Bonnie - adoptiert …
… es gibt halt dinge, die fassungslos machen, aber kaum unvermeidbar sind, wenn zwecks aufräumen der vergangenheit gründlicher darin herumgewühlt werden muß, um an früh/kindlich erlebtes heranzukommen, bzw. gezwungen ist, es dann zuzulassen.
na ja, dieses auf und ab der suche ist für die gesamte familie kein erfreulicher zustand, die man einfach damit nicht belasten will und zum anderen von ihnen kaum verstanden wird. überhaupt am ende wieder vor unbegreiflichen zusammenhängen zu stehen, so kaum etwas ab- bzw. aufgearbeiten kann, um endlich einmal wieder freier nach vorne zu blicken. durch dieses 'herumwühlen habe ich vielleicht, nur vielleicht für die fehlenden babyfotos eine (von vielen) neue erklärung gefunden.

wenn ich einem schriftstück glauben kann, obwohl da alles vorne und hinten nicht zusammenpaßt, wäre ich mit vierzehn tagen bei a-eltern in PFLEGE gewesen. meine a-eltern hatten nach dem verlust ihres leiblichen kindes (während der schwangerschaft), und der erkenntnis keine eigenen mehr bekommen zu können, vor mir noch einen kleinen pflegesohn, an dem sie hingen. ein thema, was in meiner gegenwart damals völlig verschwiegen wurde, absolut tabu war. ich hab es auch erst nach ihrem tod vor langer zeit mal von einer a-tante erfahren. sie mußten ihn (nach monaten? keine ahnung) doch wieder der leiblichen mutter überlassen.
meine adoption stand fast sechs jahre in der schwebe. ich erinnere mich noch sehr deutlich an die mir natürlich unverständlichen, aber entsetzlichen wutausbrüche meines (da ja noch) pflegevaters, der wahrscheinlich ein weiteres scheitern und herausnahme eines zweiten kindes nicht mehr hinnehmen wollte, sich nicht mehr wegnehmen lassen wollte. es ging vermutlich nicht mal so sehr um mich, sondern mehr um EIN kind.
im zusammenhang mit fehlenden fotos stellte sich mir deshalb die frage, daß sie sich möglicherweise nicht mehr auf eine allzu enge bindung einlassen konnten/wollten. im äußersten fall dann durch nichts mehr an mich erinnert werden wollten ... diese erklärung stimmt zumindest mit meinen gefühl an diese zeit und den erinnerungen noch am ehesten überein.
bis heute weiß ich allerdings nicht, was los war, ob sich das ganze aus gleichgültigkeit oder angst meiner h-mutter, nochmal an der sache zu rühren, oder aus der vagen hoffung heraus, mich noch zurücknehmen zu können, so lange hingezogen hat - wird durch nichts nachvollziehbar.
da wünschte ich mir schon mehrfach, von all diesen gedanken einmal befreit, alles einmal vergessen zu können, mich nie mehr wieder als überflüssiger balg, bastard, kostenfaktor, nicht rückgängig zu machenden unfall, fehltritt, sexualmüll, für alles und jedes ewig dankbarer mensch usw. zu sein, von wem auch immer gesehen, begriffen, empfunden werden - sich einfach nur als normaler freier mensch fühlen können, wird wohl immer ein wunsch bleiben.
dieses wackelige etwas von freiheit-und-zutrauen-gefühl das ich mir schon einmal über jahrzehnte mühsam erarbeitet hatte, ist mir im zuge der aktensuche und den damit verbundenen erfahrungen (rechtslage, sowie die unvorbereitet angetroffene haltung der h-familien, ihrem ausweichen, den lügen, versteckspiel u. dergleichen) wieder völlig abhanden gekommen, wurde dabei regelrecht zermalmt.
in der letzten der drei folgen der doku-reihe "mein vater der feind" (3sat) ging es um kinder aus liebesbeziehungen mit russischen besatzungssoldaten, auch um die aus vergewaltigungen entstandenen kinder, um kriegswirren, rache, liebe usw…

wie sie durch die brutalität des krieges, der unmenschlichen gesetze, unglückliche verkettungen und vertuschen der umstände ihre väter verloren.
hat mich total aufgewühlt ihr erlebtes, und fand mich im damaligen umgang mit unehelichen (außerehelichen) kindern, die nicht sein durften, nur zu gut wieder.
besonders die zeitgeschichtlichen runduminformationen machten nachdenklich, die tatsache, daß kinder letztlich danach, WIE sie entstanden sind, "bewertet" wurden (ist heute fast undenkbar, aber schon irgendwo noch latent spürbar). auch, daß u.a. die kirche vor, und kurz nach kriegsende vergewaltigten frauen in form von abtreibung geholfen hat, das heute als duldung bezeichnet, ist erstaunlich, steht es doch im krassem gegensatz zu dem, was sie lehrt und predigt.
inzwischen glaube ich an nichts mehr, wenn eine kirche im zeitalter von aids und aids-waisen, verhütung anprangert, ist das nicht mehr nachvollziebar für mich, bekomm ich das irgendwo nicht zusammen. von daher warf sich nach dem tv-beitrag die frage auf, ob überleben generell immer von zeitgeschichtlichen fakten abhängig war/ist, sein wird, ab wann unerwünschter mensch von gesellschaft noch so eben, vor allem als was geduldet, oder geduldet vernichtet werden kann.

