Die gestohlenen Kinder
Eines Tages kamen Polizisten und nahmen den Aborigines die Söhne und Töchter weg, damit sie von weissen Männern und Frauen erzogen wurden (provo 4/98)
Die traditionelle Erziehung von Kindern der australischen Aborigines erfolgt nicht in Schulen, sondern in der Natur – nach dem Motto: Abgucken und nachmachen. Die Jungen müssen lernen, die Zeichen der Natur zu lesen: die Spuren verschiedener Tiere, die die Laufrichtung anzeigen, und die Größe der Tiere, auf die sich aus den Abdrücken im Boden schließen läßt. Und sie müssen die Stellen kennen, wo sich bestimmte Tiere aufspüren lassen. Dann lernen sie, welche Steine sich als Speerspitzen eignen und wie ein Ast zu einem geraden Speer geformt werden kann, der gut durch die Luft fliegt, um ein Känguruh oder auch einen Emu für ein reichhaltiges Abendessen erlegen zu können.
Die Aboriginal Mädchen stehen unter der Obhut ihrer Großmütter mütterlicherseits. Auch sie lernen zu jagen und außerdem, Nahrungsmittel im Busch zu sammeln. Das heißt: Sie müssen wissen, wann welche Früchte und Beeren reif sind. Das ist sehr wichtig, denn die Frauen sorgen für den größten Teil des täglichen Essens in einer Aboriginal Gruppe. Alle Kinder werden angeleitet, nicht zuerst an sich, sondern immer auch an andere zu denken.«
So beschreibt die 1994 erschienene »Enzyklopädie der Aborigines in Australien« die traditionelle Kindererziehung der ersten Australier. Tatsächlich sind Kinder der Aborigines, die diese Erziehung erfahren, schon im Alter von sieben Jahren in den großen Wüsten des fünften Kontinentes alleine überlebensfähig. Sie wissen, wo sie Wasser und Nahrungsmittel finden. Und die Lieder und Tänze der Erwachsenen helfen ihnen bei der Orientierung in der Landschaft, die Weißen oftmals endlos gleichförmig und lebensfeindlich erscheint. Denn in jeder Formation des Landes, so die Naturreligion der Aborigines, leben ihre Vorfahren weiter. Bestimmte Berge, so hören die Kinder zum Beispiel, sind ihre Schwestern, die in der Vorzeit dort gelebt hätten. Und zu einem großen markanten Eukalyptusbaum wird vielleicht die Geschichte erzählt, daß an dieser Stelle ein Urahn seinen Speer in den Boden rammte.
Die Aborigines kennen zwar viele verschiedene Sprachen, aber keine Schrift. Deshalb nutzen sie die überlieferten Erzählungen und Songs als gesprochene und gesungene Landkarten.
Diese Lebensweise der Aborigines von und mit dem Land war über Zehntausende von Jahren von Generation zu Generation ungestört weitervererbt worden – bis vor zwei Jahrhunderten die ersten Weißen aus England an der Ostküste Australiens landeten. Die Invasoren aus Europa erhoben sogleich Besitzansprüche auf den gesamten australischen Kontinent – im Namen der britischen Krone. Daß damals nach neueren Schätzungen rund 750 000 Aborigines in Australien lebten, die auf eine mehr als 40 000 Jahre alte Geschichte und Kultur zurückblicken konnten, scherte die weißen Eindringlinge nicht. Sie vertrieben die Ureinwohner von ihrem Land und vergifteten ihre Wasserstellen. Sie raubten Aboriginal Frauen und erschossen alle, die sich zur Wehr setzten. Eingeschleppte, bis dahin in Australien unbekannte Krankheiten aus Europa taten ein übriges, um die Aborigines bis zum Jahre 1911 auf gerade noch 30 000 Überlebende zu dezimieren. Sogleich waren weiße Sozialwissenschaftler zur Stelle, um die Aborigines zur »aussterbenden Rasse« zu erklären. Die Überlebenden sollten sich der weißen Gesellschaft anpassen, so wie es schon Governor Hindmarsh, der erste Regierungschef Südaustraliens gefordert hatte: »Schwarze, wir wollen euch glücklich machen. Aber ihr könnt nicht glücklich sein, wenn ihr nicht die Weißen imitiert. Baut euch Hütten, tragt Kleider, arbeitet und macht euch nützlich. Liebt die Weißen und lernt Englisch.«
Aber da die Aborigines nicht willig waren, sich widerstandslos dieser staatlichen Anpassungspolitik zu beugen, gebrauchten die Weißen Gewalt, um sie dazu zu zwingen. Davon betroffen waren vor allem Kinder: Polizisten und Sozialarbeiter schwärmten aus, um Aboriginal Kinder einzufangen und sie – gegen den Willen ihrer Familien – in Missionsstationen, Heimen und von weißen Adoptiveltern erziehen zu lassen. Das erklärte Ziel war, aus den Kindern der Aborigines kleine gläubige Christen zu machen und so die jahrtausendealte Kultur und Lebensweise der ersten Australier zu zerstören. Ein Ziel, das in Australien bis in die jüngste Vergangenheit weiter verfolgt wurde, obwohl die 250 000 Aborigines heute nur noch 1,6 Prozent der Bevölkerung ausmachen.
