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Und hier nochmals das Bild des Kindes, welches Sie für 50 Punkte erwerben können. Vielleicht heißt es ja auch Carlos, wie der Junge in der nachfolgenden Geschichte. Vielleicht war es solch ein Bild welches den weißen Pastor in Norddeutschland dazu brachte, ein armes schwarzes Kind zu adoptieren.

 

 

 

 

 

 

Heinz G. Schmidt „Kindermarkt – Reportagen vom schmutzigsten Geschäft der Welt“ 1988 - Lenos Verlag

 

 

Anfangs war ich das Schmusekissen“

 

Waisenkind Carlos aus Ecuador wird adoptiert

 

 

 

Nichts in dem kleinen Haus an der Landstrasse erinnert an Quito, an die Hauptstadt des Andenstaates Ecuador.

 

Solche Weiden, wie sie die Strasse säumen, entlang einem fast zugewachsenen Bach, gibt es nicht in der Stadt, aus der Carlos stammt. Auch die Bäche nicht, nicht einmal solche Strassen führen durch den Vorort von Quito, den Carlos kennen müsste. Zumal dieser Vorort in den Bergen liegt, die Quito umlagern wie bedrohliche Riesen, 3000 Meter hoch, wo die Hütten aus Blech und Holz an den Hängen kleben. Wolken hängen da fast das ganze Jahr über zwischen den hölzernen Schachteln, die sich aneinanderzuklammern scheinen, um nicht ins Tal gerissen zu werden, wenn wieder einmal ein Regen die Rinnsale in den Wegen in Sturzfluten verwandelt.

 

Indios leben da und Schwarze, Mischlinge und Chinesen, fast alle Rassen der Welt, von der Armut gleichgemacht.

 

Der Junge, der mir mit dem Blick auf die Weiden, auf die Strasse, auf den Bach gegenübersitzt, weiß nicht einmal, ob er tatsächlich aus einem solchen Vorort kommt. Seine Akte beginnt mit dem Bericht eines Waisenhauses, sein Alter und seine Herkunft sind mit einem Fragezeichen eingetragen.

 

„Wenn ich zurückdenke“, sagt Carlos nachdenklich und spielt mit der Baumwolltischdecke vor sich, „habe ich das Gefühl, mein ganzes Leben in diesem Heim zugebracht zu haben. Bei den Schwestern, ja, an deren weiße Hauben erinnere ich mich noch. „Er lacht und fährt fort: „Ich glaube, ich habe eigentlich immer in Quito gelebt.“ Und er sagt: Kwito, statt den Namen spanisch auszusprechen.

 

„Meine Eltern? Die habe ich nicht gekannt. Erst als ich nach Deutschland kam, habe ich meine weiße Mutter mal gefragt, sag mal, wie hießen denn eigentlich meine Eltern? Und sie hat gesagt: Maldonado. Ja, Maldonado. Maldonado?“ Und er sieht mich fragend an und lacht dann verlegen. „Ich weiß nicht mal, was das heißt.“

 

Es bedeutet „schlecht gegeben“, aber was heißt das schon. Viele Leute heißen so in Ecuador. Und es mag nur eine böse Übereinstimmung sein, dass Carlos tatsächlich, nach dem Bericht seines Waisenhauses in Quito, dort abgegeben worden ist, ohne dass man die Mutter hätte feststellen können: Man legte ihn auf die Stufen vor dem Eingang.

 

Carlos weiß nicht, kann sich nicht vorstellen, warum man ihn im Heim abgegeben hat: „Ich hab meine deutschen Eltern schon gefragt, aber die konnten mir das auch nicht erklären.“ Das Ehepaar, das Carlos adoptierte, als er sechs Jahre alt war, kannte weder Quito noch Ecuador, konnte auch kein Wort Spanisch, als Carlos ankam.

