Christen, Sexualität und

traditionelle Geschlechtsrollen

 

 

 

Aus: „Tödliche Lehre“ von Wendell W. Watters – 1992

 

Der Sexualtrieb selber gab der organisierten Religion eine Gelegenheit, das anzuhäufen, was unzweifelhaft die größte Macht war, die je in die Hände von Menschen gelegt wurde. – Rabbi Abraham Feinberg

 

Offensichtlich werden religiöse Lehren in die Gebräuche und Haltungen der Gesellschaft mit eingeschlossen; schließlich bestimmen sie sowohl die Haupttendenz von Verhalten als auch die Erwartung dessen, was Menschen sexuell machen. – C.A. Tripp

 

Sexualität ist für viele Menschen in der westlichen Gesellschaft die Quelle großer Probleme. Streitfragen wie sexuelle Funktionsstörungen, Pornographie, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, unerwünschte Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten, Sorgen wegen der sexuellen Orientierung und AIDS sind ständige Beschäftigung für die Medien, das Gesundheits- und Rechtswesen. Die wenigen im Gesundheitswesen Arbeitenden, die nicht selber eine krankhafte Angst vor der Liebe haben, berichten, dass sexuelle Leiden in der einen oder anderen Form bei vielen Patienten oder Klienten gefunden werden können. Hinter der Scheidungsrate (annähernd jede dritte Ehe) lauert eine „tödliche“ Kombination von Sexual- und Beziehungsproblemen. Während die meisten Menschen zustimmen, dass es Probleme mit der Sexualität gibt, zögern sie, den Ursprung der tiefverwurzelten Haltungen, die diesen Problemen zugrunde liegen, zu untersuchen. Aber solange wir es vermeiden, diese Haltungen auf ihre Wurzeln zurückzuführen, werden unsere Lösungen für diese Probleme immer nur Notlösungen sein.

 

Wie in anderen Bereichen menschlicher Existenz sind unsere Haltungen bezüglich Sexualität und Sexualrollen überwiegend durch die Lektionen bestimmt, die wir früher in unserem Leben gelernt haben. Die meisten Erwachsenen im englischen Sprachraum würden behaupten, dass sie ohne Sexualerziehung aufgewachsen sind; die Wahrheit ist, dass wir alle mit sehr viel Sexualerziehung aufgewachsen sind, jedoch mit sehr wenig Sexualaufklärung.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildung bezüglich Sexualität ist etwas, dem Kinder ständig ausgesetzt sind, mit den Lektionen, die gewöhnlich in feinen, aber ständigen Botschaften enthalten sind. Tatsächlich wird oft gesagt, dass ein Vater oder eine Mutter, ein Lehrer oder ein Arzt nicht darum herumkommen, Sexualausbilder zu sein. Eine mächtige „Lektion“ wird dem Kind beigebracht, wenn Vater oder Mutter ihm die Hand aus dem Genitalbereich wegnehmen oder darauf bestehen, die Genitalien als „Muschi“ oder „Pimmel“ oder „da unten“ zu bezeichnen, während sie insistieren, für alle anderen Körperteile den richtigen anatomischen Namen zu lernen. Eine andere mächtige Lektion wird gelernt, wenn ein offensichtlich verlegener Vater seinem Sohn oder seiner Tochter sagt, er oder sie solle zur Mutter gehen, um zu fragen, wenn das Kind den ersten mutigen Versuch macht, sexuelle Aufklärung zu suchen. Sexuelle Aufklärung findet statt, wenn eine Mutter, die es versäumt hat, ihre Tochter auf die erste Menstruation vorzubereiten, ihr einfach sagt, „hole eine Binde aus dem Badzimmer“, wenn das entsetzte Mädchen mit plötzlichem, unerklärlichem Bluten zu seiner Mutter kommt.

 

Unterricht in der Grundschule über den menschlichen Körper kann seltsamerweise die Erwähnung der Genitalien ausschließen; Ärzte können, wenn sie Patienten untersuchen, Fragen bezüglich der Blase, Lunge und Därme stellen, es jedoch versäumen, sich nach Sexualfunktionen zu erkundigen.

