Die Adoption meines Sohnes Thorsten - 1973

Ich habe in der nachfolgenden Schilderung einige Namen geändert, um die Privatsphäre meines Sohnes zu schützen. Zunächst einige Erklärungen über meine damalige familiäre Situation.
Ich wurde in einer Familie mit zwei Schwestern groß. Meine Mutter starb nach langer Krankheit an Krebs als ich 12 Jahre alt war. Mein Vater, an dem ich sehr gehangen hatte, starb an einem Herzinfarkt als ich 17 Jahre alt war. Meine neun Jahre ältere Schwester fiel als „unterstützendes“ Familienmitglied aus, da sie durch Krieg, schreckliche Erlebnisse während der Flucht und die nachfolgenden Hungerjahre, psychisch und körperlich krank war. Meine zweite Schwester ist fünf Jahre jünger als ich, und wenn ich in dieser Geschichte meine Schwester erwähne, meine ich immer die jüngere.
Unsere gesamte Verwandtschaft war durch den Krieg in alle Winde zerstreut. Die eine Hälfte lebte in der DDR, die andere in verschiedenen Orten der Bundesrepublik, etliche waren auch gefallen oder sonst wie umgekommen. Der Zusammenhalt der Verwandtschaft bröckelte nach dem Tode meiner Mutter immer mehr ab. Nach dem Tod meines Vaters gab es keine Kontakte mehr.
Meine Schwester und ich wurden bis zur Volljährigkeit, bei mir war das erst ab dem 21. Lebensjahr, vom Sozialdienst Katholischer Frauen verwaltet. Ich ging nach dem Tod meines Vaters noch fast zwei Jahre weiter zum Gymnasium, brach die Schule dann aber wegen verschiedener Schwierigkeiten ab und suchte mir eine Arbeit, da ich es auch nicht schaffte, mit der Waisenrente auszukommen.
Als ich Frank, von Beruf Polizist und späterer „Erzeuger“ meines Sohnes, kennen lernte, war es für mich das, was man langläufig Liebe auf den ersten Blick nennt. Ich war damals mit einigen Freundinnen in meiner Freizeit beim Malteser Hilfsdienst tätig und so lernten wir bei größeren Veranstaltungen auch die eingesetzten Polizisten kennen. Zu dieser Zeit war Köln für „Jungbullen“ eine attraktive Stadt – das Chicago des Westens. Sie kamen aus ganz Deutschland und die meisten davon waren auf der Suche nach Abenteuern und einer Freundin, was in diesem Alter ja normal ist.
Ich war damals eine temperamentvolle und lebenslustige junge Frau, auf der Suche nach einem Partner, meinem „Traumprinzen“. Als ich glaubte, ihm begegnet zu sein, stellte ich fest, dass er leider ein Manko hatte - er war verlobt. Für mich im Grunde genommen damit unerreichbar. Er hatte aber offensichtlich auch Interesse an mir gefunden, entlobte sich und erkor mich zu seiner „Traumprinzessin“.
Nun schildere ich das, was ich damals nicht wusste. Als ich Frank kennen lernte waren gleichzeitig mehrere Herren an mir interessiert, was ich aber gar nicht bemerkte, da ich nur Augen und Ohren für ihn hatte. Für Frank war es jedoch eine Herausforderung - nach dem Motto: „Wer macht das Rennen?“ Einer dieser Bewerber hat mir später einmal gesagt, hättest Du Dich für mich entschieden, wäre alles anders gekommen. Tja, ich liebe die Wörter, hätte, wenn, könnte, usw.
Nachdem Frank mich nun „erobert“ hatte, musste er noch das Problem lösen: „Wie kriege ich sie ins Bett.“ Das funktionierte nach der von ihm schon zuvor ausprobierten, bewährten Verlobungsmethode. Ca. 3 Monate nach unserem kennen lernen, steckte er mir eines Abends (ganz romantisch, bei Kerzenschein und Wein) einen Ring an den Finger und verlobte sich mit mir. Er hatte mich „rumgekriegt“ und konnte seinen Freunden wieder einmal beweisen: „Ich bekomme jede dahin, wo ich sie haben will!“ Wenn ich mir die Gespräche in dem Polizeiwohnheim vorstelle, dreht sich mir heute noch der Magen um. Seinen Ring hatte Frank ja noch und den anderen wird ihm seine Entlobte wohl nachgeschmissen haben. So wurde die ganze Sache billig.
Ich war nun glücklich verliebt und hatte einen starken Mann an meiner Seite. Ich glaubte ihm, dass er mich liebte, dass er mit mir eine Familie gründen wollte, etc. Das hatte er auch schon mit seiner vorherigen Verlobten vorgehabt, weil er ja so anlehnungsbedürftig und familiär war. Sie war aber das grauseligste Ungeheuer, welches ihm jemals über den Weg gelaufen war. Gott sei Dank, hatte er es ja rechtzeitig erkannt und dann eben auch noch in mir das große Glück seines Lebens gefunden. Bedingt dadurch, dass auch mein Vater drei Jahre zuvor gestorben war und somit unsere Familie fast nicht mehr existierte, fielen Franks Worte bei mir auf besonders fruchtbaren Boden. Ich konnte und kann mir ein Leben ohne Familie nicht vorstellen. Ich weiß heute noch nicht, wie ich hätte merken sollen, dass er mir das Blaue vom Himmel herunter log.
Meine Schwangerschaft, ein knappes Jahr nach unserem kennen lernen, war nicht geplant. Aber als ich es dann war, gab es für mich überhaupt keinen Grund, warum ich hätte abtreiben sollen. Jetzt war ja nur das eingetreten, was wir einige Zeit später sowieso vorhatten. Und wenn Du schwanger bist, kannst du dich nur entscheiden, entweder das Kind zu bekommen oder nicht, auch wenn Du erst 20 bist, verschieben geht nicht!
Ich war und bin kein Abtreibungsgegner, da ich mir Situationen vorstellen kann, wo es keine Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens gibt. Teilweise konnte ich zwar auch Franks Vorbehalte verstehen, aber sie waren für meine Begriffe alle lösbar. Da ich nicht wusste, aus welchen Beweggründen Frank mit mir zusammen war, und er es auch nicht offen zugeben konnte, hat er vordergründig in den sauren Apfel gebissen. Ich kann mir vorstellen, dass seine Kollegen sich vor Schadenfreude halb tot gelacht haben.
Also, Frank stand nun vor dem Dilemma: „Wie komme ich aus dem Schlamassel heraus, ohne das Gesicht zu verlieren.“ Und er fing an, mich auf subtile Art und Weise fertig zu machen, gleichzeitig begann er neben seinen Eintagesaffären, von denen ich damals allerdings nichts wusste, eine feste Beziehung zu einer 10 Jahre älteren Frau Doris, die keine Kinder haben wollte.
Im Abschnitt „Der Erzeuger“ schildere ich etwas mehr hierzu. Fazit war, dass wir uns trennten als ich Ende des 5. Monats schwanger war, und Frank mit Doris zusammenzog. Als erstes schafften die beiden sich dann einen Hund an.
Am Tag der Geburt (1973 - ich war mittlerweile 21 Jahre alt) war ich alleine zu Hause. Meine Schwester war in der Schule. Ja, und dann wusste ich warum man „Wehen“ Wehen nennt. Diese setzten bei mir so plötzlich und heftig ein, dass ich dachte, mein Ende ist gekommen. Als meine Schwester von der Schule nach Hause kam, holte sie eine Nachbarin und diese hat mich dann ins Krankenhaus gefahren. Und drei Stunden nach der ersten Wehe war mein Thorsten auf der Welt, gesund und munter. 10 Tagen später wurden Mutter und Kind aus dem Krankenhaus entlassen.

Ich war damals bei der Firma H. beschäftigt, die mir aber gekündigt hatte, da ich auch häufiger wegen „Krankheit“ fehlte. Bis zum Zeitpunkt der Geburt habe ich mein Gehalt (DM 800 brutto) von dieser Firma bekommen, die nächsten 8 Wochen hätten von der Krankenkasse bezahlt werden müssen.
Als von der Krankenkasse kein Geld kam, habe ich dort angerufen und mir wurde gesagt, dass das Geld kurzfristig überwiesen würde. Ich habe daraufhin einige Tage gewartet und als nichts kam, wieder angerufen. Dann wurde mir gesagt, dass sich irgendetwas verzögert habe, dass das Geld jetzt aber angewiesen würde. Ich habe wieder einige Tage gewartet und es kam wieder nichts. Nach einem erneuten Anruf sagte man mir, dass der Sachbearbeiter in Urlaub gegangen wäre und man meine Akte nicht finden könnte, ich sollte doch bitte warten, bis der Sachbearbeiter wieder aus dem Urlaub zurück wäre (2 oder 3 Wochen).
Ich habe die Zeit abgewartet und dann wieder bei der Krankenkasse angerufen. Der Sachbearbeiter war da und sagte mir, dass er alles richtig gemacht hätte, irgendwie wäre wohl auf dem Verwaltungsweg die Anweisung verschwunden und meine Akte sei im Umlauf, er könnte deshalb momentan nicht nachschauen, wie der aktuelle Stand sei. Ich sollte mich doch noch etwas gedulden. Zur Erklärung für mein „geduldiges“ Verhalten muss ich folgendes anmerken. Es war mein erster Job. Von den Regeln und Mechanismen der Arbeitswelt hatte ich zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung. Behörden, wie Krankenkasse etc. waren für mich Autoritäten, die es besser wussten, alles richtig machten und natürlich weit über mir standen.
