Zwangsadoption

Bundesrepublik Deutschland

 

 

 

Meine Tochter hätte mein Leben immer bereichert. Es wäre niemals Ballast für mich gewesen. Mein späterer Mann hätte mich auch mit schon vorhandenem Kind sofort geheiratet. Und meine Schwiegereltern hätten niemals einen Unterschied als Großeltern gemacht. Und mein Mann hätte meine Melanie als seine Tochter anerkannt. Kein Kind kann was dazu auf dieser Welt zu sein. Ganz egal wer der Erzeuger ist. Mein Kind hat nicht mein Leben oder meine Jugend verpfuscht. Dafür gab es ja unser zuständiges Jugendamt!!!! Den einzigen Vorwurf den ich meiner Mutter mache, ist, dass ich meine, „SIE“ hat nicht genug gekämpft um mich und mein Kind. Ich war so blöde, dachte immer eines Tages holen mich meine Eltern aus diesem Mutter-Kinder Heim (wieder nach Hause) mit meiner Tochter!


Dazu kam es nicht.

 

Das war die schlimmste Zeit meines Lebens !!!!!

 

Es entpuppte sich als Heim für „schwer erziehbare“ Mädchen, mit einer so genannten Müttergruppe und es war mein „großes Glück“ dort als Schwangere zu sein. Die Gruppen waren gegliedert nach der "Schwere des Vergehens“. Da waren Mädchen die von zuhause abgehauen sind, von der Polizei aufgegriffen wurden, Drogensüchtige, Prostituierte eben alles was Schande bereitete.

 

Dort wurde Disziplin gelehrt.

 

Briefe an die Eltern wurden zensiert. Niemand durfte mitteilen was dort los ist. Telefonieren war grundsätzlich nicht erlaubt. Und ich war dort völlig falsch untergebracht. So manches Mädchen wurde von den Eltern wieder da raus geholt und auch ich hatte stets damit gerechnet, dass jemandem auffallen muss... dass ich dort falsch untergebracht bin.

 

An Fluchtversuche sollte man niemals denken teilte die Leitung mit, denn es gäbe noch eine weitaus härtere Unterbringung, völlig isoliert von der Außenwelt !!!! Davor hatte ich Angst, wie viele von den Mädchen. Diejenigen die geflüchtet waren, sind bei uns nie mehr aufgetaucht. Wer weiß wo sie hingekommen sind.


In den Anfängen war kein Platz in der Müttergruppe für mich frei. Da lebte ich mit "Streunern“ und so richtigen Asozialen unter einem Dach. Und „SEX“ spielte dort eine große Rolle. Da gab es regelrechte Übergriffe untereinander, und ich war schwanger mittendrin. Ich habe nur noch geheult, mir die Ohren nachts zugehalten um das Stöhnen der Mädchen nicht zu hören. Oft hatten sich die Mädchen mit allen zu findenden Sachen selbst befriedigt. Kleiderbügel waren sehr begehrt, und lesbische Liebe. Das war für so manches Mädchen alles völlig normal. Ich habe meine gesamte Situation überhaupt nicht verstehen können. Ich war aus einem normalen Leben heraus von einem Tag auf dem anderen in der Hölle gelandet.


Und auch meinen Eltern konnte ich NIEMALS von dem Geschehenem dort berichten. Es war ein Mädchengefängnis. Dort dachte ich schon oft an Selbstmord, als mein Bauch noch klein war. Und es gab dort viele Suizidversuche!!!!! In solch einer Einrichtung verbrachte ich meine gesamte Schwangerschaft. Später in der Müttergruppe waren viele normale Mädchen, einige auch mit normalen Eltern und Umständen. Dort fühlte ich mich dann auch wohler. Wir haben uns gegenseitig erzählt warum wir wohl hier untergebracht waren. Fast alle Mädchen haben immer viel geweint.


Eine 13jährige war mit Zwillingen vom eigenen Vater schwanger, die nächste wurde vom Stiefvater vergewaltigt, die andere musste jahrelang den Freund der Mutter oral befriedigen, bloß damit das Kind nicht schwanger wird...und eines Tages da war Marie 12 Jahre alt, wollte der Freund der Mutter doch mit der Kleinen schlafen.


Ich war eine von wenigen Mädchen die vom Freund geschwängert worden sind. Vom Freund, den man ja auch schon über Jahre kannte. Wir alle wollten auch UNSERE Kinder behalten. Bei den "anderen" stand die Adoption schon fest. Und ganz egal wie erbärmlich die Umstände auch waren -  JEDES der Mädchen wollte ihr Kind gerne behalten!!!!! So nach und nach verschwanden dann erst unsere Babys und dann wurden die Mütter in die „Freiheit“ entlassen. Bin jetzt tief traurig geworden hier beim Schreiben. Es ist wieder so lebendig die Zeit in der fremden Stadt in dem Heim.