 

Die negativen Lektionen, die Kinder lernen, sorgen nicht nur dafür, dass sie sexuell unwissend bleiben, sondern, noch schlimmer, sie sind voll mit einer Anzahl schädlicher sexueller Mythen. Sie werden von ihrer sexuellen Natur entfremdet, und zwar in einem Grad, der es für sie schwierig macht, sexuell ansprechbar und verantwortlich heranzuwachsen. Christliche Lehren über Sexualität machen Menschen gegenüber allen möglichen sexuellen Ausbeutungen verwundbar: zwischenmenschlich, demographisch und kommerziell.

 

Meine Kollegen und ich, an der McMaster Universität in Hamilton, Ontario, haben uns lange mit den Ursprüngen dieser sexuellen Haltung befasst. Im Jahre 1981 haben wir in einem Papier postuliert, dass derartige Haltungen auf einen Sexualkodex zurückgeführt werden könnten, der vom Ansatz her grundlegend autoritär und offenkundig pronatalistisch war und ist. Der Ausdruck „Pronatalismus“ bezieht sich auf „alle Haltungen oder alle Politik, die für das Gebären eintreten, die Zeugung ermuntern, die Rolle der Elternschaft ideologisch überhöhen“. Dieser Kodex ist auch autoritär, dadurch, dass Sexualverhalten größtenteils durch das kirchliche und/oder weltliche politische Establishment diktiert wird. Oft würde man diese Pro-Leben-Politik der Regierung und religiöser Institutionen (so wie Edikte gegen Schwangerschaftskontrolle und Abtreibung) treffender als Politik demographischer Aggression bezeichnen, da das Motiv offensichtlich ist, dass die „dazugehörige Gruppe“ die „nicht dazugehörige Gruppe“ rein zahlenmäßig erdrückt. Der Erfolg der christlichen Politik der demographischen Aggression wird durch die Tatsache bezeugt, dass diese Religion jetzt die zahlenmäßig größte auf der Welt ist.

 

Pro-Leben-Haltungen haben die westliche Gesellschaft bis zu einem Punkt durchdrungen und geformt, dass das Wachstum der Bevölkerung für alle auf diesem Planeten eine Quelle der Sorge ist oder sein sollte. Derartige Haltungen haben auch die Psyche der Menschen der westlichen Welt durchdrungen, und zwar in einem Maße, dass sie einen tiefen Einfluss auf alle Aspekte der Sexualität und Zeugung haben.

 

Dieser autoritäre Pro-Leben-Sexualkodex wird durch folgendes gekennzeichnet:

 

(1) Duldung, wenn nicht gar Förderung, sexuellen Unwissen;

 

(2) Ächtung sexueller Erkenntnisse während der Kindheit und während des Jugendlichenalters;

 

(3) ängstliche Haltungen gegenüber sinnlichen Freuden;

 

(4) Verbot sexueller Freuden, die über den Zeugungsakt hinausgehen;

 

(5) Verbot sexuellen Verhaltens das nicht zur Empfängnis führt (Masturbation, oraler Sexualverkehr oder Homosexualität);

 

(6) Verwerfen individueller Rechte bei der Zeugungsgesetzgebung;

 

(7) Verwerfung individueller Rechte bei der Wahl der Elternschaft;

 

(8) Herabsetzung individueller sexueller Verantwortung zugunsten einer strengen Befolgung religiös verordneter Gesetzte; und

 

(9) Festlegung auf stereotype Geschlechterrollen.

 

Pro-Leben stammt aus einer Übergangsphase zwischen der Jäger/Sammler-Phase und der Landbau-Phase der gesellschaftlichen Evolution während der so genannten neolithischen Revolution. Jäger/Sammler-Gruppen waren durch die Art ihres Lebens tatkräftig in ihrer Begrenzung der Familiengröße, was überwiegend durch Kindestötung geschah. Wie jedermann, der jemals mit kleinen Kindern gewandert ist, nachvollziehen kann, war zuviel Nachwuchs ein Handicap für eine Nomadenfamilie während des Paläolithikums. Im Gegensatz dazu verleiht eine Wirtschaft, die auf Landbau gründet, sogar kleinen Kindern einen hohen wirtschaftlichen Wert, denen beigebracht werden kann, Getreide einzusammeln, Unkraut auszurupfen, Rinder zu hüten, Essen zur Erntearbeit zu bringen usw.