Nach dem Telefonat mit dem Sachbearbeiter hat mich aber dermaßen die Wut gepackt, dass ich am nächsten Tag zur Krankenkasse fuhr, um mit ihm persönlich zu sprechen. Er wurde dann ziemlich unverschämt und ich verlangte nach seinem Vorgesetzten, weil ich mich beschweren wollte und weil ich ihm einfach einmal meine Situation schildern wollte. Nun hieß es, der Abteilungsleiter sei nicht da, er hätte irgendeinen Termin. Daraufhin habe ich mich auf eine Bank gesetzt und gesagt, dass ich jetzt hier so lang sitzen bleiben würde, bis der Abteilungsleiter käme.
Man hätte mich von dort wegtragen müssen und ich glaube, dass sie das auch gemerkt haben, denn nach einiger Zeit wurde ich auf einmal zum Abteilungsleiter vorgelassen, obwohl ich niemanden irgendwo rein oder raus gehen gesehen habe, so dass ich vermute dieser Herr war schon die ganze Zeit da.
Meine finanzielle Situation war mittlerweile so schlimm, dass ich nicht mehr wusste wovon ich die nächsten Tage leben sollte. Ich hatte mir schon von allen möglichen Leuten Geld geliehen und es war mir peinlich nach weiterem Geld zu fragen. Dazu muss ich auch noch sagen, dass alle Leute um mich herum damals ja selber nicht viel Geld hatten, da sie entweder noch in der Ausbildung waren oder erst kurz in einem Beruf. In dieser Zeit hat ein Nachbarsjunge seiner Mutter manchmal Sachen aus dem Kühlschrank geklaut und mir gebracht, damit ich etwas zu essen hatte.
Mein Auftritt bei der Krankenkasse war nicht Mut sondern pure Verzweiflung.
Ich habe dann diesem Abteilungsleiter meine Geschichte erzählt und da war es auf einmal möglich, doch meine Akte zu finden und ich habe dann auch irgendwann das mir zustehende Geld bekommen.
Mit den Alimenten verhielt es sich folgendermaßen. Als ich so ganz schlimm in der finanziellen Krise war, habe ich mich bei einer gemeinsamen Bekannten von Frank und mir, darüber beschwert, dass er noch nicht einmal Alimente zahlt. Daraufhin sagte sie mir, dass könne nicht stimmen, er hätte ihr gesagt, dass er an das Jugendamt gezahlt hätte. Daraufhin habe ich beim Jugendamt angerufen und erfahren, es wäre tatsächlich Geld eingegangen, aber man hätte noch nicht veranlasst? oder vergessen? mir das Geld auszuzahlen. Das würde jetzt aber nachgeholt. Ich habe das Geld dann auch irgendwann bekommen.
In meiner Erinnerung bekomme ich die Zeiträume nicht mehr genau abgesteckt. Es kann immer um ein paar Tage oder je nach Ereignis auch Wochen differieren. Ich weiß aber genau, dass ich wochenlang ohne einen Pfennig meines eigenen Geldes überlebt habe. Ich hatte auch keine Ersparnisse auf die ich zurückgreifen konnte. Weder von der Waisenrente noch von meinem ersten Gehalt war es mir möglich gewesen, irgendwelche Rücklagen zu bilden.
Ich hatte damals noch eine andere Freundin, die bei der Stadt Köln eine Ausbildung als Verwaltungsfachkraft machte. Während dieser Ausbildung wandern die Auszubildenden von Amt zu Amt und meine Freundin war für einige Monate einmal beim Sozialamt gewesen. Als sie nun mitbekam, wie schlecht meine Situation war, sagte sie mir, ich solle doch zum Sozialamt gehen, normalerweise wären sie für solche Fälle wie mich zuständig. Ich ging also zum Sozialamt und wurde an eine Sachbearbeiterin verwiesen, die sich meine Geschichte anhörte und sehr verständnisvoll war. Sie sagte, das wäre ein Notfall und es wäre ganz klar, dass mir vom Sozialamt geholfen werden müsste. Sie gab mir einen Zettel mit und schickte mich zu einem anderen Sachbearbeiter, der die Zahlung an mich vornehmen sollte.
Ich ging zu diesem Sachbearbeiter und musste dort schon wieder meine Geschichte erzählen. Als dieser Mensch (jung, männlich) meine Geschichte gehört hatte, sagte er mir: ob ich eigentlich wüsste, wofür das Sozialamt zuständig wäre, für mich auf jeden Fall nicht. Ich sollte mal zusehen, dass ich an mein eigenes Geld käme und außerdem hätte ich mir ja auch bisher woanders Geld geliehen, da sollte ich mal schön wieder hingehen.
Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Ich habe nur noch geweint. Bin dann aber wieder zu der ersten Sachbearbeiterin zurückgegangen und, nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte und ihr sagen konnte was vorgefallen war, ging sie zusammen mit mir zu dem anderen Typen (Mensch fällt mir schwer zu sagen) und hat dann veranlasst, dass mir sofort ein gewisser Geldbetrag ausgezahlt wurde. Wie viel weiß ich heute nicht mehr. Zum Abschied bekam ich von diesem Typen dann noch gesagt, dass ich ja wohl wüsste, dass ich das Geld zurückzuzahlen hätte.
Ich bin dann aber nie vom Sozialamt aufgefordert worden, das Geld zurückzuzahlen, und ich habe auch nie mehr ein Sozialamt von innen gesehen.
Während der ganzen Zeit hat das Jugendamt meine Situation gekannt. Nun zum Thema Jugendamt!
Ca. 4 Wochen nach der Geburt bekam ich einen Brief, in welchem man mir einen Besuch von Jugendamtsmitarbeiterinnen ankündigte. Zu diesem Termin habe ich das ganze Haus geschrubbt und geputzt, da ich damals Angst hatte, man würde mir mein Kind wegnehmen, wenn sie der Meinung wären, ich könnte einen Haushalt nicht richtig führen.

Da saßen wir zwei nun, Thorsten und Brigitte, sauber geschrubbt, geschniegelt und gestriegelt und wurden begutachtet. Zwei nette Damen vom Jugendamt führen mit mir ein nettes Gespräch und baten mich, einmal selbst beim Jugendamt vorbei zu kommen und darüber zu reden, wie die Zukunft aussehen sollte.
Ich ging dann zum Jugendamt und mir wurden die verschiedenen Möglichkeiten dargestellt, wie und wo ich mein Kind unterbringen könnte. Das Kinderheim kam für mich überhaupt nicht in Frage, da ich während meiner Schulzeit einige Zeit so genannte soziale Dienste geleistet hatte, was unsere Schule immer sehr förderte. Ich habe mit einer Freundin zusammen sonntags auf die Kinder (ca. 2-5 Jahr alt) eines Kinderheims aufgepasst, damit die dort tätigen Nonnen etwas entlastet wurden. Diese Kinder waren meiner Erinnerung nach alle von allein stehenden Müttern und was sich dort abspielte war für mich das Grauen pur. Nicht die körperliche Versorgung der Kinder. Aber wenn Sonntags die Mütter die Kinder besuchten und sich dann wieder verabschiedeten gab es jedes Mal herzzerreißende Szenen und meine Freundin und ich mussten die Kinder hinterher so gut es ging trösten, wenn die Mütter wieder gegangen waren.
Noch schlimmer waren aber die Kinder dran, die keinen Besuch erhielten. Ich habe in diesem Heim zum ersten Mal Hospitalismus kennen gelernt, obwohl ich damals das Phänomen und das Wort gar nicht kannte.
Zurück zum Jugendamt: Ich wurde nach dem Hausbesuch der Jugendamtspflegerinnen mehrmals zum Jugendamt bestellt, wie oft weiß ich heute nicht mehr.
Damit ich meine Situation einmal genauer bedenken konnte und damit ich etwas zur Ruhe finden sollte, machte man mir den Vorschlag, mein Kind (jetzt 3 Monate alt) in eine Wochenpflegestelle zu geben. In meiner Erinnerung waren die Pflegeeltern ganz nett. Etwas gestört hatte mich nur, dass dort noch mehrere kleine Kinder untergebracht waren, vielleicht waren es aber auch die eigenen. Ich habe bei mir nur gedacht, wie schafft die Frau das alles?
Ich habe Thorsten Freitagabends geholt und Sonntagsnachmittag gebracht. Schon nach der ersten Woche merkte ich, wie er sich veränderte. Thorsten war vorher ein ganz „normales“ Baby. Manchmal schrie er, manchmal nicht. Er hat geschlafen, getrunken, gestrampelt, eben alles was ein Baby so macht. Jetzt verhielt er sich aber anders. Er war weinerlich geworden, unruhig und manchmal auch etwas schreckhaft.
Im Gespräch mit den Jugendamtsmitarbeiterinnen über die Unterbringungsmöglichkeiten hatte man mir auch die Freigabe zur Adoption geschildert, und ich bekam „ausführlich“ erzählt, was die Konsequenzen einer Adoption für Mutter und Kind wären. Die Mutter musste darauf verzichten, das Kind großzuziehen und es zu sehen, dafür würde das Kind bei anderen Eltern aber so aufwachsen, als wären es die eigenen Eltern.
