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Babyblues - Wochenbettdepression
Frust statt Euphorie
Viele Frauen erleben nach der Geburt ein seelisches Tief. Manchmal wird daraus aber auch eine schwere Depression.
Sie hätte lieber Vitamine nehmen und Sport treiben sollen, als zum Psychiater zu gehen.“ – Mit dieser Talkshow-Bemerkung über seine Kollegin Brooke Shields hat sich Frauenschwarm Tom Cruise ordentlich in die Nesseln gesetzt. Die Schauspielerin, die 2003 nach der Geburt ihrer Tochter eine schwere Depression bekommen und psychologische Hilfe beansprucht hatte, warf dem Hollywood-Star daraufhin „ein erschreckendes Maß an Unverstand“ gegenüber einer sehr speziellen psychischen Erkrankung vor: der Wochenbettdepression.
Mit seinem „Unverstand“ steht Tom Cruise allerdings nicht allein da. Psychische Probleme nach einer Schwangerschaft gelten als Tabu. Sie passen nicht in das gängige Mutterbild, das sagt: Wenn eine Frau gerade ein Baby bekommen hat, sollte sie einfach nur glücklich sein. Dieses Glücksgefühl erwarten Gesellschaft, Familie und auch die frisch gebackene Mutter selbst.
Tatsächlich erleben bis zu 20 Prozent aller Frauen nach der Entbindung etwas, das die Fachleute heute postpartale Depression (PPD) nennen (früher: postnatale Depression). Und die meisten jungen Mütter wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Denn das Thema „Wochenbettdepression“ gehört weder zum Standardprogramm einer Geburtsvorbereitung, noch spielt der Seelenzustand der Frau in der Betreuung nach der Entbindung eine Rolle.
Nur langsam verbreitet sich die Erkenntnis, dass es mit einem „Stell dich nicht so an!“ keineswegs getan ist, wenn eine junge Mutter mit ihrem Neugeborenen todunglücklich ist. PPD-Experte Stefan Bleich, Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen, kritisiert daher besonders, dass viele Frauen sich unnötig lang mit den teils heftigen Symptomen einer Depression herumplagen. „Das müsste wirklich nicht sein. Denn eine postpartale Depression ist relativ schnell unter Kontrolle zu bringen und gut heilbar“, sagt er.
In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Stefan Bleich, geschäftsführender Oberarzt der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen
Vom Blues bis zur Psychose
Drei bis vier Tage nach ihrer Entbindung werden zwischen 50 und 75 Prozent aller Mütter zu seelischen Mimosen. Sie fühlen sich müde und traurig, sind ängstlich und reizbar, und es fließen schnell Tränen. „Heultage“ nennt der Volksmund wenig charmant dieses häufige Phänomen im Wochenbett. „Babyblues“ ist die englische Bezeichnung für die Seelenkrise, die normalerweise nach zehn Tagen wieder abgeklungen ist. Der Zustand gilt als so normal, dass keine Maßnahmen nötig sind. Die Mutter braucht nur etwas Zuwendung, Verständnis und Unterstützung, bis sich ihr Nervenkostüm wieder stabilisiert hat.
Wenn der Babyblues nach zwei Wochen nicht verflogen ist oder sich gar verstärkt hat, sollten Betroffene aufmerksam werden. Es kann sich um eine beginnende Wochenbettdepression handeln. Die postpartale Depression kann sich bis zu einem Jahr nach der Geburt des Kindes schleichend entwickeln. Zur Empfindlichkeit und Traurigkeit kommen dann oft
– Erschöpfung und Energiemangel
– Appetitlosigkeit und Schlafstörungen
– Schuldgefühle
– Versagensängste
– Panikattacken
– Freudlosigkeit
– innerer Leere
– sexuelle Unlust
– Gefühlskälte auch gegenüber dem Neugeborenen
– Suizidgedanken.
Auch diese psychische Störung kann nach mehreren Monaten von selbst vergehen, besonders wenn die Symptome nicht sehr ausgeprägt sind. Ärztliche oder psychologische Hilfe ist trotzdem ratsam, denn der Zustand kann sich mit der Zeit auch verschlimmern.
Sofort in ärztliche Betreuung gehören die Frauen – es sind höchstens eine bis zwei von 1000 Schwangeren – die eine Wochenbettpsychose entwickeln. Diese schwere Störung tritt meist schon in den ersten zwei Wochen nach der Geburt auf und kann bedrohliche Ausmaße annehmen. Bei diesen Müttern kommen zu verschiedenen ausgeprägten Symptomen der Depression vor allem
– motorische Rastlosigkeit
– Verworrenheit
– Halluzinationen und
– Wahnvorstellungen.
Die Frau verliert den Bezug zur Wirklichkeit, sie lehnt ihr Kind oft vollkommen ab. Es besteht ein hohes Risiko für eine Selbsttötung und den so genannten erweiterten Suizid. Das bedeutet, dass eine Frau ihr Kind mit in den Tod nimmt.
Die Ursachen – plötzlich ist alles anders
Die Forschung weiß bis heute wenig über die typischen Risikofaktoren und Ursachen der postpartalen Depression. „Es gibt kaum wissenschaftlich tragfähige Beweise für einzelne Auslöser. Wir wissen auch nicht, welche Frauen besonders gefährdet sind, diese Art der Depression zu entwickeln. Wir haben nur Vermutungen über die Zusammenhänge“, sagt der Erlanger PPD-Experte Stefan Bleich.
