Christiane

 

 

Ich bin das jüngste Kind meiner Mutter von sieben Kindern. Alle Kinder von einem anderen Mann. (Was ich generell erst einmal nicht verurteilen würde und es auch nie getan habe.)


Jedoch erschien es meiner Mutter anscheinend wichtiger sich auf irgendwelchen Partys auszuleben als sich um mich und meine Geschwister zu kümmern. Nach zwei Jahren haben damalige Nachbarn dafür gesorgt, dass das Jugendamt eingeschaltet wurde. Sie haben einfach das Geschrei nicht mehr aushalten können. So gab es nur etwas zu essen was gerade zur Hand war. Und wenn es nur Mehl mit Wasser verdünnt war. Völlig unterernährt kam ich in ein Heim. Von dort aus kam ich kurze Zeit später in eine Pflegefamilie. Diese hatte schon 4 erwachsene Kinder.


Nun hätte es mir ja eigentlich gut ergehen müssen. Nur war ich anscheinend für diese Familie ein Vorzeigeobjekt. Man konnte sich mit etwas ausschmücken. Nach außen war ich das niedliche kleine liebe Mädchen und nach innen das undankbare böse Kind. Egal was ich auch versuchte die Gunst dieser Familie zu erhalten war aus ihrer Sicht gesehen falsch. Prügel und psychische Gewalt standen an der Tagesordnung. Mit 10 Jahren bin ich dann weggelaufen. Schnell von der Polizei aufgegriffen, kam ich dann wieder in ein Heim. Dort erhielt ich dann Aufmerksamkeit, die ich leider nicht für mich umsetzen konnte. Nach mehreren Selbstmordversuchen kam ich in eine Psychiatrie. Dort war ich ein dreiviertel Jahr bevor ich wieder in das Heim zurückkam.

 

 

 


 

Irgendwann habe ich dann Sexualität mit Liebe und Geborgenheit verwechselt. Dabei ist dann mein Sohn gezeugt worden. Zum Zeitpunkt seiner Geburt war ich 15 Jahre alt und habe in einem Heim gelebt. Da es dort auch eine Wohngruppe gab, konnte ich das Kind bei mir behalten. Ich war glücklich. Nach anderthalb Jahren musste ich mir jedoch eingestehen, dass ich einfach zu jung war um das benötigte Verantwortungsgefühl meinem Kind gegenüber aufzubringen. Schweren Herzens habe ich mich entschlossen den Jungen in eine Pflegefamilie zu geben. Gemeinsam mit dem Jugendamt war dann auch sehr schnell eine Familie gefunden. Dort versprach man mir, dass ich den Jungen jederzeit besuchen darf, was ich auch tun wollte, um den Kontakt zu ihm nicht zu verlieren.

 

Leider war ich jedoch naiv genug auf meine damaligen Erzieher zu hören, die jedes Mal eine andere Ausrede parat hatten, warum es gerade zu diesem Zeitpunkt nicht gut wäre, das Kind zu besuchen. So ging dann fast ein Jahr ins Land bis ich ihn das erste mal wieder gesehen habe. Ich hatte mich so sehr auf diesen Besuch gefreut. Dort angekommen kam dann die eiskalte Ernüchterung der Junge kannte mich nicht mehr. Zu seinen Pflegeeltern sagte er schon Mama und Papa. Was hätte ich tun sollen? Mein Bauch sagte mir, dass ich nicht das Recht hätte das Kind dieser Familie wieder zu entreißen. So wusste ich doch, dass er es dort auch sehr gut hat. Ein hin und her hätte ihn wahrscheinlich nur krank gemacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

So bin ich aus einem Impuls heraus direkt von dort aus zum Jugendamt gefahren. Dort habe ich dann die Einwilligung zur Adoption unterschrieben. Ich war gerade 16 geworden. Über die Sacharbeiterin des Jugendamtes habe ich dann immer noch Informationen über den Entwicklungsstand meines Sohnes erfahren können. Nach zwei Jahren jedoch ist die Dame in den Ruhestand gegangen. Von da an, habe ich nie wieder irgendetwas von ihm gehört. Lange Zeit war ich der Versuchung nahe einfach zu der Familie zu fahren, um ihn dort wegzuholen. Irgendwann habe ich mich dann an der Hoffnung gestützt, dass seine neuen Eltern ihm von mir erzählen, wenn er alt genug dazu ist und er dann von allein auf mich zukommt. Zwischenzeitlich habe ich dann meinen ersten Mann kennengelernt. Mit ihm habe ich zwei weitere Kinder bekommen, eine Tochter und einen Sohn. Eigentlich hätte ich glücklich sein müssen. Jedoch konnte ich mein erstes Kind nicht verwinden. Die Ehe ist dann irgendwann gescheitert. Danach habe ich dann noch einmal geheiratet, mit diesem Mann habe ich dann noch einen Sohn bekommen. Auch diese Ehe hielt nicht lange. Danach litt ich lange Zeit unter Depressionen. Jedes Jahr im Mai, der Geburtsmonat meines ersten Kindes, habe ich das Gefühl die Welt bleibt stehen. Ich kann an nichts anderes mehr denken.


