Die Spitze des Eisberges

Anneke Napp-Peters
„Adoption – Das alleinstehende Kind und seine Familien“
Geschichte, Rechtsprobleme und Vermittlungspraxis - 1978
S. 105 ff.
Forschungsziel und Methode
…
Die Adoptionsvermittlung ist Pflichtaufgabe der Jugendämter und Landesjugendämter. Daneben ist sie den Adoptionsstellen freier Wohlfahrtsverbände gestattet …
Das Adoptionsprogramm bringt die Dienststelle in Kontakt mit Menschen, die gewöhnlich nicht zu dem Klientenkreis von Fürsorgeorganisationen gehören (Anm.: Adoptionsbewerbern und Adoptiveltern). Für den Erfolg des Programms ist es daher wichtig, dass dieser besondere Dienst verstanden und akzeptiert wird. Überblickt man die deutsche Literatur zur Adoption, liegen nur wenige, teilweise völlig veraltete Abhandlungen zur Adoption vor …
Die meisten Artikel in der Fürsorgeliteratur beschäftigen sich ausschließlich mit Erörterungen unmittelbar praxisorientierter Fragen, mit der Darstellung rechtlich-administrativer Konflikte oder mit Versuchen, dem Sozialarbeiter für seine Tätigkeit Anleitungen zu geben. Eine kritische Analyse des Adoptionswesens fehlt ganz. (!!!)
In Anbetracht der weit reichenden Konsequenzen, die die Adoptionspraxis für das Leben vieler Eltern und Kinder hat, überrascht die geringe Resonanz, die Fragen der Adoption im Bereich sozialwissenschaftlicher Forschung ausgelöst haben. Worauf Konzeption und Praxis der Adoptionsvermittlung beruhen, sind Fragen, die in Deutschland weitgehend unbeantwortet geblieben sind.
Obwohl das Ausland in den letzten Jahren eine Reihe von Untersuchungen über die Entwicklungsbedingungen von Kindern in Adoptivfamilien vorgelegt hat, fehlen auch dort Untersuchungen, die den Vermittlungsprozess selbst zum Forschungsgegenstand haben. Empirische Untersuchungen über Handlungsabläufe und zu Entscheidungsstrukturen einzelner Arbeitsvollzüge in der Adoptionspraxis, die ermöglichen würden, bestimmte Methoden und Techniken der Vermittlung sinnvoll und planbar zu machen, liegen noch kaum vor. Das Fehlen von Arbeitsfeldanalysen ist jedoch nicht nur für den Adoptionssektor charakteristisch, sondern trifft auf den gesamten Bereich der Jugendhilfe zu …
Die einer bestimmten fachwissenschaftlichen Tradition verhaftete Form der Darstellung und Definition von Erkenntnisgegenständen und Begriffen und der Mangel an praxisrelevanter empirischer Sozialforschung stellen jedoch nur eine Dimension der angesprochenen Vermittlungsproblematik dar. Nach den Erfahrungen, die im Zusammenhang mit der hier vorgelegten empirischen Untersuchung gesammelt werden konnten, dürfte sich die im beruflichen Selbstverständnis verankerte Orientierung der Sozialarbeit langfristig als das resistentere Hindernis auf dem Wege zu einer Neuorientierung sozialarbeiterischen Handelns erweisen. (!!!)
Abgestellt auf die Einmaligkeit menschlicher Problemlagen und deren individuelle Verursachung, hat die berufliche Orientierung der Sozialarbeit zu einer fast ausschließlichen Rezeption individualpsychologischer und pädagogisch-therapeutischer Theorien geführt, die ihre Entsprechung auf methodischer Ebene in der Einzelhilfe haben. Empirische Generalisierungen sozialer Verhaltensweisen, wie sie die Sozialwissenschaften vornehmen, wecken Befürchtungen, durch sie könnte die Bedeutung dessen, was sie Einmaligkeit des am Individuum ausgerichteten Hilfeprozesses ausmacht, geschmälert werden.
Im Praxisbereich der Adoptionsvermittlung gewinnt die defensive Einstellung der Sozialarbeit gegenüber empirischer Forschung noch zusätzliche Bedeutung durch den Faktor der Vertraulichkeit. Gesetzliche Vorkehrungen, mit denen das unerlaubte Offenlegen bestimmter Informationen verhindert werden soll, werden nicht selten auch dazu benutzt, eine defensive Haltung nachträglich zu legitimieren; zumindest unterstützen sie die festgestellte Tendenz, die gesamte Adoptionspraxis mit Geheimnis und Mythos zu umgeben.
In Anbetracht der angedeuteten wissenschafts- und berufsspezifischen Barrieren, die einer verbesserten fachlichen Fundierung sozialarbeiterischen Handlungswissens entgegenstehen, soll nicht unerwähnt bleiben, dass die hier vorgelegte Untersuchung ursprünglich auf die Anregung eines Vertreters der kommunalen Jugendhilfe zurückging, der in der Zunahme von Adoptionsaufhebungen „die Spitze des Eisberges“ erblickte und die Frage stellte, ob sich dahinter nicht auch das Problem „unzureichender Sachkenntnis“ bei der Vermittlung verbergen könnte.