ich empfinde zutiefstes mitgefühl mit diesen (überwiegend noch aus scham schweigenden) frauen, mußte aber auch darüber nachdenken, wie nicht nur sie, auch ihre kinder mit der ihrer von daher oft lückenhaftem biographie leben; und ob kinder aus dieser zeit ihr überleben ausschließlich einer zu spät erkannten schwangerschaft und/oder dem willen ihrer mütter zu verdanken hatten, oder ihr nichtüberleben den schrecklichen umständen, der extrem schlechten versorgungslage, oder der jeweiligen moralischen und politischen gesinnung und verurteilung zum opfer fiel (kam wohl mehreres zusammen).
das wirft in bestimmten momenten, gerade weil adoption etwas so endgültiges ist, überlegungen auf, dem möglicherweise selber ausgesetzt und entronnen sein zu können; jedenfalls aus der eigenen (durch bewußtes verschweigen) unbekannt bleibenden geschichte folgernd, und den damit verbunden lebenslangen überlegungen vorhandener möglichkeiten ... welches erbe mir wirklich von den leiblichen eltern mitgegeben und überlassen wurde, dieses lebenslange kreisen um die versuchte auslöschung meines lebensanfangs. ein gefühl, das nicht irgendwann von alleine verschwindet, ignoriert werden kann, durch adoption und verleugnung dem ausgesetzt und ausgeliefert worden zu sein, incl. dem bewußtsein des schweigen aller beteiligten, verschwundener akten etc. weder ein durchbrechen des familiengeheimnisses, noch aufarbeitung desselben möglich ist/wird.
ebenfalls, wie sich dieser umstand auf eigene kinder und kindeskinder auswirken wird, als roter familiengeheimnis-faden weiter durch weitere generationen zieht als folge verzerrter moralvorstellungen, überarbeitungsbedürftiger gesetze und inkognitoadoptionen ...
aber was kümmerts diejenigen, wenn mensch mit a-status und aufarbeitung probleme bekommt, nicht einmal an entsprechenden stellen aufschluß über den sich nicht ausgesuchten rechtlichen status erhält (z.b. altes a-gesetz, vielleicht gegen bares von fachanwälten?), sich mit dem glück bei a-eltern aufwachsen zu können nicht allein zufrieden geben wollen oder können ... was haben wir schon zu wollen?

ich könnte mir sogar vorstellen, daß dieses denken nicht nur im datenschutz, auch bei sozialarbeitern mit in eine aktenöffnung einfließen könnte - zumindest beim sozialdienst katholischer frauen (sfk), auf deren i-seiten sich bisher keine einzige anlaufstellen für adoptierte finden konnte, demnach akteneinsicht und aufarbeitung nicht unterstützt wird!
Bonnie

März 2008
ich hatte als kind immer so eine sch... angst vor den wutausbrüchen meines a-vaters. da hätte ich nicht einmal gewagt nur daran zu denken, sie könnten mir über meine herkunft was vorenthalten. das war wirklich wie gehirnwäsche. hab aber immer gespürt, was sie mit allen mitteln vermieden, bzw. zu verhindern suchten.
da ich als kind schon die adresse kannte, weil ich zufällig den adovertrag gefunden hatte, hab ich mich mit ca. 12 jahren endlich getraut, heimlich eine postkarte an meine (im a-vertrag stehende) mutter zu schreiben, die ich dann aber mangels geld und briefmarke nicht abschicken konnte (war alles strategisch unter kontrolle!). die hat dann mein a-vater gefunden und abgefangen. er hatte eh immer meine sachen unter kontrolle ... für ihn war ich wie der gläserne mensch, ein leben wie in big-brother!
es wurde also nichts daraus... aber - diesmal folgte kein wutanfall (verlustängste?), was mich fast irritierte, da konnte er sich komischerweise beherrschen und zusammenreißen! er legte mir die postkarte vor und fragt, was ich denn damit bezwecken wolle ...schreiben würde keinen sinn machen, da ich ja nicht gewollt war und mich da niemand vermisse ...
weiß nicht, was sie danach noch von mir erwarteten, dass ich mich, weil sie mich genommen haben, vor dankbarkeit zerreiße? das konnte und wollte ich ihnen nicht auch noch vorspielen müssen... es war so verlogen alles!!!!!
und es wurde weiter geschwiegen.
die bedrückende stimmung, die danach aufkam, kann ich kaum beschreiben. es hat mich als kind alles so verunsichert, so traurig und hoffnungslos gemacht, fühlte mich einfach nur noch scheiße. darüber konnten sie jedoch gut hinwegsehen ...
a-eltern ....