Der Wunsch ihn kennen zu lernen reifte immer mehr in mir. Nach einem intensiven Austausch in einem Forum, habe ich dann einen Kontakt zu den Adoeltern meines Sohnes hergestellt. Leider ist der nicht so verlaufen wie ich es mir gewünscht hätte.

Nun kann ich nur mit der Aussage leben, dass mein Sohn keinen Kontakt zu mir wünscht und es ihm gut geht.

 

 

 



 

 

 

Meine Briefe an die Adoptiveltern

 


Liebe Eltern von Benjamin,

Bitte nun nicht erschrecken, ich möchte Sie mit meinem Brief nicht verunsichern.


Fast 24 Jahre sind nun vergangen, seit ich Benjamin damals in Ihre Obhut gab. Ich wusste er wird es gut bei Ihnen haben. Dank Frau Bilitz, der damaligen SA vom Jugendamt durfte ich auch immer etwas über seinen Entwicklungsstand erfahren. Leider war das von dem Tage an wo Frau Bilitz in den Ruhestand ging vorbei. Damit begann für mich dann eine schlimme Zeit. Sicherlich hatte ich noch Ihre Adresse, hätte mich jederzeit bei Ihnen melden können. Doch hätte ich das gedurft? Ich wollte und konnte Ihnen, die sich doch vorbehaltlos meinem Jungen angenommen haben, nicht das Gefühl geben, ihn eventuell wieder verlieren zu können.


Sie glauben garnicht wie oft ich schon bei Ihnen vor der Tür stand, wie oft hatte ich den Telefonhörer in der Hand. Nein alles was ich Ihnen gern sagen wollte, hätte Sie wahrscheinlich nur durcheinander gebracht. Dazu hatte ich kein Recht. Ich kann mich heute noch an meinem letzten Besuch bei Ihnen erinnern, wie sehr hatte ich mich doch darauf gefreut. Konnte ich zu dem Zeitpunkt doch nicht wissen, dass ich Benjamin danach nie wieder sehen würde. Mama und Papa hat er Sie schon genannt. Es hat so wehgetan.


Sicherlich denken Sie jetzt, warum ist Sie nicht eher gekommen, warum hat Sie keinen regelmäßigen Kontakt zum Kind gepflegt? Ja, das wollte ich, nur haben mich meine damaligen Erzieher daran gehindert. Jede Woche wollte ich kommen. Immer hieß es warte noch, gib der Familie Zeit sich an das Kind zu gewöhnen. Als ich mich dann doch endlich durchgesetzt habe, war es leider zu spät. Benjamin kannte mich nicht mehr.


Heute weiß ich, dass man ihn mir bewusst entfremdet hat. Sicherlich haben Sie das nicht so gewollt. So habe ich Sie als offene und herzliche Menschen in Erinnerung. Den ganzen Besuch über habe ich für mich nur gespürt, dass ich nicht mehr dazugehöre. Wie hätte ich zukünftig meinem Kind gegenübertreten können? Als Tante? Nein, dazu hätte ich nicht die Kraft aufbringen können. Es bedurfte keiner großen Worte mehr, weder von meinen Erziehern noch von irgendjemand anderen. Ich habe für mich entschieden und in allererster Linie für Benjamin.


Sie und nur Sie ganz allein sollten künftig seine Eltern sein. Bei Ihnen wusste ich, wird er es immer gut haben. Allein und ohne das Wissen anderer bin ich zum JA, dort habe ich dann kurze Zeit später die Adoptionseinwilligung unterschrieben.