„Wir vermitteln und vermitteln und wissen eigentlich gar nicht, wie läuft das aus. Sind die Kriterien, die wir bei der Auswahl der Bewerber anlegen, heute noch angemessen, oder ist das Scheitern vieler Adoptionen auch ein Hinweis dafür, dass wir unsere Methoden neu überdenken müssen?“
Das langfristige Ergebnis der Vermittlung kann diese Arbeit nicht aufzeigen, wohl aber Fragen beantworten, die den Vermittlungsprozess selbst betreffen. Zugleich soll versucht werden, mit dieser Untersuchung Forschungsinteresse anzuregen und der fachlichen Diskussion in der Praxis neue Anstöße zu geben. Dieses erscheint umso dringlicher, als nach der neuen Adoptionsgesetzgebung eine Aufhebung der Adoption grundsätzlich nicht mehr möglich sein soll und damit dem Praktiker künftig auch „die Spitze des Eisberges“ verborgen bleiben wird. (!!!)
Meines Erachtens haben die Ausführungen von Napp-Peters von 1978 auch im Jahr 2007 nichts an Aktualität verloren. Die Adoptionspraxis vollzieht sich weiterhin im Dunkel von Geheimnis und Mythos. Freiwillige Öffnung des Inkognitos durch die Adoptiveltern ist oberflächliche Kosmetik. Eine Transparenz der Adoptionspraxis ist seitens der Behörden und der Adoptivelternverbände nicht gefordert, da wohl unerwünscht.
Die Schlüsselfiguren im Adoptionsdrama sind nach wie vor die SozialarbeiterInnen. Die Beratung pro oder contra Adoption von Schwangeren und Müttern in Not hängt einzig und alleine von der ideologischen Ausrichtung dieser SozialarbeiterInnen ab.
Vorteil und Schutz der Adoptiveltern haben in der Adoptionsgesetzgebung oberste Priorität. Vor dem Wohl des Kindes steht das Wohl der Adoptiveltern. Selbst „die Spitze des Eisberges“ wurde vom Gesetzgeber unter die Wasserlinie gedrückt!
Ich frage mich: Warum?
Regina Brigitte Bege

http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Angebote_und_Hilfen/s_135.html
Adoptionsvermittlung (26.01.2006)
Rolf P. Bach
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Das Adoptionsvermittlungsgesetz enthält einige wenige Vorschriften über die Art und Weise, wie die Vermittlungsstellen die Vorbereitung der Vermittlung eines Kindes, die Prüfung und Auswahl von Adoptiveltern, die Betreuung während der Adoptionspflegezeit und nach abgeschlossener Adoption gestalten sollen. Wenig bekannt ist die gesetzliche Verpflichtung der Jugendämter, zu jedem Zeitpunkt - auch nach erfolgter Adoption - die notwendige Beratung und Unterstützung aller Beteiligten zu gewährleisten, was im Einzelfall auch deren finanzielle Unterstützung bedeuten kann. Dies heißt allerdings nicht, dass Adoptiveltern regelmäßige und dauerhafte staatliche finanzielle Förderung, wie etwa Pflegeeltern, beanspruchen können.
Die Regelungen über das Vermittlungsverfahren sind außerordentlich knapp ausgefallen. Zwar ermächtigt das Gesetz das zuständige Bundesministerium, weitere Einzelheiten in einer Rechtsverordnung zu regeln. Eine solche Verordnung ist jedoch bereits im Entwurfsstadium stecken geblieben, da die Bundesländer, die ihr zustimmen müssen, mehrheitlich der Auffassung waren, dass sich derartig komplexe Lebenssachverhalte - die schließlich in der Frage münden, wie festzustellen ist, welche sozialen Eltern die besten für ein hilfebedürftiges Kind sind - nicht ausreichend flexibel und dem Einzelfall angemessen in den starren Rahmen einer Rechtsverordnung einpassen lassen. Diese - durchaus plausible - Argumentation hat allerdings zur Konsequenz, dass die Fachkräfte in den Adoptionsvermittlungsstellen kaum auf konkrete und allgemein verbindliche Handlungsanweisungen zurückgreifen können, und dass Adoptionsbewerber, vor allem im Konfliktfall mit den Vermittlungsstellen, nur wenige Anhaltspunkte im geschriebenen Recht vorfinden, aus denen für sie nachvollziehbar hervorgeht, nach welchen Kriterien ihre Eignung festgestellt und die notwendige Auswahl zwischen ihnen getroffen wird. Derzeit kommen auf 1 zur Adoption vorgesehenes Kind im Durchschnitt 6 geprüfte und von den Vermittlungsstellen für geeignet befundene Adoptionsbewerber. Das Vermittlungsverfahren und die Auswahlkriterien der Adoptionsvermittlungsstellen sind daher von erheblicher praktischer Relevanz für Tausende von Bürgern.
