Briefwechsel
Im Verlauf einer kontrovers geführten Diskussion mehrerer Teilnehmer auf einem öffentlichen Adoptionsforum – pro und contra Adoption – bat mich eine Adoptivmutter mit folgenden Zeilen um einen persönlichen Dialog u. a. zu meiner Adoptionsbiographie.
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Hallo Brigitte,
bist du an einer nett gemeinten Antwort von mir, als Adoptivmutter interessiert? Wie ich die Geschichte und die Umstände empfinde? Ich habe den Eindruck, dass sich die Fronten hier (im Adoptionsforum) unnötig durch eine Menge Missverständnisse verhärtet haben, was schade ist. Mit unserer H-Mutter kann ich leider nur immer über den Übersetzer kommunizieren. Natürlich besser, als gar nicht. Unser Kind lernt schon fleißig Englisch in der Hoffnung, eines Tages mit seiner H-Mutter sprechen zu können.
Liebe Grüße
Sabia

Hallo Brigitte!
Deine Geschichte ist lang. Ich habe mich durchgelesen, aber es kann sein, das ich mich an die ein- oder andere Begebenheit nicht korrekt erinnere. Daher bitte nicht böse reagieren. Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich nur meine Gedanken und Eindrücke dazu wiedergebe. Und egal, was ich schreibe, es hat in keinster Weise einen anklagenden Charakter, sondern beruht nur auf dem Empfinden, was mir dazu einfiel.
Als wir die Schule unseres Kindes aussuchten, hing in dem einen Klassenraum ein Gedicht, was mich sehr fasziniert hat, und was ich mir sozusagen seither als eine Art Lebensmaxime vor Augen halten. Ein Satz darin hieß: Urteile über niemanden, in dessen Mokassins du nicht mindestens 6 Wochen gewandelt bist.
Ich finde es grauenhaft, wenn Menschen über Situationen und Geschehnisse urteilen, in deren Lage sie in keinster Weise waren. Ich hatte immer eine Familie im Background. Zwar war ich extrem früh selbstständig und wusste genau, was ich will und nicht will. Aber es ist natürlich leicht, wenn man einen gesicherten Hintergrund hat. Ich musste nie in Armut leben. Zwar hatte ich zu kämpfen (meine Eltern sind Arbeiter und konnten mich nicht sooo unterstützen), aber im Notfall gab es immer den gesicherten Hafen.
Was ich möchte, aber ich weiß gar nicht, ob es Dich überhaupt interessiert, oder Du es als ungebetene Einmischung empfindest, ist, die Sichtweise etwas zu relativieren.
Gratulation zu Deiner Homepage. Du hast wirklich viel Arbeit geleistet. Schön wäre, wenn Du eine Möglichkeit siehst, nicht nur kritisch zu betrachten, sondern auch die Möglichkeit zulässt, das es A-Eltern gibt, die die Geschichte in Deinem Sinn betrachten, sofern Adoption notwendig war. Gerade in Bezug auf die Auslandsado, denn da ist es besonders wichtig, dass A-Eltern sensibilisiert werden, alles Erdenkliche zu tun, um möglichst viele Infos zu sammeln, um den Kindern und den H-Eltern die Chance zu geben, sich kennen zu lernen.
A-Eltern, welche im Ausland adoptieren sind in der Regel keine Erlöser, die Kinder retten. Sie wählen das Ausland auch nicht als 2. Wahl, weil hier kein Nachschub erfolgt. Ich könnte nicht einmal sagen, warum mir Deutschland nie in den Sinn kam. Vielleicht, weil ich mich selbst nicht unbedingt als Deutsche fühle. Ich habe viel im Ausland gelebt. Keine Ahnung.
Aber zurück zu Dir. Ich denke, dass grundsätzlich überall Korruption möglich ist, und eigene Interessen oftmals dazu führen, aber das ist nicht gang und gäbe. Ich glaube nicht, dass Krankenkasse und Jugendamt zusammenarbeiten. Vielmehr denke ich, dass es eine unliebsame Kette von unglücklichen Umständen war, die bei Dir zu diesem Verlauf geführt hat. Mafiaähnliche Strukturen kann ich nicht sehen. Möglich, dass ausgerechnet in Deinem Fall sich zufällig mehrere Personen kannten. Aber das muss Zufall gewesen sein.