»Sie kamen an einem düsteren Tag nach Framingham.
Ihnen war es egal, daß meine Mutter weinte
und mein Vater wie verrückt um uns
kämpfte und schrie:
›Wer meine Kinder anrühren will,
muß erst mich aus dem Weg räumen!‹
Sie haben uns trotzdem mitgenommen.
Sie haben uns von der Brust unserer Mutter weg gestohlen und behauptet,
es sei nur zu unserem Besten.«
So singt der Aboriginalsänger Archie Roach in dem Lied: »Took the children away«. Archie Roach ist ein Aborigine aus Australien und hat die Geschichte, die er in seinem Song »Took the children away« besingt, selbst erlebt: »Ich habe dieses Lied 1987 geschrieben. Es ist ein sehr persönliches Lied. Der Ort Framingham, der im Lied erwähnt wird, ist eine alte Missionsstation der anglikanischen Kirche, wo ich mit meinen Eltern lebte. Von dort wurde ich verschleppt, als ich gerade drei Jahre alt war, so daß ich mich an meine Mutter und meinen Vater kaum noch erinnern kann.« Archie Roach ist heute 40 Jahre alt und einer der bekanntesten Liedermacher Australiens. Ich treffe ihn in Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria. In einem Park in Fitzroy, dem traditionellen Aboriginal Viertel der Stadt, erzählt mir Archie seine Lebensgeschichte: »Ich bin in einem Heim aufgewachsen, in einem Waisenhaus für Mädchen und Jungen. Ich dachte lange Zeit, das sei ganz normal, weil so viele Aboriginal Kinder in diesem Heim waren. Später lebte ich bei weißen Adoptiveltern. Als ich elf Jahre alt war, brachte ich einen Freund mit nach Hause, einen Weißen, denn ich hatte nur weiße Freunde. Er fragte mich, warum ich weiße Eltern hätte, aber selbst schwarz sei. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Schließlich gab es alle möglichen Kinder, die sehr verschieden aussahen: Kinder mit und ohne Brillen, Kinder mit rotem und blondem Haar, Kinder mit blauen und schwarzen Augen. Bis dahin hatte ich mich einfach wie ein australisches Kind gefühlt und gedacht, alle Kinder seien nun mal verschieden. Aber damals fragte ich meine Adoptiveltern, ob ich wohl in Australien geboren wäre.« Archies Adoptivvater antwortete ihm: »Natürlich bis du Australier, sogar eine Nachkomme der ersten, die hier gelebt haben, ein Aborigine.« Davon hatte Archie bis dahin allerdings noch nie etwas gehört. »Ich wußte nicht einmal, was das Wort Aborigine bedeutet.« Sein Adoptivvater erzählte ihm, was er von den Aborigines und ihrer Kultur wußte. Und Archie begann, alles zu lesen, was er über Aborigines finden konnte. »Wenn ein Film über Aborigines im Fernsehen lief, saß ich wie angewurzelt davor. Es traf mich wie der Blitz. Als ich erst einmal herausgefunden hatte, daß ich ein Aborigine bin, wollte ich natürlich wissen, was das eigentlich bedeutete.« Das beschäftigte Archie drei Jahre lang und als er vierzehn war, lief er davon, um seine wirkliche Familie zu suchen, seine Mutter, seinen Vater, seine Brüder und Schwestern. »Aber ich hatte keine Ahnung, wo ich hingehen sollte, um sie zu finden. So wanderte ich von einer Aboriginal Community zur nächsten. Ich hatte kein Geld und lebte auf der Straße und geriet in alle möglichen Schwierigkeiten. Ich begann zu trinken und war obdachlos und wurde – wie das so geht – wegen Trunkenheit und Obdachlosigkeit verhaftet.«
