„Das hätte nicht noch mal passieren dürfen!“

Wiederholte Schwangerschaftsabbrüche und was dahintersteckt

Elsbeth Meyer – Susanne v. Paczensky – Renate Sadrozinski

 

 

 

 

Die Verhütungslegende

 

Der Zusammenhang zwischen Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch scheint auf den ersten Blick ganz eindeutig und wird erst bei näherer Betrachtung immer komplizierter.

 

„Wer ungewollt schwanger wird, hat nicht wirksam verhütet“ – so stellt sich der simple Kausalzusammenhang dar, aus dem vielfältige Vermutungen und Unterstellungen entwickelt werden können. „Nicht wirksam verhütet, weil nicht ausreichend informiert“ – das kann als Entschuldigung für den ersten Abbruch gelten. „Missbrauch der Abtreibung als Verhütungsmethode“ – das ist der Vorwurf, der die Rückfälligen trifft. Beide Erklärungsmuster gehen selbstverständlich davon aus, dass der Fehler bei der Frau liegt und auf pädagogische Weise behoben werden muss. Es wird vorausgesetzt, dass die Anwendung von Verhütungsmitteln von jeder Frau verlangt werden kann, dass sie absolute Sicherheit bieten und nur versagen, wenn Nachlässigkeit oder mangelnde Motivation bei der Frau vorliegt.

 

Das ist die Verhütungslegende, der wir im Lauf der Jahre immer wieder begegnet sind, die zu dem typischen Vorwurf führt: „Heute braucht doch keine Frau mehr ungewollt schwanger zu werden, es gibt doch so viele sichere Verhütungsmittel!“ Oder: „Wer nicht schwanger werden will, wird auch nicht schwanger.“ Die Fragwürdigkeit dieser Legende wird durch unsere Untersuchung deutlich.

 

Schwangerschaftsabbrüche gab es schon immer. Der Zwang zur Verhütung ist jedoch erst vor einer Generation mit der Einführung der modernen Antikonzeptionsmittel entstanden, und seitdem wird der Vorwurf der Nachlässigkeit erhoben. Vor weniger als vierzig Jahren sah es noch anders aus.

 

„Ich hatte damals nicht die Vorstellung, dass man verhüten kann. Mir war klar, dass das alles Zufallstreffer waren. Man konnte das Risiko verringern, aber nicht verhindern, dass man schwanger wurde. Es gab nur die sichere Möglichkeit, keinen Sex zu haben. Diese Möglichkeit habe ich für mich nicht ins Auge gefasst. Es hieß, Präser platzen auch immer. Deshalb brauchte ich mir auch kein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich nicht gut verhüte.“

 

„Es war eigentlich immer ‚ne Angstpartie. Solange ich mich zurückerinnern kann. Kondome hat keiner benutzt. Es war immer Glückssache. Über fruchtbare Tage und den Zyklus wusste doch niemand Bescheid. Ich bin hinterher immer gleich rausgerannt, hab irgendwie gespült. Das war ja das einzige, was man noch machen konnte. Es war schrecklich, weil man jeden Monat gezittert und gehofft hat, dass es nicht passiert ist. Aber gewundert hab ich mich nie.“

 

Mit der Einführung der modernen Verhütungsmittel ist zunächst den Ärzten die Aufgabe zugefallen, diese Mittel zu verteilen und über ihre individuelle Anwendung zu beraten. Mit der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs wurden diese Aufgaben noch erweitert: Frauen sind darauf angewiesen, dass der Arzt ein Pillenrezept schreibt, dass er ihnen eine Indikation bestätigt. Wir fragten Ärztinnen und Ärzte, ob sie ihre Aufgabe darin sehen, Frauen so zu beraten, dass es nicht zum Schwangerschaftsabbruch kommt.

 

Eine Gynäkologin berichtet: „Ich kann ja nichts anderes tun, als über Verhütungsmittel beraten. Bei der Beratung über das Diaphragma erzähle ich schon, dass sich eine Frau manchmal wieder dagegen entscheiden muss, wenn sie merkt, dass es ihr schwer fällt, es anzuwenden. Mehr fällt mir nicht ein, was ich noch tun könnte, und ich finde es so auch nicht verkehrt. Das gehört zu meinem Arbeitsbereich, ein bisschen daran zu erinnern. Aber nicht so dirigistische Sachen.“

 

 

               

 

Diaphragma               –                So funktioniert’s

 

 

 

Alle von uns befragen Ärztinnen und Ärzte sehen ihre Aufgabe darin, über Verhütungsmittel zu informieren und diese anzubieten. Ein Gynäkologe, der auch ambulante Schwangerschaftsabbrüche durchführt, spricht von seinen Bemühungen, den Frauen Verhütungsmittel nahe zu bringen, und von den Problemen, auf die er dabei stößt:

 

„Ich stelle vor dem Abbruch immer die Frage: „Brauchen Sie Verhütungsmittel?“ Ich biete ihr an, die Pille zu nehmen oder etwas anderes. Ich sage: „Was Sie sich aussuchen, überlasse ich Ihnen.“ Sie werden nicht gezwungen, irgendetwas zu nehmen. Ich sage nur die Vor- und Nachteile. Man sollte das Thema schon anschneiden. Aber man muss sehr vorsichtig sein, denn es gibt welche, die angriffslustig werden. Die denken, das ist eine Bedingung, um den Abbruch zu bekommen, dass sie hinterher ein Verhütungsmittel nehmen. Ich zwinge nie jemanden zu einer Lösung. Ist ja auch Quatsch. Wenn ich sagen würde, du musst die Pille nehmen, und ich würde ihr ein Rezept geben, dann geht sie und denkt, ist das ein Spinner, und schmeißt das Rezept weg. Genutzt hat es nichts. Sie müssen selbst entscheiden, ich bin nur behilflich.“

 

 

 

Nicht alle ÄrztInnen teilen die Einsicht, dass es in der Verantwortung der Frau und ihres Partners liegt, über die Anwendung von Verhütungsmitteln zu entscheiden. Eine Beraterin berichtet von ihrer früheren Tätigkeit. In ihrer Beratungsstelle wurde es nicht als ausreichend angesehen, die Frauen über Verhütung zu informieren, um wiederholte Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern.