Bei unserem Jugendamt war der Verlauf komplett anders. Eigentlich dachte ich, wir könnten Vorteile haben (ich wollte sie nicht nutzen, ich stellte es mir nur vor) weil mein Mann bekannt war und mit dem JA oft zusammengearbeitet hat. Aber dem war in keinster Weise so. Im Gegenteil. Später wurden uns richtig Steine in den Weg gelegt. Die Dame dort war in keinster Weise fähig. Ständig sah sie Probleme mit der Trauerarbeit. Ich hatte nie welche, da ich nie vom leiblichen Kind geträumt habe. Ich wollte Mutter sein und da bei uns vom 1. Tag klar war, dass wir gemeinsam keine große Chance auf leibliche Kinder hatten, sagte ich vom 1. Tag an, dass das kein Thema sei, ob für meine Partner und mich Adoption in Betracht käme. Ich habe gleich am 1. Tag unserer angehenden Beziehung an meinen Partner (meinen jetzigen Mann) die Frage gerichtet, ob er sich Adoption vorstellen konnte, da es aus welchen Gründen auch immer bei mir immer im Kopf war (er hatte mir gleich gesagt, dass die Chance auf ein leibl. Kind gering sei).
Er konnte es sich vorstellen! Er gehört auch nicht zu den Männern, die sich ihrer Männlichkeit beraubt fühlen, wenn sie nicht persönlich in der Lage sind, einen Jungen zu zeugen, einen Baum zu pflanzen und ein Haus zu bauen. Er hatte nie Scham, darüber zu sprechen. Es war immer öffentlich. Wir sind auch nicht durch unendliche Versuche in den Infertilitätskliniken gewandert, es war nie eine Diskussion über Für und Wider. Ich wollte Mutter sein. Dafür ist es für mich nicht notwendig, ein Kind zu gebären. Ich muss nicht meine Erbanlagen weiterreichen, mich in meinem Fleisch und Blut widerspiegeln etc.
Ich hätte kein Trauma, wenn ich ein Kind per Kaiserschnitt auf die Welt bringen müsste oder was auch immer leiblichen Müttern, oder die es werden wollen, so einfällt. Ich bin dankbar, dass ich dabei sein darf, wenn ein Kind heranwächst.
Du hast noch ein Kind bekommen, habe ich gelesen. Du weißt sicher, was ich damit sagen will. Es war nur eine Auseinandersetzung mit dem Thema an sich. Mit der Bedeutung von Adoption für alle Beteiligten. In der Hauptsache, was es für das Kind bedeutet und, wie der Verlauf mit der H-Familie sich gestaltet könnte etc.
Die Infos, die man Jahre später bekommt, haben oft einen verfälschten Charakter. Ob Frank sich tatsächlich auf das Spiel Verlobung verlegt hat, kann ich mir schwer vorstellen. In den Siebzigern war die freie Liebe üblich. Partnerschaftswechsel waren fast normal. Die Menschen lebten sich richtig aus. Er hätte genug Freiwild finden können, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dass er ein notorischer Fremdgänger war oder ist, hat damit natürlich nichts zu tun. Ich halte es nur für aufwendig, sich extra zu verloben. Denke, dass er zumindest in den Anfängen weit mehr für Dich empfunden hat. Wie es später ablief, ist wieder eine andere Sache.
Zum Fotoalbum. Für mich hört sich das Verhalten von Herrn Gärtner normal an. Wenn ich mit unserer H-Mutter da sitzen und ein Fotoalbum anschauen würde, hätte ich auch ein mulmiges Gefühl. Ich würde ständig denken, ob sie wohl denkt, ich habe es nicht gut gemacht. Sie ist mit nicht egal. Ich denke sehr oft an sie. Immer, wenn ich Fotos aussuche, überlege ich, was sie wohl beim Betrachten denkt. Als Bekannte sie besuchten, machten sie Fotos von dem ganzen Besuch. Dabei sah man, dass auf dem Tisch alle Fotos verteilt waren, die ich ihr je geschickt habe. Es gab Fotos, da schaute sie extrem traurig, und dann wieder welche, da betrachtete sie die neuen Fotos mit einem lächelnden Gesicht. Beide Bilder waren mir wichtig, weil ich meinem Kind versuchte zu erklären, dass sie auf dem traurigen Bild ihr Kind schmerzlich vermisste, auf dem anderen Bild aber wohl glücklich war, es glücklich zu sehen. Und natürlich will ich, hoffe ich, dass sie nicht den Eindruck hat, mit uns eine falsche Wahl getroffen zu haben. Von daher dachte ich, als Du das schriebst, dass es ihm vielleicht ähnlich ging.