An die Stelle der fehlenden Rechtsverordnung sind seit vielen Jahren, rechtlich nicht verbindliche, Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung der Landesjugendämter getreten, die weitgehend befolgt werden, wenngleich die fehlende Verbindlichkeit erhebliche Spielräume offen lässt. Ein umfangreiches Kapitel dieser Empfehlungen ist der Zusammenarbeit mit ausländischen Stellen und Gerichten bei der Adoption eines Kindes aus dem Ausland gewidmet.
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Somit ist der Willkür einzelner SozialarbeiterInnen im Adoptionssystem weiterhin Tür und Tor geöffnet.
Regina Brigitte Bege

Kommentar:
koennte es denn sein, dass auch deshalb "mythischer" "nebel" "individueller" "heilstat" um den ganzen adoptions-vorgang gelegt wird, weil im grunde klar ist, dass hier etwas ungeheuerliches geschieht?!!!! vielen muettern werden ihre kinder regelrecht abgepresst, ihnen die "schuld" an der weggabe "in die schuhe geschoben", denn sie haben ja "die unterschrift" "geleistet", den meisten leiblichen vaetern wird die gelegenheit "zur flucht aus der verantwortung" ermoeglicht, den kindern wird die herkunfts-identitaet geraubt und der zugang zur eigenen herkunft auf saemtlichen ebenen i.d.r. ein leben lang verbarrikadiert, nein, sie wird ihnen i.d.r. ein leben lang zerstoert, sie werden in fremd-zusammenhaenge gepresst, von denen im grunde keiner wissen kann, dass "es" jemals "gut gehen wird", und den zumeist bis dahin kinderlosen adoptiv-eltern die gelegenheit gegeben, ihre infertilitaet "auszugleichen" durch "soziale fruchtbarkeit".
der "mythische nebel" muss also eine ganze menge einhuellen und moeglichst undurchdringbar sein, damit das, was da geschehen ist, und weiter geschieht, nicht, moeglichst niemals das "tageslicht" der "wahrheit" erblickt ...
ein mensch wird schlicht und ergreifend von a nach b transferiert, not und elend, welche die meisten h-muetter zur "unterschrift" zwangen, wird der einfachheit halber ausgeblendet und a-"kind" (das es immer bleiben soll und vielfach bleibt, nicht umsonst bezeichnen sich erwachsene vielfach als adoptiv"kinder") sollte nach moeglichkeit happy-sonnen-kid spielen, denn schliesslich wollen nun endlich ihre a-eltern eltern und rundum gluecklich und gesellschaftlich anerkannt sein ...
wenn sich aber dieses sonnenschein-wesen eines tages fragen stellt, die fuer jeden menschen selbstverstaendlich sind, naemlich nach dem woher, wie, wohin der eigenen existenz, laesst man sie bestenfalls ein bisschen "wurzel-suche" "spielen" (um die beziehungen in der a-familie zu festigen?!!!).
wenn aber dieses sonnenwesen ploetzlich meint, eigentlich will es sich zu seinen urspruengen, zu seiner herkunft BEKENNEN, wenn es ALLES, EINFACH ALLES WISSEN WILL, WENN ES NACH DEN HERKUNFTSRECHTEN AUSSCHAU HAELT UND ENTDECKT, WAS IHM DA VORENTHALTEN WURDE ... WENN ES DAS LUEGENGEWEBE ANFAENGT ZU ERKENNEN UND ES ENTWIRRT - UND WENN DIESER MENSCH DANN ERKENNT, WELCHE AUSWIRKUNGEN DIESER RAUB UND DAS GELUEGE AUF SEIN GANZES LEBEN GEHABT HABEN, TJA DANN, liebe leute, DANN IST DER ZEITPUNKT ERST RECHT GEKOMMEN, WO ES HEISST: "JETZT ABER RAUS AUS DEM TEMPEL MIT DIR, DU UNDANKBARE KREATUR!" ...
ich betone, dass ich nun VON MEINER PERSOENLICHEN ERFAHRUNG SPRECHE ... vielleicht erkennt sich der ein und andere adoptierte mensch darin auch wieder ... und meiner persoenlichen einsicht nach steht die individualisierte "mythische vorgangsweise" im adoptions-procedere sehr wohl fuer ein rational durch und durch kalkuliertes mikro- und makro-soziales "gesellschaftliches krisenmanagement" ... und die struktur dieses kalkuels ist dazu angetan, in mir immer aufs neue uebelkeit, und zwar ganz real, zu erzeugen ...
fuer mich ist adoption - gerade in der phase nun, wo ich aufarbeite, verarbeite, das aufwachen von einem albtraum in den naechsten ...
"DIE WAHRHEIT IST DEM MENSCHEN ZUMUTBAR."
Ingeborg Bachmann