Beim nächsten Gespräch, wurde mir gesagt, dass gerade zum jetzigen Zeitpunkt ein quasi ideales Elternpaar ein Kind suchte. Der Mann war Zahnarzt, die Frau Lehrerin. Sie hatten ein eigenes Haus und einen großen Garten und Großeltern gab es auch noch. Es war alles perfekt bei diesen Menschen. Und wenn Thorsten groß wäre, würde er gesagt bekommen wer seine tatsächliche Mutter wäre und er könnte dann mit mir Kontakt aufnehmen. Und für das Wohl des Kindes gab es nichts Besseres und ich wäre ja noch so jung und könnte doch später noch viele Kinder bekommen.
Die Adoptiveltern hatten alles. Ich hatte nichts.
Bei einem der weiteren Gespräche, zu welchen ich bestellt wurde, habe ich die Adoptionsurkunde unterschrieben. Thorsten war bei den Pflegeeltern und wurde dort von den Adoptiveltern abgeholt.
Was ich heute dem Jugendamt vorwerfe ist, im geringsten Fall, unterlassene Hilfeleistung! Mir ist aber mittlerweile ein anderer Verdacht gekommen, den ich jetzt schildern werde.
Ich gehe heute davon aus, dass das Jugendamt meine gesamte Vorgeschichte durch den Sozialdienst katholischer Frauen kannte, bzw. hätte kennen können, da ich sicher bin, dass die verschiedenen Ämter zusammenarbeiten. Für das Jugendamt war ich der gläserne Mensch.
Ich hätte damals wohlwollende!! Unterstützung und Beratung durch verständnisvolle Menschen gebraucht. Die erste Priorität hätte darin bestehen müssen, Hilfe zu leisten und mir gangbare Wege für ein gemeinsames Leben mit meinem Kind aufzuzeigen. Auf die Veränderung des Verhaltens von Thorsten durch die Pflegestelle hätte man mich aufmerksam machen müssen, da diese Veränderung im Verhalten von Thorsten, aufgrund der veränderten Bedingungen, völlig normal war. Mir wurde aber nur die Adoption als einziger Weg dargestellt, der für das Kind ein unbeschwertes Leben garantierte.
Jetzt komme ich zu meinem Verdacht.
Ich kann mir mittlerweile aber auch sehr gut vorstellen, dass das Jugendamt ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, als es darum ging, ein unfruchtbares Akademikerehepaar des gehobenen Mittelstandes mit einem gesunden, erstgeborenen Kind zu versorgen.
Nachdem Martin (vormals mein Thorsten) mich Anfang 2002 wieder gefunden hat, merkte ich, dass er sich von mir wieder zurückzog, nachdem er seinen Adoptiveltern von seinem Kontakt mit den leiblichen Eltern „gebeichtet“ hatte. Ich bin damals fast verrückt darüber geworden, weil ich mir so viele Hoffnungen machte, dass irgendwie wieder alles heil wurde und ich endlich Kontakt mit meinem Sohn hatte. Und ich spürte, dass irgendetwas geschehen musste, damit sein „Rückzug“ sich wieder umkehrte. Nachdem ich mir mein Gehirn zermartert hatte, was ich tun könnte, kam mir die Idee, Kontakt mit den Adoptiveltern aufzunehmen, auch in der Hoffnung, wir könnten vielleicht einmal alle zusammen ein gutes Verhältnis haben.
Ich habe mir dann die Telefonnummer herausgesucht und bei Familie Gärtner in W. angerufen. Frau Elisabeth Gärtner war am Apparat und alles andere als erfreut über meinen Anruf. Ich hatte den Eindruck sie hätte am liebsten sofort wieder aufgelegt. Aber ich habe es geschafft, sie in ein Gespräch zu verwickeln und sie dann um ein Treffen gebeten, da ich sie gerne kennen lernen wollte.
Ihr Gegenargument war: Ich hätte weder mit ihnen noch mit Martin irgendetwas zu tun, da ich damals die Urkunde unterschrieben und damit keine Rechte mehr an Martin hätte. Zum Schluss sagte sie mir jedoch zu, dass sie mit Martin sprechen wollte und ihm die Entscheidung dann überlassen würde. Nun ja, nach einigen Gesprächen war Frau Gärtner bereit, sich mit mir zu treffen und mein Mann und ich sind an einem Sonntagnachmittag nach W. gefahren. Herr und Frau Gärtner hatten Kaffee gekocht, Kuchen gebacken und den Tisch gedeckt. Nach dem Kaffeetrinken hat Herr Dr. Gärtner die Familienfotoalben herausgeholt. Da er Hobbyfotograph ist, waren es eine ganze Menge.
Ich habe nach 28 ½ Jahren das weitere Leben meines Sohnes gesehen.
Als ich die Fotoalben durchstöberte hat Herr Dr. Gärtner mich ständig beobachtet. Immer wenn ich einmal aufschaute, senkte er schnell den Blick und schaute woanders hin. Wenn ich ihn aus den Augenwinkeln beobachtete, kam mir sein Blick so vor, als erwartete er von mir ein Urteil. Ungefähr so, als ob er fragen wollte: „Haben wir doch gut gemacht. Bitte sag, dass wir es gut gemacht haben.“
Frau Gärtner kommentierte hauptsächlich die verschiedenen Ereignisse, die auf den Bildern festgehalten waren. Dann sagte sie etwas, was mich stutzig machte und mir nicht mehr aus dem Kopf ging.
Und zwar erzählte sie, wie sie an meinen Sohn gekommen sind. Sie hatten sich nach der Adoption des ersten Kindes (Martins Adoptivschwester Renate) an das für sie zuständige Jugendamt gewandt, waren aber mit der dortigen Jugendamtspflegerin überhaupt nicht zu recht gekommen. Deshalb hatten sie sich wieder an das Jugendamt in Köln gewandt und zwar an die Jugendamtspflegerin, die ihnen auch schon die Tochter vermittelt hatte. Diese Dame hat das dann auch wieder genauso gut gemacht wie beim ersten Mal.
Ich saß da auf meinem Stuhl und dachte nur, merkt die Frau überhaupt was? Ich sitze hier und schaue auf das Leben meines Sohnes und sie erzählt mir eine Geschichte die sich für mich so anhörte: „Da bin ich in den neuen Laden gegangen. Da hat man mich aber gar nicht gut bedient. Deshalb ging ich wieder in den alten Laden und da war auch noch die Verkäuferin, die meinen Geschmack kannte, und da habe ich wieder die von mir gewünschte Ware erhalten.“
Gleichzeitig fiel mir ein, dass Martin erzählt hatte, dass sein Adoptivvater in den ersten Jahren nach der Adoption öfter bei mir und bei Frank zuhause angerufen hätte, ohne sich jedoch zu melden oder etwas zu sagen. Er wollte nur wissen, ob es uns noch gibt. Ich frage mich, welches Interesse hat eine Person daran, sich meiner Existenz zu versichern, wo ich doch alle Rechte an dem Kind an ihn abgetreten hatte und er jetzt quasi der „leibliche“ Vater von Martin war. Es hätte ihm doch egal sein können, ob es mich und Frank noch gab oder nicht. Herr Dr. Gärtner musste damals sogar meine Telefonnummer recherchiert haben, da ich zum Zeitpunkt der Adoption keinen Telefonanschluss hatte und mir erst später einen anschaffte.
Mir ist nach dem Besuch in W. zum ersten Mal der Verdacht gekommen, dass mit der Adoption etwas nicht stimmen könnte. Die ganzen Umstände und Verwicklungen, die ich immer als schlimme Zufälle gesehen habe, waren vielleicht keine Zufälle. Ich hatte damals folgende Assoziationen:
1. Zahnarzt, Dr. Günther Gärtner – Kontakt zur Krankenkasse – Zahlung des Mutterschaftsgeldes wird hinausgezögert um die Mutter auszuhungern und schneller willig zu machen.
2. Jugendamtspflegerin Köln – spielt „Lieber Gott“ da ja klar war, dass ich ein Problemfall war und es für das Kind allemal besser wäre in „geordneten“ Verhältnissen aufzuwachen – Zahlung der Alimente wird hinausgezögert.
Oder:
Punkte 1 und 2 wie vor, plus ein Betrag x, den man als Spende an das Jugendamt gibt, als Freundschaftsgeschenk an den Geschäftsstellenleiter der Krankenkasse und vielleicht auch noch an Frau Jugendamtspflegerin?
Mein Mann hat mich dann wieder davon abgebracht, da er sagte, ich solle mich doch nicht in solchen Spekulationen verfangen, sonst würde ich wahrscheinlich noch verrückt. Ich habe dann auch lange Zeit davon Abstand genommen. Seit einem Telefonat mit Martin, vor einigen Monaten, bin ich aber wieder darauf zurückgekommen.
Martin hatte mir bis dahin noch nicht viel aus seinem bisherigen Leben erzählt. Nun schilderte er mir nach welchen Kriterien seine Adoptiveltern ihre Kinder ausgesucht hatten. Es mussten erstgeborene Kinder sein, weil diese zum Aufziehen die Besten wären. Die Adoptivmutter hatte ihm gesagt, er hätte damals bei den Pflegeeltern so hilflos herumgelegen und sie angelächelt, so dass sie Mitleid bekam und ihn einfach mitnehmen musste. Was ja überhaupt nicht stimmte, da schon Wochen vorher feststand, dass sie genau dieses Baby adoptieren würden.