 

 

 

 

 

 

Primitive Ackervölker, die mit Jäger/Sammler-Gefühlen bezüglich der Familiengröße funktionieren, veränderten ihre Haltungen nicht so schnell, und es dauerte lange, bis sie erkannten, dass viele Kinder jetzt ein Gewinn und keine Bürde mehr waren. Die Veränderung der Haltung bezüglich der Familienplanung während des Neolithikums wurde mit Hilfe primitiver Religionen erreicht, größtenteils durch Abhalten von Fruchtbarkeitskulten, was eine wahrhaft beeindruckende Aufgabe der gesellschaftlichen Anpassung war.

 

Jedoch – und dieser Punkt ist entscheidend – zur Zeit der so genannten modernen Religionen (Judaismus, Hinduismus, Christentum und Islam) gab es für große Familien aus wirtschaftlichen Gründen keine Notwendigkeit mehr. Die Motivation dazu wurde jetzt rein politisch; moderne religiöse Lehren wurden nicht vor dem Hintergrund des Wohlergehens und des Glücks des Individuums konzipiert.

 

 

 

Die Rolle des Christentums bei der Erfindung des autoritären Pro-Leben-Sexualkodexes

 

 

Strategien für die Förderung großer Familien sind von einer Religion zur anderen unterschiedlich. Die Brahmanen-Braut wird mit folgendem Segen begrüßt: „Mögest du acht Söhne haben und möge dein Gatte lange leben.“ Im Islam sind die Ausübung der Polygamie und das ausdrückliche Koran-Gebot, zu heiraten und zu zeugen, zwei weitere Beispiele für die Beschäftigung der Religion mit der Zeugung. Dieses könnte man positive Pro-Leben-Strategie nennen.

 

Die negativen Strategien, die durch die christliche Kirche entwickelt wurden, haben einige ihrer Wurzeln im jüdischen Gesetz. Nach ihrer Rückkehr aus dem babylonischen Exil erließen die Hebräer Gesetze, die den heterosexuellen Geschlechtsverkehr als die einzig legale Form der Sexualität erklärten. Regeln darüber, wie der Sexualverkehr ausgeführt werden sollte, waren ziemlich genau: „Er sollte Geschlechtsverkehr auf eine möglichst sittsame Art haben; er unten und sie oben wird als unzüchtig angesehen.“ Der Gatte sollte nicht „im Geist des Leichtsinns mit seiner Frau kohabitieren“, und „wenn man Geschlechtsverkehr hat, sollte man an die Torah oder andere heilige Sachen denken“.

 

Die jüdischen Reinheitsgesetze, die die Verdammung des Geschlechtsverkehrs während der Menstruationsperiode beinhalten, sind auf die Tatsache zurückzuführen, dass eine Frau zu diesem Zeitpunkt in ihrem Zyklus nicht schwanger werden kann. Psalm 127 gibt die hebräische Prägung des Pronatalismus: „Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN, und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Wie Pfeile in der Hand eines Starken, so sind die Söhne der Jugendzeit. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat! Sie werden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor.“

 

Entsprechend dem Kodex des jüdischen Gesetzes ist „ein Mann verpflichtet, eine Frau zu nehmen, um die Regel der Fortpflanzung zu erfüllen.“ Jedoch wurde angenommen, dass der Gatte seine Pflicht erfüllt hatte, wenn er einen Sohn und eine Tochter zeugte,“ vorausgesetzt, dass der Sohn kein Eunuch und die Tochter nicht unfähig zu empfangen ist“. Diese religiöse Verpflichtung ruhe auf den Schultern des Mannes, obgleich die Braut mit diesen Worten gesegnet war. „Unsere Schwester sei eine Mutter von zehntausenden.“

 

Während es Ähnlichkeiten zwischen jüdischen und christlichen Haltungen bezüglich der Sexualität gibt, so sind doch die Unterschiede gravierend. Trotz des Drucks zur Zeugung im jüdischen Gesetz wurden die Juden ermuntert, Sexualität als eine gesunde, natürliche Sache, die von Mann und Frau genossen werden kann, anzusehen. Im Christentum wurde Geschlechtsverkehr als ein notwendiges Übel betrachtet. Paulus erinnert uns, dass wegen der Schlechtigkeit Evas, Frauen für alle Ewigkeit verdammt worden waren…

 

 

 

http://www.bibel-forum.de/index_x4_id__3607___menue__84-3607___nu__nu.html

 

Timotheusbrief:

 