Dass die Familie nicht auf Deiner HP schreiben will, kann ich gut verstehen. So etwas muss reifen. Nicht jeder will sich so öffentlich machen. Ich habe den Eindruck, sie haben Angst vor Dir. Du machst einen mächtigen Eindruck. Deine HP vermittelt im ersten Eindruck (der zweite fehlt mir noch), dass A-Eltern angeklagt werden und dass das Verständnis auf beiden Seiten gar nicht gewollt ist. Das kritisch geschaut werden muss, ist mehr als klar in meinen Augen. Aber es muss auch möglich sein, positive Verläufe zu finden.
Ich stelle mir vor, wie ich wohl empfinden würde, wäre ich an Deiner Stelle. Das ist extrem schwierig. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Man muss mit der Situation leben, die vorhanden ist und das Beste daraus machen. Du kämpfst dafür, dass künftige Abläufe bei Ado´s anders verlaufen. Ein sehr wichtiger Part. Ich wünsche Dir in Deinem Part, dass du irgendwann einen Frieden mit Deiner Vergangenheit machen kannst. Dass Du hoffentlich auch eines Tages ein Gespräch mit den A-Eltern auf einer respektvollen Basis finden wirst, und dass es irgendwann ein Miteinander werden kann.
Die Fronten im Forum haben sich von beiden Seiten in meinen Augen unnötig verhärtet, und ich finde es schade, das so vieles immer wieder in allgemeinen Anklagen, pauschalen Beschimpfungen etc von beiden Seiten führt, anstelle von interessiertem Nachfragen auf sensible Art und Weise, um so einen Austausch möglich zu machen, der allen drei Seiten für die Zukunft hilft, bessere Wege zu finden!
Viele Grüße
Sabia

Hallo Sabia,
in Anlehnung an Dein Vorwort möchte ich Dir auch sagen, dass ich nicht Dich persönlich meine oder angreife, sollte es denn einmal so aussehen. Mir geht es um das Gesamtwesen „Adoption“, welches ich als Unwesen kennen gelernt habe. Diese HP heißt … die andere Seite … und ist einseitig von denjenigen gemacht, die Adoption als traumatisches Ereignis in ihrem Leben erfahren haben. Meine Intention ist, auch der nicht von Adoption betroffenen Allgemeinheit, diese … andere Seite … vorzustellen.
Zu meinem Ex-Verlobten
Zum eigenen besseren Verständnis des Verhaltens meines Ex-Verlobten bin ich u.a. durch das Buch „Begehren, was man verachtet“ von Horst Herrmann gekommen. Die Einstellung und das Benehmen von Machos konnte ich lange nicht begreifen, vor allen Dingen nicht nach der Aufklärungswelle, welche die 68er ausgelöst hatte (ich meine jetzt nicht nur die sexuelle). Aber der Machismo, der zwangsläufig mit patriarchalischen Strukturen einhergeht, hält sich lange und ist verstärkt in reinen Männerorganisationen anzutreffen, wie es früher die Polizei war oder heute z.T. noch das Militär ist. Und bei meinem ganz besonderen Exemplar war wohl auch noch ein sehr ausgeprägter Eroberungsdrang vorhanden, nach dem Motto: „Ich kriege was ich will, egal wie und wodurch!“
In den „Zehn Geboten des Patriarchats“ von Horst Herrmann steht als zehntes:
„Du sollst Deine Gewalt gegen Frauen immer als Liebe ausgeben!“
Ja, und in meinem Fall hat das eine Weile gedauert, bis ich anfing diese „Liebe“ zu durchschauen.
Zu den Adoptiveltern meines Sohnes
Ich habe den Adoptiveltern meines Sohnes die Gelegenheit gegeben, die Geschichte der Adoption von ihrer Seite aus zu schildern. Es wäre ihnen also möglich gewesen, meinen Verdacht schon im Vorfeld auszuräumen. Dann hätte ich meine Geschichte auf der HP auch anders dargestellt, was den Part der Adoptiveltern angelangt bzw. meinen Verdacht vielleicht ganz weggelassen. So wie ich es empfinde, wünschten sich die Adoptiveltern allerdings, dass es mich überhaupt nicht gäbe. Sie haben keinen Dialog zugelassen. Eigentlich kann ich nur von der Adoptivmutter sprechen. Der Adoptivvater ist mir gegenüber wesentlich anders aufgetreten. Aber das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass die Adoptivmutter diejenige ist, bei der Infertilität festgestellt wurde.