 

„Zunächst hat für mich zu jeder Indikation die Verhütungsberatung gehört … Ich erinnere mich noch, dass bei der Bescheinigung zum Schwangerschaftsabbruch eine Spalte vorgedruckt war, wo die zukünftige Verhütungsmethode eingetragen wurde. So dass man nie vergaß, das mit der Frau abzusprechen. Am liebsten sollte der Arzt, der den Abbruch machte, gleich eine Spirale legen. Die wurde der Frau schon zusammen mit den Papieren mitgegeben.“

 

Wenn auch wenige Ärzte so streng vorgehen, so sehen sie es doch allgemein als ihre Aufgabe an, im Zusammenhang mit einem Abbruch über Verhütungsmittel zu beraten. Liegt der Grund für wiederholte Schwangerschaftsabbrüche also darin, dass die Frauen nicht genügend aufgeklärt sind?

 

Ein Gynäkologe: „Wir können davon ausgehen, dass die meisten Frauen wissen, was für Verhütungsmittel es gibt. Sie sind informiert und haben auch Vorstellungen, was von den einzelnen Verhütungsmitteln zu halten ist.“

 

Alle Beraterinnen, Ärztinnen und Ärzte sind sich darin einig: Der Grund für wiederholte Schwangerschaftsabbrüche liegt ihrer Meinung nach nur sehr selten an Informationsdefiziten über Empfängnisverhütung. Eine Ausnahme sind dabei Jugendliche. Wenn aber der Grund für wiederholte Abbrüche nicht in der Unkenntnis über Verhütungsmethoden liegt, muss man dann doch Nachlässigkeit oder mangelnde Motivation der Frauen vermuten? Bei einigen der Befragten schimmert diese Meinung mehr oder weniger durch.

 

Ein Arzt: „Wenn ich das mal so überlege, ist es so, dass die meisten Frauen, denen es mehr als zweimal passiert, ganz bestimmte sichere Verhütungsmethoden nicht anwenden wollen. Die sagen, wenn ich schwanger werden, dann lass ich es eben wegmachen.“

 

Also doch: der Schwangerschaftsabbruch ersetzt Verhütungsmittel?!

 

Wir haben nachgefragt, wie die Frauen, die mehrere Abbrüche hinter sich haben, die Vielfalt, Sicherheit und Verträglichkeit der heutigen Verhütungsmethoden beurteilen. Über welche Kenntnisse und Erfahrungen sie verfügen und ob sie abtreiben, anstatt zu verhüten.

 

„Ich hab immer gedacht, dass wir so viele Möglichkeiten haben, Empfängnis zu verhüten. Wenn ich mir das dann aber richtig überlege, dann gibt es überhaupt nicht soviel. Da gibt es natürlich die Pille. Ich habe lange Jahre die Pille genommen. Dann wollte ich die ganzen Nebenwirkungen nicht mehr haben. Die Pille war mir unheimlich geworden. Was bleibt einem dann noch? Dann bleibt die Spirale, Diaphragma oder dass der Mann sich schützt. Mein Vertrauen zu den Männern ist da nicht sehr groß. Darauf möchte ich mich nicht gerne verlassen. Und das Diaphragma ist eine blöde Angelegenheit. Einfach viel zu umständlich. Die Spirale ist auch nicht gut für mich. Ich habe immer starke Blutungen. Der Körper scheidet ja nicht freiwillig so viel Blut aus. Also ich weiß nicht, was ich in Zukunft tun werde.“

 

 

   

 

Spiralen

 

 

 

Die Ratlosigkeit, wie bei dieser Frau, und die Erkenntnis, dass von den vermeintlich vielen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung kaum welche bleiben, haben wir oft gefunden. Es bestätigten sich auch die Einschätzungen der ÄrztTinnen und Beraterinnen, dass die Frauen informiert sind über Verhütungsmethoden. Sie sind nicht nur informiert, sondern auch sehr bemüht um Empfängnisverhütung. Immer wieder hörten wir den Satz: „Ich habe alles ausprobiert.“

 

Bis auf zwei Frauen, deren fruchtbare Zeit vor der Einführung der Pille lag, haben alle befragten Frauen lange Jahre oder kürzere Zeit die Pille genommen. Bis auf drei Frauen haben alle Erfahrungen mit der Spirale. Alle haben darüber hinaus Erfahrungen mit anderen Verhütungsmitteln: Diaphragma, bzw. Pessar, Kondom, natürliche Verhütung und/oder Schaumzäpfchen.

 

In unseren Interviews kamen insgesamt achtundfünfzig Schwangerschaftsabbrüche zur Sprache; zwölf davon, also ein gutes Fünftel, waren trotz praktizierter Empfängnisverhütung notwendig geworden. „Es gibt keine sicheren Verhütungsmittel. Die Sache habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich bin trotz Pille schwanger geworden, trotz Diaphragma, trotz Spirale.“

 

Zwar ist das Risiko der unerwünschten Schwangerschaften heute wesentlich geringer als vor dreißig oder fünfzig Jahren, aber eine gewisse Beunruhigung bleibt trotzdem bestehen, vor allem bei denen, die bereits einmal erlebt haben, dass sie ungewollt schwanger wurden. Eine Frau, die selbst zehn Abbrüche hatte, bevor die heutigen Verhütungsmittel eingeführt wurden, fasst die Situation zusammen: „Ich glaube nicht, dass die Frauen es heute vermeiden können. Sie nehmen die Pille und vertragen sie nach einer Weile nicht mehr. Dann nehmen sie die Spirale. Das geht eine Weile, dann haben sie Beschwerden und Entzündungen und lassen sie wieder rausmachen. Es ist auch heute noch schwierig, sicher zu verhüten. Ich sehe das an meinen Töchtern. Aber man kann immer mal ein paar Jahre überbrücken, und dann wird man schon vierzig, und es passiert nicht mehr so leicht.“