Was das für meine Zukunft bedeutete konnte ich da noch nicht erahnen. Solange ich immer mal wieder etwas über ihn gehört habe, bin ich mit meiner Entscheidung gut klar gekommen. Doch als das vorbei war, und mir gefühlsmäßig die Hände gebunden waren, habe ich angefangen ihn zu einem imaginären Teil meines Lebens zu machen. Somit hatte ich ihn jeden Tag bei mir. Ich konnte mit ihm spielen, lachen und Geschichten erzählen.


Das hat sich auch nicht geändert als ich dann meinen ersten Mann kennengelernt habe. Von diesem habe ich zwei Kinder bekommen. Eine Tochter und einen Sohn. Eigentlich hätte ich doch jetzt abschließen können. Ich konnte nicht. Jedesmal wenn ich meine beiden Kinder ansah, sah ich Benjamin. Ich habe ihn unbewusst zum Mittelpunkt meines Lebens gemacht. Für mich war er immer mit dabei, egal was wir in der Familie auch taten. Meine beiden Kinder sind mit ihm groß geworden. Letztlich ist dann meine Ehe daran gescheitert. Mein Mann konnte und wollte nicht mehr mit einem unsichtbaren Kind leben. Das hat mich endlich wachgerüttelt.


In langen Gesprächen mit einer Freundin habe ich ihm einen Platz in meinem Herzen einräumen können. Vergessen konnte ich ihn trotzdem nicht. Jedoch habe ich gelernt, damit umzugehen. Von da an habe ich mich an der Hoffnung geklammert, dass er vielleicht irgendwann einmal auf mich selber zukommt.
Ich habe dann noch einmal geheiratet. Mit diesem Mann habe ich dann noch einen Sohn bekommen. Auch diese Beziehung hatte auf Dauer keinen Bestand.


Warum schreibe ich Ihnen das alles?
Warum fällt es mir nun so schwer auf mein eigentliches Anliegen zu kommen?


Bevor ich nun damit anfange, sollen Sie eins wissen Sie sind und werden immer die Eltern von Benjamin bleiben. Das werde ich Ihnen niemals absprechen. Alles was er heute ist, denkt und auch macht haben Sie geprägt. So soll es auch immer bleiben. Den einzigen Wunsch, den ich heute an Sie habe, ist der, dass ich nach nun so langer Zeit die Möglichkeit bekomme, Sie und Benjamin einmal kennenzulernen. Auch wenn das für Sie völlig unvorbereitet erscheint, so möchte ich Ihnen alle Zeit geben, es in Ruhe zu überdenken. Selbst wenn es Ihnen unmöglich erscheint, so wäre ich schon für ein kleines Zeichen dankbar. Und wenn es nur ein kurzer Bericht darüber ist, was aus Ihm geworden ist. Ich möchte Sie in keiner Form bedrängen, nur liegt mir soviel daran.


In der Hoffnung von Ihnen zu hören verbleibe ich mit Lieben Grüßen


Die einzige Antwort der Adoeltern darauf war, dass er keinen Kontakt zu mir wünscht und sie mir somit auch nur mitteilen können, dass es ihm gut geht.

 

 * * * * *

 


Nach dieser Reaktion der Adoeltern habe ich noch einmal einen Brief verfasst.
Dieses war für mich sehr wichtig.



Liebe Eltern von Benjamin,

einmal noch möchte ich Sie belästigen, danach werden Sie von mir nichts mehr hören. Ich werde Ihr Anliegen respektieren. Ich möchte Sie jedoch noch einiges wissen lassen. Benjamin wird immer ein imaginärer Teil meines Lebens bleiben. Ich habe ihn geboren, habe ihm versucht, meine ganze Liebe zu geben, wozu ich mit 15 Jahren fähig war.

 
Nicht einen Tag in der kurzen Zeit als er bei mir gelebt hat, hat er es schlecht gehabt. In den ganzen 24 Jahren habe ich Benjamin nicht einen Tag nur vergessen können. Nicht einen einzigen Tag bin ich zu Bett, ohne ihm eine gute Nacht zu wünschen. Nicht ein einziger Geburtstag ist vergangen, ohne dass ich ihm einen Kuchen gebacken habe. Jedes Jahr zu Weihnachten habe ich in der Kirche eine Kerze für ihm angezündet.

Das alles hat mir die Kraft gegeben mein Leben weiter zu führen ohne daran zu zerbrechen. Auch hatte ich sehr gehofft, dass Sie in Ihrer Familie mit dem Thema Adoption sehr offen umgehen, habe Sie immer als kompetente Menschen gesehen und Sie sehr dafür geachtet. So habe ich nie die Hoffnung aufgegeben, dass Benjamin vielleicht eines Tages den Weg selber zu mir findet.