Außerdem sah das Wesen von Inkognitoadoption überhaupt nicht vor, dass die Kinder einmal ihre leiblichen Eltern suchen könnten/sollten oder umgekehrt die leiblichen Eltern ihre Kinder. Das ursprüngliche Wesen von Inkognitoadoption ist: nicht leibliche Kinder durch einen Rechtsakt zu leiblichen Kindern zu machen. Das Recht des Kindes auf Wissen um seine Abstammung ist zwar festgeschrieben, aber früher wurde dem wohl kaum Bedeutung zugemessen. Und dass sich irgendwann die „Kinder“ in Scharen einmal aufmachen würden ihre Wurzeln zu suchen, konnte sich wahrscheinlich keiner vorstellen, da sie ja nach den (Wunsch-) Vorstellungen der Jugendamtsmitarbeiter und der Adoptiveltern in einer heilen Welt aufwuchsen und angeblich nichts entbehren mussten.
Zu den mafiaähnlichen Strukturen der Jugendämter
Dass sämtliche Jugendämter der Mafia angehören, glaube ich auch nicht ;-) Seit ich einige Berichte von Müttern, deren Kinder adoptiert wurden kenne, glaube ich aber, dass Vetternwirtschaft und Vorteilsnahme von Jugendamtsmitarbeitern nicht die Ausnahme sind. Ich hoffe, in den nächsten Monaten noch die Geschichte einer H-Mutter veröffentlichen zu können, bei der mir ziemlich übel geworden ist, was die Rolle des Jugendamtes anbelangt. Leider wird die Mutter jedes Mal so krank, wenn sie über die Vergangenheit spricht, dass es wohl noch einige Zeit dauern wird, ehe sie ihre komplette Adoptionsbiographie niederschreiben kann. Das Ganze ist jetzt 34 Jahre her.
Zur Arbeitsweise von Jugendämtern
http://www.bononet.de/berater/109/adoption.pdf
Unter dieser Internetadresse steht ein Referat von Joachim Damus über „Adoption“. Im Wesentlichen greift er auf Umfrageergebnisse einer bayrischen Untersuchung von Martin R. Textor zurück. Aus dieser geht davon aus, dass die Situation in den anderen (alten) Bundesländern vergleichbar ist.
Auf Seite 7 steht dort:
„Der positiven Bewertung (der Adoptionsvermittler) von halb offenen gegenüber offenen Adoptionsformen entspricht also die weitaus größere Zahl praktizierter halb offener Adoptionen. Zudem nennen einige wenige Fachkräfte besonders viele, von ihnen durchgeführte offene bzw. halb offene Adoptionen – nachdem sie irgendwann mit diesen Adoptionsformen begonnen haben, machen sie nun von ihnen häufig Gebrauch. Beides dürfte ein Beleg dafür sein, dass die Einstellungen der Adoptionsvermittler ihre Praxis mitbestimmen …. So ist zu problematisieren, ob diese Unterschiede in den Einstellungen nicht auch zu Unterschieden in der Praxis führen und ob diese Unterschiede nicht im Widerspruch zu dem Anspruch auf professionellen Status stehen.“
Der professionelle Status der Jugendamtsmitarbeiter entspricht nach meiner heutigen Erfahrung eher dem Status eines Waschküchenkabinetts. Vom Gesetzgeber sind sie mit richterlicher Macht ausgestattet, während ihre Kompetenz dem Zufall überlassen ist. Im Bereich von Adoption wird je nach Mode entschieden und gehandelt.
Zurzeit erscheint es ihnen opportun Adoptionsbewerbern Trauerarbeit in ausreichendem Maße abzufordern. Wobei ich mir immer die Frage stelle, welche Skalen sie für ihre Messungen benutzen.
Ob es zu einer Adoption kommt oder nicht, hängt im Wesentlichen von der Einstellung der Jugendamtsmitarbeiter ab, sowohl für die H- als auch für die A-Ebene.
Zur Notwendigkeit von Adoption
Du schreibst: … „Schön wäre, wenn Du eine Möglichkeit siehst, nicht nur kritisch zu betrachten, sondern auch die Möglichkeit zulässt, dass es A-Eltern gibt, die die Geschichte in Deinem Sinn betrachten, sofern Adoption notwendig war.“
Ich halte Adoption grundsätzlich für unnötig!