 

Die als sicher geltenden Verhütungsmethoden sind nicht unfehlbar. Am Beispiel der Spirale, mit der jährlich nach gesicherten wissenschaftlichen Untersuchungen 1 bis 2 % der Frauen schwanger werden, zeigt sich deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit zwar relativ gering ist, aber wenn es sich um eine große Anzahl Frauen handelt, entsteht doch eine große Zahl unerwünschter Schwangerschaften. In der Bundesrepublik wurde 1985 nach einer repräsentativen Umfrage die Zahl der Frauen, die die Spirale benutzen, mit 10,4 % benannt. Das wären rein rechnerisch jährlich gut 10.000 bis 15.000 Frauen, die trotz Spirale schwanger werden. Bei der Anwendung von Kondomen oder des Diaphragmas liegen die Zahlen vermutlich noch höher. Trotzdem sind diese Mittel als sichere Methoden anerkannt.

 

Die von uns befragen Ärztinnen und Ärzte beraten über alle Verhütungsmethoden. Sie benannten als sichere Verhütungsmittel immer wieder die Spirale und die Pille und äußerten ihr Befremden darüber, dass die Frauen mit wiederholten Abbrüchen diese sicheren Mittel nicht anwenden wollten. (Nach einer repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts zur Verhütungspraxis in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1985 benutzen 38,4 % der Frauen die Pille und 10,3 % die Spirale. Das Diaphragma wird von 2,1 % benutzt und das Kondom von 5,6 % der Partner, Quelle: Döring et. Al., a.a.O.)

 

Wenn das so ist, was haben die Frauen gegen diese Mittel einzuwenden? Wir stellen fest:

 

 

„An Verhütungsmittel habe ich alles ausprobiert. Bevor ich meine Tochter bekam, habe ich jahrelang die Pille genommen. Schon als ich sechzehn Jahre alt war. Sie hatte ganz schreckliche Nebenwirkungen. Ich habe viele Sorten ausprobiert. Entweder nahm ich zu, oder es ging mir psychisch nicht gut, oder ich fühlte mich einfach hilflos. Sexualität machte mir überhaupt keinen Spaß mehr. Wie ein Werkzeug fühlte ich mich. So aufgefaltet und benutzt. Meine ganze Körperlichkeit war unterdrückt. Ich konnte es dann wirklich nicht mehr aushalten.“

 

Dieselbe Frau benutzte später die Spirale: „Ich war dann bei meiner Ärztin, und die konnte das kleine Band von der Spirale nicht mehr finden. Sie hat mich dann überwiesen, und der Arzt sagte: „Um Gottes willen, wo sitzt die denn!“ Er holte sie gleich raus. Es war alles vereitert. Es war also kein Wunder, dass es wehgetan hatte. Da war ich mit dem Thema Spirale durch.“

 

„Die Pille macht mich krank. Ich habe alle ausprobiert, anderthalb Jahre lang, und ich hatte keine Lust, mit jemandem zu schlafen, so toll hat die gewirkt. Ich denke, die Hormone und der Zwang haben das bewirkt. Ich habe schon immer eine sehr unregelmäßige Regel. Damit kann ich leben. Das hab ich von Anfang an so erfahren. Und dann war alles so regelmäßig.“

 

„Ich vertrage aus psychischen Gründen so was überhaupt nicht. Wenn ich eine Tablette schlucken muss, dann wird mir allein von Hinsehen schon schlecht. Es geht einfach nicht. Ich kann es nicht.“

 

„Nach dem ersten Abbruch habe ich die Pille genommen. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen gekriegt, und ich habe sonst nie Kopfschmerzen. Ich habe gedacht, ich hätte einen Gehirntumor oder so was. Ich hab die Pille abgesetzt und habe nie wieder Kopfweh gehabt.“

 

Trotz der Ablehnung der Pille greifen einige der Befragten nach einem Schwangerschaftsabbruch auf die Pille zurück. Die Pille als „Valium“, als Beruhigung. Nur die Pille garantiert danach die Seelenruhe.

 

Wir haben gesehen, dass es trotz der Anwendung der als sicher eingeschätzten Verhütungsmethoden zu ungewollten Schwangerschaften kommen kann. Dass es physische und psychische Gründe gibt, die als modern und zuverlässig gepriesene Spirale und Pille nicht mehr anzuwenden. Wir wissen darüber hinaus, dass außer der Spirale alle Mittel eine erhebliche Disziplin verlangen. Selbst die Pille verlangt, dass man jeden Tag an sie denkt, sich jeden Tag entscheidet, kein Kind zu wollen.

 

Von achtundfünfzig Schwangerschaften, über die wir mit den Frauen sprachen, hätte in einunddreißig Fällen die Möglichkeit bestanden zu verhüten. Warum praktizieren die Frauen keinen Empfängnisschutz?