Damals schrieb Archie Roach seine ersten Songs, Lieder über seine Kindheit und das Leben auf den Straße. »Und dann passierte diese komische Geschichte, daß ich meine Schwester auf der Straße traf. Sie trank in derselben Kneipe wie ich und lebte in denselben Obdachlosenheimen wie ich. Nur durch Zufall fanden wir heraus, daß wir Bruder und Schwester sind.« Später fand Archie Roach auch seine weiteren Geschwister, die alle wie er in Melbourne lebten, ohne voneinander zu wissen. Erst als er 25, 26 Jahre alt war, so erzählt er weiter, habe er begriffen, wo er hingehöre, und begonnen, nach seiner Geschichte, nach der Geschichte seiner Vorfahren zu suchen. »Ich verfolgte meine Familienbeziehungen zurück, versuchte meinen Stammbaum zu finden. Viele Leute sagten, daß alles längst verloren sei. Doch ich fand schließlich heraus, daß ich von den Giraiwurung abstamme und daß meine Vorfahren nur drei Stunden westlich von Melbourne gelebt hatten.«
Heute lebt Archie Roach zusammen mit der Aboriginal Sängerin Ruby Hunter. Auch sie wurde ihren Eltern geraubt, auch ihr Leben war nach der Zwangsadoption durch die weiße Gesellschaft lange Zeit zerrüttet, auch sie hat als Trinkerin auf der Straße gelebt. So lernte sie Archie kennen. Ruby bewegte Archie schließlich zu einer Entziehungskur und ermöglichte beiden so erst ihre künstlerische Karriere. Heute ist ihr Haus in Melbourne ein Heim für Aboriginal Kinder, die – wie Archie und Ruby – ihre Eltern verloren haben.
»Diese Geschichte ist wahr,
ich würde Euch nicht Lügen erzählen
wie die Weißen,
die all ihre Versprechen gebrochen
und uns wie Schafe eingepfercht haben.«
So singt Archie Roach in seinem Lied »Took the children away«.
In einer Studie mit dem Titel »Die gestohlenen Generationen« schätzt der Sozialwissenschaftler Peter Reed, daß jeder sechste Aborigine in Australien aus seiner Familie herausgerissen und in weißen Institutionen großgezogen wurde. Betroffen waren nicht nur Kleinkinder, deren konkrete Erinnerung an ihre Eltern noch weitgehend ausgelöscht werden konnte. Selbst Kinder im schulpflichtigen Alter wurden ihren Familien entrissen. So auch Margaret McKinley. Die heute Sechzigjährige lebte als Kind mit ihrer Familie in einem Aboriginal Camp am Ortsrand von Shepparton, am Ufer des Flusses Murray, der von den Bergen Victorias bis zur Küste Südaustraliens fließt: »Wir lebten auf den Sandbänken am Flußufer in kleinen Hütten aus Wellblech, Säcken, Baumrinden und Blättern. Ich bin heute eine alte Dame, aber ich muß in allem Ernst sagen, daß die Jahre am Flußufer von Shepparton die glücklichste Zeit meines Lebens waren. Ich lebte mit meiner Aboriginal Gemeinschaft, mit meinen Leuten. Meine Großmutter, meine Onkel, meine ganze Familie war um mich herum. Es gab immer viel zu tun, und wir Kinder streiften oft mit unseren Eltern durch die Gegend. Alle liebten es, ihr Essen selbst zu sammeln oder zu jagen. Ich lernte unsere Sprache, Yorta Yorta, von meiner Großmutter. Ich lernte, mich in die Gemeinschaft einzufügen und Verantwortung zu übernehmen. Meine Brüder und ich übernahmen die Aufgabe, Wasser zu holen und Holz zu sammeln. Ich war vollkommen glücklich.