Die Auswahlkriterien die Herr und Frau Gärtner für ihre „Adoptivkinder“ zugrunde legten, erinnern mich stark an gewisse Ideologien und sollte das Jugendamt davon gewusst haben, ist es mir unverständlich, wie sie dieses unterstützen konnten. Danach wäre mein zweitgeborener Sohn, es wohl nicht wert gewesen, großgezogen zu werden.
Erklärung für meinen Verdacht, dass es bei der Adoption nicht mit rechten Dingen zugegangen ist:
Auf die Idee, dass man mir mein Kind durch Manipulation abgenommen haben könnte, bin ich die ganzen „30“ Jahre nicht gekommen. Erst durch die Äußerungen von Elisabeth Gärtner sowie die Berichte von Martin über die Adoptiveltern kam mir der Verdacht.
Im Wesentlichen sind es folgende Punkte die mich stutzig machen.
- Als ich Frau Gärtner anrief und sie um ein Treffen bat, sagte sie als erstes zu mir: „Was wollen Sie denn, Sie haben doch durch Ihre Unterschrift auf alle Rechte an Martin verzichtet!“ Abgesehen von der merkwürdigen Vorstellung von Frau Gärtner, dass man durch Unterschrift darauf verzichten kann, jemanden zu lieben, fand ich noch etwas merkwürdig: Frau Gärtner konnte nicht wissen, dass ich sie anrufen würde und mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie auch nicht damit gerechnet, so dass ich davon ausgehe, dass sie zum Zeitpunkt meines Anrufes völlig unvorbereitet war. Das erste was ihr als Argument einfällt ist die Tatsache, dass ich vor fast 30 Jahren die Adoptionsurkunde unterschrieben habe. Das muss ja damals für sie eines der größten Ereignisse ihres Lebens gewesen sein, als ihr mitgeteilt wurde, dass ich endlich unterschrieben habe.
- Die Bemerkung von Frau Gärtner, dass sie mit dem für sie zuständigen Jugendamt bzw. der dortigen Vermittlerin nicht klargekommen ist und sich wieder an das Jugendamt in Köln gewandt hat.
- Die anonymen Anrufe von Herrn Dr. Gärtner bei uns (den leiblichen Eltern).
- Die Auswahlkriterien des Ehepaares Gärtner (Erstgeborene) für „ihre“ Kinder und falsche Darstellungen gegenüber Martin, was sein „Vor-Adoptivleben“ anbelangt.
Nachdem mir vorgenannter Verdacht gekommen ist, habe ich zum ersten Mal angefangen ganz gründlich über die Zeitspanne zwischen Geburt und Adoption nachzudenken. Ich denke, warum erst jetzt, bedarf einer Erklärung.
Nach der Adoption habe ich alles, was damit zu tun hatte, in eine Kiste gepackt und diese auf den tiefsten Grund des Meeres versenkt. In der Sprache der Psychologen nennt man dies wohl „Verdrängung“. Durch das Auftauchen von Martin ist auch die Kiste wieder aufgetaucht und ich habe begonnen, mir ihren Inhalt anzuschauen.
Das erste und, wie ich ursprünglich dachte, das schlimmste (außer der Adoption) war für mich das Kapitel Frank. Dieser Mann hatte es geschafft, mich in einen Zustand zu versetzen, in welchem ich fast jegliches Selbstwertgefühl verloren hatte.
Dann fiel mir wieder meine damalige finanzielle Misere ein und was ich nicht alles unternommen habe, um an Geld zu kommen. Daneben lief ja auch noch alles andere: das Baby versorgen, der Haushalt, das ständig reparaturbedürftige Haus, den Verlust des Partners verkraften.
Vor kurzem habe ich aber angefangen, einmal über die Rolle, welche das Jugendamt in meinem Leben gespielt hat, nachzudenken. Dazu muss ich bis zum Beginn meiner Schwangerschaft ausholen.
Als die Schwangerschaft feststand verlangte Frank eine Abtreibung von mir, der ich mich jedoch widersetzte. Zum damaligen Zeitpunkt waren Abtreibungen genauso möglich wie heute, wenn man wusste, an wen man sich wenden konnte und entsprechend dafür zahlte. Mein Frauenarzt hat es mir angeboten und es hätte 300 DM gekostet. Eine Freundin von mir hatte dies zwei Jahre vorher praktiziert und so bin ich auch an diesen Frauenarzt gekommen, der ansonsten eine ganz normale Praxis betrieb und m.E. Abtreibungen nicht vornehmlich aus finanziellen Aspekten durchführte.
Ich habe bis zu dem Zeitpunkt, als mich das Jugendamt darauf ansprach nie daran gedacht, mich von meinem Kind zu trennen. Und wenn ich mir selbst vor Augen führe, was ich alles unternommen habe, um ein Leben mit meinem Kind möglich zu machen, dann denke ich heute, dass es für mein damaliges Alter eine ganze Menge war und, dass ich es auch geschafft hätte, einen Weg für ein lebenswertes Leben zu zweit zu finden.
Ich gehe heute davon aus, dass das Jugendamt es geschafft hat, mir mein Kind abzuschwindeln und die gesamte „Beratung“ nur auf dieses Ziel hinauslief.
Durch das Einreden von schlechtem Gewissen:
„Sicherlich können Sie ihr Kind so oder so unterbringen, aber denken Sie dabei auch an das Wohl Ihres Kindes oder nur an sich selbst?“
Durch das Vorenthalten von Wissen:
Adoptivkinder haben alleine schon durch den Umstand ein solches zu sein, gegenüber anderen Kindern ein Defizit. Mir wurde damals fälschlicherweise gesagt: „Das Kind merkt ja nichts und wird wohlbehütet in einer richtigen Familie aufwachsen.“ Der Verlust lag folglich nur auf meiner Seite, für mein Kind war es ein Gewinn.
Durch die Trennung von Mutter und Kind:
Nachdem mein Kind bei den Pflegeeltern untergebracht war, welche ich durch die „unterstützende“ Hilfe des Jugendamtes gefunden hatte, empfand ich zunächst eine gewisse Erleichterung.
Ich konnte das erste Mal eine Nacht durchschlafen. Jeder, der ein Kind hat weiß, wie das mit dem Schlafen in den ersten Monaten nach der Geburt ist. Bei Alleinerziehenden kommt erschwerend hinzu, dass sie sich das nächtliche Aufstehen nicht mit einem Partner teilen können und.
Ich hatte nicht mehr das Problem, wer passt auf mein Kind auf, wenn ich Behördengänge etc. machen musste. Da ich damals kein Telefon hatte, war schon der Gang zur Telefonzelle für mich ein Umstand, den ich genau planen musste.
Es hätte aber auch andere Maßnahmen gegeben, um mir das Leben zu erleichtern:
Einen Jugendamtspfleger, der mit mir zusammen zum Sozialamt geht oder, der mich über meine Rechte gegenüber dem Sozialamt aufklärt.
Unterstützung des Jugendamtes beim Verkauf des Elternhauses (Erbengemeinschaft). Im Grund genommen war ja ein, wenn auch kleines Vermögen vorhanden, wovon ich mindestens 3 Jahre mit meinem Kind hätte leben können, ohne arbeiten gehen zu müssen.
Eine Tagespflegestelle in der Nähe meines Wohnortes.
Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten, warum das unterlassen wurde:
Heute tendiere ich dazu Punkt 2 für wahrscheinlicher zu halten. Ich war erst, als ich merkte, dass sich Thorstens Befinden nachteilig veränderte dazu bereit, die Adoptionsurkunde zu unterschreiben. Das diese Veränderung in der Umstellungs-/ Eingewöhnungsphase von kleinen Kindern in Pflegeverhältnissen normal ist, entzog sich damals meiner Kenntnis. Ich wurde darauf vom Jugendamt weder vorbereitet noch hat man es mir, als ich die Anzeichen entdeckte, erklärt. Es kam nur die Bemerkung: „Ja, so ist das eben bei Pflegekindern.“ Die Pflegestelle war von meinem Wohnort ziemlich weit entfernt, so dass ich mit Bus und Bahn durch halb Köln reisen musste, um mein Kind zu bringen und zu holen. Das war bestimmt reiner Zufall.
Jugendamtspfleger / Adoptionsvermittler einer städtischen Behörde, die meines Wissens nach sozialpädagogisch/psychologisch ausgebildet sind, haben gegenüber den in der Regel jungen Müttern, einen Wissensvorsprung, der bei Empathie dazu beiträgt, die verträglichste Lösung zu finden. Bei gegenteiliger Einstellung oder Eigeninteresse (z.B. Bestechung / Beziehungen) hat dieser Wissensvorsprung jedoch verheerende Folgen für Mutter und Kind.
In diesem Zusammenhang würde mich einmal interessieren, wer kontrolliert/e eigentlich die Adoptionsvermittler?
Nachdem ich die Adoptionspapiere unterschrieben hatte, habe ich nie wieder etwas von den Jugendamtsmitarbeitern gehört. Meine Person war uninteressant geworden.
