Das Grundvertrauen der griechischen Antike schwindet.
Selbsthass, Projektion des Bösen auf ein
hurenhaftes Frauenbild
Aus: Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft
Horst-Eberhard Richter – 2006 – Seite 136 – 138
Jesus hat sich zunächst nur als Reformer Israels verstanden. Aber er will sich nicht einfach in die Reihe der Propheten einordnen, sondern einen neuen Anfang begründen. Er provoziert die hohen Priester im Tempel. Die Unruhe, die er stiftet, deuten die Behörden als Bedrohung für den Staat. Warum aber dieser mächtige Römerstaat sich ausgerechnet durch die Lehre zur Sanftmut und der Nächstenliebe herausgefordert fühlt, zumal der neue Glauben sich doch vorwiegend bei den Armen und Schwachen einnistet, will zunächst nicht einleuchten. Aber der Staat spürt wohl, dass in der Botschaft von Jesus eine umstürzlerische Kraft steckt, die mit ihrer Wirkung aus dem Inneren doch langfristig gefährlich werden kann.
In die von Paulus in der Missionsarbeit verkündete Lehre kommt als neuer Akzent eine erstaunliche Herabsetzung der Frau hinein. In dem Paulus-Brief an Timotheus, der zwar im Neuen Testament Paulus zugeschrieben wird, aber vermutlich von einem anderen Autor stammt, lautet die Anweisung:
„Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen.“
In den verschiedenen Strömungen des frühen Christentums, speziell in der Gnosis, tritt der Selbsthass, der sich in der Johannes-Offenbarung an dem Bilde der verworfenen Hure Babylon fest macht, noch deutlicher zu Tage: Die Seelen der Menschen sind durch die Macht des Bösen in die Tiefe gestürzt, sind im Dunkeln gefangen in Form von Lichtteilen, die auf Befreiung warten. Aber an der Wiederkehr in ihre Lichtheimat werden sie von Dämonen gehindert.

Die Hure Babylon und die Händler – Albrecht Dürer
Ein entscheidendes Charakteristikum dieser frühchristlichen Geheimlehre ist jedenfalls die definitive dualistische Teilung der Welt. Der Mensch ist einerseits Ort des Kampfes zwischen dem Bösen und dem Guten, andererseits selbst Kämpfender. Aus dieser mythischen Geheimlehre formt sich dann im 3. Jahrhundert durch den persischen Religionsstifter und Propheten Mani die manichäistische Religion, die sich allmählich zwischen Spanien, Afrika, Vorderasien bis China ausbreitet und in Spuren bis in die Neuzeit hinein nachwirkt. Ronald Reagan und George W. Bush sind, ob sie es wussten, wissen oder nicht, späte Erben der dualistischen Weltspaltung der Gnostiker und Manichäer, jedenfalls in ihrem ideologischen Dualismus.
Manis magische Kosmologie bringt Platons Gedanken der Doppelgeschlechtlichkeit des Menschen wieder hervor. Die Figur des Urmenschen vereint in sich beide Geschlechter. Auch die kosmische Jesus-Gestalt der Manichäer verbindet Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Männlichkeit bezieht ihre Kraft aus der Sonne, als virtus bezeichnet. Die weibliche Kraft, die sapientia, die Weisheit, wohnt im Mond. Der weibliche Aspekt erscheint verschiedentlich auch als selbstständige Gottheit, als Lichtjungfrau, neben der Gestalt des kosmischen Jesus.
In ihren irdischen Gestalten jedoch finden Mann und Frau nicht mehr zu ebenbürtigen Bindung zusammen, wie dies in der Ära des Perikles und der Aspasia möglich gewesen war. In dem Auseinanderbrechen der inneren Einheit entsorgt der Mann einen Teil seines Selbsthasses durch Projektion auf die Frau, die bestimmt ist, ihn als asexuelle Läuterungsfigur, als Lichtgöttin, nach oben zu begleiten, während sie ihn als Triebwesen im Konkubinat bei der Entlastung der unbeherrschten Sexualbedürfnisse unterstützen darf. Sie ist als Beischläferin für diejenigen Männer zuständig, die nicht ausreichend zur Beherrschung der eigenen Begierden fähig, damit nicht zum Eintritt in die Religion, nur zu deren Beschützung geeignet sind. Für die Aufspaltung des Frauenbildes in die asexuelle mütterliche Heilige und die sozial diskriminierte Dirne hat der Manichäismus den Grund gelegt.
Wie anschließend in der Biographie Augustins sichtbar werden wird, sieht das zwar oberflächlich nur nach Niederlage der Frau aus, doch der scheinbare männliche Sieger bleibt in Wahrheit der von der Mutter gefesselte Prinzgemahl. Er darf sich am Rande der Finsternis an der sozial diskriminierten Konkubine abreagieren und in der Welt alle mögliche Macht erobern – wie Augustinus als Herrscher über das Kirchenvolk -, aber die heimliche Herrschaft verbleibt bei der Mutter. Und wenn er es mit seinem Größen- und Machtdrang als Prinzgemahl übertreibt, wird er abstürzen.