 

„Ich hatte nicht verhütet. Ich dachte, so fruchtbar bin ich auch nicht. Ein Arzt hatte mir erzählt, ich hätte eine kleine Gebärmutter. Die Chance schwanger zu werden, war nicht groß, weil ich eigentlich nicht viel, wie sagt man, Sexualverkehr hatte.“

 

„Die Schwangerschaften kamen oft durch so blöde Situationen zustande wie: einmal die Pille nicht nehmen und gleich schwanger werden, oder das Präservativ reißt, oder sich einfach mal im Tag vertun. Es sind Missgeschicke gewesen.“

 

„Ich hab die Pille genommen und hatte dann keine Lust mehr. Ich benutze jetzt seit zehn Jahren das Diaphragma und zwischendurch immer mal wieder die Pille. Das Diaphragma finde ich sehr lästig. Ich hab einen relativ stabilen Zyklus. Und dann zählen und darauf achten. Da kann man sich schon mal um einen Tag verhauen, wenn man es nicht ganz genau im Kopf hat, und man hofft, Glück zu haben, dass es gut geht. Gerade wenn man auf Reisen ist, finde ich das schwierig.“

 

„Das ist alles nicht so gut organisiert bei uns. Beispielsweise kommen wir in Situationen, wo wir beiden einen tollen Abend hatten, Wein getrunken und so… Ja, und dann ist es beinahe schon egal. Dann kann es natürlich trotz aller Vorsicht passieren.“

 

Sind es die hier zitierten Frauen, die gemeint sind, wenn von Leichtsinn und Nachlässigkeit die Rede ist? Wir konnten keine besondere Nachlässigkeit erkennen. Keine der Frauen plant, Abtreibung als Verhütungsmethode zu benutzen. Sie handeln in der Hoffnung des Augenblicks, es werde „alles gut gehen“. Viele Frauen kennen solche Situationen, in denen auf Empfängnisschutz verzichtet wurde, und viele dieser Situationen werden auch vergessen, weil nichts passiert ist. Mangelnde Verhütung führt ja nicht immer zu Schwangerschaften. Wir wissen nichts über die Häufigkeit von Empfängnis bei ungeschütztem Verkehr; denn wir haben ja nicht mit den Frauen gesprochen, bei denen alles gut geht, sondern nur mit denen, die ungewollte Schwangerschaften erlebten: Das waren viele, die trotz der Annahme, sicher zu verhüten, schwanger wurden, und auch andere, die es mal darauf ankommen ließen.

 

Verständnis für spezielle Situationen, in denen Verhütung aus dem Blick gerät, fanden wir auch bei einigen Frauen, die selbst keinen Schwangerschaftsabbruch hatten.

 

Eine Grafikerin: „Aus Gesprächen hab ich auch schon mal rausgehört, dass Frauen nicht verhütet haben, es eben drauf ankommen lassen. Ich würde das nicht moralisch werten wollen. Ich kann das sogar verstehen, weil ich es manchmal selber auch unheimlich nervig finde, ständig daran denken zu müssen: Was nimmt du jetzt für ein Verhütungsmittel. Und dass ich da so besonders vorsichtig bin, das ist vielleicht mein Charakter. Ich bin auch in anderen Dingen so.“

 

Bei der Frage, wie es überhaupt zu wiederholten Schwangerschaftsabbrüchen kommen kann, fällt der Blick stets auf die „unverantwortlichen“ Frauen. Ihre Partner, die Männer, bleiben eher im Schatten. Dabei sind Frauen – soweit sie nicht Pille oder Spirale benutzen – auf die Kooperation ihres Partners angewiesen. In einer von uns durchgeführten Untersuchung befragten wir Männer zum Thema Verhütung. Es stellte sich heraus, dass die meisten der Meinung sind, Verhütung sei eine „partnerschaftliche Angelegenheit“, dass sie aber konkret wenig dazu beitragen. Kondome werden von den meisten abgelehnt, ebenso Sterilisation; so beschränkt sich der partnerschaftliche Anteil darauf, den Frauen bei ihrer Empfängnisverhütung zuzusehen.

 

 

           

 

 

 

Einige der von uns befragen Frauen sprachen mit großer Empörung über ihre Partner, besonders über ihre Reaktionen auf die ungewollte Schwangerschaft.

 

 

„Ich könnte schreien, wenn ich diese Sprüche von Männern höre: Wie konnte das passieren, wie konntest du schwanger werden. So, als wenn sie überhaupt nichts damit zu tun haben.“

 

 

Wie sehr die Empfängnisverhütung von der Kooperation des Partners abhängt, beschreibt diese Frau: „Ob ich verhüte oder nicht, hängt auch von dem Mann ab. Es gibt Männer, bei denen ich nicht verhüten würde. Da würde ich denken, das stört jetzt so, weil das ein Typ ist, der damit nicht umgehen kann. Und ich kann nicht damit umgehen, wenn er nicht damit umgehen kann.“

 

Eine andere Frau, die viermal von ihrem derzeitigen Freund schwanger war, beschreibt ihre Enttäuschung: „Er ist vierzig Jahre alt, hat ein Kind, und er will keine Kinder mehr haben. Wir haben darüber gesprochen, dass er sich sterilisieren lassen könnte. Aber da hat er eine Abneigung. Ich hab ihm gesagt, er könnte doch mal in eine Beratungsstelle gehen, um persönlich darüber zu sprechen. Im Bekanntenkreis sind auch zwei, die sterilisiert sind. Mit denen unterhält er sich aber auch nicht … Nach der Abtreibung darf man ja eine Weile keinen Verkehr haben. Ich finde, dass mein Freund sich da rücksichtslos verhalten hat. Es ging um einen Tag, und ich wollte noch ein bisschen abwarten, aber er wollte unbedingt. Das fand ich außerordentlich rücksichtslos. Zumal er bei dem Gespräch mit der Ärztin dabei gewesen war und es auch mitgekriegt hatte.“

 

Es ist also nicht nur die Verhütungsmisere, die es den Frauen schwermacht, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Es gibt daneben auch einen Zwang zur Sexualität, einen Druck, den Wünschen des Partners nachzugeben, dem sich manche Frauen hilflos ausgesetzt fühlen. Da die meisten empfängnisverhütenden Mittel von Frauen angewandt werden müssen, und da zudem in der Aufklärungsliteratur und anderen Medien der Eindruck erweckt wird, diese Mittel seien durchweg zuverlässig und unschädlich, kann bei den Männern der bequeme Anspruch entstehen, dass die Partnerinnen für den reibungslosen Ablauf der Sexualität zuständig sind.

