufband, Mutter ebenfalls Lehrerin dann in Familienpause.
Gleichzeitiges Engagement in der evangelischen Kirche, enger Kontakt zu Pfarrei und all dem entscheidungsbesessenem Bildungsbürgertum.
Starke Eltern, starkes Kind. Stärke manifestiert durch die Geburt der jüngeren Schwester, 22 Monate später. Das Familienglück war perfekt, meine Mutter hatte sich sechs Söhne gewünscht, mein Vater zwei Töchter.
Das Familienleben wurde getragen von meiner Mutter, Vater ging auf in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Weiterentwicklung der zu Besonderem auserkorenen, erziehenden progressiven Ausbildungslandschaft.
Auf zu neuen Ufern, überzeugt prinzipientreu, dennoch innovativ. Ein Spannungsfeld der besonderen Art, welches sich von Zeit zu Zeit entladen muss, einfach um des Überlebens willen.
Das starke Kind trägt von Anfang an Verantwortung, weil es so sensibel war und ohnehin Alles wahrgenommen hat, was sich zwischenmenschlich abspielte und sich auf Grund dessen ja gar nicht auf sein Kindsein konzentrieren konnte.
Der Erfolg gab ihm zudem Recht, die schulischen Leistungen waren zufrieden stellend und auch sonst gab sich das Kind durchaus kooperativ.
Umzug in die Rheinebene, heraus aus der „hinterwäldlerischen“ Provinz, hinein ins…
Die Rollen weiterhin klar verteilt, das Spannungsfeld weiterhin geladen und entladen, werden die Kinder älter.
Der Versuch meinerseits, mich zu integrieren ins „normale“ Leben. Selbstverständlich kam ich ins Gymnasium – keine Frage. Das begabte Kind bekommt Geigenunterricht und ist wie immer erfolgreich.
Woher aber kommt die Einsamkeit? Die ewig bohrende Frage nach dem „warum“ und dem „wie“?
Das Kind fährt Umwege zum Geigenunterricht, weil es absolut uncool ist, ein klassisches Instrument zu spielen. Die Cliquen treffen sich auf Parties, ich bin dabei und doch nicht. Als allgemeiner Seelenmülleimer bin ich sehr begehrt – na, ja, immerhin.
Also wohin mit meinen Träumen, meinen Sehnsüchten, die schlaflosen Nächte brachten keine Antworten. Wo ist mein Platz, meine Bestimmung?
Meine Eltern
Sie sind ganz klar bestimmt von ihrer Form des Gemeinsamen, auch wenn es für mich oft nicht nachvollziehbar ist. Das Leiden aneinander gehört allein Ihnen, auch wenn wir Schwestern es miterleben. Es geht uns einfach nichts an. Wir sitzen auf der Treppe, halten uns an der Hand und sind froh, dass wir einander haben.
Mami tut Alles für uns, Papi Alles für seine Karriere.
Die Familie funktioniert.
Es gibt einzelne unbeschwerte Situationen mit meiner Mutter, wir haben eine Ahnung vom Glücklichsein.
Die Jugend
Ich hatte immer eine beste Freundin und das war gut so. Ansonsten war ich eine Exotin, unerreichbar und unendlich weit weg vom Leben an sich. Verliebt in einen Hauptschüler, erfuhr ich, dass so etwas keinerlei Zukunft haben kann und ich sah es ein.
Mein 18. Geburtstag
Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst…, höchste Zeit neue Zelte anzusteuern. Gesagt getan, ich ziehe zu meinem ersten Freund, bzw. in sein Elternhaus.
Am Anfang ist Alles traumhaft, doch dann bohrt sich nach und nach die Frage nach dem „kann das Alles gewesen sein“ zu tief in mich ein. So tief, dass ich wieder einmal gehen muss in eine neue, ganz und gar fremde Welt hinein.
Widerstand gegen das Bisherige
Dann lernte ich einen Mann kennen, den Vater meines ersten Sohnes. Er war es, der mich unbewusst darin unterstützte, die bisherigen Systeme zu hinterfragen.