„Desgleichen auch, dass die Frauen in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit sich schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern was Frauen geziemt, die sich zu Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke" (Verse 9 und 10). Welches auch die Mode oder die besondern Sitten eines Landes seien, so hat die christliche Frau nichts damit zu tun. Sie bekennt die Gottesfurcht und muss darum in ihrem Äußeren mit den Gedanken Gottes in Übereinstimmung sein und aus Respekt vor Ihm alles vermeiden, was anstößig sein könnte. Und da Gott, der Herr, nicht auf das sieht, was vor Augen ist, soll sie ihr Schmuck nicht in kostbarer Kleidung und in Kleinodien suchen, sondern in guten Werken, die vor Gott köstlich sind (Siehe 1. Petr. 3, 1-6). Offenbart sie sich auf diese Weise, dann wird die christliche Frau, obwohl sie nicht in den Vordergrund tritt und in keinerlei Hinsicht Aufsehen erregt, ebenso gut wie der Mann zu einem Gottes würdigen Zeugnis in dieser bösen und eitlen Welt beitragen und die Verherrlichung Gottes fördern. Doch der Apostel fügt noch etwas hinzu und geht noch ein wenig weiter. Er sagt: „Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterwürfigkeit. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern stille zu sein" (Verse 11, 12). Das ist so bestimmt wie möglich ausgedrückt. Hier wird keine Ausnahme zugelassen. Die Bewegung unserer Tage, gewöhnlich die Emanzipation der Frau genannt, ist deshalb in geradem Widerspruch zu den Gedanken Gottes und muss darum von uns als ein Werk des Teufels betrachtet werden, dem es durch dieses Mittel sicher gelingen wird, die Verhältnisse, die Gott in Seiner Weisheit und Liebe angeordnet hat, auf den Kopf zu stellen und so schließlich die menschliche Gesellschaft zugrunde zu richten. Aus der Weissagung wissen wir, was das Ende der Auflehnung des Menschen gegen Gott sein wird. Der Mensch, angeführt durch Satan, wird alle durch Gott verordneten Verhältnisse umkehren; und darum sollen wir uns befleißigen, in jeder Hinsicht zu zeigen, dass ein anderer Geist als der Geist dieses Zeitalters, welches der Geist Satans ist, uns leitet. Bedenken wir wohl, dass wir stets Gefahr laufen, vom Strom mitgerissen zu werden und unter den Einfluss des Zeitgeistes zu geraten. Das einzige Schutzmittel dagegen ist, uns einfach ohne Widerspruch den Urteilen des Wortes Gottes zu unterwerfen, das allein weise und gut ist.

Die Frau soll also untertänig, unterworfen sein; sie soll nicht lehren, sondern sich belehren lassen; sie darf nicht über den Mann herrschen, sondern muss in Stille den ihr von Gott angewiesenen Platz einnehmen. Dies mag oft schwierig sein in dieser Welt, wo alles durch die Sünde verdorben ist, doch sie soll ihre Freude und Ehre dareinsetzen, das ursprünglich von Gott eingeführte Verhältnis aufrecht zu erhalten und dadurch den Beweis zu liefern, dass das Wort der Wahrheit alles zu seiner wahren Ordnung zurückbringt. Wäre auch, der Mann schwach und seine Frau stark, und hätte also die Frau ein großes moralisches Übergewicht, so soll sie doch den Platz nach Gottes Gedanken einnehmen und wird darin den Segen des Herrn erfahren.

Der Grundsatz, der diesen Ermahnungen zugrunde liegt, ist unserer ganzen Aufmerksamkeit wert. Wir können daraus lernen, wie in unserem Verhältnis zu Gott alles vom Ausgangspunkt abhängt. Im Stand der Unschuld bekleidete Adam die erste Stelle; in der Sünde war Eva die erste. „Denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva, denn Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung" (Verse13, 14). Aus diesem zweifachen Grund muss also die Frau eine untergeordnete Stellung einnehmen. Bei der Erschaffung des Menschen war so zu sagen Eva in Adam enthalten. Sie wurde aus ihm genommen und ihm zu seiner Hilfe gegeben. Adam war das Bild und die Herrlichkeit Gottes und Eva die Herrlichkeit Adams. (Siehe 1 Kor. 11,7). So stand und steht also die Frau unter dem Mann und ist von ihm abhängig. Eine unabhängige Stellung einzunehmen ist also für die Frau ganz gegen Gottes Meinung. Überdies ist die Sünde nicht durch den Mann, sondern durch die Frau in die Welt gekommen. Wie schuldig Adam auch war durch seinen Ungehorsam, so ist er doch nicht betrogen worden. Die Frau, durch den Teufel verführt, fiel in Übertretung und hat Adam, schwach durch seine Neigung zu seiner Frau, mitgerissen. Darum hat die Frau eine besondere Strafe empfangen. Ihre menschliche Natur muss auf eine sehr schmerzhafte Weise die Folgen ihrer Sünde erfahren, und sie erleidet diesen Schmerz als einen Beweis für das Gericht des Herrn. Doch auch hierin hat die Gnade Gottes in Christus eine große Veränderung gebracht. Paulus sagt: „Sie wird aber gerettet werden in Kindesnöten, wenn sie bleiben und in Glauben und Lebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit“ (Vers 15). Wandelt sie in Glauben und Liebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit - und auch ihr Mann - dann werden die Schmerzen, die an sich der Beweis von Gottes Gericht sind, eine Gelegenheit bilden für die Offenbarung der Barmherzigkeit und der Hilfe Gottes.