« Doch auch die glückliche Kindheit von Margaret McKinley wurde eines Morgens jäh zerstört. »Die Leute von der Wohlfahrt kamen mit einem Auto und nahmen mich, meine Brüder und Schwestern und auch meine Mutter mit.« Sie brachten die Familie zunächst ins örtliche Gefängnis und dann am nächsten Tag nach Melbourne. »Normalerweise nahmen sie nie einen Elternteil mit. Aber meine Mutter gab unserem Jüngsten noch die Brust, und das war wohl der einzige Grund, warum unsere Mutter zunächst noch bei uns bleiben durfte. In Melbourne steckten sie meine Brüder in ein Jungenheim und meine Schwester und mich in ein Waisenhaus. Unsere Mutter blieb alleine zurück. Damals war ich sechs Jahre alt.«
Die Erfahrungen dieses Tages haben das weitere Leben von Margaret McKinley nachhaltig geprägt. Die Schulzeit im Waisenhaus wurde für sie grauenhaft. »Ich wurde als Dummkopf angesehen, als lernbehindert. Tatsächlich war ich nur nicht in der Lage, in dieser für mich fremden Umgebung etwas zu lernen. Schließlich wußte ich, wer ich war und wo ich eigentlich hingehörte. Mir fehlten meine Eltern sehr. Deshalb habe ich auf meine Lehrer überhaupt nicht reagiert. Ich konnte einfach nicht. Der Schock war zu groß.« Nur im Sportunterricht war sie die Klassenbeste. »Im Schwimmen wurde ich sogar Schulmeisterin. Schwimmen war Teil meiner Identität. Schließlich war ich am Wasser aufgewachsen, hatte immer aus dem Fluß Wasser geholt, im Wasser gefischt, geschwommen und gespielt.« Auch im Laufen gewann Margaret McKinley die Schulmeisterschaft, und auch hierfür gibt es einen Grund, der mit ihren Kindheitserfahrungen zu tun hat: »Ich hatte schon sehr früh gelernt, sehr schnell zu laufen. Denn in unserem Camp hatten die Erwachsenen uns Kindern beigebracht, immer wenn sich Fremde näherten, wegzulaufen und uns im Busch zu verstecken.«
Mit 14 Jahren wurde Margaret McKinley aus dem Heim entlassen. Mit Putzen, Spülen und Wäschewaschen verdiente sie sich das Geld für die Zugfahrt zurück nach Shepparton. »Ich ging zum Ufer des Flusses, wo ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr aufgewachsen war. Und genau an derselben Stelle traf ich meine Mutter und meine Großmutter und andere Mitglieder unserer Gemeinschaft wieder. Sie haben mich nicht mehr erkannt. Schließlich hatten sie mich als Sechsjährige zum letzten Mal gesehen, und damals hatte ich sehr helles blondes Haar und blaue Augen gehabt. Meine Augen waren zwar immer noch blau, aber ich hatte keine blonden Locken mehr. Mein Haar war dunkler geworden.« Erst, als sie sagte, wer sie ist, haben sie alle erkannt. »Es wurde ein freudiges und glückliches Wiedersehen. Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß ich danach nie mehr von der Seite meiner Mutter gewichen bin, bis zu dem Tag, an dem ich geheiratet habe.«