Plötzlich tauchte da ein Mensch auf, der meine Mutter nicht mochte, ihre „Opferrolle“ hinterfragte und mir indirekt verdeutlichte, dass es eine reine Opfer-Täter-Konstellation nicht geben kann.
Gleichzeitig trug ich mein erstes Kind unter dem Herzen und versuchte in dieser allumfassend instinktgesteuerten Situation einer Frau, meinen eigenen Platz zu finden. Ich hatte mein lang ersehntes Musikstudium aufgeben müssen und zog dem Erzeuger hinterher, in den Norden, ganz weit weg von „zu Hause“.
Selbstverständlich hatten mich meine Eltern vor diesem Schritt gewarnt und mir ihre Unterstützung bei der „Pflege“ meines Kindes zugesagt: „ich solle doch weiter studieren, sie würden es mir ermöglichen“.
Gerade dieses Angebot musste ich unbedingt ablehnen, da ich ansonsten in den alten Strukturen verblieben wäre.
Der Start ins „neue“ Leben
Also versuchte ich mit dem Erzeuger zusammen ein neues Leben aufzubauen. Er stellte die äußeren Lebensbedingungen für uns Alle bereit, verhielt sich aber wie mein Vater, spannungsgeladen, cholerisch und zum Teil gewalttätig.
Er interessierte sich zu keinem Zeitpunkt für das wachsende Leben in mir, es war ihm schlichtweg egal, da er unterstellte, dass es nicht von ihm sei. Trotzdem heiratete er mich im Oktober 1983, um ein „eheliches“ Kind daraus zu machen (warum auch immer).
Zu dieser Zeit hatte ich bereits eine Musikschulstelle angetreten und hatte kammermusikalische Kontakte geknüpft. Auch in dem Haus, in dem wir wohnten hatte ich Freundschaften geschlossen.
Meine einsamen Spaziergänge durch Stade aber vermittelten mir eine Hilflosigkeit der besondern Art. Ich wusste, dass ich meinem Kind niemals das sein könnte, was ich aus meinem Selbstverständnis heraus unbedingt sein wollte. Ich sah keine Brücke mehr, keine Möglichkeit des „in Einklang Bringens“ und so blieb nur noch der zutiefst schmerzhafte Abschied.
Diesen vollzog ich dann direkt nach der Geburt, Alles war von vornherein geregelt, ich wollte und durfte mein Kind auf keinen Fall sehen, außerdem hatte ich mit dem Jugendamt gemeinsam festgelegt, dass mein Baby sofort zu den A-Eltern kommt, nicht wie üblich zu so genannten Zwischeneltern während der Zwei-Monats-Frist. Die Mitarbeiter des JA hatten offensichtlich so großes Vertrauen zu mir, dass sie sich auf dieses Wagnis einließen.
Also entband ich ambulant, tat so, als wäre nichts gewesen, zerbrach innerlich, machte mich aber sogleich auf meinen weiteren Weg.
Kurze Zeit später bestand ich erneut eine Aufnahmeprüfung an dem Konservatorium in Blankenese, keine Ahnung wie. Die Erinnerungen an das Jahr 1984 sind erloschen…
Die Zwischenzeit
Den Jahreswechsel 1984/85 überlebte ich nur knapp. Ich war zu erwachsen, zumal mir Kindheit und Jugend ja sowieso gefehlt hatten und versuchte mich mit Hilfe der Musik neu aufzubauen.
Bedauerlicherweise konnte ich die Chance des noch einmal jung Seins nicht nutzen, ich fiel auf einen 11 Jahre älteren Kirchenmusiker rein und werde diese Geschichte nicht erzählen, einfach weil es unnötig ist.
Es folgten sehr viele Umzüge, die äußere und innere Rastlosigkeit prägten mein Leben.