 

 

… Ein jüdischer Mann sollte nicht mit seiner Frau schlafen, „außer es war mit ihrer Zustimmung“ und „es ist bestimmt verboten, sie zu zwingen.“

 

Von der christlichen Frau wurde erwartet, dass sie einwilligt und ihre heilige Pflicht erfüllt, und zwar in einem solchen Ausmaße, dass erst in jüngster Vergangenheit säkulare Gerichte im christlichen Westen das Konzept der Vergewaltigung in der Ehe als ein legitimes Thema der Besorgnis in Betracht gezogen haben.

 

Während die jüdische Tradition der christlichen bezüglich der Ablehnung anderer Methoden sexueller Verwirklichung als der des Beischlafs ähnlich ist, war sie weniger heftig in ihrer Verdammung dieses Verhaltens. Geburtenkontrolle wurde in dem Kodex nicht erwähnt, obwohl nächtlicher Samenerguss sicherlich beanstandet und als auf „böse Gedanken“ zurückzuführen angesehen wurde. Der jüdische Kodex forderte von einem Paar nur, dass es zwei Kinder haben sollte, vorausgesetzt, jedes Kind war selber fähig zu zeugen/zu gebären. Christliche Tradition ermunterte zu großen Familien, obgleich, wie John T. Noonan jun. bemerkte, dies kein ausdrücklicher Aspekt der Lehre war. Die christliche Kirche, auf ihren jüdischen Fundamenten gebaut, übernahm freizügig von anderen Religionen, entwickelte viele ihrer eigenen Lehren, und machte sich die Sexualität ihrer Anhänger unerbittlich nutzbar, um ihrer Politik der demographischen Aggression zu dienen. Sie musste ihre Ziele nicht ausdrücklich betonen.

 

Bemerkenswert bezüglich der christlichen Haltung im Hinblick auf Sexualität und Gebären ist das völlige Fehlen eines Bezuges darauf in den Lehren von Jesus, die uns übermittelt wurden. Es ist schon möglich, dass Jesus, wenn man den Tenor der anderen Lehren, die ihm zugeschrieben werden, sieht, zu diesem wichtigen Aspekt des menschlichen Lebens etwas gesagt hat. Es kann sogar sein, dass Jesus’ Worte aus diesem Bericht getilgt wurden, ganz einfach, weil seine Vorstellungen nicht mit den durch die frühen Kirchenväter so energisch verbreiteten Lehren übereinstimmten. Reay Tannahill drückt es so aus: „Es ist unzweifelhaft ein Beitrag (wenn auch ein zweideutiger) von solchen Männern wie dem Heiligen Jeremias und Heiligen Augustin, dass das, was die moderne Welt unter Sünde versteht, nicht aus den Lehren des Jesus von Nazareth stammt, oder von den Schrifttafeln vom Berg Sinai, sondern von dem frühen sexuellen Wandel einer Handvoll Männer, die während der Tage der Dämmerung des imperialen Roms lebten.“

 