Naheliegend scheint, dass der schnelle Abfall von Schwangerschaftshormonen nach der Geburt ein wichtiger Auslöser für depressive Störungen ist – so wie die weitaus milderen hormonellen Veränderungen in den Tagen vor den Tagen Stimmungsschwankungen verursachen.
Man weiß auch, dass Frauen anfälliger sind, die schon einmal eine depressive Phase erlebt haben oder in deren Familie psychische Erkrankungen vorkamen, einschließlich einer Wochenbettdepression der Mutter.
Eine weitere Rolle für die Entstehung der PPD spielen persönliche und soziale Faktoren, etwa eine angespannte Beziehung zum Vater des Kindes, materielle Unsicherheit und fehlende Unterstützung im Umfeld.
Und keineswegs zu unterschätzen ist die Erwartungshaltung der jungen Mutter an sich selbst. Aus dem Konflikt zwischen dem Anspruch, eine perfekte Mutter sein zu wollen, und der gleichzeitigen Angst, mit dem Kind alles falsch zu machen, entsteht großer psychischer Druck. So berichten PPD-Kranke darüber, dass missglückte Stillversuche oder eine schwere Geburt, die ganz anders als im Bilderbuch ablief, den Depressionen vorangingen.
Allerdings kann eine Depression beim ersten Kind ebenso auftreten wie nach mehreren problemlosen Geburten. Eine Frau, die ihr Wunschkind bekommen hat, kann davon ebenso überwältigt werden wie eine, deren Baby ein „Unfall“ war. Und auch eine Geburt per Kaiserschnitt stellt kein größeres Risiko dar, zumindest, wenn sie auf freier Entscheidung beruht und keine Notmaßnahme der Ärzte ist.
Die Therapien – Verständnis und Medikamente
Die geeignete Behandlung einer Wochenbettdepression hängt vor allem von ihrer Schwere ab. Eine Therapie ist grundsätzlich angebracht, wenn die depressive Stimmung nach der Geburt länger als 14 Tage anhält. Besonders erfolgversprechend sind Medikamente in Kombination mit einer psychotherapeutischen Betreuung. Die Psychopharmaka wählt der Arzt nach den Symptomen. Es gibt sogar eine Klasse von Antidepressiva, die mit dem Stillen vereinbar ist, die so genannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Für andere schnell wirksame Mittel sollte die Mutter abstillen, um das Kind keiner Gefahr auszusetzen. Spätestens nach sechs Wochen sollten die Medikamente deutliche Wirkung zeigen. Die Patientin sollte sie dann aber noch sechs Monate lang einnehmen, um einen Rückfall zu verhindern.
Ob Medikamente und/oder eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie beim Psychologen notwendig ist, hängt ganz von der individuellen Situation ab. Oft hilft es einer Frau schon, sich nur mit anderen Betroffenen auszutauschen und deren Verständnis für ihren Gemütszustand zu erfahren. In Deutschland existiert mit dem Verein „Schatten & Licht“ eine große Selbsthilfeorganisation. Sie bietet umfassende Informationen rund um das Thema Wochenbettdepression, einschließlich Adressen regionaler Selbsthilfegruppen, Therapeuten und Kliniken, die sich mit PPD auskennen.
Auf keinen Fall sollte eine Frau mit postpartalen Depressionen zu rezeptfreien Stimmungsaufhellern wie etwa Johanniskraut greifen, schon gar nicht, wenn sie ihr Baby stillt.
In schweren Depressionsfällen und mit einer Psychose ist eine Behandlung im Krankenhaus zu empfehlen. Allerdings bieten in Deutschland nur wenige psychiatrische Kliniken eine spezielle Mutter-Kind-Betreuung an. Diese ist sinnvoll, um die ohnehin schwer gestörte Beziehung zum Kind nicht weiter zu unterbrechen. In einem höchstens vier- bis sechswöchigen gemeinsamen Klinikaufenthalt kann die Frau ein entspanntes und liebevolles Verhältnis zum Kind aufbauen. Dann sollte sich auch das von allen erwartete Glücksgefühl über das Baby einstellen.
http://www.depression.unizh.ch/depressionund/geschlecht.html
Universität Zürich – Depression und Geschlecht
Die medikamentöse Behandlung von Frauen mit Antidepressiva ist insofern nicht unproblematisch, als leider die Wirkung und Nebenwirkungen sehr vieler Medikamente vorwiegend bei Männern untersucht worden ist. Viele Präparate dürfen in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden, weil sie bei schwangeren Frauen schlicht nicht untersucht worden sind. Es ist nicht selten, dass Frauen nach der Entbindung eine Gemütsstörung entwickeln. Bei manchen bleibt es beim ‘Baby-Blues’, der nach ein paar Tagen wieder abklingt, bei anderen kann aber eine Wochenbettdepression oder sogar eine Wochenbettpsychose entstehen. Letztere sind in der Regel medikamentös zu behandeln. Da manche der notwendigen Medikamente bei stillenden Müttern nicht untersucht worden sind, können diese nicht angewandt werden, ohne dass die Mütter abstillen. Dies hat wiederum eine Auswirkung auf die Mutter-Kind Beziehung. Viele Mütter bekommen zusätzlich das Gefühl, der Aufgabe als Mutter nicht gewachsen zu sein. In diesen Fällen ist eine besondere psychotherapeutische Behandlung, die mit sozialer Unterstützung einhergeht, wichtig.