________________________________
Der Erzeuger
Ich war damals in der Freizeit als Schwesternschülerin beim Malteser Hilfsdienst und er war bei der Polizei. Nach einer öffentlichen Veranstaltung, bei einem „Abschlussbier“ sah ich ihn das erste Mal, und war fasziniert. Von meiner Seite aus war es „Liebe auf den ersten Blick“. Als ich mich bei Freundinnen nach ihm erkundigte erfuhr ich, das wäre Frank, der sich vor kurzem mit Eva verlobt hätte. Tja, aus der Traum. Ich musste schon nach dem ersten Sehen meine Hoffnungen begraben.
Dann kamen einige Tage später plötzlich Frank und Erik (späterer Mann meiner Schwester) zu uns nach Hause und fragten, ob wir nicht Lust hätten, mit ihnen heute auszugehen. Da stand nun mein Traummann vor mir und ich war überglücklich und wir gingen mit ihnen in ein damaliges „Szenelokal“ und verbrachten einen tollen Abend. Man traf sich in der nächsten Zeit immer wieder mal, da die beiden in einem Polizeiwohnheim ganz in unserer Nähe wohnten. Dass Frank auch an mir interessiert war, war nicht zu übersehen. Aber aufgrund seiner Verlobung hielt ich Abstand. Ein paar Wochen nach unserem ersten Kennen lernen, sagte er mir, dass er sich entlobt hätte, nahm er mich in die Arme und küsste mich.
Seine Ex-Verlobte hätte überhaupt nicht zu ihm gepasst, sie wäre zu dumm, zu hässlich, zu berechnend... Ich weiß nicht was noch alles. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich das alles gerne gehört, denn alle diese Eigenschaften hatte ich natürlich nicht und wähnte mich deshalb als die bessere von uns beiden. Ich schwebte nur noch auf Wolken. Genau der Mann, den ich aus der ganzen Clique am tollsten fand, wollte auch mich, liebte mich, fand mich unwiderstehlich, wollte mich ein Leben lang auf Händen tragen.
Ich merkte, dass er mit mir ins Bett wollte, aber dafür war mir die Verbindung noch zu kurz und ich wollte ihn erst noch besser und länger kennen lernen. Tja und dann, nach vielleicht drei Monaten kam der Abend, als er ein kleines Etui aufmachte, einen Ring herausholte und mich fragte, ob ich mich mit ihm verloben wollte. Und ich naives Ding wollte. Ich fühlte mich geehrt und hatte nun den gleichen Status, den seine vorherige Verlobte bei ihm eingenommen hatte und darüber hinaus natürlich noch viel mehr, da er mich ja wirklich liebte, im Gegensatz zu ihr. Ich ging mit ihm ins Bett.
Nach seiner Ausbildung wollten wir heiraten, uns ein schnuckeliges Nest bauen und viele Kinder kriegen. Seinen „Verlobungstick“ erklärte er mir damit, dass er so familiär und anlehnungsbedürftig sei und sich ein Leben ohne Familie nicht vorstellen könnte. Genau wie ich. Seine Worte sprachen mir aus der Seele. Diese bzw. irgendeine Erklärung für seinen Verlobungstick musste er mir schon geben, da es Anfang der 70er Jahre zumindest in Großstädten nicht mehr so üblich war, sich zu verloben. Die 68er Bewegung hatte schon ihre Spuren hinterlassen. Wir waren in unserem gesamten Bekanntenkreis auch die einzigen Verlobten. Und ich wertete das als etwas ganz romantisches und war glücklich solch einen empfindsamen Menschen gefunden zu haben. Ich glaubte ihm jedes Wort und ich weiß bis heute nicht, ob und wie ich hätte merken können, dass er mich nach Strich und Faden belog.
Das hat mir auch während der Psychotherapie vor zwei Jahren sehr zu schaffen gemacht, da die Psychologin meinte, ich hätte mich einer Selbsttäuschung hingegeben, weil ich es so wollte, bzw. weil es meinen Bedürfnissen entgegenkam. Ich habe mit ihr mehrfach darüber diskutiert, dass es doch normal war/ist, dass ich damals diese Bedürfnisse hatte, wie wahrscheinlich die meisten Menschen (Frauen?). Entlastung dafür, dass nicht ausschließlich ich an meinem weiteren Schicksal Schuld sei, fand ich erst in dem Buch „Die Masken der Niedertracht“ von Marie-France Hirigoyen. Ich kann dieses Buch nur allen empfehlen, die einmal das Unglück hatten, mit einem gefühlskalten Narzissten zusammenzutreffen.
Ein knappes Jahr nach unserem Kennen lernen wurde ich schwanger, wahrscheinlich durch eine „vergessene“ Pille. Jetzt begann für mich etwas, von dem ich mich bis heute nicht richtig erholt habe. Es war Psychoterror. Frank wollte sofort, dass ich abtreibe und da verstand ich die Welt nicht mehr. Alle seine vorherigen Aussagen hatten auf einmal keine Gültigkeit mehr. Ich habe mich mit Händen und Füssen gegen eine Abtreibung gewehrt. Für mich wäre es Mord gewesen, weil es keinen Grund für eine Abtreibung gab. Ich war und bin kein Abtreibungsgegner und respektiere jede Frau, die abgetrieben hat. Und ich denke es wird immer einen nachvollziehbaren Grund für eine Abtreibung geben. Keine Frau wird das einfach mal so machen.
Aber in unserem Fall war ja eigentlich alles perfekt. Wir waren jung und gesund und liebten uns!!! Für mich war das ungeplante Kind nicht ungewollt, ich freute mich auf unser Kind.
Nach vielen Gesprächen glaubte ich, Frank überzeugt zu haben und wir schmiedeten dann viele Pläne, nachdem ihm klar war, dass er aus der „Schwangerschaft“ nicht mehr herauskam. Ich glaube heute aber, dass nur ich die Pläne geschmiedet habe und Frank hat einfach zugehört. Wir wollten dann auch heiraten, da Frank als Beamter Zulagen für Frau und Kind erhalten hätte. Franks „Laufbahn“ stand ja mehr oder weniger fest. Sein Einkommen war zwar nicht sehr hoch, aber viele Leute fangen klein an. Außerdem konnten wir in unserem Haus mietfrei wohnen, so dass auch unsere finanzielle Basis nicht die allerschlechteste war.
Nun ging es mal hüh mal hott. Er distanzierte sich über einen Zeitraum von vielleicht zwei/drei Monaten immer weiter von mir. Und um aus dem Verhältnis herauszukommen, reduzierte er mich nur noch auf negative Eigenschaften, so dass es zwangsläufig war, dass er „fliehen“ musste, damit ich ihm nicht sein ganzes Leben verderbe. Knall auf Fall verlassen konnte er mich schlecht, obwohl ihm das wohl am liebsten gewesen wäre, aber unser gemeinsamer Freundeskreis, der teilweise auch sein Kollegenkreis war, hätte dies wohl nicht verstanden oder gutgeheißen und sein Ruf wäre hin gewesen. Aber im Laufe der folgenden Wochen bzw. Monate konnte er dann die Leute darauf vorbereiten, welch ein ungerechtes Schicksal ihn erwarten würde, da ich ihn ja so gemein hereingelegt hätte. Und überhaupt, ich wäre ja der größte Irrtum seines Lebens gewesen und dafür könne er doch jetzt nicht sein Leben lang büßen, und und und ...
Nach außen hin, stellte er sich als mein Opfer dar und nach innen hin machte er mich fertig. An meinem Äußeren stimmt auf einmal nichts mehr. Meine Sommersprossen –scheußlich!!! dagegen muss man doch was tun können. Meine Figur – viel zu fett! Mein Hängebusen – einfach ekelhaft! Meine Augen zu klein, mein Gesicht zur rund, meine Füße zu groß, meine Hände zu breit, meine Haut zu blass. Ich war zänkisch, rechthaberisch und hysterisch. Ich war ein menschliches Monstrum.
Es war, als ob mir der Boden unter den Füssen weggezogen würde. Er war nicht körperlich gewalttätig, er hat mich mit Worten und Blicken fertiggemacht. Ich verstand nichts mehr und glaubte einen Alptraum zu erleben. Waren andere Menschen dabei, wurde er nett und fürsorglich, so dass ich manchmal dachte, ich bilde mir das andere nur ein. Unser Bekanntenkreis bekam von dem, was sich bei uns zuhause abspielte, nichts mit. Frank war wie immer charmant, ein Tausendsassa, auf jeder Party beliebt und umschwärmt. Außerdem verstand er es hervorragend, mich an mir selbst zweifeln zu lassen und ich versuchte über einen längeren Zeitraum ihm alles recht zu machen, damit es wieder so werde, wie früher.
Und in diesem Terror wuchs „unser“ Baby heran. Ich wurde über die ganze Situation immer verzweifelter und immer depressiver. Und dann bin ich irgendwann in die Apotheke gegangen und habe mir Schlaftabletten gekauft. In meiner Naivität habe ich dann viel zu wenig geschluckt, da auch damals freiverkäufliche Tabletten niedrig dosiert waren. Zum Einschlafen hat es aber gereicht und aufgewacht bin ich dann in der psychiatrischen Abteilung der Uniklinik. Meine Schwester, mein (zukünftiger) Schwager und sogar Frank (zumindest tat er so) waren dann ganz besorgt um mich und nach einigen Tagen wurde ich entlassen. Ich konnte im Nachhinein mein eigenes Verhalten nicht mehr verstehen und hatte jetzt totale Angst, dass meinem Baby etwas passiert sein könnte. Aber der Arzt beruhigte mich und sagte, dass wir beide nur lange geschlafen hätten und jetzt wieder gesund und munter wären. Das hat mich zwar etwas beruhigt, aber es blieb ein Restzweifel und vor allen Dingen ein Schuldgefühl, ob ich nicht doch meinem Kind geschadet hatte.
