1. Teil
Aus: „Die abgebende Mutter im Adoptionsverfahren“ von Christine Swientek - 1986
10.4 „Besondere“ Methoden der Adoptionsvermittlung
… Während manche Adoptionsfälle noch wie unglückselige Verstrickungen anmuten mögen, gibt es einige, die unabhängig von der Region und dem Jahrzehnt eindeutig Formen von Behördenwillkür, von Amtsmissbrauch, wenn nicht sogar strafrechtlich relevante Handlungsmuster erkennen lassen. … Drei besonders herausragende „Methoden“ der Vermittlung, die ich in meinem Untersuchungsgut gefunden habe, sollen hier vorgestellt werden…
10.4.1. Die „Hau-ruck-Methode“
… Diese selektive Wahrnehmung mancher Adoptionsvermittler nimmt jedoch nur noch einen Punkt wahr: wie gewinne ich ein Kind zur Adoptionsvermittlung? … Eine Adoptionsvermittlerin benötigte für den gesamten Akt nur ein paar Stunden: Vom Erstgespräch am Vormittag zur Abholung des Kindes am Nachmittag (so schnell handeln die Jugendbehörden i.d.R. nicht einmal wenn es um Kindesmisshandlung geht!).
… Auch wenn in den beiden folgenden Fällen (…) der Eindruck entsteht, als habe die Kindesmutter voll hinter der Maßnahme gestanden, so muss doch hervorgehoben werden, dass es in einem Fall e i n Beratungsgespräch, im anderen k e i n e s zwischen der Vermittlungsstelle und der Kindesmutter gab. Mit ihrem schnellen Zugriff und den wartenden Adoptiveltern im Nachbarzimmer wird der ganze Trend deutlich: so schnell wie möglich, so wenig Überlegung wie möglich, so schlechte Alternativen wie möglich. Alternativen brauchen nur entsprechend dargelegt zu werden, um von der Kindesmutter als „alle außer der Adoption schlecht“ empfunden zu werden.
10.4.2 Das „Kesseltreiben“
Der Begriff „Kesseltreiben“ stammt (wie so viele Begriffe der Pädagogik!) aus der Kriegsführung. Der Feind wird eingekreist, eingekesselt und von allen Seiten gleichzeitig zusammengetrieben – ohne Ausweg. „Ich habe gar keine andere Wahl gehabt“, „Ich hatte damals gar keine Chance“, „Man hat mir von keiner Seite Hilfe angeboten, mich nur fertiggemacht“ … sind einige Kennzeichen der Lebenssituation, in der sich Schwanger/ledige Mütter teilweise befinden, die später ihr Kind adoptieren lassen. In diesem Sinn haben sich viele Frauen in meiner Untersuchung ausgesprochen. Bei einigen, die ihre damalige Situation ausführlicher schilderten wird plastisch, wie ausweglos sie von allen Seiten „eingekreist“ wurden, ohne eine Chance des Entkommens zu haben – hier: eine Chance, der adoptionswütigen Behörde zu entkommen, um in Ruhe mit dem gewünschten (!!!) Kind leben zu können.
…
Die hier dargestellten Elemente dieses „Kesseltreibens“ finden sich einzeln in den meisten Fällen. Am häufigsten war die mangelhafte Aufklärung über Alternativen zur Adoption zu verzeichnen. Dort, wo die Mütter sich „widerspenstig“ zeigten, obwohl die Ämter die Adoptionsvermittlung lange beschlossen haben, werden dann alle Register gezogen: vom Überreden zum Schmeicheln und Drohen, vom Arbeiten mit den Schuldgefühlen bis zum Arbeiten mit den Angstgefühlen – und wenn das alles nichts nützt, die Mutter sich immer noch weigert, kann noch immer auf die „Hau-ruck-Methode“ zurückgegriffen werden. In Kombination mit der Methode „Arbeiten mit der Zeit – Erstmal in Pflege“ ist auf solche Weise eigentlich noch jede Adoption „geglückt“.
10.4.3. Das „Arbeiten mit der Zeit“ oder: „Erstmal in Pflege“
„Wichtig ist aber, ich selbst erklärte es immer von neuem, ich gebe mein Kind nicht zur Adoption frei, ich betone, niemals würde ich mit so einer Handlung einverstanden sein! Jetzt aber ritt man einen anderen Gaul, man bahnte das Gespräch in die Richtung, nur noch von einer Pflegestelle zu reden. Dazu habe ich mich dann nach langem Hin und Her verleiten lassen. Heute weiß ich, man hat mich vorsätzlich irregeführt…“
„Erstmal in Pflege“ sollten viele Kinder meiner Untersuchung gegeben werden. Über kurz oder lang wurden Adoptionen daraus – selten im Interesse und mit vollem Einverständnis der Kindesmutter.
