Betty J. Lifton
Das auserwählte Kind im Adoptionsspiel
"Ihr nanntet mich ein "auserwähltes Kind" und habt die Papiere und Erinnerungen, die es beweisen."
Ein Adoptierter
Ein Spiel, welches die Wirklichkeit steuert, kommt nicht ohne Sprachregelung aus. Adoptiveltern bestehen darauf, dass die Frau, die ihr Kind gebiert, als die biologische, die genetische oder die leibliche Mutter (Herkunftsmutter) bezeichnet werden müsse, denn wenn man diese Frau die natürliche Mutter nenne, gebe man damit zu verstehen, die Adoptiveltern seien un-natürlich. Adoptiveltern apostrophieren sich selber als die "psychologischen" oder die "wirklichen" Eltern.
Das Kind ist "auserwählt".
Was bedeutet Auserwähltsein? Das muss sich der Adoptierte immer wieder fragen. Es ist wie ein Rätsel, das die Sphinx dem Ödipus aufgab. Heilige sind auserwählt; Unberührbare auch. Auserwähltsein heißt, dass etwas mit einem geschieht, was man passiv hinnimmt. Es ist das Gegenteil von selber wählen. Wenn die Gesellschaft eine Gruppe von Menschen als auserwählt herausstellt, als etwas "Besonderes", ist dies für die Betreffenden Erhöhung und Entmenschlichung zugleich. In keinem Fall ist ihnen gestattet, wie andere zu sein.
Adoptierte hören zwar von Verwandten und Bekannten ständig adoptiert sein, also etwas Besonderes sein, müsse wunderbar sein, aber sie selber sehen das ganz anders. "Ich habe es immer für etwas Schlechtes gehalten", sagte mir eine junge Frau. "Alle betonten fortwährend, wie großartig es sei. Aber da sie das so absichtsvoll und bewusst sagten, war mir klar, dass sie es nicht ernst meinten."
Auserwähltsein ist eine Last. Der Sonderstatus isoliert.
"Ich fände es besser, wenn meine Adoptiveltern mich nicht mehr als "Gottesgabe" oder "Patenkind" empfinden würden", sagte eine andere Frau. "Man kann sich schon sehr einsam fühlen angesichts der erschreckenden Verantwortung, das Resultat anderer zu sein." Für mich war das, als hätte sie sich auf die Adoptivmutter eines Achtjährigen bezogen, die mir kürzlich schrieb: "Wir haben unseren Sohn nie als Baby anderer Eltern betrachtet - er war von Anfang an unser Kind. Die wenigsten Kinder, die auf diese Welt kommen, sind wirklich gewollt, ein Adoptivkind dagegen ist dies von Anfang an - es ist auserwählt, und glauben Sie mir, es ist etwas Besonderes - ein Geschenk Gottes."
Wo sieht man sich mit der Condition humana verbunden, wenn man selber auserwählt, jeder andere aber geboren worden ist?
Staatlich sanktionierte Urkundenfälschung!
Der betrügerische Geburtsschein
Die Bühne wird gleich von Anfang an für Betrügereien eingerichtet, wenn auf dem Geburtsschein die Namen der leiblichen Eltern durch die Namen der Adoptiveltern ersetzt werden. Als ob es ihr leibliches Kind wäre! Dass diesem Eingriff die "edle" Absicht zugrunde lag, das Wort illegitim zu tilgen, ändert die Sache wenig; denn da man ja auch den ursprünglichen Namen des Kindes löschte, schüttete man gewissermaßen das Kind mit dem Bade aus.
Heute läuft das Spiel so, dass die Original-Geburtsurkunde des Kindes nebst allen anderen, den Vorgang betreffenden Papieren unter Verschluss genommen wird, sobald die Adoption abgewickelt ist. Diese versiegelten Dokumente sind die Hauptstütze des Adoptionsspiels. Alles wird bewacht wie das Gold in Fort Knox. Wenn Adoptierte um einen Geburtsschein anfragen, schickt man ihnen den betrügerischen. Wenn sie ihre Adoptionsakten anfordern, teilt man ihnen mit, dass alles unter Verschluss gehalten wird.