Seit den siebziger Jahren sind viele Organisationen in Selbstverwaltung der Aborigines entstanden, um die Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die ihnen von der weißen Gesellschaft verweigert werden. Eine dieser Organisationen ist das »Secretariat for National Aboriginal and Islander Child Care« in Melbourne. In diesem Kinderschutzbund haben sich Hilfsorganisationen für Aboriginal Kinder aus allen Teilen Australiens organisiert. Geschäftsführer Nigel D'Szouza sagt über die Arbeit dieser Organisation: »All unsere Mitgliedsorganisationen haben mit dem Problem der Zwangsadoption von Aboriginal Kindern zu tun, schon deshalb, weil immer wieder Erwachsene auf der Suche nach ihren Familien in ihre Büros kommen. Schon Ende der siebziger Jahre stellten wir darüber hinaus fest, daß viele der Aborigines, die in Gefängnissen landeten, früher aus ihren Familien herausgerissen worden waren und in weißen Institutionen hatten aufwachsen müssen. Es war ganz klar, daß diese Erfahrung ihr gesamtes weiteres Leben geprägt hatte.«
Im Rahmen seiner Arbeit für die Kinderhilfsorganisation hat sich Nigel D'Szouza auch mit der politischen Geschichte der Zwangsadoption von Aboriginal Kindern in Australien beschäftigt. »Seit die Europäer dieses Land kolonialisierten«, faßt Nigel D'Szouza seine Studien zusammen, »waren sie von der Idee besessen, auch die Menschen, die hier lebten, in ihrem Sinne umzuerziehen, so wie Kolonialherren überall auf der Welt versucht haben, das Verhalten und Denken der Kolonialisierten zu verändern.« In Australien wurde dies mit den unterschiedlichsten Methoden versucht: »Dazu gehörte die Politik der Zwangsadoption von Aboriginal Kindern, die allerdings erst in diesem Jahrhundert systematisch durchgesetzt wurde.« Ausgangspunkt dafür war eine Konferenz der Regierung mit den zuständigen Ministern der verschiedenen Bundesstaaten im Jahre 1937. »Noch damals, in den dreißiger Jahren, gingen die Regierenden davon aus, daß die Aborigines, die sie ›Vollblut-Eingeborene‹ nannten, auf den Missionstationen und in den Reservaten von selbst aussterben würden.« Aber die Regierenden in Australien befanden es für nötig, die sogenannten »Mischlingskinder« auszusortieren. »Da sie diese nicht mehr einfach umbringen konnten, wie es noch bei Massakern an Aborigines in den zwanziger Jahren geschehen war, sagten sie sich: Wir müssen sie eben einer Gehirnwäsche in unserem weißen Sinne unterziehen. Auf diese Weise werde es die Rasse der Aborigines bald nicht mehr geben.«
Einer der Hauptbeteiligten an dieser in den dreißiger Jahren entworfenen Anpassungspolitik war A. O. Neville, der damalige »Beauftragte für Aboriginal Angelegenheiten« der westaustralischen Regierung. Die Resolution, die auf Nevilles Antrag hin bei der Regierungskonferenz 1937 in der australischen Hauptstadt Canberra verabschiedet wurde, ging davon aus, daß es die Bestimmung der eingeborenen Aborigines ist, vom Rest der australischen Bevölkerung vereinnahmt zu werden. Alle Bemühungen der staatlichen Behörden sollten dieses Ziel verfolgen. Die »Mischlingskinder« sollten deshalb nach weißen Standards erzogen werden. Die Konsequenz dieses Beschlusses war, die Aboriginal Kinder im Zweifel auch mit Gewalt von ihren Familien zu trennen.
Die Aborigines haben sich gegen diese Politik gewehrt, so wie sie sich in Australien immer gegen die Kolonialherrschaft der Weißen zur Wehr gesetzt hatten. Im neunzehnten Jahrhundert hatten sie regelrechte Befreiungskriege gegen die Invasoren aus Europa geführt, auch wenn diese bis in die jüngste Vergangenheit von der australischen Geschichtsschreibung verschwiegen wurden.