2. Teil
Adoptionsvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit

3. Teil
Kindergewinnungsmethoden
Im nachfolgenden schildere ich weitere Methoden, die JugendamtsmitarbeiterInnen anwandten, um in den Besitz von Kindern zu kommen. In wieweit diese Methoden gang und gäbe waren und sind, entzieht sich meiner Kenntnis, da diejenigen MitarbeiterInnen der Behörden, die es wissen, schweigen.
Ich habe die Praktiken, welche Christine Swientek in ihren Büchern schildert, um meine eigenen Erfahrungen und die anderer Mütter, erweitert. Es ist eine Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, die SozialarbeiterInnen unter dem Vorwand „Zum Wohle des Kindes“ an Müttern und ihren Kindern begangen haben.
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Die nachfolgenden Methoden wurden je nach Bedarf in Kombinationen eingesetzt, bis der Zweck erreicht war: Die Unterschrift der Mutter zur (Inkognito-)Adoption ihres Kindes.
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Pakt zwischen Eltern und JA-MitarbeiterInnen
Relativ leichtes Spiel hatten die JA-MitarbeiterInnen, wenn die Eltern einer (noch nicht volljährigen) Mutter zu Verbündeten wurden. Der Vater des Kindes war häufig auf und davon oder wurde durch Eltern und/oder Behörden ausgeschaltet. Vor anderen Verwandten, Freunden oder der Nachbarschaft hielt man die Schwangerschaft geheim. Teilweise wurden die schwangeren Töchter zu weit entfernt wohnenden Verwandten, Bekannten oder in Heime gegeben. So erreichte man eine völlige Isolierung der Mutter von ihrem bisherigen sozialen Umfeld. Die Adoptionsfreigabe wurde von den Eltern der Mutter und den JA-MitarbeiterInnen alleine ausgehandelt. Die Mutter wurde nicht gefragt, ihre Wünsche oder Bedürfnisse ignoriert.
Erschleichen des Vertrauens
War die (noch nicht volljährige) Mutter selbstbewusster und nicht völlig von ihren Eltern abhängig, begann ein mehr oder weniger langes Zusammenspiel von Eltern und JA-MitarbeiterInnen. Die Eltern versagten ihrer Tochter jegliche emotionale und finanzielle Unterstützung bis sie zur Vernunft kommen würde. Die JA-MitarbeiterInnen umschmeichelten sie, bis sich die junge Mutter von den JA-MitarbeiterInnen verstanden fühlte und ihnen ihr Vertrauen schenkte. War dieser Zustand erreicht, wandten die JA-MitarbeiterInnen eine einfache aber wirkungsvolle Taktik an. Sie malten der jungen Mutter (oder noch Schwangeren) aus, wie ihr weiteres Leben mit Kind verlaufen würde und wie sehr ihr Kind darunter leiden müsse. Kein Geld, keinen Beruf, keine Wohnung, kein Mann, keine Zukunft.
Aber es gab eine Lösung: Adoptiveltern. Sie hatten alles das, was der jungen Mutter fehlte. Die Mutter musste nur ihren Egoismus aufgeben, das Kind selber großziehen zu wollen. Wenn sie ihr Kind wirklich liebte und tatsächlich sein Bestes wolle, gäbe es keine andere Lösung. Außerdem wäre es ja auch gut für den weiteren Lebensweg der Mutter und wenn es ihr später einmal besser ginge, könnte sie ja noch viele eigene Kinder bekommen. Durch das zuvor erschlichene Vertrauen kamen die meisten Mütter nicht darauf, dass die JA-MitarbeiterInnen ihnen bewusst jegliche staatliche oder sonstigen Unterstützungsmöglichkeiten verschwiegen. Da diese Unterstützungsmöglichkeiten den Müttern aufgrund ihrer Jugend, ihrer Unerfahrenheit oder ihrer Sozialisation unbekannt waren, konnten sie nicht danach fragen und sich auf anderen Wegen Informationen holen.
Drohung und Erpressung
Sahen die Mütter ihre eigenen Zukunftsaussichten mit Kind nicht so pessimistisch und folgten nicht den „logischen“ Darstellungen der JA-MitarbeiterInnen, ging man zur nächsten Taktik über, drohte den Müttern und erpresste sie.
„Wenn Sie nicht vernünftig sind und unterschreiben, werden wir das Vormundschaftsgericht einschalten.“
„…, kommt das Kind ins Heim.“
„…, kommt das Kind zu Pflegeeltern und sie dürfen es nicht besuchen.“
„…, müssen Sie sofort das Pflegegeld, die Heimunterbringungskosten, die Arztrechnung, die Krankenhausrechung, etc.… in Höhe von …, bezahlen.“
Mir ist ein Fall bekannt, in welchem man der Mutter drohte, auch ihr dreijähriges Kind wegzunehmen, wenn sie nicht bereit wäre, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben. Die Mutter war zum Zeitpunkt der zweiten Geburt allein stehend und arbeitslos. Sie hat unterschrieben, um wenigstens das erste Kind behalten zu dürfen.