 

  

Dass es auch anders geht, beschreibt eine Frau, deren Partner konsequent mit Kondom verhütet, nachdem sie einmal ungewollt schwanger geworden war: „Das war so, dass ich es ihm ganz deutlich gesagt habe, dass für mich die Pille nicht in Frage kommt und die Spirale auch nicht und schon gar nicht die Temperaturmethode. Wenn man die beherrscht, finde ich das super, aber ich bin da viel zu schwankend, das würde ich nicht durchhalten. So hat er sich für Präser entschieden. Es war für ihn sicherlich auch toll, diesen Entschluss zu fassen, denn er will keine Kinder haben, und nun kann er auch was dafür tun.“

 

Empfängnisschutz ist heute selbstverständlich, das wissen auch die von uns befragten Frauen. Doch aus der Möglichkeit, sich zu schützen, ist auf subtile Weise ein Zwang geworden. Frauen, die Sexualverkehr haben, sind verpflichtet zu verhüten – eine Verpflichtung, die zunächst aus der Verhütungslegende erwächst: Es gibt für jede Frau das passende Mittel. Das ist ein Angebot, das nicht ausgeschlagen werden darf.

 

Um ein Beispiel aus dem Straßenverkehr zu nehmen – der genau wie der Geschlechtsverkehr als grundsätzlich gefährlich gilt: Wenn es erst einmal Ampeln und Verkehrsüberwege gibt, ist man auch verpflichtet, sie zu benutzen, sonst ist man selbst schuld, wenn man zu Schaden kommt.

 

Frauen, die nicht erfolgreich verhüten, machen sich schuldig – dies Bewusstsein wird in vielen Aussagen deutlich:

 

Der Zwang zur Verhütung, zur erfolgreich geleisteten Verhütung führt zu Leiden: „Ich hatte immer das Gefühl von persönlichem Versagen. In Zeiten, in denen Verhütungsmittel frei verfügbar und ohne Probleme zu erwerben sind, war das ein Zeichen von persönlicher Unfähigkeit. Ich hab immer gedacht, mit mir stimmt was nicht, weil mir das eben permanent passierte. Ich habe mich geschämt dafür und möchte es überhaupt niemandem erzählen.“

 

Weniger vorwerfbar scheint es den Frauen, die trotz korrekter Pilleneinnahme oder trotz Spirale schwanger geworden sind – immerhin ein gar nicht so seltenes Vorkommnis, für das sie sich nicht verantwortlich fühlen: „Den zweiten Abbruch habe ich ignoriert. Da hab ich hinterher nie mehr dran gedacht. Ich hatte ja die Spirale. Ich hatte keine Schuld.“

 

Wer den Eingriff in natürliche Körperfunktionen scheut, wer den Einsatz von Instrumenten und Medikamenten verweigert, kommt leicht in den Verdacht der Unfähigkeit oder Schlamperei. Das betrifft vor allem die Methoden, die eigenverantwortlich bei jedem Geschlechtsverkehr angewandt werden müssen, wie Diaphragma, chemische Mittel oder „natürliche Methoden“. Oft verlieren die Frauen das Vertrauen in sich selbst: „Deshalb bin ich auch immer wieder hingegangen und hab mir bestätigen lassen, dass ich es richtig mache. Es ist völlig irrational, weil ich das Diaphragma immer anwende. Und trotzdem werde ich bei den Schwangerschaften völlig verunsichert.“

 

Auch die Sexualität leidet unter der Angst, dass die Verhütung wieder versagt. Frauen berichten, dass sie lange Zeit nach einem Schwangerschaftsabbruch jede Annäherung ablehnten, aus lauter Angst, wieder schwanger zu werden. Diese Gefühle waren besonders heftig bei Frauen, die meinten sicher verhütet zu haben. Eine Frau, die trotz Diaphragma schwanger geworden war: „Obwohl kein Mann mich berührt hat, habe ich jedes Mal gezittert, bevor ich meine Regel gekriegt habe. Ich habe richtig Wahnvorstellungen gehabt, habe gedacht, dass ich schwanger wäre, weil ich im Schwimmbad war. Ich hab eine starke Ablehnung gegen Männer gehabt, weil ich dachte, die verursachen das. Die wollen dir nur Böses.“

 

Die Verhütungslegende führt zu panischen Reaktionen, weil die Frauen das Vertrauen in eigenständiges Handeln verlieren; sie schafft moralischen Druck, weil sie den Frauen die Verantwortung für alle Folgen der Sexualität zuschiebt und es zugleich den Männern ermöglicht, die unkomplizierte sexuelle Verfügbarkeit ihrer Partnerinnen zu erwarten. Die Verhütungslegende schiebt allein den Frauen die Schuld an ungewollten Schwangerschaften und an ihrem Abbruch zu.

 

Wer die Legende durchschaut, muss zu dem Ergebnis kommen, dass ungewollte Schwangerschaften aus Sexualität, kombiniert mit der Unsicherheit, der Unverträglichkeit und der aufwendigen Handhabung von Verhütungsmitteln, entstehen, dass zum erfolgreichen Empfängnisschutz auch die Männer mitspielen müssen und dass es Situationen gibt, in denen man sich verschätzt oder Verhütung einfach vergisst. Empfängnisverhütung fällt uns nicht in den Schoß, sie erfordert Mühe und Aufwand und eine beständige Aufmerksamkeit für die ganze Zeitspanne der Fortpflanzungsfähigkeit – das sind im Frauendurchschnitt mindestens dreißig Jahre. Manchen fällt es leicht, für manche ist es fast unmöglich, sich vor ungewollter Empfängnis zu schützen. So wird es immer weiter Schwangerschaftsabbrüche und auch wiederholte Abbrüche geben.

