Dorothée

 

Die Gegenwart (2006)

 

Das Treffen mit den A-Eltern an Martins Geburtstag verlief sehr harmonisch und nach meinem Empfinden unkompliziert.

 

Einige Tage später fuhr ich mit Martin in seinen Heimatort, er zeigte mir seine Schule und die Wege seiner Kindheit. Danach zeigte ich ihm das Haus, in dem ich damals lebte, als er in meinem Bauch war. Es war zum ersten Mal eine gemeinsame Reise in die Vergangenheit.

 

Das Haus bei Stade, in welchem ich mit meinem Ehemann lebte, war schon damals die Verwirklichung eines Traumes: Es ist ein Reet-Dach Haus, ein ehemaliger Bauernhof, in dem drei Familien Platz fanden. Die eine Familie hatte zu dieser Zeit eine vier-jährige Tochter. Die Hausgemeinschaft war optimal, wir wurden Freunde. Natürlich blieb den Mitbewohnern nicht verborgen, wie sehr die Beziehung zu Martins Vater sich ins Negative entwickelte. Parallel dazu hatte ich mir sehr schnell ein eigenes Leben aufgebaut, eine Anstellung an der Musikschule, Teil eines Orchesters und Freunde, mit denen ich regelmäßig Kammermusik machte.

 

Als ich mich mit Martin zusammen in diese Vergangenheit zurückversetzte, traf mich wieder mal ein Blitz: warum habe ich die Hilfeangebote meiner Umgebung nicht annehmen können, warum hat mich das Jugendamt nicht nach Alternativen gefragt??? Vor meinem ersten Besuch beim Jugendamt war ich noch nicht entschlossen, mein Kind wegzugeben…Heute weiß ich es, auch durch den Kontakt mit den anderen Herkunftsmüttern und die gemeinsame Erfahrung mit den Machenschaften der Jugendämter.

 

Natürlich ist auch mir klar, dass das Rad der Geschichte nicht zurück gedreht werden kann, ich möchte es ja auch nicht, ich habe ein wundervolles, glückliches Leben, aber ich bin mehr denn je der Überzeugung, dass die Tabus aufgebrochen werden müssen, denn dieser Kreislauf des Schicksalspiels der Jugendämter, ohne Berücksichtigung der leiblichen Mütter muss durchbrochen werden!

 

Leider waren diese sehr eng verbundenen Tage wohl für Martin eine gewisse Art der Überforderung, es kam zum ersten Mal zum Streit, ich kritisierte ihn, als Folge daraus stellt er alles Bisherige in Frage und hat mich zunächst einmal „auf Eis gelegt“.

 

Jetzt beginnt der Prozess der Erdung unseres neu gewonnen Kontaktes als Mutter und Sohn. Die erste Zeit der gemeinsamen Euphorie liegt hinter uns. Er wird Zeit brauchen und ich akzeptiere das. Ich hatte ja schon so viele Jahre Vorlauf in der Bewältigung meiner Trennung von ihm, für ihn ist das alles Neuland, welches es zu erobern gilt. Wir alle müssen unseren neuen Platz in der Gegenwart erst einmal finden.

 

Ich wünsche uns beiden, dass wir einen erwachsenen und den Realitäten angemessenen Weg des Miteinanders finden werden und brauche jetzt, wie schon so oft einfach Geduld und einen langen Atem.

 

 

„unsere Kinder“

 

voller Ideen

voller Lebensfreude

kreativ und intelligent

 

tiefgründig und lebenserfahren im Geiste

nähebedürftig, liebesbedürftig und harmoniesuchend

 

hochsensibel

alles wahrnehmend

gefordert, fordernd und fördernd

 

zurückgezogen und sich abgrenzend, voller Sehnsucht nach dem echten Sein

verunsichert im hier und jetzt, den Menschen oft mehr abgeneigt als zugetan

 

ein Pulverfass

welches es zu öffnen gilt

um endlich all die Energie zum Fließen zu bringen

 

die Liebe empfangend, ohne sie im Ganzen zulassen zu können, aus Angst vor?

mutig und zurückhaltend zugleich, nach Wahrhaftigkeit schreiend

 

vor der Tür stehend, die sich zeigt und offenbart,

die durchschritten werden will,

„Steppenwölfe“ im Irrgarten des Lebens?

 

das Vertrauen ist der Schlüssel zum Handeln und zum autonomen Sein

das Vertrauen reicht Dir jeden Tag die Hand, nimm sie und drücke sie

und das Glück

bist Du