 

„Ich muss doch eigentlich auch schwarze Eltern haben, nicht? Aber niemand kann mir etwas sagen.“ Carlos’ Haut ist schwarz, sein Haar kraus, seine Augen dunkel. Ratlos blickt er auf die Straße hinaus. Dann sagt er langsam: „Manchmal sammle ich Bilder, aus Kalendern und so, von Ecuador. Weil, ich suche immer in meinem Kopf nach Bildern von früher, aber da ist nichts, nicht einmal in meinem Kopf.“

 

Die Familie, die Carlos aufgenommen hat, lebt in einem kleinen Ort in Norddeutschland. Man merkt es an der Sprache von Carlos, dass er ganz „norddeutsch“ erzogen worden ist. Sein „weißer Vater“, wie er es ausdrückt, ist Pastor im Ort, und nach den Schilderungen, die Carlos gibt, ein guter Mann, interessiert, weltoffen, engagiert. „Wahrscheinlich hat mein weißer Vater in der Zeitung gelesen, dass man Kinder adoptieren kann, arme Kinder, denen man helfen muss. Und dann hat er sich erkundigt, was das denn kostet, so eine Adoption.“ Carlos muss zugeben, dass er das alles nicht weiß, sondern sich zurechtgelegt hat. „Erzählt hat er mir das nie. Aber ich hab auch nicht gefragt.“

 

Und warum sie ausgerechnet ihn genommen haben, hat er auch nicht zu fragen gewagt: „Es gibt ja so viele, die arm sind, in Ecuador und sonst wo auf der Welt. Und warum die ausgerechnet mich genommen haben…“ Carlos stockt, und ich versuche, ihm über die Situation hinwegzuhelfen: „Du bist stolz, in Ecuador geboren zu sein, nicht wahr?“

 

Natürlich ist er stolz. Auch wenn er immer wieder erklären muss, dass er nicht aus Südafrika oder aus dem Kongo komme, sondern aus Südamerika, aus Ecuador, aus „Kwito“.

 

„Manche sagen auch zu mir: He, kommste aus dem Busch? Aber das geht hier rein und da wieder raus. Und manche meinen auch, ich müsse doch ein guter Breakdancer sein, weil ich aus USA komme oder so. Und dann sag ich wieder: Aus Ecuador komme ich. Und dann kennen sie das Land gar nicht.“

 

 

             

 

 

 

Carlos geht in dem Dorf, in dem sein „weißer Vater“ Pastor ist, zur Schule. Das heißt, er wird durchgezogen, denn zuerst kann er natürlich kein Deutsch, dann ist er schon so weit zurück, dass alle Bemühungen nichts mehr fruchten. Und schließlich hat sich der Lehrer wahrscheinlich gedacht, auch er müsse was Gutes für die Dritte Welt tun, und hat Carlos immer wieder versetzt, auch wenn seine Leistungen das nicht rechtfertigen. Mit siebzehn ist Carlos immer noch ohne Hauptschulabschluss.

 

Schon wenige Jahre nach seiner Ankunft beginnen andere Schwierigkeiten. Probleme, die wahrscheinlich jeder Zehnjährige seinen Eltern bereitet, bringen die Familie des Pastors und deren eigene Kinder an den Rand einer Zerreißprobe. Trotz der Drohung, ihn notfalls in ein Heim zu schicken, bessert sich das Klima nicht. „Das war so, dass die mich langsam nicht mehr mochten“ beschreibt Carlos diese Zeit. „Die anderen Kinder wurden immer bevorzugt, ich bekam nie die Sachen, die ich wollte, aber die bekamen alles. Und dann bin ich auch mal abgehauen von zuhause, aber da haben sie einen Aufstand gemacht, einfach gesagt, ich solle jetzt endlich vernünftig werden.“ Und Carlos lacht. Dann sieht er mich an, als wolle er mich auf meine Zuverlässigkeit prüfen, blickt dann noch einmal hinaus auf die Weiden am Bach und beginnt, erst stockend, dann lebhaft, zu erzählen:

 

„Also das war so. Weil, auch in der Schule hab ich dann Ärger bekommen. Und dann wollte ich mal mit einem Mädchen gehen, der hatte ich einen Brief geschrieben, dass ich gern mit ihr zusammen sein möchte. Und dann stand da noch: ja oder nein. Als sie mir den Brief zurückgab, hatte sie nein angekreuzt. Da hab ich ihr eine gehauen. Damals hab ich Mädchen gehauen, weil sie nie mit mir gegangen sind. So blöd war ich, ne.“

 

Es gibt wieder Ärger zuhause, aber auch diesmal wollen die Eltern ihn nicht wegschicken. „Dafür war ich zu teuer“, sagt Carlos ganz ernst und lacht dann etwas verlegen: „Du weißt vielleicht nicht, wie teuer so eine Adoption ist, aber ich hab mich erkundigt: sehr teuer, sag ich dir.“

 