Die neue Familie
1992 lernte ich den Mann kennen, der Vater meines zweiten Sohnes werden würde. Ich liebte ihn vom ersten Augenblick an platonisch, er machte mir einen Heiratsantrag: gesagt getan, wir heirateten keine 3 Monate später, der erste eheliche Versuch glückte, mein zweiter Sohn war entstanden.
Die Ehe funktionierte nicht, aber die neue Familie lebte und das tut sie bis heute. Ich war noch viele Jahre auf der Suche nach dem „Richtigen“…
Zeitprung
Sehr viele Beziehungsversuche immer mit vollem Einsatz von meiner Seite, so wie ich es gewohnt war, Umzüge – Zigeunerleben. In dieser Zeit war mein jüngerer Sohn hauptsächlich bei seinem Vater, ich sah ihn aber so oft es möglich war. Ich konnte ihm nach wie vor kein häusliches Umfeld bieten, weil ich selbst keines fand.
Die Umschulung zur Erzieherin im Alter von 36 Jahren ist es, die mich meinem eigenen Leben näher bringt, Schritt für Schritt. Mein Selbstbewusstsein wächst, ich erbringe sehr gute Leistungen, weil ich einen persönlichen Ergeiz entwickle und meine echten Begabungen innerhalb des täglichen Lebens mehr und mehr erfahre. Großes berufliches Engagement macht mich von „Partnerschaft um jeden Preis“ unabhängig und ich erlebe erstmals, dass ich die Männer nicht unbedingt brauche, um meine Existenz als sinnerfüllt zu empfinden.
Doch meine Seele kommt nicht hinterher, ich arbeite zu viel, nehme mir keine Zeit, meinem Inneren die Möglichkeit zu geben, so etwas wie Freude über mein Tun, oder gar Stolz auf meine Erfolge zu entwickeln, ich fühle mich wie ein schutzbedürftiges, kleines Kind, während ich nach außen wie immer als eine starke Frau in Erscheinung trete.
Februar, der Geburtstagsmonat meines Ältesten stürzt mich jedes Jahr aufs Neue in tiefe Depressionen, bis hin zu freiwilligen Aufenthalten in der Psychiatrie. Meinem Körper gönne ich keinerlei Aufmerksamkeit, im Gegenteil: zu viel Alkohol, zu viel Nikotin, Übergewicht.
Wann endlich werde ich mich als Person in eine Art Einklang bringen? Die Sehnsucht nach Harmonie, Zusammenklang, so wie in der Musik, das gemeinsame Schwingen der Töne mit dem Ergebnis eines nicht zu beschreibendem Ganzen…
Heimat
2003 ziehe ich meiner kleinen Familie hinterher nach Aschaffenburg. Ich lasse mir erstmals Zeit eine Wohnung zu suchen, die zu mir passt und es funktioniert, ich gebe dem Glück eine Chance, sich auch in meinem Leben zu verwirklichen.
Aschaffenburg wird zu meiner Wahlheimat. Es folgt ein Rückfall in eine sehr kurze Ehe (mittlerweile der vierte Versuch). Aber ich ziehe nicht mehr um, bleibe in meiner eigenen, geliebten Behausung. Außerdem ermöglicht mir mein 4. Ehemann den Schritt in die Selbständigkeit.
Die Türen auf meinem Weg werden allmählich erkennbar für mich, ich nehme sie wahr, traue mich, sie zu öffnen und trete mutig hindurch.
Beruf als Berufung
Selbstständigkeit als Erfüllung eines weiteren Traumes. Die jetzt vierzigjährige Frau wird erwachsen im gesunden Sinne. Sie gestaltet, arbeitet selbstverantwortlich und kann dadurch sehr viele ihrer Qualitäten umsetzen. So hatte es sich das kleine Mädchen bereits gewünscht, es ist nichts unwiderruflich verloren gegangen.
Mein jüngerer Sohn, er ist jetzt 10 Jahre alt, kehrt in meinen Alltag ein, er lebt sowohl bei mir, als auch bei seinem Vater und wir Beide genießen das sehr.
