Coming-Out

 

Die aus dem Englischen übernommene Redewendung Coming-out, die im englischen Ursprung sowohl den Auftritt einer Debütantin bei ihrer Volljährigkeit als auch den Prozess, ein Versteck (Schrank) zu verlassen („Coming out of the closet“), bezeichnet, hat in der deutschen Sprache eine feste Bedeutung erlangt, die durch keine anderen deutschen Wörter zu ersetzen ist.

 

 

 

 

 

 

 

Was wird meine Familie sagen?

Was werden meine Freunde sagen?

 

 

Wenn sie erfahren, dass …

 

 

ich vor 10, 20, 30 oder mehr Jahren ein Kind geboren habe,

welches adoptiert wurde,

über welches ich nie gesprochen haben,

welches eigentlich gar nicht richtig existiert…?

 

 

Auch mir ist die Frage, die Angst vor der Reaktion der Familie (die ja manchmal eigentlich gar keine Familie ist), oder den Bekannten und Freunden, nicht fremd. Aus diesem Grund möchte ich einfach gerne ein paar ganz persönliche Gedanken dazu aussprechen.

 

Es kann halt sein, dass einige Familienangehörige oder Bekannte ihre Haltung Ihnen gegenüber ändern, wenn sie erfahren, dass Sie, ausgerechnet Sie!!!??? ein Kind zur Adoption freigegeben haben oder als Jugendliche ein Kind zur Welt brachten, welches Sie nicht behalten durften. Manch negative Reaktionen von ungläubigem Staunen über Verachtung und Verurteilung werden auf Sie zukommen. Besonders schmerzhaft ist es, wenn sie von Menschen kommen, denen man bisher vertraute, deren Freundschaft und Loyalität man sich sicher glaubte. 

 

Es kann sein, dass einige Menschen sich von Ihnen abwenden, von Ihnen als der Rabenmutter oder als dem frühreifen Flittchen, oder was immer an Vorurteilen durch die Gesellschaft geistert. Oder dass sie nicht verstehen wollen, wie wichtig es für Sie ist, endlich offen darüber reden zu können, dass es da noch ein Kind gibt, welches bisher totgeschwiegen wurde. Sie werden Sätze hören wie: „Wie kann eine Frau nur ihr eigenes Kind weggeben!“ oder „Lass doch die Vergangenheit ruhen, es bringt doch nichts mehr!“ oder „Es war doch für alle das Beste, warum rührst Du jetzt wieder darin herum?“ Diese Sätze können auch von den eigenen Eltern ausgesprochen werden, die nach wie vor der Meinung sind, dass Adoption eine gute Lösung war und nicht verstehen können oder wollen, warum Sie, vielleicht viele Jahre später, nun so beharrlich darauf bestehen, das längst Vergessene wieder ans Licht zu zerren, wo man sich damals doch solche Mühe gemacht hat, die Schande zu vertuschen.

 

Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich denke, dass Menschen, die so denken, Ihnen nicht gut tun. Es ist keine Familie und es sind dann auch keine Freunde. Man kann versuchen, einiges zu entschuldigen und zu sagen: "vielleicht sind sie damit überfordert", "vielleicht wissen sie  nicht, wie sie damit umgehen sollen", "vielleicht haben sie Angst, damit konfrontiert zu werden, ihre eigene Rolle anzuschauen, damals, als darum ging (manchmal nur ein wenig) Hilfe und Unterstützung zu geben, um ein gemeinsames Leben von Mutter und Kind zu ermöglichen“.  

 

Lassen Sie sich von negativen Reaktionen Ihrer Umgebung nicht einschüchtern oder abschrecken. Wenn Sie über die Adoption Ihres Kindes offen sprechen wollen, ist das Ihr Weg (oft der erste Weg zur Selbstheilung), um mit dem Verlust von damals fertig zu werden und der beste Weg sich von dem Trauma, von dem Schmerz des Verlustes zu befreien, positiv der Zukunft entgegenzugehen und sich vielleicht sogar auf die Suche nach dem verlorenen Kind zu machen. Wenn Sie und Ihr Kind sich bereits wieder gefunden haben, werden sie es beide als Erleichterung erleben, nicht länger etwas verheimlichen zu müssen. Es wird keine Furcht vor Endeckung mehr geben. Die Furcht vor der Furcht was alles passieren könnte…, hat ein Ende.

 

Treten Sie dem Tabu in unserer Gesellschaft entgegen, einer Gesellschaft, die nicht sehen und wahr haben will, dass Adoption sehr viel damit zu tun hat, dass Frauen wenn sie zur unpassenden Zeit schwanger werden, häufig von den Hütern der gesellschaftlichen Moral und Finanzen in die Adoption getrieben werden.

 

Es ist keine Schande schwanger zu werden

und ein Kind zur Welt zu bringen.

 

Es ist eine Schande, wenn einer der reichsten Staaten dieser Welt Adoption als beste weil billigste „Hilfs-„maßnahme für Mutter und Kind praktiziert und dies unter dem Deckmantel „Zum Wohle des Kindes“

der Gesellschaft verkauft!

 

Wenn Menschen sich von Ihnen abwenden oder Ihnen den Rat geben, weiter still zu schweigen, entschuldigen Sie ihr Verhalten nicht. Versuchen Sie sich von diesen Menschen zu lösen, auch wenn es schwer fällt. Und vor allem sollten Sie Ihre weiteren Handlungen und Entscheidungen nicht von diesen Menschen abhängig machen, denn: es geht um Sie, um Ihr Leben, um Ihr Wohlbefinden. Menschen die Sie nicht verstehen oder aus eigennützigen Gründen nicht verstehen wollen, sind Ballast, sie tun Ihnen nicht gut. Sie sind keine Familie und keine Freunde und somit auch kein großer Verlust.

 

Halten Sie sich an Menschen, die Ihnen gegenüber Verständnis aufbringen, die Sie auf Ihrem weiteren Weg des ‚Coming-Out’ unterstützen. Wenn Sie anfangen sich zu öffnen, herauskommen aus dem ‚Schrank’ des Schweigens, endlich anfangen über Ihre Vergangenheit zu sprechen, werden Sie feststellen, dass es andere Menschen gibt, denen es genau so ging wie Ihnen. Sie werden neue Bande knüpfen und neue Freundschaften werden beginnen.

 

Sergio Bambaren hat es in seinem Buch "Der träumende Delphin" so ausgedrückt:

 

 

Es kommt eine Zeit im Leben,

da bleibt einem nichts anderes übrig,

als seinen eigenen Weg zu gehen.

 

Eine Zeit, in der man seine eigenen Träume

und Wünsche verwirklichen muss.

 

Eine Zeit, in der man lernen muss,

dass man endlich für sich

und die eigenen Überzeugungen eintreten muss.