Der junge Schwarze kommt mit fünfzehn ins Heim. Übrigens nicht weit weg von seinen „weißen Eltern“ entfernt. Aber Carlos will nichts von seinen Eltern wissen. Mir gegenüber jedoch erfindet er eine tolle Beziehung zu ihnen: „Wenn ich Probleme hab, kann ich immer zu denen hingehen. Wen kenn ich denn schon richtig hier? Dann hab ich immer noch meine „weißen Eltern“, zu denen kann ich immer hin. Da ruf ich an, und dann kann ich kommen.“ – „Hast du das denn schon mal gemacht?“ – „Nee, nie. Aber wir verstehen uns astrein.“ – „Aber du hast doch gar keinen Kontakt mit ihnen?“ – „Aber in Briefen verstehen wir uns toll.“ Seit zwei Jahren hat Carlos keinen Brief mehr nach Hause geschrieben.

 

Carlos sieht mich nicht an, sieht stattdessen aus dem Fenster, die Straße entlang, die ins nächste Dorf führt, zum Meer hin. Wir sitzen im „feinen Zimmer“ des Heims, in dem er jetzt einen Platz gefunden hat. Nur ein Dutzend anderer Jungen ist da, Carlos ist der älteste. Das Essen wird uns heraufgebracht, während die anderen unten im Speisesaal essen. Wie bei Familienbesuch, erklärt mir der Heimleiter.

 

Wie ist das, wenn man einen Preis rechtfertigen soll, den andere für dich bezahlt haben? Was geschieht mit den Sehnsüchten, die man in Lateinamerika, selbst in der ärmsten Hütte, ausleben kann, hier in Deutschland? Der junge Schwarze, der mir gegenübersitzt, hat Ersatz für diese Sehnsüchte, für das Ausleben dieser Sehnsüchte finden müssen. Sein Blick aus dem Fenster endet bei den Weiden am Bach, seine Hände spielen immer noch mit der Baumwolltischdecke, und wenn er spricht, vermischt er Sehnsucht mit Realität zu einem Traumbild von sich selbst.

 

Andererseits hat er längst verinnerlicht, was von ihm erwartet wird. „Was ist denn wichtiger?“ fragt er mich rhetorisch. „Ne Lehrstelle oder’n Mädchen? Ne Lehrstelle natürlich!“ Und auf die Frage nach seinen Sehnsüchten: „Wonach ich mich sehne? Nach was? Ja, das ist nur eines. Eine Lehrstelle. Das ist es, wonach ich mich sehne. Das ist das einzige, das ist wichtig.“

 

Aus dem Nebenzimmer lärmt ein Kassettenrecorder. Die anderen Jungen sind schon zum Fußball gegangen. Carlos will auch noch zum Platz. „Ist schon blöd. Wenn die hier fragen, na, wer sind denn deine Eltern? Dann sag ich immer: Maldonado heißen die, und sie wohnen in Kwito. Und dann kennen die Kwito nicht mal. Und Ecuador, das ist für die in Afrika.“

 

Aber die „weißen Eltern“, was wissen die von ihm? „Na, ich denke, alles. Oder auch eigentlich nichts. Ich meine, die haben mich ja schließlich adoptiert und wahrscheinlich sind die ganz schön sauer.“

 

Auf meine Nachfrage, was er denn damit meinte, sagt Carlos plötzlich, als würde eine Schleuse geöffnet: „Na, was haben die schon von mir gehabt, nichts haben die gehabt, nur Ärger haben die gehabt. Früher, da hatten die was Liebes mit mir. Anfangs war ich immer das Schmusekissen. Aber als ich dann älter wurde: Nur Ärger, Ärger, Ärger.“ Ob er denn meine, dass das nur an ihm selbst liege, ob nicht auch seine Eltern… „Ach was, die wollten doch nur ein Kind haben. Die wollten einem Kind helfen. Was weiß ich. Ich hab noch nie gefragt, warum die mich eigentlich, warum die mich wirklich hierher geholt haben.“

 

Heute ist Carlos achtzehn Jahre alt. Vor kurzem musste er, weil er volljährig geworden war, das Heim verlassen und wohnt jetzt allein, in einer kleinen Wohnung in der Nähe seiner Lehrstelle. Carlos gilt als eine der 42 Adoptionen, die von der Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“ ermöglicht wurden und die als „nicht erfolgreich“ eingestuft sind.