Die Macht der Gruppe

Salomon E. Asch (* 14. September 1907 in Warschau; † 20. Februar 1996) war ein polnisch-amerikanischer Gestaltpsychologe und Pionier der Sozialpsychologie. Asch emigrierte 1920 von Polen in die USA. 1932 schloss er sein Studium an der Columbia University mit einem Ph.D. ab. Für mehr als 19 Jahre war Asch am Swarthmore College Professor für Psychologie. Dort arbeitete er mit zahlreichen Psychologen zusammen, darunter Wolfgang Köhler.
Bekannt wurde Asch in den 1950er Jahren mit Experimenten, die zeigten, wie Gruppenzwang eine Person so beeinflussen kann, dass sie eine offensichtlich falsche Aussage als richtig bewertet.
Mit seinen Thesen beeinflusste er nachhaltig die Arbeit des Psychologen Stanley Milgram und diente als dessen Doktorvater an der Harvard University. Auch arbeitete S. Asch mit H. Witkin zusammen bei der Entwicklung der Theorie der Kognitionsstile. Anfang der 1970er lieferten Aschs Experimente u.a. einen Mitanstoß für die Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann.
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In seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ beschreibt Paul Watzlawick folgendes Experiment des Psychologen Salomon E. Asch.
Asch zeigte Gruppen von je 7 bis 9 Studenten zwei Tafeln. Auf jeder Tafel Nr. 1 war immer eine einzige vertikale Linie, auf den Tafeln Nr. 2 waren jeweils drei senkrechte Linen verschiedener Länge. Asch erklärte seinen Versuchspersonen, dass es sich um ein Experiment in visueller Diskrimination handele und, dass es ihre Aufgabe sei, diejenige Linie auf Tafel Nr. 2 zu identifizieren, die ebenso lang wie die eine Linie auf Tafel Nr. 1 sei.

Asch beschreibt den typischen Verlauf des Versuchs wie folgt:
„Das Experiment beginnt ganz normal. Die Versuchspersonen geben ihre Antworten in der Reihenfolge der ihnen zugewiesenen Plätze, und in der ersten Runde geben alle dieselbe Linie an. Ein zweites Tafelpaar wird exponiert, und wiederum ist die Antwort der Gruppe einstimmig. Die Teilnehmer scheinen sich mit der Aussicht auf weitere langweilige Experimente abgefunden zu haben. Beim dritten Versuch kommt es zu einer unerwarteten Störung. Ein Teilnehmer wählt eine Linie, die im Widerspruch zur Wahl der anderen Versuchspersonen steht. Er scheint erstaunt, ja sogar ungläubig über diese Meinungsverschiedenheit. Beim nächsten Durchgang ist er wiederum anderer Meinung, während die Wahl der anderen einstimmig bleibt. Der Dissident ist immer bestürzter und unschlüssiger, da sich die Meinungsverschiedenheit auch in den folgenden Versuchen fortsetzt; er zögert, bevor er seine Antwort gibt, spricht mit leiser Stimme oder zwingt sich zu einem peinlichen Lächeln.“
Was er nämlich nicht weiß, ist, dass Asch alle übrigen Studenten vor dem Experiment sorgfältig instruierte, von einem bestimmten Punkt an einstimmig dieselbe falsche Antwort zu geben. Er ist somit die einzige wirkliche Versuchsperson und befindet sich in einer höchst ungewöhnlichen und beunruhigenden Lage: Entweder muss er der nonchalant und einstimmig abgegebenen Meinung der anderen widersprechen und ihnen daher in seiner Wirklichkeitsauffassung merkwürdig gestört vorkommen, oder er muss der Evidenz seiner eigenen Wahrnehmung misstrauen. Wie unglaublich es auch scheinen mag, verfielen 36,8 % der Versuchspersonen dieser zweiten Alternative und unterwarfen sich dem ihnen selbst so offensichtlich falschen Urteil der Gruppe.
Asch führte dann gewisse Modifikationen in den Verlauf des Versuchs ein und konnte nachweisen, dass das Ausmaß der Opposition, das heißt die Zahl der Personen, die den Antworten der Versuchsperson widersprechen, von ausschlaggebender Bedeutung ist. Wenn es sich nur um ein Mitglied der Gruppe handelte, war die Wirkung fast Null, und die Versuchsperson hatte kaum Schwierigkeiten, ihre unabhängige Urteilsfähigkeit zu bewahren. Sobald die Opposition auf zwei Personen erhöht wurde, stieg die Unterwerfung der Versuchsperson unter die falschen Antworten auf 13, 6 % an. Bei drei Opponenten erreichte die Fehlerkurve der Versuchsperson 31,8 % und flachte dann ab, um schließlich das oben genannte Höchstmaß von 36,8 % zu erreichen.
Umgekehrt erwies sich die Gegenwart eines Partners, der dieselbe (richtige) Meinung vertrat, als wirksame Hilfe gegen den Druck der Gruppenmeinung und für die Aufrechterhaltung der eigenen Urteilsfähigkeit. Unter diesen Umständen sanken die unrichtigen Antworten der Versuchsperson auf ein Viertel des oben erwähnten Wertes.
Es ist bekanntlich sehr schwierig, sich die Wirkung eines Erlebnisses vorzustellen, das man selbst noch nie gehabt hat und für das einem daher jede Vergleichsmöglichkeit fehlt – wie etwa ein Erdbeben. Darin liegt auch die Wirkung des Asch-Experiments. Die Versuchspersonen, die nach dem Experiment alle über seine wahre Natur aufgeklärt wurden, berichteten über Gefühlsreaktionen, die die ganze Skala von mäßiger Angst bis zu ausgesprochenen Depersonalisierungserlebnissen umfassten. Selbst jene, die sich nicht der Gruppenmeinung unterwarfen, taten dies fast ohne Ausnahme mit nagenden Zweifeln darüber, ob sie nicht doch vielleicht Unrecht hatten. Eine typische Bemerkung während des Versuchs war: „Ich glaube, recht zu haben, aber mein Verstand sagt mir, dass ich nicht recht haben kann, denn ich kann nicht glauben, dass so viele andere sich irren können und ich allein recht habe.“
Im Mikrokosmos des Versuchs verfielen andere Versuchspersonen auf typische Annahmen, mit denen wir alle in wirklichen Lebenssituationen einen Zustand der Desinformation, der das Vertrauen in unsere Wirklichkeitsauffassung bedroht, wegzurationalisieren pflegen. So verschoben manche Versuchspersonen ihre Angst auf die Möglichkeit einer körperlichen Ursache („Ich befürchte, dass etwas mit meinen Augen nicht in Ordnung war.“) oder vermuteten besondere Umstände (etwa eine optische Täuschung), während andere schließlich mit einem Übermaß an Misstrauen reagierten und zum Beispiel annahmen, dass die nach Abschluss des Versuchs gegebene Erklärung selbst Teil des Experiments und daher ihr nicht zu trauen war. Ein Student fasste das Erlebnis der meisten erfolgreichen Versuchspersonen wie folgt zusammen: „Ich habe etwas derartiges noch nie erlebt – das werde ich mein Leben lang nicht vergessen!“ – Wie wichtig wäre es, eine Methode zu finden, um einer Höchstzahl von jungen Leuten diese lebenslange Immunisierung gegen allen Formen von Propaganda und Gehirnwäsche zu geben.

