Camarilla der Amtsräte

 

 

 

 

 

Harald Paulitz „Offene Adoption – Ein Plädoyer“

S. 107 + 108

 

 

In den 60er und vor allem 70er Jahren erreichten inzwischen gut ausgebildete Sozialarbeiter in den Jugendämtern und anderen sozialen Dienststellen einen Wandel der Definition und der Bearbeitung sozialer Probleme sowie des Umgangs mit Menschen (Klienten), welche soziale Dienste in Anspruch nehmen müssen. Bis dahin waren Jugendämter und auch andere soziale Dienststellen von Verwaltungsfachkräften (Beamten und Angestellten) dominiert. In den deutschen Amtsstuben jener Zeit kursierte ganz offen und selbstgefällig das geflügelte Wort von der „Camarilla der Amtsräte“. Der Umgang mit hilfesuchenden Menschen wurde bestenfalls vom so genannten „gesunden Menschenverstand“ bestimmt, und es genügte, Kenntnisse der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen und Verwaltungsvorschriften zu besitzen. Bei den freien Trägern dagegen spielte die jeweilige „Ideologie“ eine nicht unmaßgebliche Rolle. Als Sozialarbeiter ihre ersten Berichte, gespickt mit Fachtermini, verfassten, ernteten sie von Seiten jener Verwaltungsfachkräfte Hohn und Spott und erfuhren nicht selten auch massive Anfeindungen.

 

Der Wandel von einem verwalteten zu einem sozialen, lebendigen und klientenfreundlichen Jugendamt verlief alles andere als schmerzlos. Es bleibt zu hoffen, dass die Epoche aufgearbeitet wird, weil sie ein wichtiger Teil der jüngeren deutschen Sozialgeschichte ist. Diese Auseinandersetzungen – manche sprechen von Kampf – zwischen Verwaltung und professioneller Sozialarbeit sind keineswegs ausgestanden, die Konflikte bestehen mit unterschiedlicher Intensität weiter, werden jedoch nicht mehr so offen wie seinerzeit ausgetragen. Offenkundig ist nach wie vor, dass sich diese Camarilla – manche sprechen auch von Verwaltungs-„Mafia“ im Sozialbereich – bis zum heutigen Tag fast alle leitenden Positionen sichert.

 

Nur wenigen Sozialarbeitern ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, mit großen Anstrengungen Führungspositionen zu erlangen, dies dann überwiegend durch Protektion. Das Gros der Sozialarbeiter jedenfalls wird durchweg nicht seiner beruflichen Qualifikation und Leistung entsprechend vergütet, was sich noch dadurch verstärkt, dass es heute kaum einen Sozialarbeiter gibt, der nicht zusätzlich zu seinem regulärem Studium eine oder mehrere weiterqualifizierende Zusatzausbildung/en in den modernen Methoden der Sozialarbeit und Psychotherapie absolviert hat. Dies gilt selbstverständlich auch und gerade für Sozialarbeiter, die im Bereich der Adoptionsberatung und Adoptionsvermittlung tätig sind. Die Kenntnis dieser Hintergründe und Zusammenhänge ist wichtig, um die Rolle des Sozialarbeiters im beruflichen und gesellschaftlichen Kontext zu verstehen.