Meine Familie wird endlich ganz
Im Juni 2004 erscheint der Regenbogen, an einem Abend, an dem ich zuvor beschlossen hatte, mir keinen Seelenpartner mehr zu wünschen, sondern nur noch für mein leibliches Wohl zu sorgen…
Etwa vier Stunden nach Erscheinen des Regenbogens, veranlasst mich eine sehr deutliche innere Stimme nachts um 0.30 Uhr, mich einer kirchlichen Veranstaltung anzuschließen. Ich ging um diese Zeit an dem Gemeindesaal vorbei und sah dort noch an ein paar Tischen einige Menschen sitzen. Ich gesellte mich also dazu und traf auf meinen jetzigen Mann, in den ich mich auf den ersten Blick verliebte und er sich in mich. Seit dieser Nacht sind wir inniglich vereint und werden es bleiben.
Er hat zwei Kinder, einen Sohn zu dieser Zeit 10 Jahre alt und eine Tochter, knapp zwei Jahre jünger. Die ersten Monate des Annäherns mit seiner damaligen Noch-Frau waren nicht leicht, aber wir haben die Gesamtsituation mit vereinten Kräften gut gemeistert.
Durch die liebvolle Begleitung meines Mannes schaffe ich es dann endlich im Februar 2005 erneut auf meinen ersten Sohn zuzugehen:
Zunächst schreibe ich wie in den vergangenen Jahren schon häufiger an das Jugendamt Stade und formuliere wieder einen sehr versöhnlichen Brief an die A-Eltern, den die Sozialpädagogin weiterleitet. Die A-Eltern machen deutlich, dass sie nicht mehr als Zwischenstation fungieren wollen, sondern die Entscheidung ihrem mittlerweile 21-jährigen Sohn überlassen wollen. Obwohl ich ihnen einen persönlichen Brief geschrieben habe, ziehen sie es vor, ausschließlich über die Dame vom JA mit mir zu kommunizieren.
Sie lässt mich dies telefonisch wissen, woraufhin ich den ersten Brief an meinen Sohn direkt formuliere, obwohl ich ja nach wie vor noch nicht einmal weiß, wie er heißt, und ihn wieder an das JA schicken muss.
Martin hat meinen Brief am 2. Mai erhalten und ich bekam seine Antwort am Samstag, den
7. Mai, einen Tag vor Muttertag, werde ich natürlich niemals vergessen!
Seit diesem Tag haben wir einen traumhaften Kontakt miteinander, treffen uns regelmäßig und sind zutiefst miteinander verbunden.
Auch die beiden Halbbrüder verstehen sich sehr gut miteinander, mein kleiner Sohn nimmt sich Martin zum Vorbild, so wie er sagt. Wir werden am 24. Februar 2006 alle gemeinsam Martins Geburtstag feiern und zwar mit allen Beteiligten: auch mit den Adoptiveltern und deren 17-jährigen leiblichen Sohn.
Das Glück ist in mein Leben eingekehrt und ich lerne dies nach und nach begreifen, alles braucht seine Zeit, aber ich habe sie jetzt endlich und genieße sie so gut ich kann, Schritt für Schritt.
* * * * *
Eine neue Zeit hat begonnen
oder ist es doch die schon immer währende Zeit
ist es die ganze große Geschichte
Glückskinder
Menschen, die immer wieder aufstehen
innerhalb ihrer jeweiligen Realität
Lebensfreude von Anfang an
Menschen, die an das Ganze glauben
ohne sich in Gläubigkeiten zu verlieren
Die Stetigkeit im Wandel
Der Mut zur ständigen Veränderung
in der Gewissheit lebendiger Entwickelung
Wissen um diesen Platz in diesem Leben
Verantwortung übernehmen, weil sie nach Dir ruft
Sein im Spannungsfeld der Aktion und der Reaktion
Sinn als Gestaltung
Sinn als Herausforderung
Sinn als genau diese Lebendigkeitswahrheit
die Dich und mich ausmacht
Dezember 2005
Dorothée