Gehirnwäsche – je früher desto nachhaltiger!
Die vielleicht beunruhigendste Schlussfolgerung, die aus dem Versuch gezogen werden muss, ist das offensichtlich tief sitzende Bedürfnis, in Harmonie zur Gruppe zu stehen. Die Bereitschaft, sich unterzuordnen, die individuelle Urteilsfreiheit und die damit verbundene Verantwortlichkeit für das Linsengericht der konfliktbefreienden Kollektivität zu verschachern, ist jene menschliche Schwäche, die Demagogen und Diktatoren zur Macht bringt.
Darüber hinaus gibt es zwei weitere Schlussfolgerungen, die meines Wissens von Asch nicht gezogen wurden. Erstens gleicht der durch das Experiment erzeugte Zustand von Desinformation in praktisch allen wesentlichen Punkten dem eines so genannten Schizophrenen im Rahmen seiner Familie – außer dass es einem offensichtlich noch schwerer fällt, die Rolle einer dissidenten Minderheit im Kreise seiner engsten Verwandten zu spielen als in einer Gruppe von Studenten, zu denen man keine näheren Bindungen hat. Fast unweigerlich besteht in diesen Familien der Mythos, dass sie keinerlei Probleme haben und niemand über etwas unglücklich ist, außer über die bedauerliche Tatsache, dass einer von ihnen geisteskrank ist. Doch schon ein kurzes Gespräch mit der ganzen Familie kann krasse Ungereimtheiten in der Wirklichkeitsauffassung der Familie als ganzes (und nicht nur einzelner Angehöriger) ans Licht bringen; ganz ähnlich wie im Asch-Experiment wo (allerdings bewusst und absichtlich) die Gruppe und nicht die eigentliche Versuchsperson im Unrecht ist.
Der Patient, nicht selten das sensibelste und klar sehendste Familienmitglied, lebt auf diese Weise in einer Welt, deren Verschrobenheit ihm dauernd als normal hingestellt wird. Es wäre für ihn eine fast übermenschliche Leistung, diesem Druck erfolgreich zu widerstehen und den Familienmythos bloßzulegen. Und selbst wenn ihm das gelänge, würden seine Angehörigen darin nicht nur einen weiteren Beweis seiner Verrücktheit sehen, sondern er würde damit auch riskieren, von ihnen verworfen zu werden und die einzige Sicherheit zu verlieren, die er im Leben zu haben glaubt. Wie die Versuchspersonen im Asch-Experiment ist auch er im Dilemma gefangen, entweder diese Verwerfung auf sich zu nehmen oder den Glauben an die Verlässlichkeit seiner Sinneswahrnehmungen zu opfern – und noch viel wahrscheinlicher als die Versuchsperson wird er die zweite Alternative wählen und „geistesgestört“ bleiben.
Die zweite Schlussfolgerung ist die: Wenn man, der zwischenpersönlichen Natur des Experiments keine Aufmerksamkeit schenkte und das Benehmen der Versuchsperson in künstlicher Isolierung beobachtete, so würde es nicht schwer fallen, eine psychiatrische Diagnose für ihre Nervosität, ihre „unbegründete“ Angst und krasse Wahrnehmungsstörung zu stellen. Und der Leser glaube nicht, dass diese Überlegungen intellektuelle Spielereien seien. Das Außerachtlassen des zwischenpersönlichen Kontextes, in dem sich ein so genannter psychiatrischer Zustand manifestiert, ist vielmehr die Grundlage vieler psychiatrischer Diagnosen, die aus der Perspektive des medizinischen Krankheitsmodells, das heißt der Annahme einer Organstörung (des Gehirns oder der Seele), gemacht werden. In dieser monadischen (nur eine Verbindung / einen Grund zulassenden) Sicht wird Geistesgestörtheit oder Böswilligkeit zu Eigenschaften eines Individuums, das der Behandlung bedarf, und die Behandlung wird damit zu einer Wirklichkeitsverzerrung sui generis (eigener Art).