In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts entstand eine Bürgerrechtsbewegung der Aborigines, die gleiche politische und soziale Rechte für die traditionellen Bewohner Australiens in ihrem eigenen Land forderte. Doch es sollte noch bis zum Jahr 1967 dauern, bis die Aborigines in Volkszählungen als Bürger anerkannt wurden und das Wahlrecht erhielten. Die Zwangsadoption von Aboriginal Kindern ging jedoch selbst danach noch weiter. »Die weißen Sozialarbeiter hatten immer noch sehr europäische, weiße Vorstellungen davon, wie Kinder aufwachsen sollten«, sagt Nigel D'Szouza. »Wenn sie Haushalte von Aborigines besuchten und dort sahen, daß die Kinder unbeaufsichtigt spielten und sich dabei auch schmutzig machten, meinten sie, die Kinder würden vernachlässigt.« Mit dieser einfachen Begründung wurden auch in den sechziger und siebziger Jahren noch viele Kinder aus ihren Familien gerissen. Es ist einzig und allein den Kinderschutzorganisationen der Aborigines zu verdanken, daß dem ein Riegel vorgeschoben werden konnte. Bis heute ist die sogenannte »Vernachlässigung« die Hauptbegründung für die Entfernung von Aboriginal Kindern aus ihren Familien. »Aber selbst wenn ein Aboriginal Kind wirklich von seinen Eltern vernachlässigt sein sollte«, so Nigel D'Szouza, »fordern unsere Organisationen heute, daß dieses Kind nicht in eine Institution der Weißen gesteckt werden darf. Denn es gibt immer eine ganze Menge Verwandter des Kindes, die bereit wären, sich seiner anzunehmen.«
Mit Hilfe ihrer Organisationen fordern die Aborigines heute, die Adoptionen von Aboriginal Kindern in weißen Familien grundsätzlich zu unterbinden. Statt dessen soll die Regierung die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, damit sich Aborigines selbst um ihre Kinder kümmern können. Dazu gehört auch, Aborigines endlich zu erlauben, jenseits der weißen Gesellschaft auf ihrem traditionellen Land so zu leben, wie sie leben wollen. Doch auch bei der Durchsetzung von Landrechten sind die Aborigines im Nachteil, die in weißen Institutionen aufwachsen mußten. Denn sie können nicht die dauerhafte und ungebrochene Beziehung zur ihrem Stammesland nachweisen, die die Landrechtsgesetzgebung in Australien verlangt.
Viele gelten einfach nicht mehr als Mitglieder der Aboriginal Familien aus der Region, die Ansprüche auf Landrechte geltend machen könnten. Deshalb klagen Aborigines gegen diese erneute Diskriminierung vor dem obersten Gerichtshof des Landes.«
Aborigines fordern heute nicht nur Entschädigungen für die Nachteile, die ihnen aufgrund der Zwangsadoption durch die weiße Gesellschaft entstanden sind. Immer mehr Betroffene gehen auch mit Berichten über ihre Kinder- und Jugendzeit an die Öffentlichkeit, die das lange verbreitete Bild von einer christlich-humanistischen Erziehung der Aboriginal Kinder in den Familien ihrer weißen Adoptiveltern nachhaltig erschüttern. Nigel D'Szouza von der Kinderhilfsorganisation in Melbourne vermittelte mir ein Gespräch mit einer Aboriginal Frau, die mich bat, ihren Namen nicht zu nennen. Denn sie ist die erste Aborigine, die ihre ehemalige weiße Adoptivfamilie vor einem australischen Gericht verklagt hat, und ihr Fall war zum Zeitpunkt unseres Treffens noch nicht entschieden.