 

 

 

 

So verschieden kann Moral sein

 

Schwangerschaftsabbruch ist kein beliebiger medizinischer Eingriff, vielmehr ist er Gegenstand von intensiver politischer und moralischer Auseinandersetzung. Anfang der neunziger Jahre scheint er eines der wichtigen politischen Themen zu sein, kaum jemand ist ohne entschiedene Meinung dazu.

 

Schwangerschaftsabbruch ist bis heute eine strafbare Handlung, und die geltende Indikationsregelung erlaubt nur unter gewissen Bedingungen Ausnahmen von der Strafbarkeit. Nicht nur das Gesetz und das Bundesverfassungsgericht gehen vom Unrecht der Abtreibung aus. In der katholischen Kirche wird Schwangerschaftsabbruch sogar als ein schwerwiegenderes Verbrechen angesehen, als der Mord an einem Menschen. Abtreibung ist nach der Neufassung des kanonischen Rechts von 1986 mit den gleichen Kirchenstrafen belegt wie der Papstmord.

 

 

 

 

 

 

Seit einigen Jahren gibt es in der Bundesrepublik eine Kampagne zum „Schutz des ungeborenen Lebens“, mitgetragen von der Bundesregierung. Die Bevölkerung hat angeblich nicht das richtige Bewusstsein; sie soll dahin geleitet werden zu erkennen, dass Abtreibung unrecht, unmoralisch und schuldhaft ist. Die innere Anpassung an die äußeren Vorschriften wird angestrebt.

 

So war es schon immer: Frauen haben trotz Verbot abgetrieben, sich nach ihrer eigenen Moral und ihren eigenen Umständen gerichtet. Die sind höchst verschieden, auch wenn ein Abbruch für die meisten Frauen „irgendwie“ ein unmoralischer Akt ist. Seit der Änderung des § 218 ist vielen Frauen nicht mehr gegenwärtig, dass Abbruch noch immer eine Straftat ist. Sie wissen zwar, dass „es“ nicht richtig ist, dass man Erlaubnisse und Bescheinigungen braucht, dass es besser ist, nicht darüber zu reden – aber mit wirklicher Strafverfolgung rechnete vor den Memminger Abtreibungsprozessen 1988/1989 kaum eine Frau. Tatsächlich ist ja auch die Konstruktion des § 218 StGB erstaunlich: Es gibt keinen anderen Straftatbestand, der durch ärztliche Genehmigung und Vorlage von Bescheinigungen rechtmäßig wird. Dies wird bis in bürokratische Einzelheiten hinein im Strafgesetzbuch geregelt.

 

Dem mangelnden Unrechtsbewusstsein will die Kampagne der „Lebensretter“ abhelfen. Es werden neue Sprachmuster eingeführt: „Tötung ungeborener Kinder“ heißt der Abbruch nun, und es ist nicht mehr von der schwangeren Frau, sondern von der „Mutter“ die Rede; und es werden neue Bilder vorgeführt: die Leibesfrucht wird aus der biologisch-sozialen Einheit mit der schwangeren Frau isoliert und als freischwebender Beinahe-Mensch vielfach vergrößert verbreitet. Von Plakatwänden, in Hochglanzbroschüren und in Propagandafilmen tritt er uns als scheinbar eigenständiges Wesen entgegen, mal rosarot und rührend, mal zerstückelt und abstoßend – jedes Mal als Warnung vor der Rohheit der Frauen.

 

So wie in der Vergangenheit die „Jungfräulichkeit“ als das „höchste Gut“ der Frau beschworen wurde, gilt heute den Konservativen „das ungeborene Leben“ als das „allerhöchste Rechtsgut“. Jungfernhäutchen und Embryo sind beide unsichtbar, im Körper der Frau; mit ihnen soll ihre Sexualität in Schach gehalten werden.

 

 

 

 

Nach allgemeiner Meinung handeln Frauen, die mehrmals abtreiben, in höchstem Maße unmoralisch. Es stellt sich die Frage, ob diese Frauen völlig unberührt davon sind? Hat Schwangerschaftsabbruch für sie nichts mit Moral zu tun?

 

Wir suchten in den Interviews nach „moralischen“ Sätzen und fanden eine große Bandbreite unterschiedlichster Äußerungen zum Schwangerschaftsabbruch. So verschieden kann Moral sein:

 

„Ich habe oft das Gefühl, du darfst das nicht tun, das ist unnatürlich. Ich greife in einen Prozess ein, in den man eigentlich nicht eingreifen sollte.“

 

„Solange man davon überzeugt ist, dass man kein Kind haben will, und das einem keine Probleme macht, kann man es als Verhütungsmethode betrachten.“

 

„Für mich ist es auch ein Töten. Aber ich töte jeden Tag Tiere, die ich eigentlich auch gerne mag. Ich töte eine Fliege an der Wand. Ich würde nichts totmachen um des Totmachens willen. Aber wenn es aus irgendwelchen Gründen besser ist, würde ich es tun.“

 

„Für mich sind die Abtreibungen ein wiederkehrendes Unglück in meinem Leben gewesen oder ein Fluch. Aber keine Schuld. Es hatte wenig mit Moral zu tun.“

 

„Weil ich Christin bin, hatte ich sehr große Schwierigkeiten. Ich musste mich durchringen und an meine Verantwortung und an mich denken.“

 

„Dann denke ich, meine Güte, jetzt warte ich noch sieben Monate, und dann ist es ein richtig lebendiges Kind. Das finde ich schwierig.“

 

„Es hat nichts mit Leben töten, Leben vernichten zu tun. Im Allgemeinen besteht die Ansicht bei uns, dass es erst dann Leben ist, wenn es auch alleine leben kann, und das ist nach der Abnabelung von der Mutter. Vorher ist es ein Stück von ihrem Körper, von ihr selber und mit ihr verbunden.“

 

„Das Schlimmste wäre, ein Kind zu kriegen, nur weil man denkt, man ist sonst eine Mörderin. Eine Frau, die ein Kind kriegt, die muss das auch wollen, die muss es sich zutrauen.“

 

Frauen haben eine Haltung zu ihrer Fruchtbarkeit und zum Schwangerschaftsabbruch, die sie in den Stand setzt zu entscheiden. Ihre Moral, in all ihren verschiedenen Aspekten, hat nichts oder nicht viel mit der herrschenden Moral zu tun. Offensichtlich sind sich die Frauen aber der Lebensentscheidung, die sie zu treffen haben, bewusst und treffen sie verantwortlich.