Ich war Gott Dankbar dafür, das er bei Ihnen aufwachsen durfte. So habe ich Sie als herzliche und nette Menschen in Erinnerung. Wie sehr hatte ich mich damals für Sie gefreut, als Frau Bilitz mir erzählte, dass Sie noch ein eigenes Kind bekommen haben.

Umso mehr hat mich die Gefühlskälte in Ihrer letzten Mail betroffen gemacht. Nicht ein Wort - es tut uns leid!

Können Sie sich vorstellen was für ein Gefühl das ist, nicht zu wissen wie er aussieht, nicht zu wissen wie er lebt, was er beruflich macht, ist er verheiratet, hat er vielleicht schon selber eine Familie?

Sie können nicht wissen, was es in mir auslöst, auf der Strasse nur seinen Namen zu hören. Jedes mal aufs neue feststellen zu müssen, er ist es nicht, kann es nicht sein. Ich weiß nicht was Sie Benjamin über mich erzählt haben, so hoffe ich doch sehr, das es nichts Schlechtes war. Weiß nicht, ob Sie überhaupt etwas erzählt haben. Sie sollen wissen, das ich Ihnen Benjamin nicht nehmen wollte, hätte ich auch garnicht gekonnt, denn alles was ihn heute ausmacht, haben Sie geprägt.

Ich hätte ihm nur gerne ein klein wenig an meinem Leben mit meiner Familie, Benjamin hat noch drei Halbgeschwister im Alter von 20, 18 und 12 Jahren, teilhaben lassen möchten. Auch seine Geschwister haben sich auf ihm gefreut.

Ich kann Benjamins Entscheidung akzeptieren und respektieren, so war ich diejenige, die Ihm damals vorschnell, freigegeben hat. Dabei kann es kein Muss geben. Es kann nur noch ein Wunsch sein oder auch nicht. Ich werde ihn da immer verstehen.

Ich werde ihm noch einmal persönlich schreiben und diesen Brief übers Jugendamt übermitteln. Er soll wissen, dass meine Tür immer für ihn offen sein wird, und egal ob er bei seiner Entscheidung bleibt oder auch nicht, er immer in meinem Herzen ein Platz haben wird.

Bei Ihnen möchte ich mich noch einmal bedanken, das Sie sich damals vorbehaltlos meinem Kind angenommen haben und das aus ihm gemacht haben, was er heute ist.

Wünsche Ihnen für die Zukunft alles erdenklich Gute und verbleibe


Mit freundlichen Grüßen



 * * * * *


Also ich habe diesen Brief schreiben müssen, um mit mir selber wieder ins Reine zu kommen. Die Aufarbeitung, das Verstehen wird noch seine Zeit brauchen. So kommen zu den vielen Fragen, mit denen ich mich schon vorher auseinandergesetzt habe nochmal soviele hinzu.

Das ist es was ich an seinen Eltern achte. Sie haben ihn angenommen wie ihr eigenes Kind. Haben ihm all das gegeben, was er braucht um wachsen und zu der Persönlichkeit werden zu können, die er heute ist.

Für diese Selbstlosigkeit werden sie immer meine Achtung haben. Enttäuscht hat es mich nur, dass sie mir nicht ehrlich gegenübergetreten sind. So hatten Sie mir damals versprochen ihn jederzeit sehen zu können. Doch geholfen haben Sie mir nicht dabei. Haben nichts dagegen unternommen das der Junge schon nach nicht mal 8 Monaten Mama und Papa zu ihnen sagt.

Sie wussten, dass er nicht auf Dauer bei ihnen bleiben sollte. Somit hätten Sie ihm vermitteln müssen, dass sie zwar im Moment für ihn da sind, aber dass es auch noch jemanden gibt neben ihnen, der ihn genauso liebt. Das hätte auch schon ein Kind von 2 Jahren verstehen können.

Ich habe mich die ganzen Jahre aus Respekt und Achtung im Hintergrund gehalten. Heute weiß ich, dass das ein Fehler war.

Ich möchte die Hoffnung jedoch noch nicht so schnell begraben, und habe beschlossen beim Jugendamt einen Brief für meinen Sohn zu hinterlegen.

 

 

August 2007

 

Christiane