Als ich die Frau in ihrem einfachen Wohnhaus in einem Stadtteil von Melbourne besuchte, kramte die Aborigine ein paar alte Artikel aus Lokalzeitungen und Frauenmagazinen hervor. Auf einem Foto ist sie als Kind mit ihren weißen Adoptiveltern und -geschwistern abgebildet. Der Artikel dazu stammt aus dem Jahre 1964, und in der Bildunterschrift heißt es: »Wenig wäre über das praktizierte Christentum von Herrn und Frau X (hier steht der Name der Familie, der auf Bitten meiner Gesprächspartnerin nicht genannt werden soll, K. R.) bekannt geworden, hätte nicht ihre Halb-Aboriginal Tochter Marry einen Schönheitswettbewerb für Babies gewonnen. Sie hatte zusammen mit 200 anderen an einer Baby-Show teilgenommen.« Dann liest mir die Aborigine noch einen Zeitungskommentar über ihre Adoptiveltern vor, wonach diese angeblich nur deshalb Aboriginal Mädchen adoptiert hätten, »weil diese ansonsten kaum jemand haben wollte. Viele Leute suchen zwar Kinder, die sie adoptieren können, nur werden dabei die farbigen Kinder übersehen.«
Die heute etwa vierzigjährige Aboriginal Frau zeigt mir weitere Zeitungsberichte über die weiße Farmersfamilie, bei der sie seit ihrem zehnten Lebensjahr aufwachsen mußte. Einmal wird die Adoptivmutter in einer Frauenzeitung als »Mutter des Monats« vorgestellt. Ein anderes Blatt berichtet über den Adoptivvater, dem ein Orden für seine Verdienste im letzten Krieg verliehen wurde. Stets sind diese Geschichten mit Fotos bebildert, auf denen die adrett gekleideten Aboriginal Kinder zu sehen sind. Doch wenn die Journalisten, die über die »barmherzige, christliche Farmersfamilie« berichteten, die Farm wieder verlassen hatten, wurde das Leben für diese Aboriginal Kinder wieder zur alltäglichen Hölle: »Die weiße Familie hatte vier eigene Kinder und zusätzlich sechs Aboriginal Mädchen adoptiert. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, aber noch heute, dreißig Jahre später, habe ich Alpträume, in denen ich immer wieder das durchmache, was damals mit uns geschah. Da erlebe ich unsere Adoptivmutter wieder, die uns verprügelte und ohne Essen ins Bett schickte. Sie schlug uns mit einem harten Besenstiel, und wir hatten Narben auf dem Kopf und auf dem ganzen Körper. Selbst die kleinsten Mädchen wurden nackt mit einem Stück Schlauch ausgepeitscht. Und sie schmierte uns Kindern Senf um den Mund, bis wir vor Schmerz schreiend davonliefen. Dann wurde uns der Mund mit Seife ausgewaschen. Sie haben Kindergeld für uns bekommen, aber wir mußten auf der Farm hart arbeiten. Ich zum Beispiel mußte die Kühe melken.« Doch all das waren noch nicht die schlimmsten Quälereien, die die Aboriginal Kinder in dieser Christen-Familie erdulden mußten: »Wir sind jetzt vor Gericht gezogen, weil wir über all das hinaus vom ältesten Sohn der Familie auch noch sexuell mißbraucht wurden. Nicht nur ich, sondern sogar die jüngeren Mädchen im Alter von drei, vier, fünf und sechs Jahren. Und dies jahrelang.« Die Adoptivmutter wußte genau Bescheid. »Einmal kam sie in unser Zimmer, als ihr Sohn mich vergewaltigte. Ich habe dafür die Prügel meines Lebens bezogen.«
Die Sozialarbeiter der Wohlfahrt, die die Aboriginal Kinder auf diese Farm gebracht hatten, haben sich in all den Jahren danach nie mehr dort blicken lassen. »Schließlich, so dachten sie wohl, waren unsere Adoptiveltern doch gläubige Christen, die einen guten Ruf in der Gegend hatten und jeden Sonntag zur Kirche gingen. Nur wenn sie ihre großen Garten-Parties veranstalteten und Besucher kamen, wurden wir sicherheitshalber versteckt gehalten. Sie hatten Angst, wir könnten jemandem erzählen, was wirklich mit uns geschah.«