 

Meine Tochter war schockiert über mein Erlebtes. Melanies Mitgefühlt hat mir soviel Kraft gegeben, überhaupt darüber sprechen zu können! Meine Eltern wussten nie, was ich erlebt habe. Ich habe teuer bezahlt für die Liebe zu Melanies Erzeuger.


Irgendwelche Unterlagen über die Adoption habe ich nie erhalten. Ich meine mit vorhandenen Unterlagen...wäre ich damals, als ich endlich aus dem Heim herauskam, sofort zur Polizei gerannt. Hätte sofort selbst einen Rechtsanwalt beauftragt ..mein Kind zu mir zurück zu führen, und zwar schnellstens!!!!!!!!! Aber da ich nichts an Unterlagen in den Händen hielt, hatte ich wieder Angst dass ich verhaftet werden könnte oder wieder abgeholt werde und zurück in das Heim für „schwer erziehbare“ Mädchen gebracht werde, weil mir NIEMAND glaubt, dass ich ein Kind habe - welches einfach so verschwand.


Ein unter Druck setzen übelster Sorte war das gesamte Vorgehen. Meinen Mutterpass hatte ich stets bei mir, in Socken versteckt, mit einer Sicherheitsnadel im Pulli befestigt, in der Jeans innen eingenäht, da man auch nach diesem Mutterpass öfter fragte. Und es war mein einziges Beweismittel, dass ich die Mutter von Melanie bin. Habe zeitweise gedacht, dass bestimmt Melanies Geburtsdatum und der von mir gegebene Name ...verändert würde. Die Adoptiveltern aber fanden den Namen Melanie so toll, so passend zum Kind, so dass der Name Melanie bestehen blieb.

 

Mir wurde nie angeboten mit Melanie in der Müttergruppe im Heim bleiben zu können. Davon hätte ich sofort Gebrauch gemacht. Ich bin ein Mensch mit Heimweh...und Melanie auch. Aber mir ging es in dieser Gruppe MIT MEINEM KIND sehr gut und auf meine Eltern hatte ich damals nur Groll. Für die Kinder war alles da. Wir haben unsere Kinder selbst versorgt. Vor der Schule, nach der Schule, abends, nachts. Nachts gab es feste Nachtwachen für die „Kleinen“, das haben wir Mütter selbst organisiert. Jede war mal dran, reihum.

 

 

 

 

Dieses Heim wo ich untergebracht war ging durch die Presse. Viele damalige Bewohnerinnen erstatteten Anzeige gegen das Haus, gegen die Methoden, gegen die Erzieher und die Heimleitung. Jenes Heim wurde später durch die Staatsanwaltschaft und Polizei zwangsgeräumt und geschlossen. Die restlichen Mädchen waren sofort "frei". Es wurden Verfahren eingereicht wegen „Freiheitsberaubung“!!!!!!!! Aber unsere adoptierten Kinder waren weg!!!!!! Adoptiert!!! Zum Wohle der Kinder von den Müttern weggenommen!!! Da kann ich heute nur lachen!!!

 

Erst nachdem Melanie wieder in meinem Leben ist, war es möglich mit meiner Mutter über die damaligen Umstände zu sprechen. Uns gelang eine lückenlose Aufklärung bereffend der Adoption meiner Tochter. Über mein Kind hat in erster Linie das Jugendamt entschieden. Die in dem Heim waren nur Erfüllungsgehilfen. Und ich dachte immer, dass meine Eltern mein Kind oder mich mit Kind nicht mehr haben wollten.


Heilfroh bin ich, ach sind wir alle, uns ausgesprochen zu haben. Wir sind glücklich, dass noch niemand in der Zwischenzeit verstorben ist. Meine Melanie ist ein ganz "normales" Familienmitglied geworden. Mich erstaunt selbst, dass so etwas möglich ist!!!!!


Nachdem ich meinen Schulabschluss beendet hatte bin ich noch mal zurückgekehrt zu meinen Eltern. Ich hatte nur noch geheult. Mit 17 Jahren war ich dann weg von den Eltern, habe den Beruf der Krankenschwester ergriffen in einem Krankenhaus welches über eine eigene Kindertagesstätte verfügte. Und dorthin hätte ich auch mein Kind zur Betreuung während meiner Ausbildung und Arbeitszeiten mitbringen können. Nur ganz kurze Zeit hätte ich irgendeine Hilfestellung vom Amt benötigt !!!!!

 

Für diese kurze Zeit, wurde mein ganzes Leben ruiniert. Das verzeihe ich keinem.

 

Sonntag ist mein Geburtstag, und es ist mein erster Geburtstag den ich mit meiner Tochter feiern werde. Momentan sehen wir uns alle 4 Wochen, und wenn meine Tochter mir sagt, dass sie große Sehnsucht nach mir hat, ja dann bin ich sehr glücklich über diese Aussage und  oft ist uns so zumute als wären wir nie getrennt worden !!!

 

September 2006

 

Ursula

 

 

 

 

 

 

 

 

Wird fortgesetzt …