Aus der anfänglichen „Besorgtheit“ von Frank wurde schnell wieder Gleichgültigkeit und meine Erholung war nur kurz. Der Terror begann von neuem. Zu Sylvester fuhren wir zu seinen Eltern und kamen in einen heftigen Schneefall mit darauf folgendem Eisregen. Unser Auto kam von der Straße ab und wir landeten in einem Graben. Wir waren aber nicht die einzigen, vor und hinter uns lagen ebenfalls andere Autos. Es war ein fürchterliches Chaos. Jeder mühte sich so gut es ging, seinen Wagen wieder flott zu machen. Aufgrund der Glätte und des vielen Schnees war der vor uns liegende Hügel zu einem kaum überwindbaren Hindernis geworden. Es war mittlerweile dunkel, insgesamt brauchten wir für eine Strecke von 200 KM über 8 Stunden.
Frank hatte es sich in den Kopf gesetzt, den Wagen alleine aus dem Graben zu bekommen, was auch gelang. Aber den Hügel kamen wir nicht hinauf, da der Wagen nicht mehr richtig ansprang. Er verlangte von mir, dass ich den Wagen von hinten anschiebe, da ich keinen Führerschein hatte, um am Steuer zu sitzen. Ich versuchte ihn von der Nutzlosigkeit dieses Vorhabens zu überzeugen und wollte andere Autofahrer bitten, uns zu helfen, da ich es ja niemals alleine schaffen konnte ein Auto einen Hügel hinaufzuschieben. Da schrie er mich an, ob ich nicht sehe, dass die anderen Autofahrer genug mit ihren eigenen Autos zu tun hätten und wenn ich nicht schieben wollte, könnte ich mit meinem dicken Bauch ja hier im Schnee verrecken. Und er starrte mich so hasserfüllt an, dass ich innerlich erstarrte und tatsächlich versuchte den Wagen zu schieben. Das sahen einige LKW-Fahrer und sie kamen und sagten, ich solle mal aufhören zu schieben, das wäre ja Blödsinn. Vier Männer haben dann den Wagen angeschoben und wir sind schließlich irgendwann um Mitternacht an unserem Ziel angekommen.
Ich war fix und fertig. Die Bösartigkeit seines Gesichtsausdrucks und seinen hasserfüllter Blick, werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Mir wurde klar, wie unendlich er mich nur noch verabscheute und ich begriff, dass er gewünscht hatte, ich würde durch das Schieben des Wagens eine Fehlgeburt erleiden und am besten gleich mit tot umfallen.
Wieder zuhause forderte ich von ihm eine Aussprache. Ich bildete mir natürlich nur alles ein und war einfach irre, mit mir konnte kein Mensch auskommen. Er packte seine sieben Sachen und verschwand. Und ich begann wieder an meinem eigenen Wahrnehmungsvermögen zu zweifeln. Zu der Zeit hat mir dringend jemand gefehlt, mit dem ich meine Probleme hätte besprechen können. Meine Schwester war noch zu jung und für unseren Vormund, der Sozialdienst katholischer Frauen, waren wir Aktenvorgänge. Sie waren dann für mich auch nicht mehr zuständig, da ich in diesem Monat das 21. Lebensjahr erreichte. Den Eltern von Frank war diese ganze Verloberei von ihm sowieso suspekt und sie fanden es für ihn noch viel zu früh, sich fest zu binden. Mit der Mutter hatte ich ständig einen unterschwelligen Rivalitätskampf auszufechten. Meines Erachtens war für sie keine Frau der Welt gut genug für ihren jüngsten Sohn, der es einmal zu etwas bringen sollte. Bei ihrem älteren Sohn hatte das nicht so geklappt, er war „nur“ Handwerker geworden.
Freunde und Freundinnen hielten sich aus allem heraus. Nach dem Motto, wenn zwei sich streiten, muss es ja wohl an beiden liegen. Die Männer unserer Clique inklusive meinem zukünftigen Schwager hielten dicht. Wahre Männersolidarität!!!
Das Aufgebot für unsere Heirat war schon bestellt und ich bin heute immer wieder heilfroh darüber, dass ich es verstreichen ließ und diesen Menschen nicht geheiratet habe, egal was auch hinterher an Schrecklichem passierte. Heute weiß ich, dass mein Sohn in dieser Ehe immer mit vielen Mamas aufgewachsen wäre.
Das erste Mal erfuhr ich einiges vom Doppelleben meines ehemaligen Verlobten, vielleicht zwei Jahre später, durch eine gemeinsame Freundin. Sie meinte mich trösten zu müssen indem sie mir sagte, dass ich doch froh sein sollte, Frank vom Hals zu haben. Er wäre doch durch alle Betten gegangen, sie hätte auch einmal kurz ein Verhältnis mit ihm gehabt. Da war ich noch so unbedarft und glaubte, dass wäre nach unserer Beziehung gewesen.
Die ersten Jahre waren für mich sehr schwer zu ertragen, da das „freundschaftliche“ Verhältnis mit Frank und Doris von meinem Schwager Erik aufrechterhalten wurde. Ein Grund hierfür war, dass Kollegen- und Freundeskreis identisch waren. Ein tieferer Grund wird aber gewesen sein, dass die Solidarität mit dem Kollegen weiter ging, als mit der Schwester der Freundin. Wo kämen wir denn hin, wenn die Frauen den Männern ungestraft Kinder an den Hals hängen, die diese gar nicht wollen. Kann doch jedem Mann passieren!!! Außerdem hätte Erik in seiner chauvinistischen Machopolizeigesellschaft das Gesicht verloren, wenn er sich zu sehr auf die Seite einer Frau geschlagen hätte, abgesehen davon bin ich der Überzeugung, dass er genau so dachte wie die anderen. Monika, meine Schwester, tat/tut was Erik sagt (mit wenigen Ausnahmen). Die „Freundschaft“ Frank/Erik weitete sich auf Doris/Monika aus.
Das war für mich eine ganz „tolle“ Situation. Frank und Doris beherrschten das Feld. Wollte ich unter „bekannte“ Menschen gehen, musste ich sie ertragen. Das habe ich am Anfang einige Male gemacht, auch unter dem Aspekt, dass ich wissen wollte, was ist an Doris anders als an mir, da ich damals immer noch nicht verstanden hatte, wieso es eigentlich zu der Trennung gekommen war. Aus meiner Sicht hätten wir eine ganz normale Familie sein können, Thorsten, Frank und ich. Wir waren noch sehr jung, aber bestimmt nicht die einzigen, die in diesem Alter ein Kind bekamen und eine Familie gründeten.
Im Laufe der nächsten Jahre wechselte ich meinen Freundeskreis fast komplett. Ich wollte mit den meisten Menschen von damals nichts mehr zu tun haben. Ich wollte nicht mehr an das Grauen erinnert werden. Gespräche über meinen ehemaligen Verlobten und die Adoption wurden nach und nach zu einem Tabu. Nach der Wende wurde er in den Osten versetzt und so zogen Frank und Doris nach Potsdam um und ihr Kontakt zu alten Bekannten riss dann ganz ab. Es war für mich wie eine Erlösung, nichts mehr über die beiden zu hören.
Ein weiteres niederschmetterndes Kapitel begann, nachdem mein Sohn Martin sich bei mir gemeldet hatte. Ich wollte ihm von damals erzählen, damit er begreifen konnte, wie es zur Adoption gekommen war. Ich schrieb also alles so auf, wie ich es in Erinnerung hatte. Dann bat ich meine Schwester und meinen Schwager darum, meine Erinnerungen mit ihren zu vergleichen weil ich nach so langer Zeit nicht sicher war, ob sich meine Erinnerungen mit ihren deckten oder vielleicht im Laufe der vielen Jahre zu einseitig und unrealistisch geworden waren. Und nun erzählte mein Schwager mir zum ersten Mal, was es mit dem Verlobungstick von Frank auf sich gehabt hatte. Es war Franks bereits mehrfach praktizierter Trick, Frauen möglichst schnell und nachhaltig ins Bett zu bekommen. Mein Schwager hat es immer gewusst, es aber nie für nötig gehalten mit mir einmal darüber zu sprechen.
Mit Ausnahme der ersten zwei, drei Monate unseres Zusammenseins hatte Frank ständig wechselnde Affären. Zu Beginn meiner Schwangerschaft wärmte er eine alte Bekanntschaft wieder auf. Es handelte sich um Doris, mit der er nach unserer Trennung dann auch zusammenzog und sie später heiratete. Doris war damals mit einem Mann verheiratet, der gerne Kinder gehabt hätte, was sie jedoch ablehnte. Frank war auch noch so freundlich mich persönlich mit Doris als der netten, älteren Freundin von früher bekanntzumachen, die er zufällig wieder getroffen hatte. Und Doris war auch zu mir unheimlich nett. 10 Jahre später haben Frank und Doris dann doch noch (für alle überraschend), einen Sohn zusammen bekommen.