Wenn sie den Prozeß gegen ihre Adoptivfamilie, der ihr viele schlaflose Nächte bereite, vor Gericht durchstehe und mit ihrer Klage Erfolg habe, so sagt mir diese Aboriginal Frau zum Schluß, dann würden auch viele andere Aborigines mit ähnlichen Erlebnissen in den »christlichen« Familien der Weißen an die Öffentlichkeit gehen. Sie jedenfalls wisse von vielen Aboriginal Frauen, die als Kinder von ihren weißen Erziehern mißbraucht worden wären. Nigel D'Szouza von der Kinderhilfsorganisation sagt zu diesem Prozeß: »Es ist sehr wichtig, daß Aborigines in dieser Sache jetzt vor Gericht gehen. Aber viele Probleme lassen sich nicht von Gerichten beheben. Nach einer Studie aus jüngster Zeit haben die Aborigines am häufigsten unter seelischen Problemen zu leiden, die als Kinder aus ihren Familien gerissen wurden. Wir fordern deshalb einen nationalen Untersuchungsausschuß über Ausmaß und Folgen der Zwangsadoption.«
Bis heute nehmen sich fast ausschließlich Hilfsorganisationen der Aborigines selbst der Probleme an, die mit der gewaltsamen Trennung der Aboriginal Kinder von ihren Familien und dem damit verbundenen Identitätsverlust der Betroffenen entstanden sind. Eine dieser Organisationen ist Link Up, eine Selbsthilfegruppe, die Anfang der achtziger Jahre gegründet wurde. Ihr Büro liegt in Lawson, einem Dorf in den Blue Mountains, westlich von Sydney. Bruce Clayton-Brown, einer der Mitarbeiter, sagt über die Arbeit von Link Up: »Wir versuchen, den Betroffenen bei der Suche nach ihren natürlichen Eltern zu helfen. Gleichzeitig vermitteln wir ihnen Einblicke in die Kultur der Aborigines, weil die meisten den Bezug dazu verloren haben. Viele, die zu uns kommen, sind voller Zorn und Selbstzweifel. In Beratungsgesprächen versuchen wir, ihnen dabei zu helfen, mit den Problemen aus ihrer Kindheit fertigzuwerden.«
All dies passiert, bevor sich Link Up zusammen mit den Betroffenen auf die Suche nach deren Familien macht und versucht, erste Kontakte zu knüpfen. »Wir wollen, daß sie vorbereitet und so entspannt wie möglich in eine so schwierige Begegnung gehen wie die mit ihren Eltern«, erklärt Bruce Clayton-Brown. Hinzu kommen praktische Hilfestellungen. »Viele Aborigines, die arbeitslos sind, haben einfach nicht das Geld, quer durch den Kontinent zu fahren, um ihr Kind oder ihre Eltern zu treffen.« Zur Zeit, so erzählt mir Bruce Clayton-Brown weiter, betreuten die drei Mitarbeiter von Link Up insgesamt 1400 Fälle. Und täglich kämen vier bis sechs neue Fälle hinzu. Hätten nicht alle drei Mitarbeiter von Link Up selbst die Geschichte von Zwangsadoption und Identitätsverlust erlebt, könnten sie die Arbeitsbelastung und den schwierigen Umgang mit den sensiblen Problemen der Betroffenen kaum bewältigen.
»Eines schönen Tages kehrten die
Kinder zurück,
zurück dorthin, wo ihr Herz schlägt,
zurück zu ihrer Mutter und ihrem Vater,
zurück zu ihrer Schwester
und ihrem Bruder,
zurück zu ihren Leuten,
zurück auf ihr Land.
Alle Kinder kehrten zurück,
und ja – auch ich kehrte zurück.«
(Aus dem Lied »Took the children away«
des Aboriginalsängers Archie Roach)
In den letzten Jahren haben in verschiedenen Teilen Australiens erstmals auch Treffen von ehemals zwangsadoptierten Aborigines stattgefunden. Eines der spektakulärsten war die »Going Home Conference« in Nordaustralien. 500 Aborigines, die als Kinder in dieser Region geboren, aber in Städte und Institutionen der Weißen verschleppt worden waren, trafen sich in Darwin, der Hauptstadt des Nor¬thern Territory. Sie forderten nach einwöchigen Begegnungen und Diskussionen Entschädigungszahlungen und Landrechte auch für die Aborigines, die als Kinder gewaltsam von ihrem Land verschleppt worden waren. Auch der Sänger Archie Roach war zu diesem Treffen eingeladen. »Das Bewegendste für mich war, zu erleben, daß all die alten Leute nach Hause zurückkehrten«, erzählt er mir. »Ich habe dort das Lied über die gestohlenen Kinder gesungen, weil dies immer noch eines meiner bekanntesten Lieder ist. Vor dem Auftritt machten wir einen Soundcheck, und ich sang dabei dieses Lied. Und obwohl die Leute mit allem möglichen beschäftigt waren, wurde es plötzlich völlig still. Sie kamen und setzten sich um uns herum. Es war etwas ganz Besonderes, dieses Lied vor diesem Publikum zu singen. Es war so, als würden die Zuhörer Kraft aus diesem Lied schöpfen. Für mich war es großartig, dazu beitragen zu können.«