Für notwendig halte ich die anderweitige Unterbringung von Kindern aus verwahrlosenden, misshandelnden Familien. Ob vorübergehend oder dauerhaft muss im Einzelfall entschieden werden.
Ich denke, dass auch halb-/ offene Adoption für Kinder allenfalls die zweitbeste Lösung ist. Auch hier trifft m.E. die Ausführung von Irmela Wiemann zu:
„Es ist für jedes Adoptivkind ein dauerhaft schweres Schicksal, verbunden mit Gefühlen der Kränkung und Zurückweisung, von Mutter oder Vater oder von beiden getrennt oder fortgegeben worden zu sein. Adoptierte tragen alle lebenslang schwer an dieser Last. Die doppelte Elternschaft, die Kränkung fortgegeben worden zu sein, können wir Adoptierten niemals nehmen."
Diese grundlegende Belastung, mit welcher Adoptivkinder leben müssen, wurde/wird von den meisten Adoptionsvermittlern den H-Eltern gegenüber verschwiegen. Ihnen wird von den Adoptionsvermittlern nur das Paradies vor Augen geführt, in welches ihr Kind durch Adoption gelangen kann. Im Nachhinein klingt es dann so, als ob die Adoptionsvermittler alles dafür getan hätten, dass die H-Eltern ihre Kinder behalten. Für Adoptiveltern dagegen liest sich das so: „Wer gibt schon sein Kind freiwillig ab, wenn er von der lebenslangen schweren Last erfährt, die dem Kind mit Adoption angetan wird. Die können ihr Kind ja gar nicht gewollt/geliebt haben!“
Früher haben die Adoptionsvermittler ihre Hände in Unschuld gewaschen, indem sie gegenüber den Adoptiveltern und der Gesellschaft so taten: „…wir haben ja alles versucht, aber wenn die Mütter ihre Kinder nicht wollen, kann man reden so viel man will …“ In Wirklichkeit haben sie ihre Ideologien ausleben können und ihre Allmacht als Familieningenieure. Heute ist ihr neuestes Konstrukt die doppelte Elternschaft für Adoptivkinder.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ihre Fachsprache. Sie reden vom Adoptionsdreieck aus welchem mittlerweile ein Adoptionsviereck geworden ist.
Die grafische Darstellung auf der Titelseite von
„Die leiblichen Eltern im Adoptionsprozeß – verändert sich die Adoptionspraxis?“ Günter Smentek – Schulz-Kirchner Verlag
zeigt ein gleichseitiges Dreieck bzw. ein Quadrat.
Folgenden Personengruppen sind die Seiten dieser geometrischen Figuren zugeordnet:
Adoptionsdreieck = Adoptiveltern – Jugendamt – Kind
Adoptionsviereck = Adoptiveltern – Jugendamt – Kind – Herkunftseltern
Sowohl die Begriffe „Adoptionsdreieck“ - „Adoptionsviereck“ als auch die geometrische Darstellung dieser Konstrukte erzeugen beim Betrachter den Eindruck der gleichen Mächtigkeit aller Beteiligten.
In beiden Darstellungen hat das Kind meines Erachtens gar nichts zu suchen, da über das Kind verhandelt wird, bzw. das Kind gehandelt wird.
Wenn es eine zutreffende geometrische Darstellung gäbe, wäre es ein Dreieck bestehend aus den Personengruppen: Adoptiveltern – Jugendamt – Herkunftseltern. Wobei aus rechtlichen (Gerechtigkeits-) Gründen dann auch kein gleichseitiges Dreieck dargestellt werden dürfte, da der gleichberechtigte Part der Herkunftseltern (-mütter) in den meisten Fällen doch stark eingeschränkt ist.
Warum Mütter ihr Kind "freiwillig" zur Adoption freigeben
Ich greife noch einmal auf das Referat von Joachim Damus „Adoption“ (Seite 8) zurück, was sich hinsichtlich der Mütter größtenteils auch mit meinen Erfahrungen deckt.
Gründe, warum Säuglinge oder Kleinkinder zur Adoption freigegeben werden
Zu dieser Ausgangssituation kommt dann das Adoptionsselbstverständnis der Adoptionsvermittler hinzu, die den Müttern lt. der bayrischen Umfrage folgendes bescheinigen:
Entsprechend wurden/werden die Mütter fast ausschließlich pro Adoption beraten.
Weiter in der Umfrage:
Dieses Wissen um das „Leiden“ der abgebenden Mütter im Allgemeinen wird der einzelnen Mutter während der Beratung wohlweislich verschwiegen. Man will ihr das Leben ja nicht unnötig schwer machen. Nicht umsonst nennen sich die Jugendamtsmitarbeiter auch Fürsorger.