Im ersten Telefonat, welches ich mit meinem Sohn Martin führte, sagte er mir, dass er bereits seit mehreren Wochen Kontakt mit seinem Vater habe und ihn sehr nett findet und Frank sich auch sehr über das „Wiederfinden“ gefreut habe. Ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. Ich versuchte es aus der Warte von Martin zu sehen und versuchte auch ruhig zu bleiben. Schließlich konnte Martin ja nicht wissen, was damals alles vorgefallen war und ich wollte ihm die Freude über den wieder gefundenen „Vater“ nicht nehmen.
Franks 50. Geburtstag nahm ich zum Anlass, ihm telefonisch zu gratulieren, als Versuch vielleicht eine gewisse Verständigungsbasis zu finden. Ich habe schon öfter bedauert, dass ich dieses Telefonat nicht auf Tonband aufgenommen habe. Jetzt stellt sich wahrscheinlich die Frage, warum hat sie denn nicht Frank Frank sein lassen, Berlin ist doch weit weg. Ja, und das ging von meiner Seite aus nicht. Ich musste irgendeinen Weg finden, ihn wieder in mein Leben zu integrieren, selbst wenn es nur auf gedanklicher Basis wäre, da jedes Mal, wenn Martin von ihm sprach, ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Insgesamt verlief das Telefonat, von Franks Seite aus in einem sehr aggressiven, herablassenden Ton. Dieses Telefonat hat zwar keine Besserung hinsichtlich einer etwaigen Verständigung gebracht, für mich war es aber sehr aufschlussreich, da mir endgültig klar wurde, dass ich in der Beurteilung seiner Person richtig liege, und damals keine Wahrnehmungsstörungen hatte. Nach einem weiteren Telefonat mit Frank, rief Doris mich anschließend an und bat darum, dass ich die alten Zeiten doch ruhen lassen soll, ich hätte an Frank nichts verloren, was sich zu behalten gelohnt hätte. Ihre Ehe mit ihm wäre ein Desaster gewesen. - Da war ich sprachlos.
Später erfuhr ich, dass Frank die Fremdgeherei nie aufgehört hat und ständig feste oder lockere Beziehungen hatte/hat. Doris ist damit wohl nicht so gut zurechtgekommen. Warum Frauen auch heutzutage noch, eine Ehe mit solch einem Menschen aufrechterhalten, wird mir immer ein Rätsel bleiben.
Zurück zum Anfang, zum Wort „Erzeuger“. In Gedanken habe ich selbst das Wort „Erzeuger“ für Frank aus meinem Vokabular gestrichen, für mich ist er eine lebende Samenemission. Erzeuger klingt mir zu positiv.
_________________________________
Familienreaktionen
Nachdem Martin sich gemeldet hatte, „beichtete“ ich meinem jüngeren Sohn Niels von seiner Existenz. Es war für mich ein sehr schwieriges Gespräch, da Niels von seinem Bruder nichts wusste. Ich hatte mich nie getraut mit ihm darüber zu sprechen. Immer wenn ich meinte, jetzt wäre es an der Zeit, kam etwas dazwischen und ich verschob es immer weiter in die Zukunft. Mal sagte ich mir Niels sei noch zu jung, dann waren es Schulprobleme, die Pubertät, das Abitur, Stress mit der Freundin, irgendwas war immer. Außerdem wusste ich ja auch nicht, ob Martin sich jemals melden würde und wollte Niels nicht mit einem Phantombruder belasten.
Auf die Idee, dass ich Martin selber suchen könnte/dürfte, bin ich nie gekommen. Nach der Gehirnwäsche durch die Jugendamtsmitarbeiterinnen habe ich es von meiner Seite aus als unmöglich angesehen, in das Leben meines Sohnes „einzudringen“. Heute bedauere ich das sehr. Bevor ich mich endlich bewusst mit dem Thema Adoption befasste, hatte ich ein völlig falsches Bild über das Leben von Adoptivkindern. Für mich lebten sie in einer heilen Welt mit neuen (selbstlosen, guten) Eltern und ich durfte in diese Welt nicht eindringen, da ich seinerzeit ja selbst diese Entscheidung getroffen hatte. Dass man mir alle negativen Seiten und mögliche Alternativen verschwiegen hatte, wusste ich bis dahin nicht.
Niels reagierte sehr empört und verletzt. Er warf mir vor, ich hätte ihn sein ganzes Leben lang belogen. Was folgte, war Stress pur. Durch das Auftauchen von Martin erlebte ich den ganzen Albtraum von damals noch einmal und musste jetzt auch noch mit der Situation fertig werden, dass mein jüngster Sohn mir zumindest eine Zeitlang nur Wut und Zorn entgegenbrachte.
Mein Mann, dem ich schon vor langer Zeit von meinem ersten Sohn erzählte hatte, reagierte ganz anders. Er hatte zwischenzeitlich zwar fast vergessen, dass es da noch jemanden gab, aber er freute sich sehr über den Familiennachwuchs und hat Martin mit offenen Armen empfangen.
Meine Schwester war zunächst sehr interessiert an dem Wiederauftauchen von Martin. Mein Schwager Erik, der ja seinerzeit mit Frank befreundet war, fand das Ganze auch sehr interessant. Von ihrer Seite aus haben sie aber nicht ein einziges Mal versucht mit Martin in Kontakt zu treten, nachdem er sich gemeldet hatte.
Als Martin das zweite Mal nach Köln kam, wollte ich ihn meiner Schwester, meinem Schwager und ihren beiden Kinder (11 und 15) vorstellen. „Das ginge nicht zu dem Termin, da die Familie an dem Tag Eriks Schwester in Kiel besuchen und dort zwei Wochen Urlaub machen wollte,“ wurde mir als Erklärung gesagt. Ich bat daraufhin meine Schwester diese Reise doch um einen Tag zu verschieben, da sie ja keinen gebuchten Urlaub machen würden und zeitlich deshalb auch nicht gebunden wären. Nach einigem Hin und Her, sagte meine Schwester, sie würde noch einmal mit ihrem Mann reden.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen, da kam mein Sohn, ihr Neffe, nach fast 30 Jahren, den meine Schwester und mein Schwager damals als Baby auf dem Schoß gehalten hatten und sie waren nicht bereit ihn zu empfangen. Ob sie an diesem Tag fuhren oder einen Tag später war völlig egal, da sie auch in Kiel keine festen Termine hatten. Das Ende vom Lied war, dass meine Schwester alleine in Köln blieb und mein Schwager mit beiden Kindern wegfuhr. Die Kinder hätten Martin auch gerne kennen gelernt und haben meine Schwester gebeten, Fotos von ihm zu machen, da sie wenigstens wissen wollten, wie ihr neuer Cousin aussieht.
Martin fand das ganze sehr merkwürdig und ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Ich hatte eine unheimlich Wut auf meinen Schwager habe aber meiner Schwester zuliebe, das Ganze nicht weiter thematisiert.
Ungefähr ein halbes Jahr später war die Familie meiner Schwester Sonntags bei uns zum Essen und es war genau ein Jahr nach dem Tag als Martin das erste Mal mit mir Kontakt aufgenommen hatte. Ich wollte ihn an diesem „Jahrestag“ anrufen und da meine Verwandten anwesen waren, bat ich zuerst meine Schwester, doch auch ein paar Worte mit Martin zu wechseln und danach den Hörer an die anderen weiterzureichen. Da sagte meine Schwester mir, dass sie nicht mit Martin reden wolle und es ihren Kindern auch nicht zumuten könnte, schließlich wäre er ja ein Fremder.
Das war für mich dann die letzte Begegnung mit meiner Schwester.
Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich über diese Ablehnung von Martin durch meine Verwandten hinweggekommen bin. Meine Erklärung für das merkwürdige Verhalten ist, dass mein Schwager, der ja mit Martins leiblichem Vater seinerzeit befreundet war, Angst vor unangenehmen Fragen durch Martin hat. Schließlich hatte er ja alle seine Eskapaden damals gedeckt und mich auch belogen bzw. geschwiegen, wo er besser gesprochen hätte. Vielleicht wäre meine Verlobung nicht in solch einem Desaster geendet, wenn ich früher gewusst hätte, was mein Verlobter sonst noch alles so trieb.
Die Tatsache, dass mein Schwager die ganzen Jahre geschwiegen hat, empfinde ich heute als ungeheuerlich. Ich habe meiner Schwester und meinem Schwager vor über zwei Jahren zu unserer gemeinsam erlebten Vergangenheit und ihrer ablehnenden Reaktion 30 Jahre später, einen langen Brief geschrieben und bis heute keine Antwort erhalten. Ich werde wohl auch keine bekommen, was sollten sie mir als Erklärung für ihr damaliges und heutiges Verhalten auch sagen.
Erfreulich ist, dass mein Sohn Niels sich zwischenzeitlich an seinen neuen „alten“ Bruder gewöhnt hat und auch mir gegenüber viel Verständnis aufbringt. Viel Unterstützung habe ich auch in meinem Freundeskreis erfahren, worüber ich sehr glücklich bin. Mein Mann hatte die meiste „Arbeit“ mit mir und mich unzählige Male wieder aufgebaut, wenn die Dämonen der Vergangenheit mich wieder einholten. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.
Ich habe dieses Mal erfahren, wie es ist, eine schwere Lebenskrise zu bewältigen, wenn man Unterstützung von verständnisvollen Menschen erhält.