Abstrampeln lassen bis kurz vor dem Untergang
Eine weitere beliebte Methode, war die Taktik des „Abstrampeln lassens“ der Mütter, die versuchten ihre Kinder alleine durchzubringen. Da unehelich geborene Kinder automatisch einen Amtsvormund erhalten, sind sie und ihre Mütter damit auch automatisch den JA-MitarbeiterInnen bekannt. Hatten die Mütter weder während der Schwangerschaft noch in der ersten Zeit nach der Geburt von sich aus um Amtshilfe gebeten, waren sie aufgrund der Amtsvormundschaft trotzdem im Visier der JA-MitarbeiterInnen. So konnten sie sich ein Bild der Situation von Mutter und Kind verschaffen und je nach Lage in Seelenruhe abwarten, wie lange die Mutter es schaffen würde, alleine durchzukommen.
Von Seiten der JA-MitarbeiterInnen war nur Geduld erforderlich, bis die Mutter, aufgrund fehlender eigener Ressourcen, aufgeben würde. Verschärfen konnten sie die Situation, ohne das es auffiel, durch Vorladungen zu ungünstigen Terminen, durch besorgte Anrufe bei Nachbarn oder Vermietern, welche die Mutter einem immer größeren psychischen Stress aussetzte. Gleichzeitiges Verweigern von rechtlicher, materieller und sozialer Hilfe (z.B. in Form empathischer Gespräche) tat ein Übriges und die anschließende Taktik, wie in „Erschleichen des Vertrauens“ beschrieben, führte in den meisten Fällen zur gewünschten Unterschrift. Diese Methode wurde hauptsächlich von JA-MitarbeiterInnen angewandt, die sich nicht nachsagen lassen wollten, aktiv daran mitzuwirken, einer Mutter ihr Kind wegzunehmen.
Adoption als Eintrittskarte ins Paradies für Kinder
Viele Mütter, die von sich aus in Kontakt mit dem Jugendamt kommen, haben ein positives Bild von JA-MitarbeiterInnen und vertrauen deren Aussagen daher fast blind. Diese Mütter entstammen meist selbst der Mittelschicht und wurden im Glauben erzogen, dass angesehene Mitglieder der Gesellschaft, wie Lehrer, Erzieher, Juristen, Ärzte, Priester und Sozialarbeiter „DIE WAHRHEIT“ wissen und
„DIE WAHRHEIT“ sagen. Auf die Idee, dass diese Personen ihren eigenen Ideologien anhängen, und z.B. viele JA-MitarbeiterInnen fest davon überzeugt sind, dass nur Adoption „zum Wohle des Kindes“ führt, und bereit sind, für diese Ideologie, Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten und mit Drohungen und Erpressung zu arbeiten – auf diese Idee kommt im Normalfall keine Hilfe suchende Mutter.
Aber häufig ist es auch gar nicht nötig, dass die JA-MitarbeiterInnen zu diesen Methoden greifen müssen. Verständnisvolle Gespräche zwischen mütterlicher JA-Mitarbeiterin und Rat suchender Mutter über die Bedürfnisse und das Wohlergehen des Kindes reichen oft völlig aus. Welche Mutter wünscht sich nicht, ihrem Kind ein liebevolles Heim geben zu können, in einem schönen Haus, mit einem großen Garten, mit Geschwistern, mit Großeltern. Ein ausreichendes Einkommen zu haben, um dem Kind Wünsche zu erfüllen und ihm eine gute Ausbildung mit auf den Weg zu geben. Da die eigene Lebenssituation der Mutter derzeit und wahrscheinlich oft noch auf Jahre hinaus, diese idealen Bedingungen nicht zulässt, werden Adoptiveltern zu Rettern und Engeln phantasiert, was die JA-MitarbeiterInnen fleißig unterstützen.
Den Müttern wird keine Hilfe zur Selbsthilfe aufgezeigt, sondern sie werden von den JA-MitarbeiterInnen gelobt und als besonders verantwortungsvoll und vernünftig gepriesen, wenn sie ihrem Kind Adoption angedeihen lassen. Diese Mütter unterschreiben freiwillig und wiegen sich manchmal jahrzehntelang im Glauben, sie hätten etwas Gutes getan und ihren Kindern ein Leben im „Paradies“ ermöglicht.
Was sie nicht wissen und was die JA-MitarbeiterInnen nicht wissen wollen oder aufgrund ihrer ideologischen Bewusstseinstrübung verschweigen ist, wie sehr Adoptivkinder durch ihren Status „Adoption“ und dem „verlassen und weggeben worden sein“ von ihren Müttern belastet sind und leiden. Diese Seite des Tabus „Adoption“ erfahren nur Adoptierte und Mütter, die ihre Kinder irgendwann einmal, als mehr oder weniger seelisch kranke Jugendliche oder Erwachsene wieder finden.
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