Auslandsadoption
Bei Auslandsadoption kommt neben o.g. Freigabegründen noch hinzu, dass viele Mütter aus Drittweltstaaten fast keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu Bildungseinrichtungen haben und teilweise sogar Analphabetinnen sind. Sie sind nicht nur vom höheren Sozialstatus der Adoptiveltern geblendet sondern auch ganz allgemein vom Reichtum und Wohlstand der ersten Welt. Sofern diese Mütter ihre Kinder tatsächlich freiwillig zur Adoption geben, fehlt ihnen komplett das Wissen um die Diskriminierungen, welchen Ausländern (aus Drittweltländern) hier ausgesetzt sind.
Und Multikulti hin oder her, wir leben auch heute noch im Zeitalter der Nationalstaaten. Die Entwicklung ist zwar unterschiedlich, siehe Europa, aber es gibt noch genügend Völker, die gerade erst versuchen einen eigenen Staat aufzubauen. Und mit Auslandsadoption nimmt man den Kindern nicht nur ihre familiäre Herkunftsidentität sondern auch die kulturelle. Und zu der Schmach: „Warum haben meine eigenen Eltern mich nicht behalten?“ kommt hinzu: „Warum hat noch nicht einmal mein Heimatland mich behalten?“
Der Kinderwunsch von Adoptiveltern
Adoption ist in unserem kollektiven Gesellschaftsselbstverständnis so tief verankert, dass bei nicht möglicher leiblicher Elternschaft die Adoptivelternschaft als (fast) adäquate Alternative gilt.
Du schreibst:
„Ich wollte Mutter sein. Dafür ist für mich nicht notwendig, ein Kind zu gebären. Ich muss nicht meine Erbanlagen weiterreichen, mich in meinem Fleisch und Blut widerspiegeln etc. Ich hätte kein Trauma, wenn ich ein Kind per Kaiserschnitt auf die Welt bringen müsste oder was auch immer leiblichen Müttern, oder die es werden wollen, so einfällt. Ich bin dankbar, dass ich dabei sein darf, wenn ein Kind heranwächst. Du hast noch ein Kind bekommen, habe ich gelesen. Du weißt sicher, was ich damit sagen will.“
Sofern Adoption nicht wirklich als Hilfsmassnahme für ein Kind erfolgt, sondern dazu dient, nicht fortpflanzungsfähigen Menschen einen Ersatz für das Ausleben von Mutter-/ Vaterschaft zu ermöglichen, halte ich von Adoption noch viel weniger. Es degradiert den adoptierten Menschen vollends zum Objekt. Der nächste Schritt ist die Leihmutterschaft, der übernächste das Klonen oder Züchten in Reagenzgläsern wie in Aldous Huxley’s „Schöne neue Welt“ beschrieben.
So, das sind so meine Erkenntnisse und Gedanken zum Thema Adoption.
Viele Grüße
Brigitte
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Hallo Brigitte!
Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort! Wie ich sehe, gibt es keinerlei Grundlage für weiteren Austausch. Schade, aber nicht zu ändern!
Sofern Adoption nicht wirklich als Hilfsmassnahme für ein Kind erfolgt, sondern dazu dient nicht fortpflanzungsfähigen Menschen einen Ersatz für das Ausleben von Mutter-/ Vaterschaft zu ermöglichen, halte ich von Adoption noch viel weniger. Es degradiert den adoptierten Menschen vollends zum Objekt. Der nächste Schritt ist die Leihmutterschaft, der übernächste das Klonen oder Züchten in Reagenzgläsern wie in Aldous Huxley’s „Schöne neue Welt“ beschrieben.
Was soll ich dazu schreiben. Adoption sollte in meinen Augen keinerlei sozialen Vordergrund haben. Dass es dennoch eine Hilfe für das Kind ist, ist in meinen Augen positives Beiwerk.
Kinder sollten nicht irgendwo gut untergebracht werden, sondern alle Liebe bekommen, die möglich ist, und die sie, aus welchen Gründen auch immer von ihren H-Eltern nicht bekommen konnten. Nicht irgendwo zwischengeparkt werden.
Es fällt mir noch eine Menge ein, aber es ist müßig, mehr dazu zu schreiben, da unsere Meinungen so gegensätzlich sind.
Viele Grüße
Sabia