In den Jahrzehnten nach dem Tod Jesu und der „Wiederauferstehung“ waren seine Anhänger nicht mit solchen weltlichen Angelegenheiten beschäftigt wie den Regeln des Sexual- und Zeugungsverhaltens, da sie auf das Wiedererscheinen ihres Meisters warteten. Aber als Jesus’ Jünger merkten, dass die zweite Wiederkehr nicht unmittelbar bevorstand, widmeten sie sich der Aufgabe, eine irdische Institution in seinem Namen zu entwickeln. Um noch einmal Tannahill zu zitieren: „Fortpflanzung der Gläubigen war eine nützliche Hilfe für die Fortpflanzung des Glaubens, und die Kirche gab sich damit zufrieden, ihre Herde regelmäßig durch neue Lämmer zu vergrößern.“

 

 

 

 

 

 

  

Eine Tradition der Askese, die von den langen Jahren des Wartens herrührt, bildete die Grundlage, auf welcher die Sexualphilosophie aufgebaut war. Man könnte sagen, dass die Verehrung der Keuschheit der frühen Kirche, die immer noch (theoretisch) bei den Klerikern und in den religiösen Orden der römisch-katholischen Kirche erhalten ist, langsam einer zögerlichen Billigung des Geschlechtsverkehrs in der Ehe Platz machte, während gleichzeitig alle anderen Formen der Sexualität, die nicht zur Empfängnis führen konnten, verboten wurden. In den frühen Jahren der Kirche hat eine Anzahl institutionalisierter Haltungen bezüglich Geschlechtsverkehr und Gebären die Entwicklung der christlichen Lehre, positiv und negativ, beeinflusst. Die Gnostiker glaubten an einen strikten Dualismus und sahen den wahren Gläubigen als jemanden, der die böse materielle Welt völlig verwarf, um das heilige Reich des Spirituellen zu umfassen. Die meisten Gnostiker lebten ein asketisches Leben, lehnten die Zeugung ab, wenn nicht gar die Sexualität an sich. Der Gnostizismus war ein mächtiger Teil der christlichen Gemeinschaft, die Jesu Rückkehr erwartete; als es offensichtlich wurde, dass es notwendig war, sich auf der Erde einzurichten, mussten die gnostischen Ansichten über die Zeugung verdrängt werden.

 

Der Gnostizismus wurde im wesentlichen eine der ersten Ketzereien, die durch die christliche Kirche niedergeschlagen werden musste; aber durch das Niederschlagen des Gnostizismus, wie Vern Bullought feststellte, wurde die frühe christliche Kirche durch ihn stark beeinflusst, und auf Dauer gesehen, scheint ihre Haltung gegenüber dem Geschlechtsverkehr mehr durch die asketischen Gnostiker, als durch die noch früheren Juden beeinflusst zu sein.

 

In seinem Buch Contraception (Empfängnisverhütung) führt John T. Noonan einige Ursprünge der Lehren der Kirche bezüglich Sexualität und Zeugung auf stoische Philosophen zurück, „deren Ideen quasi in der Luft lagen, die die zum Christentum Bekehrten atmeten,“ und die „einen gewaltigen geistigen Einfluß auf viele der fähigsten Christen ausübten“. Der stoische Ansatz zur Sexualität befasste sich mit der Beherrschung jedes körperlichen Verlangens, die Losungen sind: „Natur, Tugend, Anstand und die Freiheit von Unmäßigkeit“. Der Stoiker tadelt Leidenschaft in jeder Form, sogar im Ehebett; Geschlechtsverkehr war nur zur Zeugung da. Die Stoiker waren auch eingenommen für „vernunftmäßige Unabhängigkeit“, ein Ziel, wie Noonan anmerkte, das das Understatement des Jahrhunderts gewesen sein muss, das die christlichen Intellektuellen nicht annahmen.

 

Die christliche Doktrin, dass Geschlechtsverkehr nur der Zeugung dient, erhielt einen starken Auftrieb durch die Lehren des Heiligen Augustinus. Er gehörte der häretischen Sekte der Manichäer an, die Anhänger des Propheten Mani aus dem 3. Jahrhundert waren. Manichäismus hatte eine starke Ähnlichkeit mit dem asketischen Gnostizismus des 1. und 2. Jahrhunderts, besonders bezüglich seiner Ablehnung der Zeugung. In seinen elf Jahren als Jünger Manis gelang es Augustinus wegen seines starken sexuellen Drangs nicht, zum höchsten Rang des Ordens aufzusteigen. Als er ein Konvertit des orthodoxen Christentums wurde, gelang es Augustinus, diesen Trieb im Zaum zu halten; seine danach folgende Lehren trugen jahrhundertelang zur Stärkung des eisernen Griffs der Kirche auf den Uterus der Christinnen bei.