 

Die Frauen sind „unmoralisch“ in dem Sinne, dass sie die äußeren Vorschriften, die gesetzlichen Regelungen nicht verinnerlicht haben, sie nicht als eigenes Gewissen in sich tragen. Jeder einzelne Schwangerschaftsabbruch ist für die Frau ein Ereignis für sich, eingerahmt von bestimmten Lebensumständen. Vielfach kann sie sich gar nicht nach dem moralischen Überbau und dem Makel, der auf Abtreiberinnen fällt, richten, weil ihre Gründe, diese Schwangerschaft nicht auszutragen, trotz möglicher moralischer Bedenken bestehen bleiben. Aber auch wenn die Entscheidung eindeutig ist, geht es für sie oft darum, Rechtfertigungsgründe vor sich und anderen zu finden, um moralisch akzeptabel zu erscheinen. Diese zu finden ist umso schwieriger, je öfter „es“ passiert.

 

„Ich möchte ein Kind, aber ich möchte es jetzt nicht. Es wäre für mich jetzt nicht gut und für das Kind auch nicht. Vor allen Dingen für mich nicht. Das waren auch meine Schuldgefühle, dass ich jedes Mal dachte, ich bin zu egoistisch. Du tust was Böses, was Verbotenes. Alleine schon, dass man eine Indikation braucht, dass ich mich rechtfertigen muss, warum ich dieses Kind nicht haben will. Es hätte ja einfach gereicht: Ich will es nicht. Aber das versteht die ganze Umwelt einfach nicht. Und schon gar nicht mehrmals.“

 

In den meisten unserer Nachbarländer wurde in den vergangenen fünfzehn bis zwanzig Jahren die Abtreibungsstrafe verringert oder ganz aufgehoben. Inzwischen wurden bei uns – nach halbherziger Legalisierung des Abbruchs – die Hürden wieder vergrößert, angeblich um Frauen von Schwangerschaftsabbrüchen abzuhalten. Erreicht wird mit maßregelnden Gesetzen, mit Verboten, mit dem Tötungsvorwurf, dass Frauen unter Schuldgefühlen leiden und den Abbruch heimlich machen; erreicht wird kein Anstieg der Geburtenzahlen und kein Rückgang der Abtreibungen. Ketting und von Praag stellen fest: „Verschiedene Angaben weisen darauf hin, dass das Geburtenniveau kaum von den vorhandenen Abbruchmöglichkeiten beeinflusst wird. Es ist anzunehmen, dass dieses Niveau vornehmlich durch die angestrebte Familiengröße bestimmt wird. Diese kann sowohl mit der Anwendung effektiver Verhütungsmethoden, als auch mit dem Schwangerschaftsabbruch realisiert werden. Die Abbruchhäufigkeit ist nicht an erster Stelle das Komplement des Geburtenniveaus. Das bedeutet, dass die Gesetzgebung, auch wenn sie es gerne möchte, kein brauchbares bevölkerungspolitisches Instrument darstellt.“

 

Aus vielen Beratungen und aus den Interviews wissen wir, dass Frauen große Angst vor den psychischen und physischen Folgen des Abbruchs haben. Die Angst wird häufig noch größer, wenn es nicht der erste Abbruch ist.

 

Meist gehen die befürchteten Folgen weit über die tatsächlich zu beobachtenden Komplikationen hinaus. Wenn ein Schwangerschaftsabbruch früh und schonend gemacht wird, d.h. bis zur achten Woche und mit Vakuumaspiration, besteht kein erhöhtes Risiko bei späteren Schwangerschaften. Während des Eingriffs kommt es äußerst selten zu Komplikationen, und das Risiko erhöht sich nicht bei wiederholten Eingriffen. Dennoch warnen auch Ärzte, aus Unkenntnis oder als Abschreckung, noch immer vor den großen gesundheitlichen Gefahren des Abbruchs.

 

Früher dagegen waren die Abtreibungen mit erheblichen Risiken verbunden, denn sie wurden sehr viel später gemacht und mit gesundheits- und lebensgefährlichen Methoden. Ganz besonders besorgt über die psychische und physische Gesundheit der Frauen zeigen sich heute die Kirchenvertreter und Ärzte, die gleichzeitig Abtreibungsgegner sind. Dabei ist verwunderlich, dass damals, als Frauen an den Folgen des Schwangerschaftsabbruchs schwer erkrankten oder sogar starben, die Kirche und die Ärzteschaft sich diese Sorgen nicht machten. Als Abreibung illegal war, haben die Gesundheit und das Seelenheil der Frauen nicht interessiert. Obwohl heute die Abtreibung so schonend möglich ist wie nie zuvor, werden die Folgen maßlos übertrieben. Besonders die psychischen Leiden werden mit triumphaler Gewissheit ausgemalt: So werden Untersuchungen zitiert, die nachgewiesen haben wollen, dass 100% der Abtreiberinnen an schwerwiegenden seelischen Störungen leiden, die häufig nicht heilbar seien und spätestens im Klimakterium zum Ausbruch kämen. Von einem „heimtückischen Krankheitserreger“ ist da die Rede. Der Eifer, mit dem die Gefahren beschworen werden, dient nicht etwa dazu, die Frauen davor zu bewahren oder ihnen Hilfe und Heilung zu schaffen, sondern alleine zur Angstmache: „Unsere Seele lässt nicht mit sich spaßen – niemand treibt ungestraft ab. Aber die Strafe muss nicht vom Staat kommen. (Franz Alt, Spiegel, Nr. 20, 15.05.1989, S. 26)

