Nach der Adoption meiner Tochter Nicole
Nur wer auch sein Kind durch Adoption verloren hat, kann nachempfinden wie man sich als Mutter fühlt. Diese Tragik, dieser Verlust, da gibt es nichts, welches diese Lücke zu ersetzen vermag. Jedes Mal wenn man daran denkt, tut es in der Seele weh. Und man denkt immer daran. Mal sind die Gedanken mehr im Vordergrund, mal treten sie in den Hintergrund. Aber sie lassen sich niemals abstellen.
Immer hat man die Hoffnung, dass man sein Kind wiederbekommt, dass man aufwacht und alles war nur ein böser Traum. Hundert tausendmal geht man in Gedanken durch was wäre gewesen… wenn … wenn … wenn …
Mir fiel es so schwer, damals zum Jugendamt zu „kriechen“, um einen Brief für Nicole abzugeben. Dieses Warten bis man hereingerufen wurde in die „gute alte Amtsstube“, und dann die Mitarbeiter dort, in deren Gesichtern, schon irgendwie herablassende Mimiken zu erkennen waren. Es hat mich größte Überwindung gekostet. Und bei jedem Brief hatte ich jeweils auch immer wieder andere Mitarbeiter vor der Brust. Und immer wieder musste ich mein Anliegen wiederholen. Das vergesse ich im Leben nicht, jenes Gefühl, sich wie eine „Aussätzige“ vorkommen zu müssen. Bitter...bitter...
Und jene Mütter, die vor dem Jugendamt stehen, und es aus Angst und Scham nicht vollbringen auch nur einen Schritt ins Amt zu wagen. OH… JA... diese Mütter kann ich sooo gut verstehen.
Das Jugendamt kennt deren Status. Und das dem schwer beizukommen ist. In allem den längeren Arm zu haben...und in keiner weise überhaupt auch nur ansatzweise, Mitgefühl erkennen zu lassen. Das war von allem meine schwerste Zeit. Wie ein Bettler kam ich mir vor. Ach, furchtbar das Geschehene. Irgendwann konnte auch ich mich nicht mehr überwinden, Briefe an Nicole dem Jugendamt zu übergeben. Ich habe mich geschämt. Dieses „Jugendamt“ hat mir Angst gemacht. Schon der Anblick des Gebäudes hat mir gereicht, diese Verlorenheit hautnah zu spüren. Und niemand ist da der helfen kann… und niemand der helfen will …
Ja so war das bei mir. Heute schaffe ich es, mein „Innerstes nach außen zu kehren.“ Damals war ich ja schuldig. „Die“ hatten mir mein Kind weggenommen, aber ich war schuldig, schuldig, schuldig!!!
Und ich verfüge über Selbstbewusstsein, aber beim Jugendamt saß ich wie verloren da. Und niemanden hat es interessiert. Ich hatte keine Kraft um hartnäckig zu forschen. Die Fragen die ich so gern gestellt hätte, wären mir nie beantwortet worden. Und ich war jedes Mal wie erleichtert wenn ich das Jugendamt wieder verließ. Als ob ein Verbrecher endlich draußen mal Luft schnappen darf.... so kam ich mir vor. Nur weg davon, ganz schnell.
Juni 2006
Margrit