 

 

  

 

Augustinus *354  †430

 

 

1600 Jahre der Indoktrination durch die christliche Lehre im Hinblick auf Sexualität und Zeugung bilden die Grundlage für den autoritären Pro-Leben-Sexualkodex, der das Sexual- und Zeugungsleben so vieler Menschen der westlichen Welt verwüstet hat.

 

Geschmiedet während der Kindheitstage der Christenheit, nur damit beschäftigt, immer mehr Christen im Kampf gegen die Nichtchristen zu produzieren, ist dieser Kodex durch viele säkulare Staaten gebraucht und manipuliert worden, um die Politik militärischer Aggression, wirtschaftlichen Fortschritts und kolonialer Expansion zu befördern.

 

Christliche Apologeten haben immer in Abrede gestellt, dass die Lehren der Kirche über Geschlechtsverkehr und Zeugung eine Strategie darstellen, um andere Religionen durch die reine Macht der Anzahl zu erdrücken. Aber im Jahre 1984 ließ Papst Johannes Paul II. die Katze aus dem Sack. Kurz vor seiner triumphalen Reise nach Kanada kritisierte er die Katholiken für die Art und Weise, wie sie die durch die Kirche genehmigten „natürlichen“ Methoden der Familienplanung benutzten. Dies ist die Technik, die umgangssprachlich als „vatikanisches Roulette“ bezeichnet wird, womit die Enthaltung vom Geschlechtsverkehr während der fruchtbaren Periode von der Kirche als Mittel zur Empfängnisverhütung angesehen wird. Ein Versuch einiger römisch-katholischer Ärzte, diese Methode mit medizinischer Verantwortung zu ummänteln und die Körpertemperatur der Frau als Anzeichen für die Bestimmung des sicheren Zeitraumes zu benutzen, hat zum Gebrauch der seltsamen Wortneubildung „symptothermische“ Methode der Geburtenkontrolle geführt.

 

 

 

 

 

 

Der Papst beschwerte sich bei den paar Katholiken, die noch treu zum Geiste der Humanae Vitae standen und die Zyklusmethode anwendeten: „Der Gebrauch der unfruchtbaren Perioden im Eheleben kann eine Quelle des Missbrauchs werden, wenn das Paar auf solche Art versucht, die Zeugung ohne echte Gründe zu verhüten, und so die Zeugung unter das moralisch richtige Niveau der Geburten für ihre Familie senkt. Diese demographische Paranoia von Seiten Johannes Pauls erinnert befremdend an die Worte von Adolph Hitler in „Mein Kampf“: „Jeder, der den Fortbestand des deutschen Volkes durch Selbstbeschränkung in der Zeugung sichern will, raubt ihm seine Zukunft.“ Hitler war genauso gegen Empfängnisverhütung wie es Johannes Paul II ist. Durch seine Aussage machte der Papst klar, dass Moral nicht etwas mit der Art der Geburtenkontrolle, sondern mit der durch sie verhüteten Anzahl der Geburten zu tun hat. Trotz der Sorge des Papstes ist es gut bekannt, dass die „natürliche“ Art der Geburtenkontrolle keine effektive Methode der Verhütung ist, nicht einmal in den Händen hochmotivierter, ergebener katholischer Paare. Daher werden Paare, die sich auf diese Methode verlassen, wahrscheinlich mehr Kinder haben als die, die effektivere Methoden benutzen, die durch die Humanae Vitae verboten sind.

 

Die Kirche zerbricht sich nicht den Kopf darüber, ob derartige Babys den Eltern willkommen sind.

 

Es ist sinnvoll, sich mit den Elementen des Pro-Leben-Sexualkodexes auseinanderzusetzen, um zu zeigen, wie jedes von ihnen funktioniert, um die Anzahl der Geburten zu maximieren.

 

   

 

 

 

  

 

Ein Vorschlag zur Güte: "Wir können die biblischen Überlieferungen sehr wohl mit der Naturwissenschaft in Einklang bringen. Nach den neuesten Forschungen hat Adam von Eva den Apfel nicht angenommen; unsere Stammmutter gab ihn deshalb einem Gorilla. Und so ist die darwinistische Lehre bewiesen.". -- Karikatur von Olaf Gulbransson <1873 - 1958>. -- In: Simplicissimus. -- 8. Jhrg. Nr. 31 (1903)