 

 

 

                    

 

 

 

Solche Drohungen führen bei den Frauen zu Ängsten um ihre Gesundheit, sie fürchten Sterilität, spätere Fehlgeburten, anhaltende Schuldgefühle oder Depressionen. Bei vielen mischt sich die Angst vor den gesundheitlichen Risiken mit der Befürchtung, für ihre verwerfliche Taten irgendwie büßen zu müssen. Das wird am Beispiel einer der befragten Frauen deutlich, die bisher sechs Abbrüche hatte und dabei nie Entscheidungsschwierigkeiten. Sie meint, dass Abtreibung eine gute Möglichkeit sei, wenn die Verhütung versagt. Sie nimmt lieber eine Abtreibung in Kauf, als ständig die Pille zu nehmen, die sie für schädlich hält. „Es ist so widersprüchlich. Ich denk, wenn ich in zehn oder zwanzig Jahren mal Krebs kriegen sollte, dann würde ich das eventuell auf die Abbrüche zurückführen. Oder wenn ich mal irgendwann ein Kind haben wollte, und dann Komplikationen kommen könnten.“

 

Angst vor Strafe scheint auch ein Arzt zu haben, der Schwangerschaftsabbrüche in seiner Praxis durchführt und sich für die Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch einsetzt: „Irgendwie hab ich immer Angst, dass mal was passiert. Man sollte das Schicksal nicht zu oft herausfordern. Es kann sein, dass diese Fruchtbarkeit instinktiv für die Menschen ein wertvolles Gut ist. Dass eine Frau einfach weiß, meine Fruchtbarkeit ist mir das Allerheiligste. Vom Instinkt und von der Erhaltung der Art her. Und das wirft man eben doch nicht einfach weg. Einmal vielleicht schon, aber nicht ständig. Das geht ja gegen das Wesen des Menschen.“

 

Für ihn ist Abtreibung nicht nur die medizinische Notbremse, wenn Verhütung versagt hat, sondern ein Eingriff in das Wesen des Menschen. So ist seine Unsicherheit erklärlich, die er bei weitaus komplizierteren medizinischen Hilfeleistungen – etwa Endbindungen – nicht verspürt.

 

Viele Frauen geraten unweigerlich in ein Dilemma: Sie sind fruchtbarer, als es ihrem und ihres Partners Kinderwunsch entspricht. Fruchtbarkeit wird einerseits als etwas Positives angesehen, und Schwangerschaft gilt als ein natürlicher Prozess, in den nicht eingegriffen werden sollte. Würden die Frauen jedoch jede Schwangerschaft austragen, würde man ihnen andererseits stirnrunzelnd und nicht gerade wohlwollend begegnen. Eine Alleinerziehende mit sechs Kindern? Sie würde sicher keine gesellschaftliche Anerkennung genießen.

 

Nicht nur Fruchtbarkeit und Schwangerschaft werden positiv gewertet, heute gehört zum Bild eines gesunden Menschen die lustvolle Sexualität mit dem anderen Geschlecht. Die möglichen Konsequenzen aber – viele Kinder oder Abbrüche – sind nicht in gleichem Maße moralisch und sozial anerkannt.

 

Die Sexualmoral hat sich gewandelt. Früher galt es, Sexualität zu vermeiden, wenn es nicht zur Schwangerschaft kommen durfte. Die moralische Verurteilung richtete sich vorrangig gegen die verbotene Sexualität, die durch die Schwangerschaft offenkundig werden konnte. Heute gilt der Vorwurf der Abtreibungsgegner dem mangelnden „Schutz des ungeborenen Kindes“. Doch es gibt noch eine weitere moralische Kategorie, der nur schwer zu entsprechen ist. Es herrscht der Anspruch, perfekt zu verhüten und gesund zu leben. Unmoralisch ist nicht mehr die Sexualität, sondern unmoralisch ist es, nicht erfolgreich verhütet zu haben. Dieser Forderung widerspricht zuweilen der Anspruch nach gesunder Lebensführung, da „sichere“ Verhütungsmittel wie Pille und Spirale vielfach als gesundheitsschädlich und unnatürlich abgelehnt werden. Perfekt und gesund ist die Frau nur dann, wenn sie „natürlich“ verhütet und nur schwanger wird, wenn sie es wünscht. Klappt das nicht, und möglicherweise sogar mehrmals nicht, begegnen Frauen dem Vorwurf, ihrem Körper und ihrer Seele Gewalt anzutun. Eine Psychotherapie scheint angezeigt.

 

Moralische Normen – bezogen auf die Sexualität von Frauen – galten früher wie heute. Die Moral hat sich nur verschoben.

 

Und so kann eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Warum sind mehrere Abbrüche verwerflicher als einer?“ lauten: Diese Frauen verhalten sich nicht der Norm, der Moral entsprechend. Denn ein Abbruch als Notbremse ist vertretbar, aber dann…

 

Es wäre realistisch und frauenfreundlich, anzuerkennen, dass ein gewisser Anteil an Verhütung misslingt und es deshalb ungewollte Schwangerschaften – und eben auch wiederholte – gibt. Unsere Studie belegt, was Verstand und Nächstenliebe nahe legen: Frauen versuchen ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden, wenn aber trotzdem eine eingetreten ist, dann kann am ehesten die Frau selbst darüber entscheiden. Schwangerschaftsabbruch bleibt eine Folge von Sexualität, von nicht angewandter oder fehlgeschlagener Verhütung und ist eine von zwei möglichen Lösungen eines Problems.