_________________________________
Die Adoptiveltern
Ich hätte mir einen freundschaftlichen Kontakt mit den Adoptiveltern sehr gewünscht. Zumal Herr Dr. Gärtner bei meinem Besuch ein deutliches Interesse daran erkennen ließ, dass dieses auch in seinem Sinne wäre. Ich habe ihnen nach meinem Besuch im Abstand von mehreren Monaten zweimal geschrieben, aber sie haben nicht mehr reagiert. Später wurde mir klar, dass auch dieses eine Treffen nur zustande gekommen war, da Frau Gärtner damals befürchtete, ihr Adoptivsohn könnte sich von ihnen abwenden, wenn sie mich nicht empfangen.
Ich habe Anfang diesen Jahres (2005) nochmals Kontakt mit den Adoptiveltern aufgenommen und sie in einem Brief gebeten, die Adoption von Thorsten doch aus ihrer Sicht zu schildern und ihnen angeboten, ihre Adoptionsgeschichte hier ebenfalls zu veröffentlichen. Nachdem auf meinen Brief weder eine positive noch eine negative Antwort kam, rief ich sie einige Wochen später an. Frau Gärtner erklärte mir in diesem Telefonat nur kurz, dass sie mit mir nichts zu tun haben will.
_________________________________
Jugendamtsbesuch 2006
Am 27. Juli 2006 war ich beim Jugendamt, um Einblick in die Adoptionsakte zu nehmen. Der erste Brief den ich diesbezüglich an das Jugendamt schrieb, blieb unbeantwortet. In einem zweiten Brief, ca. 5 Wochen später, setzte ich Ihnen eine Frist, daraufhin bekam ich dann auch nach wenigen Tagen Antwort. Meiner Bitte nach Aktenkopie könne man nicht nachkommen gem. § 1758 BGB, Ausforschungsverbot. Zur Akteneinsicht sei das schriftliche Einverständnis aller Beteiligten erforderlich. Man bot mir jedoch ein Gespräch über Teilinhalte der Akte an.
Daraufhin bat ich um Einverständniseinholung der Beteiligten. Diese wurde von den Adoptiveltern verweigert. Ich nahm also das Angebot, über Teilinhalte der Akte zu sprechen, an. Interessant hierbei noch, ich musste insgesamt 6 Wochen warten, die Adoptiveltern wurden von der Adoptionsvermittlerin eben mal angerufen. Wer da wohl die besseren Beziehungen hat?
Mehrfach fragte die Adoptionsvermittlerin, Frau Steinhauer, nach, warum ich ein Interesse an den Akteninhalten hätte. Ich versuchte ihr, ebenfalls mehrfach, zu erklären, dass es sich doch um einen sehr wichtigen Abschnitt und Einschnitt meines Lebens handelte und ich auch anhand der Akte rekonstruieren wolle, wie die Adoption damals vor 33 Jahren abgelaufen ist. Das hat sie aber nicht verstanden. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich eine Biographie schreiben will. Lt. Frau Steinhauer vermuteten die Adoptiveltern nämlich, dass mein Wunsch nach dieser Akteneinsicht darauf hinauslaufen könnte, dass ich die Adoption rückgängig machen lassen wollte. Bei meinem Besuch 2006 auf dem Jugendamt habe ich mit diesem Verdacht seitens der Adoptiveltern nichts anfangen können. Er kam mir vorgeschoben und absurd vor. Nachdem ich vor kurzem (Juni 2007) von einem Adoptionsbetroffenen die Auskunft erhalten habe, dass die damalige Adoption meines Sohnes unter gewissen Umständen anfechtbar sei, verstehe ich heute die Verweigerung auf Akteneinsicht durch die Adoptiveltern allerdings besser.
Da mir in meinen Unterlagen eine Kopie der Adoptionsurkunde fehlte, bat ich jetzt um eine Kopie. Frau Steinhauer sagte, das wäre nicht üblich, dass man abgebenden Müttern eine Kopie der Adoptionsurkunde aushändigt, weder früher noch heute. Nach dem Sinn gefragt, wiederholte sie nur: das wäre nicht üblich. Das sind ja merkwürdige Gebahren in den Jugendämter, dass man von einem Dokument welches man unterschreiben muss, keine Kopie erhält. Mir ist kein anderer Bereich des öffentlichen Lebens bekannt, wo so gehandhabt wird.
Dann erfuhr ich weiter, dass der Kindesvater aktenbekannt ist und in 09/74 und 10/74 über die bevorstehende Adoption unterrichtet wurde. Er war mit der Adoption einverstanden und hatte ausgeschlagen, Thorsten Bege selbst adoptieren zu wollen. Da war ich sehr überrascht, da nach Aussagen des Kindesvaters mir gegenüber, er nichts von der Adoption gewusst habe. In einem damaligen Gespräch hatte Frank mich sogar gefragt, warum ich denn Thorsten nicht seiner Mutter, also der Großmutter väterlicherseits gegeben hätte, anstelle ihn zur Adoption freizugeben. Schon merkwürdig, warum er das nicht selbst gemacht hat, wo er doch die Gelegenheit vom Jugendamt hierzu bekommen hat. Ich bin damals vom Jugendamt nicht darüber informiert worden, dass man den Kindesvater gefragt hatte. Aber vielleicht ist das ja auch nicht üblich.
Meine Frage, ob es üblich ist, dass Alimentenzahlungen von Vätern zuerst ans Jugendamt gingen, verneinte die Adoptionsvermittlerin. Wenn ein Kind bei der Mutter lebt, zahlen die Väter normalerweise direkt an die Mutter. Wieso das in meinem Fall seinerzeit anders gelaufen ist, konnte sie sich nicht erklären. Noch eine Merkwürdigkeit damals, vor 33 Jahren in meinem Fall. Aber vielleicht bekomme ich das ja auch noch heraus, wer und weshalb man mir zunächst die Alimentenzahlung vorenthalten hat.
Ja, und dann habe ich noch etwas erfahren, wobei mir ziemlich übel geworden ist.
Durch den Tod meiner Eltern war ich damals Mündel des Sozialdienstes Katholischer Frauen geworden. Während der Schwangerschaft wurde ich 21, damit volljährig und war kein Mündel mehr. Ich hatte später immer Vermutungen, dass der Sozialdienst Katholischer Frauen seinerzeit mit an der Adoption gedreht hatte, konnte aber keine Verbindung herstellen, da alle meine Kontakte über das Jugendamt liefen. Erst bei diesem Gespräch mit der Adoptionsvermittlerin, als sie in der Akte blätterte (ich durfte übrigens keinen Blick hineinwerfen, auch nicht auf die Teile, die nur mich betrafen) kam der Sozialdienst Katholischer Frauen offiziell ins „Adoptionsspiel“. Denn auf einmal las sie mir vor, dass die Adoptiveltern während der ein Jahr dauernden Adoptionspflege meines Sohnes vom Sozialdienst Katholischer Frauen betreut wurden, wie zuvor bereits bei der Adoption der Tochter.
Auf meine Frage, wieso die Betreuung durch den Sozialdienst Katholischer Frauen erfolgte, sagte Frau Steinhauer, jedes Jugendamt kann solche Betreuungen an andere soziale Dienste übertragen.
Da die Adoptiveltern meines Sohnes nur erstgeborene Kinder adoptieren wollten, kam es ja gut zupass, dass man über den Sozialdienst Katholischer Frauen von einer Schwangeren in schwierigen Umständen erfuhr. Die Adoptiveltern wohnen zwar ca. 100 km von Köln entfernt, aber ich denke, die Netze des Vereins ‚Sozialdienst Katholischer Frauen’ reichen so weit. Und so haben dann Sozialdienst Katholischer Frauen, Jugendamt und Adoptiveltern beschlossen, dass mein Sohn bei einem gut situierten Ehepaar allemal besser aufgehoben sei als bei mir. Ich bin gespannt, ob ich herausbekommen werde, wie hoch die Spende an den Sozialdienst Katholischer Frauen war.
Es hat sich für mich gelohnt, der Gang zum Jugendamt.
In einem anschließenden Gespräch zwischen der Adoptionsvermittlerin und mir erzählt sie über die Unterschiede von früher und heute. Lt. ihren Angaben finden heute nur noch ca. 500 Adoptionen pro Jahr statt, das wäre schon anders als früher, da hätte man zu schnell zum Mittel Adoption gegriffen. Es käme häufig vor, dass Frauen zunächst ambivalent seien, sich dann aber doch für das Kind entscheiden. Es gebe aber auch Fälle in denen sie Frauen begleitet, sich zu einem Nein zum Kind durchzuringen. Das wäre kein einfacher Weg. Und wenn er auch etwas umstritten wäre, in manchen Dingen hätte Bert Hellinger doch Recht, …. bla, bla, bla
Den Rest habe ich dann nicht mehr richtig hören können, weil ein Rauschen in meine Ohren kam. Aber wie man Frauen begleitet, dass sie sich zum „Nein“ durchringen, kann ich mir aus eigenem Erlebten sehr gut vorstellen. Viel scheint sich in der Arbeitsweise und im Selbstverständnis von Adoptionsvermittlern noch nicht getan zu haben.
Bis heute hatte ich vergessen mich beim Sozialdienst Katholischer Frauen für die Hilfe zu bedanken, die man mir 4 Jahre lang dort angedeihen ließ und später dann auch noch meinem Sohn . Das werde ich jetzt nachholen.
August 2006
Regina Brigitte Bege