Die Akte
Wenn Adoptierte sich auf die Suche nach ihrer Herkunft machen, erhalten sie oft als ersten Rat: „Geh zum Jugendamt und schau in die Akte.“
Harald Paulitz, langjähriger Leiter der Zentralen Adoptionsstelle Baden schreibt in seinem Buch „Offene Adoption – Ein Plädoyer“ auf S. 90 hierzu:
„Wenn Adoptierte ihre Mütter/Eltern (über die ehemalige Vermittlungsstelle) suchen, muss in den einzelnen Fällen sehr genau hingeschaut werden. Um die Situation zu beurteilen, ist allerdings der Blick in die Vergangenheit nicht so entscheidend wie die Beurteilung der konkreten Situation: Wie haben sich die Beteiligten entwickelt? Welche Fragen und Veränderungen haben sich gegebenenfalls ergeben, welche Wünsche und Bedürfnisse äußern sie heute? Diesen Fragen ist in der aktuellen Situation Rechnung zu tragen.“
Die Akte ist nur ein Teil im Wiederfindungsmosaik. Sie kann ein großes sein, aber sie sollte in jedem Fall auch kritisch hinterfragt werden, wenn möglich nicht nur beim aktenführenden Sozialarbeiter. Eine Aktenführung in Hinblick darauf, dass auch einmal Adoptierte dort Einblick nehmen würden, begann vereinzelt erst Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre, mittlerweile dürfte es in den seriösen Adoptionsvermittlungsstellen Standard sein. Vor allem ältere Akten sind m.E. aber mit Vorsicht zu genießen.
In die Akte fließen nicht nur Daten sondern auch Beurteilungen, Stellungnahmen, Gesprächsnotizen etc. durch die Adoptionsvermittler ein und somit fließen auch die subjektiven Empfindungen, Wert- und Moralvorstellungen dieser Adoptionsvermittler mit ein.
Die Akte dient dazu den Adoptionsprozess und den Adoptionsabschluss zu dokumentieren, so dass der Sozialarbeiter seine Arbeit z.B. vor Gericht belegen kann. Und diese Arbeit besteht darin, ein Kind von der Herkunftsfamilie weg in eine Adoptionsfamilie hinein zu vermitteln. Was in die Akte, neben den gesetzlich vorgeschriebenen Unterlagen aufgenommen wird, bestimmt einzig und alleine der Adoptionsvermittler. Und hier kann es auch zu bewussten oder unbewussten Manipulationen seitens der Vermittler kommen, um den Adoptionsvorgang nicht „unnötig“ aufzuhalten.
Eine immer wieder vorkommende Manipulation ist das „unter den Tisch fallen lassen“ der leiblichen Väter. Dann steht in der Akte „Vater unbekannt“, weil die Adoption so schneller durchgeführt und der evtl. adoptionsunwillige Vater einfach ausgeschaltet werden kann. Ungewollter oder gewollter Nebeneffekt hierbei ist noch, dass die leibliche Mutter nun so dasteht, als ob sie mit „Jedem Unbekannten“ ins Bett ginge, One-Night-Stands ihr Alltag wären. Christine Swientek hat diese Vorgehensweise in ihrem 1986 erschienen Buch „Die abgebende Mutter im Adoptionsverfahren“ ausführlich beschrieben. Diese Vorgehensweise hat aber leider 1986 nicht aufgehört sondern wurde/wird von verschiedenen Adoptionsvermittlern munter weiterbetrieben, siehe Fall Görgülü diverse Fälle aus unserer Müttergruppe und Berichte im Forum.
Ich gehe davon aus, dass bestimmte Adoptionsvermittler auch andere Teile, die für Adoptierte wichtig sein könnten, unter den Tisch fallen lassen, weil es für sie als Vermittler unwichtig oder sogar störend ist. Denn der Erfolg ihrer Arbeit besteht für manche Adoptionsvermittler nicht darin, dem Kind evtl. auch die Herkunftsfamilie zu erhalten sondern es zur Adoption zu vermitteln.